Seelische Gesundheit bei türkischen Migrantinnen der ersten Generation


Projektarbeit, 2011
39 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Ein kurzer Überblick über die Aleviten und das Alevitentum
2.2 Migrationsgeschichte in Deutschland
2.3 Migration und Risiken psychischer Störungen

3. Hintergrund des Projekts
3.1 Ausgangslage

4. Handlungsziele des Praxisprojekts:

5. Der Organisatorische Rahmen
5.1 Projektmanagement
5.2 Ziel gruppen
5.3 Projektumfang (Meilensteine)

6. Projektdurchführung

7. Auswertung und Ergebnisse
7.1 Ergebnisse der Auswertung
7.2 Woher sie kamen: Verschiedenheiten in den Migrationsbiographien
7.3 Emigrationserwartungen
7.4 Die Frauen erwarben ihre Schulbildung nicht in Deutschland
7.5 Arbeit
7.6 Wie sie leben: Soziale Bedingungen und räumliches Wohnumfeld
7.7 Zusammenfassung der Erhebung

8. Evaluation

9. Fazit

1 .Leitfaden für die Interviews mit den türkischen Migrantinnen

1. Fragebogen

2. Fragebogen

3. Fragebogen

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Mittlerweile leben nun in Deutschland ca. 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, und mehr als 150 Millionen Menschen weltweit in anderen Imperien Europas. Doch nach wie vor bilden vor allem Menschen mit türkischer Herkunft die größte Fraktion unter den in Deutschland lebenden Migranten.

Trotz des wachsenden Bevölkerungsanteils der türkischen Migranten in Deutschland, gibt es bisher nur wenige Erkenntnisse über dessen seelischen Zustand.

Die Frage, ob Menschen mit Migrationshintergrund mehr an seelischen Störungen leiden als der Durchschnitt gegenüber der deutschen Bevölkerung, gibt es nun bisher immer wieder recht kontroverse theoretische Aussagen. Tatsache ist aber, dass Menschen mit Migrationshintergrund im Verhältnis zu der deutschen Bevölkerung, größere Hindernisse überwinden müssen, um einigermaßen adäquat behandelt zu werden. Meist mangelt es an sprachlichen Barrieren oder an kulturellem Verständnis des Behandelnden.

Es scheint so, dass die Bedeutung der psychischen Gesundheit der Migranten noch weitgehendes von der Gesellschaft unterschätzt wird.

Seit Beginn der Zuwanderung wird die Rolle der türkischen Frau in Deutschland kontrovers diskutiert, und insbesondere die patriarchalische Familienstruktur als ein Hindernis für die Integration gesehen.

Schlechte Sprachkenntnisse, materielle Abhängigkeit, Hausfrauendasein und die Problembehaftung mit ihrer Lebenssituation im Aufnahmeland einhergehend mit einer Isolation und patriarchalischer Unterdrückung...; das Bild der türkischen Migrantinnen ist gefesselt vor lauter Klischeevorstellungen. Doch vieles liegt m.E. noch im Dunkeln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich für Frauen, die ihren Männern gefolgt sind, keine Probleme und oder Konsequenzen in Bezug auf ihr seelisches Befinden ergeben haben.

Immer wieder musste ich feststellen, dass die Migrationsbevölkerung von den gängigen Vorsorgebotschaften in sowohl präventivem Bereich, als auch in Bezug auf seelische gesundheitliche Versorgung oftmals und oder gar ungenügend erreicht wurde.

Es ist mir in diesem Projekt wichtig, ein Verständnis für Schwierigkeiten in Bezug auf seelische Gesundheitsprobleme der türkischen Migrantinnen der ersten Generation aufzubringen und zu eruieren, Defizite festzustellen, und mit ihnen Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen. Ambitioniert ist, dass Schweigen der türkischen Migrantinnen zu durchbrechen. Sie alle sollen hier die Chance bekommen sich über die Auswanderung und die damit verbundenen Probleme auseinander zu setzen. Sie alle sollen nicht schweigen, weil sie schweigen wollen, sondern weil sie vielleicht nie gefragt werden.

