1914 - Der gescheiterte Friede

Von Irrtümern, Fehleinschätzungen, Missverständnissen und einem Weltkrieg, den niemand haben wollte.


Wissenschaftliche Studie, 2014
145 Seiten

Leseprobe

Inhalt:

Der rätselhafte Weltkrieg S

Juli 1914 - der Katastrophe entgegen S

Österreich-Ungarn S

Russland S

Deutschland S

Der Schlieffenplan S

Der gescheiterte Friede S

Das Ringen um die deutsche Kriegserklärung S

Resümee S

Militärpläne und Militärdoktrinen S

Die verkannte Krise S

Jenseits des Verständnishorizonts S.

Anhang
1. Die Denkschrift Moltkes vom 28. Juli 1914 S
2. Protokoll der Sitzung des preußischen Staatsministeriums vom 30. Juli 1914 (Auszug) S
3. Protokoll der Sitzung des Bundesrates vom 1. August 1914 S

Quellen- und Literaturverzeichnis S.

Der rätselhafte Weltkrieg

Am 28. Juni 1914 wird der habsburgische Thronfolger Erzherzog Franz-Ferdinand in Sara- jevo Opfer eines Attentats serbisch-slawischer Nationalisten. Die Regierung Österreich- Ungarns in Wien beschuldigt das benachbarte Königreich Serbien Drahtzieher des An- schlags gewesen zu sein und die Welt sieht sich mit einer weiteren aus der langen Reihe von Balkankrisen konfrontiert. Nachdem sich die Wiener Führung am 5./6. Juli die Unter- stützung Deutschlands für ihr kommendes Vorgehen gesichert hat, erklärt sie am 28. Juli Serbien den Krieg, einen weiteren aus der ebenfalls beachtlichen Reihe von Balkankrie- gen.

Es scheint, dass die europäischen Großmächte, wie bei den Balkankriegen der Jahre 1912 und 1913, ein Eindämmen des lokalen Krieges erreichen wollen und das Instrument hierfür liefert der englische Außenminister Sir Edward Grey, dessen Kompromissformel vom 29. Juli Österreich-Ungarn Genugtuung verschaffen und zugleich den Erhalt der Sou- veränität Serbiens sicherstellen soll. Mit Ausnahme Österreich-Ungarns treten alle europä- ischen Mächte, auch Deutschland, dem englischen Vorschlag näher, weil niemand ein Ausgreifen des Krieges auf die Großmächte wünscht - oder doch nicht? Denn kurz darauf erklärt Deutschland seinen Nachbarn Russland und Frankreich den Krieg. England stellt sich sodann durch Kriegserklärung an Deutschland an die Seite seiner Ententepartner.

Was mögen die Gründe für das Verhalten der Reichsregierung gewesen sein? Hat Deutschland den Krieg der Großmächte eröffnet um seinen Verbündeten Österreich-Un- garn zu unterstützen? Doch diesem liegt gewiss nichts an einem großen europäischen Krieg mit Russland, der Schutzmacht Serbiens, oder mit den Westmächten England und Frankreich und es ist schwer erkennbar wie mit einer durch Deutschland bewirkten Erwei- terung des Balkankrieges zu einem Weltkrieg den Interessen des habsburgischen Ver- bündeten gedient sein könnte. Hat womöglich die Führung des Deutschen Reiches einen Hegemonialkrieg begonnen, um, getrieben von den Militärs, einflussreichen nationalisti- schen Interessengruppen und der Schwerindustrie, einen Neuzuschnitt Europas mit Deutschland als unangefochten führender Macht zu erkämpfen? Oder sollte durch eine Flucht in den Krieg von den zahlreichen innenpolitischen Defiziten und Problemen des noch jungen Reiches abgelenkt werden? Vielleicht war aber auch die deutsche Kriegser- klärung die Antwort auf eine als höchst bedrohlich empfundene Einkreisung durch Eng- land, Frankreich und Russland? Diese Mächte waren durch Ententen (England zu Frank- reich und Russland) und die französisch-russische Allianz zu einer mächtigen, gegen Deutschland und den vom ihm dominierten Dreibund (mit Österreich-Ungarn und Italien) aufgestellten Gruppierung gewachsen. Ist der Große Krieg also der Versuch diese Koaliti- on mit gewaltsamen Mitteln zu sprengen, nachdem frühere Anläufe sie aufzubrechen ge-scheitert waren? Oder war der Weltkrieg eine Folge des damals stattfindenden Wettrüstens zu Lande und zur See, das just 1914 mit einem neu aufgelegten, russischen Rüstungsprogramm riesenhaften Ausmaßes seinen Höhepunkt findet? Deutschland greift demzufolge zum Mittel des Krieges bevor das große Programm 1916 oder 1917 abgeschlossen worden wäre, da befürchtet wird im Rüstungswettlauf nicht mehr mithalten zu können und dauerhaft ins Hintertreffen zu geraten.

