Im Vergilkommentar des Servius zu ecl. 10, 1 und georg. 4, 1 findet sich die Nachricht, daß an der Stelle des Epyllions von Aristaeus bzw. Orpheus im vierten Buch der Georgica ursprünglich die laudes Galli gestanden hätten, Lobreden an seinen Freund Gallus. Nachdem Augustus diesen ermorden ließ, habe Vergil diese laudes Galli auf Befehl des Augustus entfernt und durch das Aristaeus- bzw. Orpheus-Epyllion ersetzt. Anhand dieser Angaben des spätantiken Kommentators hat man vielfach angebliche Kompositionsmängel darin zu erklären versucht.
Die Verbindung von Aristeus, Orpheus und Eurydike, Proteus, der Bienen und der Bugonie scheint zudem eine originäre Leistung Vergil's zu sein. Er formte auch die mythische Tradition um und ließ den Kulturbringer und Wohltäter der Menschen Aristaeus schuldig werden am Tod der Eurydike und verknüpfte ihn somit mit dem Mythos von Orpheus und seiner Katabasis, den er ebenfalls dahingehend variierte, daß Orpheus mit seinem Versuch seine Eurydike aus der Unterwelt zurückzuholen, scheitert.
In der folgenden Arbeit soll nicht etwa ein weiterer Versuch gemacht werden, die These von der Umarbeitung der Georgica zu widerlegen, sondern ausgehend von der Frage, welche kompositorische Intention Vergil mit der kunstvollen Verschachtelung und Umgestaltung der verschiedenen Mythen im Epyllion des vierten Buches verfolgte, soll untersucht werden, wie die beiden Figuren Aristaeus und Orpheus dargestellt und zueinander in Beziehung gesetzt werden, und welche Funktion sie jeweils erfüllen. Dabei wird sich zeigen, daß die Erzählungen keineswegs, im Sinne der Angaben des Servius, Ergebnis einer eilfertigen, willkürlichen Überarbeitung sein können, sondern ganz im Gegenteil mit dem gesamten Werk tiefgreifend vernetzt sind.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
II.1. Aristaeus als Bauer im Zeitalter Juppiter's
II.2. Aristaeus und Orpheus als elegische amatores
II.3. Die magna commissa des Aristaeus
II.4. Bezug zur göttlichen Sphäre
II.5. Geographische Beschreibungen
III. Schluß
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kompositorische Intention Vergils bei der Verknüpfung der Mythen um Aristaeus und Orpheus im vierten Buch der Georgica, um deren jeweilige Funktion und ihre zueinander gesetzte Beziehung zu klären.
- Analyse von Aristaeus als Vertreter des Zeitalters Juppiters und der Kulturentstehung
- Untersuchung von Orpheus als Repräsentant einer orphisch geprägten Deszendenztheorie
- Gegenüberstellung der beiden Figuren hinsichtlich ihrer Interaktion mit der göttlichen Sphäre
- Kontrastierung der geographischen Schauplätze als Symbole für Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit
- Interpretation des Bugonie-Rituals im Kontext antiker Opfertheorien
Auszug aus dem Buch
II.2. Aristaeus und Orpheus als elegische amatores
Im Vordergrund der Darstellung des Aristaeus bis zur Rede der Kyrene 387ff. steht also seine extreme Emotionalität, seine Verzweiflung und sein Wehklagen. Einige haben sich hiervon zu einer negativen Beurteilung der Figur hinreißen lassen: "this tearful creature, who can only do what he is told, is far removed from the competent inventor and benefactor of the Aristaeus-legend." Daß Vergil seinen Aristaeus anders geformt hat als in der literarischen Tradition, ist sicherlich richtig, doch stellt sich dann die Frage, was er damit erreichen wollte. Gleich zu Beginn des Epyllions, zwei Verse nach der ersten Nennung seines Namens, heißt es von Aristaeus: tristis ad extremi sacrum caput adstitit amnis | multa querens (319-320). Zusätzliche Relevanz erhält diese Information durch die Wiederholung durch die Nymphe Arethusa 355-356: tristis Aristaeus Penei genitoris ad undam | stat lacrimans. R. Thomas hat darauf hingewiesen, daß die Klage an Gewässern ein besonderes Merkmal elegischer Dichtung und des neoterischen Epyllions ist, so wie auch seine gesamte Rede an Kyrene stark an Catulls carmen 64 angelehnt