Da gerade im Stadtteil Duisburg-Marxloh sehr viele türkische Migrantinnen der ersten Generation leben, bestand für mein Praxisprojekt die besten Voraussetzungen, verhältnismäßig einen schnellen Zugang zu der von mir gewünschten Zielgruppe zu gewinnen. Dieweil es sich in meinem Praxisprojekt, um eine entscheidende Zielgruppe handelt, hielt ich es für wichtig die Projektarbeit in den Räumlichkeiten des Alevitischen Kulturzentrums (Alevi Bektaşi Kültür Derneği) AABF in Duisburg-Marxloh zu praktizieren. Der Verein selbst gehört zu dem Dachverband der ״Alevitischen Gemeinde Deutschlands e.v.“, die auf zahlreiche Aktivitäten ambitioniert ist. Diese Art von Organisationen sind, wie auch schon oben erwähnt, eingetragene Vereine, in denen die Migranten und Migrantinnen die Möglichkeiten haben, ihre Kultur, ihren Brauch und ihre Tradition wie in ihren Herkunftsländern frei zu leben. Es bietet sich daher so gut an, weil man gerade dort kumulativ viele Migranten und Migrantinnen antreffen kann und sie sich auch dort nicht fremd fühlen, also eher in einer Umgebung befinden, was ihnen vertraut ist.

Dieses Projekt befasst sich mit der Zielgruppe der türkischen Migrantinnen der ersten Generation. Im Zentrum steht die Frage, wie sie damals mit ihrer seelischen Situation umgegangen sind bzw. erlebt haben, und welche Veränderungen sie sich wünschen und es heute besser machen könnten. Um auch deren seelisches Empfinden herauszuarbeiten basiert die Methodik des Projektes auf eine autobiographische Herangehensweise, welche die Lebenssituation in den Blick nimmt. In diesem Zusammenhang werden die Schwerpunkte auf familiäre Erziehungsmuster, Sozialisation, Bildungsverlaufbahn und sozialer Status festgelegt. Ferner geht es in die theoretischen Grundlagen und dann um die Konsensfindung in Bezug auf die Ziele, die man im Projekt erreichen will. Dann wird die genaue Projektplanung mit der speziellen Ausgangslage des Praxisprojektes geplant und anschließend durchgeführt. Im letzten Teil werden die Ergebnisse im Hinblick auf die Ausgangsfragestellung evaluiert und die Ergebnisse auf ihre Aussagekräftigkeit geprüft. Zum Schluss werden alle Ergebnisse in eigenen Worten im Fazit zusammengefasst.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Ein kurzer Überblick über die Aleviten und das Alevitentum

Der Begründer des Alevitentums ist zurückzuführen auf einen Philosophen und Reformator der sich im 13. Jahrhundert in Ostanatolien unter der einfachen Bevölkerung verzeichnete, es war der Haci Bektas Veli, "dessen Lehre über Humanismus, Liebe und Toleranz handelte und Alternativ gegenüber der despotischen Seldschukenreiches und später der Strengen Scharia­Regel des osmanischen Staates darstellte".[1] In der Regel werden Aleviten als eine heterodoxe und oder muslimische Minderheit bezeichnet, deren Glaube Gott ist und Mohammed als sein Nachfolger bekennen.

2.2 Migrationsgeschichte in Deutschland

Seit dem Bestehen der Bundesrepublik Deutschland gibt es die sogeannte Arbeitsmigration. Bereits 1880 arbeiteten Migranten aufgeteilt in zwei Lagern in Deutschland. Erste waren in der Landwirtschaft und letztere in der Industrie tätig. Der Hauptteil der ersten türkischen Arbeitsmigranten stammte aus dem extrem unterentwickelten ländlichen, nicht industrialisierten Gebieten der Türkei. Die Landwirtschaft bildete die Lebensgrundlagen der Familien. Somit war die ganze Familie mit eingebunden, den Lebensunterhalt zu verdienen. Aufgrund mangelnder Industrie gab es geringe Arbeitsmöglichkeiten, die für finanzielle Not sorgte.