Als am 11. November 1918 der unsägliche Erste Weltkrieg zu Ende geht, ist Deutschland besiegt, Österreich-Ungarn, zuvor schon militärisch zusammengebrochen, fällt entlang ethnischer Grenzen auseinander und Italien hat den Kriegseintritt an der Seite seiner Bündnispartner verweigert. Dass das alte Reich an der Donau schwach und vom Verfall bedroht ist, war auch schon vor dem 1. August 1914 gemeinhin bekannt. Gleichfalls galt Italien, der dritte Verbündete, auch schon in der Vorkriegszeit als unsicherer und unzuver- lässiger Partner und dass England im Kriege nicht neutral bleiben, sondern an der Seite Frankreichs und Russlands gegen Deutschland antreten werde, stand in den letzten Frie- denstagen so gut wie fest. War die Bündniskonstellation für Deutschland bei Kriegsbeginn ausgesprochen ungünstig, so war die militärische Lage am Vorabend des Krieges nach eigener Einschätzung kaum besser. So scheint ein Memorandum des preussischen Gene- ralstabschefs Helmut von Moltke an den Deutschen Kaiser und die politische Führung vom 28. Juli 1914 dazu angetan zu sein Kriegsbefürwortern ihren Kriegswillen gründlich aus- treiben zu wollen, wenn er schreibt, der kommende Krieg werde schrecklich sein, zur Selbstzerfleischung der europäischen Kulturstaaten führen und mit der Vernichtung der Kultur fast ganz Europas auf Jahrzehnte hinaus enden. Und die Chancen Deutschlands jenen kommenden, schrecklichen Krieg zu gewinnen? Diese würden, so Moltke am 28. Juli, von Tag zu Tag schlechter. Von dieser ungünstigen Beurteilung der Lage wird der Ge- neralstabschef in der kurzen noch verbleibenden Zeit bis zum Kriegsausbruch nicht mehr abweichen. So äußert er sich in der Nacht vom 30. auf den 31. Juli zu seinem Adjutanten, der Krieg werde durch Beitritt Englands ein Weltkrieg werden und niemand könne ahnen, wie alles enden solle. Auch der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg unterlässt es die militärische Situation seines Landes am 1. August 1914 vor dem Bundes- rat, der Länderkammer, die gemäß der Verfassung die Kriegserklärung an Russland billi- gen muss, zu schönen. Zwar erwähnt er die apokalyptischen Weissagungen Moltkes von der Selbstzerfleischung Europas und der Vernichtung von dessen Kultur nicht, dafür wer- den als Bedingungen für einen deutschen Sieg über seine starken Gegner genannt: Glück, wenn die eisernen Würfel rollen, Gottes Hilfe und das Äußerste an Opfern, das dem deutschen Volke jemals zugemutet worden ist.

Vielleicht haben die Großmächte der gegnerischen Staatengemeinschaft, also England,Frankreich und Russland, willentlich Deutschland, das auf dem europäischen Festland bis- lang eine semihegemoniale Position einnimmt, so eingeengt, dass diesem nur eine Flucht in einen Krieg unter unvorteilhaften Bedingungen bleibt? Nichts von all dem! Die Suche nach den Ursachen für die Entstehung des Ersten Weltkrieges wird in einer anderen Richtung fündig, wenn sie in die Welt fundamentaler Irrtümer, katastrophaler Fehleinschätzungen, verhängnisvoller Missverständnisse führt und als zentrale Punkte die militärischen Operativpläne wie die zeitgenössischen Militärdoktrinen behandelt.

Juli 1914 - der Katastrophe entgegen

Der Zeitabschnitt zwischen den Schüssen von Sarajevo und der deutschen Kriegserklärung an Russland am 1. August wird, auch wenn manchem der damals Beteiligten der krisenhafte Charakter der internationalen Lage in seinem vollen Ausmaß zunächst verborgen bleibt, als Julikrise bezeichnet.

Es werden zunächst die wichtigsten Akteure und der Schlieffenplan, als bedeutsamer, auf die Entwicklung Einfluss nehmender Faktor, vorgestellt.

Österreich-Ungarn

„Wenn die Monarchie schon zugrunde gehen soll, so soll sie wenigstens anständig zugrundegehen.“1 Kaiser Franz-Josef I

Österreich-Ungarn, 1867 aus der alten europäischen Großmacht Österreich hervorgegan- gen, nominell eine Doppelmonarchie, in Wirklichkeit aber ein Vielvölkerreich, das im 20. Jahrhundert als Anachronismus gilt. Auf dem Berliner Kongress (1878) wird der Donau- monarchie die Verwaltung der rückständigen osmanischen Provinzen Bosnien und Herz- egovina zugesprochen ohne diese indes annektieren zu dürfen. Als 1908 die Provinzen von dann doch dem Habsburgerreich eingegliedert werden, sie gehörten nominell immer noch zum Osmanischen Reich, entsteht eine europäische Krise, die an den Rand eines Krieges der Großmächte führt. Durch die geringe Unterstützung seiner Partner Frankreich und England, sowie das massive Auftreten der deutschen Reichsregierung zugunsten des Wiener Verbündeten akzeptiert der russische Zar Nikolaus, von der Niederlage im Rus- sisch-Japanischen Krieg von 1904/05 noch geschwächt, die Annexion. Neben den Span- nungen mit Russland und dessen slawischen Verbündeten auf dem Balkan (Serbien und Montenegro) sieht sich Österreich-Ungarn überdies in Konfliktstellung mit Italien, mit dem es seit 1882 ironischer Weise in einem Bündnis, dem Dreibund, sieht. Der Ausbruch der beiden Balkankriege vom Oktober 1912 und vom Juni 1913 berührt die Interessen Öster- reich-Ungarns, das zweimal mit Ultimaten eingreift. Dem deeskalativen Tun einer Bot-schafterkonferenz in London sind Friedensschlüsse auf dem Balkan und die Verhinderung eines Ausgreifens der Kriege auf die Großmächte Österreich-Ungarn und Russland zu verdanken. Weiterer Reformbedarf zeichnet sich für den Doppelstaat ab und es ist der Thronfolger Erzherzog Franz-Ferdinand, der durch Zugeständnisse an die zahlreichen Na- tionalitäten diese für den Verbleib im multinationalen Reich zu gewinnen sucht und kriege- rische Lösungen, wie sie der Generalstabschef Conrad von Hötzendorf propagiert, ab-lehnt.