ist. Aristaeus erscheint also gewissermaßen als elegischer amator und ist damit in auffälliger Weise Orpheus ähnlich, von dem es ebenfalls gleich nach seinem Verlust Eurydike's 464-466 heißt, er habe sie solo in litore besungen, und unmittelbar nach seinem zweiten Verlust, seinem gescheiterten Versuch sie aus der Unterwelt zurückzuholen, er habe deserti ad Strymonis undam sieben Monate lang geweint (507-509). So wie die Nymphen 351 durch die Jammerklage des Aristaeus erstarren (obstipuere), besteht auch die Wirkung von Orpheus' Gesang (cantu commotae: 471) darin, daß die gesamte Unterwelt in Erstaunen gerät: quin ipsae s t u p u e r e domus atque intima Leti | Tartara (481-482). Offenbar sollen also Aristaeus und Orpheus in ihrer Ausgangssituation einander gleichgesetzt werden: beide haben einen Verlust erlitten (Aristaeus die Bienen und Orpheus seine Eurydike) und reagieren darauf zunächst mit elegischer Wehklage am Gewässer.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung erläutert die Forschungsfrage, ob die Aristaeus- und Orpheus-Erzählungen eine kunstvolle kompositorische Leistung Vergils darstellen und wie die Figuren miteinander verknüpft sind.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert detailliert die Charakterisierung von Aristaeus als Bauer, seine und Orpheus' elegische Wehklage, die Schuldfrage der magna commissa, den göttlichen Bezug sowie die landschaftliche Symbolik.
III. Schluß: Das abschließende Kapitel fasst zusammen, dass Aristaeus und Orpheus gegensätzliche Weltbilder und philosophische Konzepte repräsentieren, die ihren jeweiligen Erfolg oder Misserfolg begründen.
Schlüsselwörter
Vergil, Georgica, Aristaeus, Orpheus, Bugonie, Mythos, elegische Dichtung, Zeitalter Juppiters, Goldene Zeit, Deszendenztheorie, Tieropfer, Metempsychose, Fruchtbarkeit, Natur, Kulturleistung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem vierten Buch der Georgica von Vergil, speziell mit der Erzählung um Aristaeus und Orpheus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die mythologische Umgestaltung durch Vergil, die Charakterisierung der Hauptfiguren als Repräsentanten unterschiedlicher Weltanschauungen und die Bedeutung des Bugonie-Rituals.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll untersucht werden, welche kompositorische Intention Vergil mit der Verschachtelung dieser Mythen verfolgte und wie Aristaeus und Orpheus funktional zueinander in Beziehung gesetzt werden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine philologische Textanalyse unter Einbeziehung literarischer Traditionen, antiker Kommentare und philosophischer Lehren wie der Metempsychose.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden unter anderem die Rolle des Aristaeus als Bauer, die Ähnlichkeiten der Figuren als elegische Liebende, die Bedeutung der magna commissa sowie die geographische Symbolik der Schauplätze analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Vergil, Aristaeus, Orpheus, Bugonie, Goldene Zeit, Deszendenztheorie und Tieropfer.
Warum wird Orpheus als "elegischer amator" bezeichnet?
Weil er, genau wie Aristaeus nach seinem Verlust, mit extremer Emotionalität und elegischer Wehklage an Gewässern auf den Verlust seiner geliebten Eurydike reagiert.
Worin besteht die "magna commissa" des Aristaeus genau?
Die Arbeit argumentiert, dass sein Vergehen nicht in einem versuchten sexuellen Übergriff liegt, sondern in der Verletzung von numina (Nymphen), die in der Natur, insbesondere in den Wäldern, beheimatet sind.
Warum unterscheidet sich der Erfolg von Aristaeus von dem des Orpheus?
Aristaeus befolgt göttliche Anweisungen und integriert sich in das Zeitalter Juppiters, während Orpheus göttliche Regeln missachtet und ein veraltetes Ideal des Goldenen Zeitalters verkörpert.
- Quote paper
- Hendrik Koop-Lampe (Author), 2013, Verg. Georg. 4, 315-558: Aristaeus vs. Orpheus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268058