Da es aber in Deutschland bereits sozialrechtliche Regelungen in Bezug auf die Arbeit gab, waren ausländische Arbeitnehmer von den Unternehmen begehrt. Sie wurden dabei primär als Kostensparmodelle und billige Arbeitskräfte von den Arbeitgebern forciert.

Die türkischen Arbeitnehmer wiederum kamen primär aus wirtschaftlichen, aber auch politischen Gründen nach Deutschland. Der Hauptteil der türkischen Migranten wollte Geld verdienen und dann möglichst schnell wieder zurückkehren, um sich in ihrer Heimat eine Existenz aufzubauen. Da sich die meisten nur begrenzt in Deutschland aufhalten wollten, blieben die Familien der Einwanderer vorerst zurück. Folglich waren ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen lange bescheiden. Sie gaben sich mit schmutziger und körperlich anstrengender Arbeit zufrieden und lebten in barackenartigen Lagern in Fabriknähe.

Nachdem 1973 eingeführten Anwerbestopp, holten immer mehr Türken ihre Frauen und Kinder nach. Das damals beabsichtige Rotationsprinzip schien sich nicht mehr in vollen Zügen realisierbar zu machen, da viele Arbeitnehmer auch nach den Vertragsbeendigungen an einer Weiterbeschäftigung von türkischen Migranten interessiert waren.

Ferner durften sie dann Stellen besetzen, für die kein deutscher Arbeitnehmer gefunden werden konnte. Der Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung war stets sehr gering. Die Integration als solches, war stets beschränkt auf den Arbeitsmarkt, da viele Migranten mit dem Gedanken spielten, Deutschland nach ein paar Jahren zu verlassen.

Parallel bildete sich in der Gesellschaft eine Abwehrhaltung gegenüber den ״Gastarbeitern“. Der Staat sah sich zwischen den Forderungen der Wirtschaft einerseits und der Gesellschaft andererseits bedrängt, und entwickelte in Bezug auf diese Problematik die ersten Reformen. Bis heute bekannt ist das sogenannte ״Kühn-Memorandum“ des ersten bundesdeutschen Ausländerbeauftragten Heinz Kühn (SPD).

Kühn forderte bereits 1979 Deutschland auf, sich als ein Einwanderungsland zu bekennen und eine konstruktive Politik der Integration zu betreiben. Als politisches Ziel sollte bereits dato die Einbürgerung der sogenannten 2. Generation verfolgt werden.

Jedoch geriet dieser Integrationsgedanke 1982 mit der beginnenden Kohl-Ära wieder in Vergessenheit, obwohl der Zuzug der ausländischen Familien nicht abriss.

Die Politik agierte, indem sie die Rückkehr in die Herkunftsländer förderte und versuchte die Einreisen zu begrenzen. Generalisierend wurden in der Gesellschaft immer häufiger ״die Migranten“ als Konkurrenten zu den deutschen Arbeitern dargestellt.

Bis dato hält Deutschland daran fest, kein Einwanderungsland zu sein.

2.3 Migration und Risiken psychischer Störungen

Migration bedeutet nicht nur das Einwandern in ein fremdes Land, sondern darüber hinaus impliziert Migration auch gleichzeitig das Anpassen und Eingliedern in ein fremdes Land. "Es ist die Hauptaufgabe der migrierten Familie, ihre Identität und Kontinuität zu sichern und zugleich eine Balance zu ihrer Umgebung herzustellen. Diese familiäre Aufgabe ist sehr komplex, schmerzlich, aber unvermeidbar. Manchmal entstehen dabei Krisen mit somatischen, psychoneurotischen oder sozialen Störungen".[2]