Am Fürstenmord von Sarajevo vom 28. Juni 1914 wird Serbien die Schuld als Hintermann und Drahtzieher zugewiesen. Die Auffassung Conrads, das Reich sei dadurch aufs Brut- alste herausgefordert und gezwungen gegen Serbien gewaltsam vorzugehen2, ein Krieg somit unabwendbar geworden3, gewinnt in der Wiener Regierung bald die Oberhand.

Franz Redlich, mit Verbindungen zu höchsten Kreisen der Wiener Regierung, berichtet in seinem Tagebuch von einer Unterredung mit dem Grafen Hoyos:1

„Wir beide sprechen über die Erzherzog-Legende: die Welt weiß nicht, dass der Erzherzog immer gegen den Krieg war. So hat er uns durch seinen Tod zu der Energie verholfen, die er nie aufbringen wollte, so lange er lebte!“

Noch lehnen aber der alte Kaiser Franz-Josef, ebenso wie der Ministerpräsident der unga- rischen Regierung Tisza, ein sofortiges Losschlagen ab. Bei einer Audienz am 5. Juli macht Franz-Josef die Genehmigung eines von Conrad geforderten Krieges gegen Serbi- en von der Rückendeckung des deutschen Bündnispartners abhängig2, um welche im Rahmen der Mission des Grafen Hoyos, er ist Legationsrat des k.u.k. Außenministerium, in Berlin nachgesucht wird. Da von deutscher Seite am 6. Juli, ohne genaue Kenntnis der Absichten der Wiener Führung, „volle Unterstützung“ für eine „ernste Aktion“ gegen Serbi- en zugesagt wird, allerdings mit dem Ratschlag versehen das Geplante gegen Serbien rasch zu realisieren, weil jetzt der richtige Moment hierfür sei3, wird am 7. Juli eine Sitzung des österreichisch-ungarischen Ministerrats einberufen. Außenminister Berchtold wirft als Vorsitzender die Frage auf, ob nun Serbien „durch eine Kraftäußerung für immer unschäd- lich“ zu machen sei, um schließlich selbst die Antwort zu geben: Mit dem Nachbarstaat sei „abzurechnen“; dies könne freilich den Krieg mit Russland zur Folge haben. Dem stellt sich der Ministerpräsident der ungarischen Reichshälfte Tisza entgegen, ein Krieg gegen Serbien müsse nicht unbedingt sein, denn neben inneren Reformen in Bosnien sei ein di- plomatischer Erfolg hinreichend. Im Falle eines überraschenden Angriffes auf Serbien sei mit der Feindschaft fast des gesamten Balkans ebenso wie eines Angriffs Rumäniens auf Ungarn zu rechnen. Tisza schlägt daher vor harte, aber annehmbare Forderungen an Serbien zu richten und erst nach deren Ablehnung ein Ultimatum zu stellen. Bei einem dann folgenden Krieg dürfe die Verkleinerung, nicht aber die vollständige Vernichtung Serbiens das Ziel sein, denn Russland werde Letzteres nicht hinnehmen können, sondern es auf einen Kampf auf Leben und Tod ankommen lassen. Auch wäre der Ausbruch eines europäischen Krieges dann möglich.4 Ein weiteres Motiv für die ablehnende Haltung des Ungarn liegt nach Auffassung Conrads darin, dass Tisza befürchtet, nach einem siegrei- chen Krieg der österreichisch-ungarischen Monarchie gegen Serbien würden Gebiete mit slawischer Bevölkerung annektiert und dadurch werde der ungarische Einfluss geschwächt.5

Um seiner Position besonderen Nachdruck zu verleihen, verfasst der ungarische Ministerpräsident am 8. Juli ein Schreiben an Kaiser Franz-Josef, in dem er diesem seine Argumentation eigens eröffnet; dabei wird auch die Gefahr der Entstehung eines Weltkrieges ausdrücklich genannt6:

„... bei allen anderen Teilnehmern der gestrigen gemeinsamen Ministerkonferenz (ist) die Absicht gereift, ei- nen Krieg mit Serbien zu provozieren und mit diesem Erzfeinde der Monarchie endgültig abzurechnen. Ich war nicht in der Lage, diesem Plane in vollem Umfange zuzustimmen. Ein derartiger Angriff auf Serbien würde nach jeder menschlichen Voraussicht die Intervention Russlands und somit den Weltkrieg heraufbe- schwören, ...“

Am 19. Juli findet eine weitere Sitzung des Ministeriums für gemeinsame Angelegenheiten statt, in der die Entscheidung über das weitere Vorgehen gegen Serbien zu treffen ist, die man nicht länger hinausschieben zu können glaubt, da die Deutschen ob der bisherigen Untätigkeit nervös würden und in Rom Informationen über die Absichten der Wiener Re- gierung durchzusickern begännen. Von manchen der am 7. Juli gemachten Reserven hat sich Tisza soweit distanziert, dass nun auch er der Erteilung einer solchen Note an Serbi- en zustimmt, von der zu erwarten ist, dass sie von der Belgrader Regierung nicht ange- nommen werden kann und dadurch zu Mobilisierung und Krieg führen wird. Bei Gebiets- abtretungen des besiegten Nachbarn bleibt der ungarische Ministerpräsident indes hart und wünscht, von kleineren Grenzbegradigungen abgesehen, keine bedeutenden Annexi- onen. Als der Vorsitzende, der Außenminister Berchtold die Idee aufbringt anstelle eigener Landgewinne serbisches Gebiet an andere Balkanstaaten abzugeben, um auf diese Wei- se Serbien zu schwächen, wehrt sich Tisza mit dem Argument vom 7. Juli, Russland müs-se in diesem Fall bis zum Äußersten gehen, um die „vollständige Vernichtung Serbiens“ zu verhindern. Als Ergebnis wird beschlossen schon zu Beginn des Balkankrieges den frem- den Mächten mitzuteilen, dass dieser für Österreich-Ungarn kein Eroberungskrieg sei und Annexionen serbischen Territoriums nicht angestrebt würden. Kleinere Grenzbegradigun- gen zu Ungunsten Serbiens, die Verteilung serbischen Gebietes an andere Staaten sowie eine eventuell nötig werdende Besetzung von Teilen Serbiens soll durch diesen Beschluss nicht ausgeschlossen sein.1

Am 23. Juli wird Serbien mit der Note Österreich-Ungarns und mehreren kaum annehmbaren Forderungen konfrontiert, um den erwarteten Fall seiner Ablehnung als Kriegsgrund verwenden zu können. Der Tagebuchschreiber Redlich vermerkt hierzu2:

„Die Note ist von ihm (Graf Hoyos, d. Autor) und Forgách hauptsächlich verfasst und lässt eine Annahme Serbiens eigentlich überhaupt nicht zu: Sie ist ein 48stündiges Ultimatum und dann beginnt der Krieg“ Doch wider Erwarten akzeptiert Serbien die meisten Forderungspunkte, außer einem Punkt, dem Tätigwerden von k.u.k. Beamten auf serbischem Territorium bei der Aufklärung der Hintergründe des Anschlags von Sarajevo, insbesondere der Verquickung serbischer Behörden mit serbisch-nationalistischen Verschwörergruppen innerhalb des Habsburger- reiches.

Noch am Abend des Einganges der Antwortnote Serbiens (25. Juli) ordnet Kaiser Franz- Josef die Teilmobilmachung seines Heeres (für acht Armeekorps) an. Zum ersten Mobil- machungstag wird der 28. Juli bestimmt3, an dem auch die Kriegserklärung an Belgrad ausgesprochen werden wird. Redlich1 vertritt, gestützt auf die Meinung des mit ihm be-freundeten Legationsrates an der deutschen Botschaft in Wien, Dietrich von Bethmann Hollweg2, die Auffassung, Berchtold habe seit der Mordtat in Sarajevo auf den Krieg gegen Serbien hingearbeitet und hätte hierfür selbst eine kriegerische Auseinandersetzung mit Russland in Kauf genommen:

„Bethmann stimmt mir zu, dass hier Berchtold und Alek (Hoyos, d. Autor) eigentlich den Krieg ganz allein gemacht haben, nicht der Generalstab und Conrad. Berchtold war vom Moment der Ermordung des Erzherzogs zum Kriege gegen Serbien und eventuell auch zum Kriege mit Russland entschlossen.“

Die Vermeidung eines Krieges mit Russland ist für die Wiener Regierung dennoch von Wichtigkeit. Schon in einem Schreiben von 25. Juli, noch ist die Antwort Serbiens auf das erfolgte Ultimatum unklar, fordert Berchtold, um Lokalisierung des möglicherweise bald beginnenden Krieges bemüht, Botschafter Szápáry in St. Petersburg auf, dem russischen Außenminister und Ministerpräsidenten Folgendes zur Kenntnis zu bringen3:

„Die Monarchie ist territorial saturiert und trägt nach serbischem Besitz kein Verlangen. Wenn der Kampf mit Serbien uns aufgezwungen wird, so wird dies für uns kein Kampf um territorialen Gewinn, sondern lediglich ein Mittel der Selbstverteidigung und Selbsterhaltung sein.“

Die russische Seite gibt sich indes alleine mit der Zusicherung des Erhalts der territorialen Integrität von Serbien nicht zufrieden. Szápáry berichtet von einer diesbezüglichen Aussprache mit dem russischen Außenminister S.D. Sasonow4:

„Herr Sasonow meinte, in territorialer Hinsicht habe er sich überzeugen lassen, aber was die Souveränität anbelangt, müsse er den Standpunkt festhalten, die Aufzwingung unserer Bedingungen sei ein Vasallentum. Dieses aber verstoße gegen das Gleichgewicht am Balkan und letzteres sei das in Frage kommende russi- sche Interesse.“

Am 28. Juli erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg und dies obwohl kurz zuvor der russische Botschafter in Wien Schebeko bei einer Unterredung mit Berchtold warnt, falls es zum Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien komme, sei der europäische Frie- de bedroht.5 Doch eine Invasion des Landes wird zunächst nicht erfolgen können, da die- se nach dem Ermessen des Generalstabschefs erst nach längerem Aufmarsch etwa am 12. August möglich und vorgesehen ist,6 falls nicht schon vorher der Krieg mit der Schutzmacht Russland ausbrechen sollte. Dabei muss bis zum 5. Tag nach Mobilmachungsbeginn, also bis zum 1. August, Klarheit darüber bestehen, ob es wirklich hierzu kommt, damit ein Teil der für Serbien bestimmten Transporte ohne größeren Zeitverlust nach Galizien in den Osten des Reiches umgelenkt werden kann.