"Selbst nur eine partielle Auflockerung der bisher intemalisierten Wert Orientierungen und des Verhaltensstandards und eine wiederum nur partielle Anpassung und Assimilierung an die kulturfremden Verhältnisse lassen kulturelle, sozioökonomische und psychische Probleme entstehen, die, je nachdem in welchem Grade sich die ethnisch fremden Gruppen auf Grund der Herkunft oder der Akkulturationsmöglichkeiten zusammenschließen oder sogar abkapseln, variieren".[3] In dem Sinne wird Gesundheit als etwas Ganzheitliches, also mit ihrer "körperlichen, psychischen und sozialen Komponenten"[4] gewichtet, der durch das Verhalten und die ihn umgebenden Lebensverhältnissen beeinflusst wird. Die pathogenetische Frage ״ Was macht Menschen krank? “ muss ergänzt werden durch die salutogenetische Frage ״ Was hält Menschen gesund? “

Migration allein bedeutet schon in gesundheitlicher Hinsicht eine " 'Hypothek' an Belastungen, die schon aus der Herkunftskultur mitgenommen wird und mit der Ursache der Migration zusammenhängt. Oft bedeutet Migration, die eigene Familie zu verlassen, materielle Not zu erleiden und sich mit einer umfassenden Lebensveränderung konfrontiert zu sehen. Diese Veränderungen hinterlassen psychische, körperliche und soziale Spuren, die sich bei Migranten in gesundheitlichen Problemen ni eder schl agen können".[5] Sämtliche Untersuchungen widerlegen zum Teil, dass aufgrund bestimmter sozialer Störungen, "wie sie durch die Migration zwangsläufig erfolgt, ein wesentlicher Nährboden für psychische Störungen bei Migranten ist und dass von daher ein enger Zusammenhang zwischen Migration und anomischen Sozial- und Persönlichkeitsstrukturen gesehen werden muss.

Von KLITZING bezeichnet die Migration als geographische Mobilität, die für die betroffenen Personen, ihre Familien, die Herkunfts- aber auch die Einwanderungsländer einschneidende Veränderungen bringt".[6]

ALBRECHT stellte fest, dass ein abrupter Kulturwechsel, wo zum Teil feste soziale Beziehungen fehlen zu einer Desorientierung herbeiführt. Denn durch den Abbruch der sozialen Beziehungen im Heimatland und der Versuch der Integration in die neue Gesellschaft impliziert so nach ALBRECHT eine Frustration, die im Wesentlichen die psychische Stabilität von Migranten beeinträchtigt.

THYHORST dagegen entwickelte wiederum zwei ״charakteristische Perioden“ in Bezug auf psychische Reaktion von Migranten. Während die Migranten in der ersten Periode direkt nach der Ankunft mit einem eher subjektiven Gefühl, Wohlbefinden und Interesse an der neuen Umwelt einhergeht, zeichnen sich die Migranten in der zweiten Periode mit "misstrauen, Paranoiden Tendenzen, Angst, Depressionen und psychosomatischer Beschwerden"[7] aus. Der Grund dafür, so THYHORST, wird in der Interaktion von sozialen Faktoren mit individuellen Veranlagungen gesehen. Die zunehmende Individualisierung der Migranten, ihre Isolation, die Notwendigkeit einer Neuorientierung von Werten zusammen mit der wachsenden Wahrnehmung der Relativität früher stabiler Werte führen zu Unsicherheit und Angst. Die durch die Migration entstehenden Frustrationen gepaart von Hilflosigkeit den neuen Lebensbedingungen gegenüber können zu einer gesteigerten Aggressivität führen, die das Einleben in die neue Umgebung grundsätzlich erschweren".[8]

Tatsache ist, dass gerade die langwierigen Adaptationsprozesse und Akkulturationsvorgänge für viele türkische Migrantinnen sehr marternde und psychische Anspannungen mit sich gezogen haben. Sicherlich ist auch hier zu betonen, dass es sich nicht nur an den Akkulturationsprozessen und langwierigen Adaptationsprozessen per se die Ursache an psychosomatischen Erkrankungen zu sehen ist, jedoch sind es auch die Gegebenheiten, die gerade die gesundheitliche Situation der Migrantinnen beeinflussen. Schlechte Erfahrungen im komplexen Integrationsprozess geprägt von Isolation im Aufnahmeland sowie die Sozialisationsbedingungen im Herkunftsland sind nicht zuletzt Risiken bzw. Stressoren die letztendlich seelische Störungen bei Migranten hervorheben.