Tags darauf, am 29. Juli, wird als Reaktion auf die Kriegserklärung der Donaumonarchie an Serbien die Mobilmachung Russlands angeordnet und dem österreichisch-ungarischen Botschafter in St. Petersburg erläutert. Außenminister Sasonow bemüht sich dabei deren Brisanz herunterzuspielen1:

„Der Minister sagte mir weiter, es werde heute ein Ukas unterzeichnet, welcher eine Mobilisierung in ziemlich weitem Umfang anordne, Er könne mir aber auf das Alleroffiziellste erklären, dass diese Truppen nicht dazu bestimmt seien, über uns herzufallen; sie würden nur Gewehr bei Fuß bereit stehen für den Fall, als Russ- lands Balkaninteressen gefährdet würden. Eine note explicative werde dies feststellen, denn es handle sich nur um eine Vorsichtsmaßregel, die Kaiser Nikolaus gerechtfertigt gefunden habe, da wir, die wir ohnehin den Vorteil rascherer Mobilisierung hätten, nunmehr auch den so großen Vorsprung hätten.“

Berchtold jedoch geht in Telegrammen an Botschaften des Landes davon aus, dass man hierauf mit der Generalmobilisierung der eigenen Streitkräfte antworten werde2:

„Herr von Tschirschky hat mir soeben mitgeteilt, der russische Botschafter sage ihm, er habe von seiner Re- gierung die Verständigung erhalten, dass die Militärbezirke von Kiew, Odessa, Moskau und Kasan mobilisiert würden. Russland sei in seiner Ehre als Grossmacht gekränkt und genötigt, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Die russische Mobilisierung wird von unseren galizischen Korpskommandanten bestätigt und wur- de, einer Meldung des k. u. k. Militär-Attachés zufolge, heute auch von Herrn Sazonow dem deutschen Bot- schafter gegenüber nicht mehr geleugnet. Ich ersuche Euer Exzellenz, Vorstehendes unverzüglich zur Kenntnis der deutschen Regierung zu bringen und hierbei zu betonen, dass, wenn die russischen Mobilisierungsmaßnahmen nicht ohne Säumen eingestellt werden, unsere allgemeine Mobilisierung aus militärischen Gründen unverzüglich veranlasst werden muss.“

Dabei gedenkt er, trotz der erheblichen Gefahren für den europäischen Frieden, keineswegs von seinem kriegerischen Vorgehen gegen Serbien abzulassen:

„ Als letzter Versuch den europäischen Krieg hintanzuhalten, hielte ich es für wünschenswert, dass unser und der deutsche Vertreter in St. Petersburg eventuell auch in Paris sogleich angewiesen werden, den dortigen Regierungen in freundschaftlicher Weise zu erklären, dass die Fortsetzung der russischen Mobilisierung Gegenmaßregeln in Deutschland und Österreich-Ungarn zur Folge hätte, die zu ersten Konsequenzen führen müssten. Euer Exzellenz wollen hinzufügen, dass wir uns selbstverständlich in unserer kriegerischen Aktion gegen Serbien nicht beirren lassen werden.“

Bei einer Audienz beim Kaiser am 30. Juli wird das weitere Vorgehen festgelegt. Auf die russische Teilmobilmachung hin ist, so die Forderung Conrads, auch der bislang noch nicht mobilisierte Teil des k.u.k. Heeres mobil zu machen und gegen Russland in Stellung zu bringen, um einer möglichen Invasion des Nachbarn begegnen zu können. Dabei müsse es, so Conrad, keineswegs zum Krieg kommen3:

„... Wenn die Russen uns nichts tun, wir ihnen auch nichts zu tun bräuchten.“

Sollte dies doch der Fall sein, so wäre die Lage nicht hoffnungslos, denn es stünden an- fänglich 27,5 eigene 33 russischen Divisionen gegenüber. Es wird die Entscheidung ge- fasst die Generalmobilmachung der österreichisch-ungarischen Streitkräfte am 1. August anzuordnen. Zum ersten Mobilmachungstag wird der 4. August bestimmt. An einen Ab- bruch des Aufmarsches gegen Serbien ist nicht gedacht, selbst die Diskussion um weitere serbische Gebietsabtretungen flackert wieder auf. Diese Festlegungen werden tags darauf dem Botschafter im Berlin Szögyény zwecks Information des deutschen Reichskanzlers eröffnet.4

Ab dem 29. Juli erreichen Wien mehrere drängende Depeschen des deutschen Kanzlers, darunter auch die beiden später so genannten „Weltbrandtelegramme“,1 in welchen ein Eingehen auf den Mediationsvorschlag des englischen Außenministers Grey vom 29. Juli, nämlich der Zustimmung zur Vermittlung der vier am Balkan nicht interessierten europäischen Großmächte, sowie der Beschränkung der militärischen Ziele Österreich-Ungarns auf eine vorübergehende Besetzung Belgrads und einiger anderer Orte, gefordert wird. Der deutsche Botschafter in Wien Tschirschky vermittelt diese Anliegen2:

„Ich lenkte die Aufmerksamkeit des Ministers (Berchtold, d. Autor) noch besonders darauf hin, dass die be- rechtigten Ansprüche Österreich-Ungarns durch eine Züchtigung Serbiens unter Garantieschaffung für des- sen weiteres Wohlverhalten durch Annahme des Vermittlungsvorschlages voll gewahrt schienen und damit der von der Monarchie von Anfang an erklärte Zweck der ganzen Aktion gegen Serbien ohne Entfesselung des Weltkrieges erreicht werden würde. Unter diesen Umständen scheine mir eine völlige Ablehnung der Vermittlung ausgeschlossen. Der Waffenehre werde durch Besetzung serbischen Gebietes durch öster-reichisch-ungarische Truppen Genüge geleistet. Dass die militärische Besetzung serbischen Gebietes unter ausdrücklicher Zustimmung Russlands geschehen solle, bedeute unstreitig eine wertvolle Stärkung des österreichischen Einflusses gegenüber Russland und am Balkan. Ich bat die Herren, die unberechenbaren Konsequenzen einer Ablehnung sich vor Augen zu halten.

Als Graf Berchtold das Zimmer verlassen hatte, um sich zur Audienz beim Kaiser umzukleiden, habe ich dann noch Graf Forgách allein sehr ernst ins Gewissen geredet...“

Doch wie reagiert die Führung Österreich-Ungarns? Auf die deutsche Forderung, das Vermittlungsangebot der Mächte anzunehmen, und damit verbunden das kriegerische Vorgehen gegen Serbien auszusetzen, antwortet Berchtold uneindeutig bis ablehnend. So berichtet Tschirschky noch 29. Juli nach Berlin3:

„Minister ist bereit, Erklärung wegen territorialen Desinteressements, die er bereits in Petersburg und durch hiesigen russischen Vertreter abgegeben hat, nochmals zu wiederholen. Was die weitere Erklärung bezüg- lich militärischer Massnahmen anlangt, erklärte sich Graf Berchtold außerstande, mir sofort Antwort erteilen zu können.

Trotz Vorstellung über Dringlichkeit der Sache habe ich bis heute abend keine weitere Mitteilung erhalten.“ Und am 30. Juli4:

„Heute nachmittag vor und nach dem Telephongespräch mit Herrn von Stumm habe ich die Gelegenheit genommen, erneut mit Graf Forgách und Graf Hoyos sehr ernst in unserem Sinne Rücksprache zu nehmen. Sie versicherten mir beide, dass mit Rücksicht auf die Stimmung in Armee und im Volke Einschränkung der militärischen Operationen ihrer Ansicht nach ausgeschlossen sei.“

Franz Redlichs erwähnt im seinem Tagebuch das deutsche Telegramm5:

„Am 30. Juli kam die englische Mediation. Bethmann Hollweg6 erzählt, dass das lange, chiffrierte Telegramm gerade mittags ankam, als Tschirschky sich anschickte, zu Berchtold zum Lunch zu fahren. Bethmann sah Anfang und Ende des Telegrammes und merkte, was los sei. Er sagte zum Botschafter: „Da ist ein Tele- gramm von Berlin gekommen, das ist das wichtigste Telegramm in der ganzen Krise, ich werde es dechiffrieren und Ihnen dann zu Berchtold bringen.“ So geschah es auch. Bethmann saß neben Berchtold, als dieser das ihm von Tschirschky gereichte Telegramm las, und merkte, dass er totenbleich wurde. Am nächsten Tage kam Alek Hoyos zu Bethmann in die Wohnung zum Mittagessen und fragte diesen als „Freund“ und „deutschen Edelmann“, ob er es für möglich halte, dass Deutschland jetzt imstande wäre, mit Russland eine Teilung von Österreich-Ungarn zu verabreden. Darauf beruhigte Bethmann ihn mit den energischsten Versicherungen der vollen Loyalität Deutschlands.“

Die definitive Ablehnung der deutschen „Ratschläge“ erfolgt in einer Sitzung des öster-reichisch-ungarischen Ministerrates für gemeinsame Angelegenheiten vom 31. Juli, bei der Berchtold bekannt gibt1:

„... er habe dem deutschen Botschafter, als dieser ihm den englischen Vorschlag vorlegte, sogleich erklärt, dass eine Einstellung unserer Feindseligkeiten gegen Serbien unmöglich sei. Über den Vermittlungsvorschlag könne er nicht allein entscheiden, sondern er müsse hierüber die Befehle Seiner Majestät einholen und die Angelegenheit um Ministerrate besprechen.“

Auch geht Berchtold auf das Ansinnen einer zeitlich begrenzten Besetzung Belgrads ein, lehnt aber dieses ab und äußert sich dabei erstmals konkreter zu den Zielen des geplanten Militärschlages:

„Wenn die Aktion jetzt nur mit einem Prestigegewinn endete, so wäre sie seiner Ansicht nach ganz umsonst unternommen worden. Wir hätten von einer einfachen Besetzung Belgrads gar nichts, selbst wenn Russland hierzu seine Einwilligung geben würde. Alles dies wäre Flitterwerk, Russland würde als Retter Serbiens und namentlich der serbischen Armee auftreten. Letztere würde intakt bleiben und wir hätten in zwei bis drei Jahren wieder einen Angriff Serbiens unter viel ungünstigeren Bedingungen zu gewärtigen.“

An anderer Stelle fasst Berchtold zusammen:

„Die Antwort an die deutsche Regierung sei noch nicht ausgearbeitet, er könne aber jetzt schon sagen, dass bei ihrer Textierung auf drei Grundprinzipien Bedacht zu nehmen sein werde, nämlich

1. Die kriegerischen Operationen gegen Serbien müssen fortgesetzt werden.
2. Wir können über den englischen Vorschlag nicht unterhandeln, solange die russische Mobilisierung nicht eingestellt werde und
3. unsere Bedingungen müssen integral angenommen werden und wir könnten uns in keine Verhandlun- gen über dieselben einlassen.