Bringt man die vielerlei Aspekte des Erlebens von migrationsspezifischen Konzessionen mit der sozialen Ungleichheit zusammen, so lässt sich auch die Situation nur im Ansatz für Krankheitsursachen dieser Migrationspopulation erklären.

"Die Bedeutung einer bestimmten Symptomatologie ist nicht verstehbar, wenn unzureichende Vorstellungen von den Lebensverhältnissen"[9] der Migranten und Migrantinnen in ihrem Heimatland bestehen: "von den dort herrschenden Rollenverständnissen, Wertvorstellungen, den Ausdrucks- und Verarbeitungsformen von Konflikten und Krankheit"[10], denn "viele dieser verinnerlichten Strukturen passen nicht zu dem unterschiedlichsten Lebensgewohnheiten"[11] hier in Deutschland.

3. Hintergrund des Projekts 3.1 Ausgangslage

Der Begriff Migration umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Auffassungen, es ist nicht nur das Auswandern von einem Wohnort in das andere, sondern impliziert auch gleichzeitig einen radikalen Wandel der Lebensbedingungen eines jeden Individuums und ist letzten Endes als eine Art Prozess des ״kritischen Lebensereignisses“ zu betrachten. Migrantinnen der ersten Generation sahen zu Anfangszeit diesen Neubeginn gewissermaßen als eine Art Chance in Bezug auf ökologische Veränderungen, doch dass diese neue Situation auch gleichzeitig psychische Krisensituationen auslösen würde, darauf waren sie nicht bedacht. Sie fanden sich plötzlich in einer neuen Gesellschaft, deren ethnischer und kultureller Herkunft völlig anders entgegengestellt war, als die sie in ihren Herkunftsländern kannten. Der Aspekt, dass sie an den Folgen, fern von ihrer Heimat, Isolierung und Diskriminierung erkranken werden, war ihnen zu dem Zeitpunkt nicht bewusst.

In dem Sinne ist Gesundheit und Krankheit nicht nur als ein Phänomen in Bezug auf die von Regulation und Fehlregulation im biologischen Bezugssystem zu betrachten und oder zu begreifen, sondern wird letztendlich auch durch die gesellschaftlichen Normen beeinflusst. Sicherlich muss man auch dazu erwähnen, dass Migration allein nicht krank macht, jedoch ist es aber auch nicht zu bestreiten, dass Migranten an den sozialen Bedingungen damals und sogar heute noch unbestritten gelitten haben und leiden. Alle Migranten der ersten Generation waren einem Spannungsfeld von vielfältigen Faktoren wie die der Entfremdung, soziale Ungleichheit, sprachliche Barrieren, ungünstige Wohnverhältnisse und Geschlechterrollenkonflikten ausgesetzt. Der radikale Übergang von Herkunftsland ins Aufnahmeland brachte auch gleichzeitig eine Veränderung der Lebensbedingungen mit sich. Sowohl die Frauen als auch ihre Männer mussten ihre Rollen und Positionen in der neuen Fremden Welt neu definieren.

Die Folgen waren geprägt von vielseitigen psycho-sozialen Krankheiten, die sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit mit beeinträchtigte.