Selbst Tisza unterstützt nun diese Linie:

„Der kgl. ung. Ministerpräsident erklärte, er schließe sich den Ausführungen des Vorsitzenden vollkommen an und sei auch der Ansicht, dass es verhängnisvoll wäre, auf das Meritum des englischen Vorschlages einzugehen. Unserer Kriegsoperationen gegen Serbien müßten jedenfalls ihren Fortgang nehmen. Er frage sich aber, ob es notwendig sei, schon jetzt überhaupt unserer neuen Forderungen an Serbien den Mächten bekanntzugeben und würde vorschlagen, die englische Anregung dahin zu beantworten, dass wir prinzipiell bereit wären, derselben näherzutreten, jedoch nur unter der Bedingung, dass unsere Operationen gegen Serbien fortgesetzt werden und die russische Mobilisierung eingestellt werde.“

Schließlich findet Tiszas Vorschlag allgemeine Zustimmung und wird angenommen.

In einem Telegramm vom 31. Juli, gerichtet an Kaiser Wilhelm, rechtfertigt Kaiser Franz- Josef die von ihm erlassene Generalmobilmachung und lehnt dabei auch eine Aussetzung des militärischen Aufmarsches gegen Serbien ab, was eine glatte Ablehnung des deut- schen Vorschlages vom Vortag bedeutet2. Im Falle eines Weltkrieges, für dessen Ausbre- chen er die russische Politik verantwortlich macht, ruht sein Vertrauen auf der Waffenhilfe Deutschlands3:

„Gleich, nachdem Dein Botschafter meiner Regierung gestern den Vermittlungsvorschlag Sir Edward Greys übermittelt hatte, ist mit die offizielle Meldung meines Botschafters in St. Petersburg zugekommen, wonach der Kaiser von Russland die Mobilisierung aller Militärbezirke an meinen Grenzen angeordnet hat. Graf Szögyény meldet mir, du hättest Kaiser Nikolaus in einzig treffender Weise schon gesagt, dass die russi- schen Rüstungen einzustellen seien, weil sonst die ganze Verantwortung für einen Weltkrieg auf seine Schultern falle. Im Bewusstsein meiner schweren Pflichten für die Zukunft meines Reiches habe ich die Mo- bilisierung meiner ganzen bewaffneten Macht angeordnet. Die im Zuge befindliche Aktion meiner Armee ge- gen Serbien kann durch die bedrohliche und herausfordernde Haltung Russlands keine Störung erfahren. Eine neuerliche Rettung Serbiens durch Russlands Intervention müßte die ernstesten Folgen für meine Län-der nach sich ziehen, und ich kann daher eine solche Intervention unmöglich zugeben. Ich bin mir der Trag- weite meiner Entschlüsse bewußt und habe dieselben im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit gefasst mit der Sicherheit, dass Deine Wehrmacht in unwandelbarer Bundestreue für mein Reich und für den Dreibund ein- stehen wird.“

Die Frage, wie Repräsentanten des Doppelstaates die Wahrscheinlichkeit eines Eingrei- fens Russlands bewerten, ist zu stellen. Der Tagebuchschreiber Redlich notiert am 24. Ju- li1:

„Dass Russland mit Serbien geht, ist so gut wie sicher anzunehmen, zumal die revolutionäre Streikbewe-gung eine Diversion nach außen ratsam macht. Ließe Russland Serbien seinem Schicksal tatenlos anheimfallen, dann würden die Nationalisten den Zaren stürzen. Deutschland aber ist bereit und willens, selbst zum Kriege zu greifen.“

Aus der Distanz eines Jahres kommt er auf die Julikrise zu sprechen, vermerkt jetzt aber2:

„Allerdings sagt Bethmann, dass seiner Meinung nach Berchtold daran glaubte, dass die „Züchtigung“ Serbiens ohne Russlands Kriegserklärung an uns durchgeführt werden könnte. Auch der Kaiser Franz-Josef war dieser Meinung.“

In ähnlicher Weise begegnet Conrad der nach der russischen Teilmobilmachung vorge-brachten Befürchtung, man könne neben dem Krieg gegen Serbien nicht auch noch einen solchen gegen Russland finanzieren, mit den Worten3:

„Wer weiß übrigens, ob es zum Krieg gegen Russland kommt; die Russen können ja auch stehen bleiben, in der Erwartung, uns zum Ablassen von Serbien zu bewegen.“

Der Generalstabschef hegt insbesondere die Furcht, dass Russland bluffe und man darauf hereinfalle, also erst von Serbien ablasse und sich militärisch mit aller Kraft gegen Russland wende, um danach feststellen zu müssen, dass es doch nicht zum Krieg mit der Großmacht käme.4