Immer wieder garnisoni eren uns wissenschaftliche Theorien, dass Krankheiten je nach historischen, kulturellen und religiösen Hintergründen unterschiedlich erlebt und geäußert werden, als die der deutschen Bevölkerung. Insbesondere beziehe ich mich hierbei auf die theoretischen Grundlagen von Borde, Matthias, Kentenich und Weiss, welche umfassende Untersuchungen in Bezug auf ״Kranksein in der Fremde“, ״Macht Migration krank“, ״Gesundheit und Migration“ publiziert haben.

"In einer Studie des Zentralinstitutes für kassenärztliche Versorgung wurde verglichen, welche häufigsten Hauptdiagnosen zu einer Krankenschreibung führten".[12] Während bei den deutschen Patienten mit 11,5% die häufigste Diagnose grippaler Infekt und Erkältung darstellte, lag bei den türkischen Patienten mit 17% die häufigste Ursache im Verdauungstrakt. Umgekehrt aber waren bei den deutschen Patienten Erkrankungen im Verdauungstrakt mit nur "2,7% Ursache für eine Krankenschreibung".[13] Erkältung und oder grippaler Infekt spielten vor allem bei den türkischen Migrantinnen eine untergeordnete Rolle der Krankenschreibung. Diese Prävalenzen zeigen eindeutig, dass türkische Migranten aufgrund ihrer gesellschaftlichen und familiären Konflikte mehr an Verdauungsorganen erkranken als die der deutschen Bevölkerung. Der Grund für diese Prävalenzen lässt sich so erklären, dass das Problem viel tiefer liegt als nur der ״Verdauungstrakt“ selbst. Denn während eine Grippe von außen als eine Art Ansteckung erlebt wird, die man mit Medikamenten begegnen kann, "wird eine Magenerkrankung eher als etwas Böses, Kaputtes im eigenen Selbst erlebt. Der Verdacht liegt nahe, dass bei türkischen Migranten ein spezifisches, depressives Krankheitsgeschehen abspielt, welches vom Patienten und vom Arzt häufig in dieser Form nicht erkannt wird und dem man nicht so kausal begegnen kann wie einer Infektionskrankheit".[14] GÖKELMA berichtet vor allem bei den türkischen Frauen der ersten Generation, dass eine Präferenz in Bezug auf psychosomatische und psychische, vor allem aber auch hysterische Konversionssymptome und funktionelle Störungen bestehen würde. CHRISTINE HUTH-HILDEBRANDT konstatierte eine besondere Isolation der nachgereisten Ehefrauen und stellte diese Situation, als die der ״ vergessenen Frauen von der Anßiahmege Seilschaft Wir können also davon ausgehen, dass die Versorgung von psychosomatischen und psychisch kranken Migranten der ersten Generation sehr abwegig ist. Insbesondere lagen die Ursachen bei den geringen Deutschkenntnissen, die zumal die Interaktionsprozesse bei der Verständigung des Krankheitssymptoms erschwerten. Zudem muss man auch hier ergänzen, dass ein Großteil der deutschen Ärzte kaum und oder gar nicht auf die historischen sowie kulturellen und religiösen Hintergründen eingehen konnten bzw. eingegangen sind. In den niedergelassenen Praxen werden und wurden die Migrantinnen als störend angesehen, die Versorgung als mühevoll, beschwerlich und zeitaufwendig. Demzufolge, um zu einer Entlastung zu gelangen, wurden sie nicht richtig behandelt und als Störfaktoren erlebt, auf deren spezielle Bedürfnisse in dem Sinne nicht eingegangen. Des Weiteren ist auch darauf hinzuweisen, dass türkische Migrantinnen eine "andere Form der Konfliktverarbeitung und eine unterschiedliche Art des averbal en Ausdrucks als Deutsche"[15] aufzeichnen. So wird trauriger Weise immer wieder berichtet, dass vor allem psychische Erkrankungen bei den türkischen Migranten "sehr stark somatisiert werden und deshalb als somatische Erkrankungen verkannt und unzureichend behandelt werden und oder sogar dem Patienten Simulation, Wehleidigkeit...unterstellt werden".[16] Ferner liegt das Problem indessen, dass die türkischen Migranten ihre Beschwerden in Form von Metaphern ausdrücken. Die Bezeichnung, ״ich werde gleich mein Kopf erkälten“, deutet nicht auf eine Erkältung hin, sondern impliziert mehr das seelische Befinden. Selbst die Bezeichnung, ״meine Leber platz gleich“, deutet nicht auf ein Organschaden hin, sondern impliziert hier das emotionale Befinden.

Vor allem aber psychische Probleme werden in der islamischen und alevitischen Tradition weitgehendes tabuisiert. Viele Muslime und auch das alevitischen Volk geht davon aus, dass gerade Krankheiten nicht vom Körper ausgehen und oder sogar organisch bedingt sind, sondern glauben eher, dass sie von außen her eindringen, sie sehen dies als eine Art ״Wirkung von höherer Macht“, vom Willen Allahs (Gott), eine strafende Gerechtigkeit und von Dämonen besessen, infolge dessen wie gut und oder böse sie sich auf dieser Erde verhalten haben, was letztendlich zu einer "fatalistischen Elmgang mit der Situation führt".[17] Demzufolge fabrizieren sie Praktiken durch ihre traditionellen Helfer, "um die kranke Person von den bösen Geistern zu befreien, wie Z.B. Bleigießen oder das Herstellen von Amuletten zur Abwehr von 'bösen Blicken' ".[18]

Wenn Gesundheit, Krankheit und "Krankheitsbewältigungen durch ein komplexes Zusammenwirken von psychischen, physischen und sozialen Faktoren bestimmt werden. Die Einstellungen eines Menschen zu sich selbst, ein hohes Maß an Selbstsicherheit und Selbstvertrauen, die Überzeugung selbst über das erforderliche Verhaltensrepertoire zu verfügen, Probleme lösen zu können ist verbunden mit einem höheren Selbstwertgefühl. Diese Merkmale einer 'gesunden Persönlichkeit' werden heute in ihrer direkten Bedeutung für die psychische und physische Gesundheit gesehen. Die genannten persönlichen Ressourcen sind Voraussetzungen für eine gelingende Bewältigung von Alltagsbelastungen und Lebensereignissen"[19], die wiederum die Anfälligkeiten gegenüber Belastungen gesundheitsförderlich wirken.

In angesichts der oben genannten Theorien können wir davon ausgehen, dass die türkischen Migranten und Migrantinnen der ersten Generation all diese Ressourcen nicht erfüllen konnten; es bestand eine gesundheitliche Chancenungleichheit.

[...]


[1] www.tabvlarasa.de

[2] Gökelma, S.42

[3] 7י Gökelma, S.71

[4] WWW. repo sitorium. uni -o snabrueck. de

[5] Wwwrepositorium.uni-osnabrueck. de

[6] www.haussantisuk.de

[7] Vgl. www.haussantisuk.de

[8] www.haussantisuk.de

[9] Gökelma, s. 16

[10] Vgl. Gökelma, S.16

[11] Vgl. Gökelma, s.16

[12] Elis/Gökelma, S.7

[13] Elis/Gökelma, S.7

[14] Elis/Gökelma, s.7

[15] Elis/Gökelma, S.8

[16] Elis/Gökelma, S.8ff9

[17] Vgl.www.aerzteblatt.de

[18] Vgl.www.aertzeblatt.de

[19] Vgl.WWW.repositorium.uni-osnabmeck.de

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Seelische Gesundheit bei türkischen Migrantinnen der ersten Generation
Hochschule
Fachhochschule Koblenz - Standort RheinAhrCampus Remagen
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
39
Katalognummer
V267842
ISBN (eBook)
9783668710559
ISBN (Buch)
9783668710566
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
seelische, gesundheit, migrantinnen, generation
Arbeit zitieren
Derman Kezer (Autor), 2011, Seelische Gesundheit bei türkischen Migrantinnen der ersten Generation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267842

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