Das Verhalten der Führung des Doppelreiches bleibt inkonsequent. Einerseits ist vom großen Krieg die Rede, so etwa auf der Sitzung des österreichisch-ungarischen Ministeriums für gemeinsame Angelegenheiten vom 31. Juli5:

„Herr von Bilinski6 weist darauf hin, dass der große Kampf, der bevorstehe, für die Monarchie ein Existenzkampf sei. Wenn die effektive Hilfe Italiens in diesem Kampfe wirklich von so großem Werte sei, so werde man wohl ein Opfer bringen müssen, um dieselbe zu erkaufen.“

Andererseits hält man trotz der russischen Warnungen und des vorgebrachten Wunsches der deutschen Seite nach Annahme des Greyschen Vermittlungsvorschlages bis zuletzt am aufwändigen Feldzugsplan gegen Serbien unbeirrbar fest und beabsichtigt nach der russischen Teilmobilmachung vom 29. Juli erst für den 4. August Defensivmaßnahmen im Rahmen der eigenen Generalmobilmachung zu treffen. Dafür beginnen Gespräche von Vertretern der Ostmächte. So kommt es am 30. Juli, also nach dem Bekanntwerden der russischen Teilmobilisierung in Wien und der damit eintretenden Verschärfung der Lage, zu einer Unterredung von Außenminister Berchtold und dem russischen Botschafter in Wien, Schebeko, von dem dieser berichtet, das Gespräch habe „allerfreundschaftlichsten Charakter“ getragen und er habe trotz bestehender Kontroversen, den Eindruck, Berchtold wolle zu einem Einvernehmen mit Russland gelangen.1

Der englische Botschafter in Wien, Bunsen, kann Grey noch am Abend desselben Tages über den Meinungsaustausch, bei dem allerdings nicht das österreichisch-ungarische Vor- gehen gegen Serbien, sondern die russische Mobilisierung im Vordergrund steht, berich- ten2:

„Russischer Botschafter kam nach seinem Besuch beim Außenminister heute nachmittag auf französische Botschaft, wo ich mich gerade befand, und schilderte französischem Botschafter und mir seine Unterredung. Sie verlief ganz freundschaftlich. Außenminister sagte, da Russland mobilisiert habe, müsse Österreich na- türlich dasselbe tun, aber das wäre nicht als Drohung aufzufassen, sondern sei lediglich militärische Vor- sichtsmaßnahme, wie sie ähnlich jenseits der Grenze getroffen worden. Er hätte auch nichts gegen Fortfüh- rung der Besprechungen zwischen russischem Außenminister und österreichischem Botschafter in St. Pe- tersburg, obgleich Außenminister nicht sagte, dass sie auf Grundlage serbischer Antwort aufgenommen werden könnten.

Im Ganzen ist russischer Botschafter nicht unbefriedigt. Er hatte auf Gerücht hin, Österreich werde als Antwort auf Mobilmachung Krieg erklären, mit dem Packen seiner Sachen schon begonnen. Jetzt hofft er, dass noch etwas unternommen werden könne, um Krieg mit Österreich zu verhindern.“

Die Gespräche dauern bis Kriegsausbruch an. Selbst am 1. August, dem Tag der Überga- be der deutschen Kriegserklärung an Russland, kommt es zu einer Unterredung Berch- tolds mit Botschafter Schebeko; diese fasst Berchtold in einem Tagesbericht zusammen3:

„Der kaiserlich russische Botschafter suchte mich heute in freundschaftlicher Weise auf, um sich, wie er sagte, nach etwaigen Neuigkeiten zu erkundigen. Er hoffe noch immer, dass es gelingen werde, den bestehenden Streitfall durch direkte Verhandlungen zu beheben. Bei der gegenwärtigen Lage der Dinge wäre es wohl besser, sich hierzu auf neutrales Terrain zu begeben, wofür London besonders geeignet wäre.“

Und an anderer Stelle im Tagesbericht:

„Herr Schebeko antwortete gleichfalls sehr freundschaftlich, erörterte in akademischer Weise die mannigfaltigen Verpflichtungen Russlands als orthodoxer und slawischer Staat, verwies auf gewisse sentimentale Veranlagungen des russischen Volkes und verlies mich mit der Bemerkung, eigentlich handle es sich zwischen uns und Russland um ein großes Missverständnis.“

Die deutsche Kriegserklärung an Russland setzt dieser viel versprechenden Entwicklung ein abruptes Ende. In einem Schreiben an den preussischen Generalstabschef Moltke vom Abend des 1. August begründet Conrad das von den Deutschen monierte, lange Festhalten am Aufmarsch gegen Serbien. Nur mit Mühe kann er dabei seine Kritik an der Kriegseröffnung durch den Verbündeten zügeln4:

„Aus den damals gepflegten diplomatischen Verhandlungen ging unserer Auffassung nach hervor, dass Deutschland, wenn wir von Russland angegriffen würden, zwar seiner Bundespflicht nachkommen würde, dass es aber einen großen Krieg lieber vermeiden wolle.

Wir mussten also bei unserer Absicht bleiben, die Aktion gegen Serbien fortzusetzen, und den Schutz gegen Russland, gegen welches wir allein einen Angriffskrieg nicht eröffnen konnten, unserer in Galizien zu ver- sammelnden Kraft zu überlassen, sowie der deutschen Drohung an Russland und der Einwirkung der übri- gen Mächte.

Erst am 31. Juli kam plötzlich die dezidierte Erklärung Deutschlands, dass es nun selbst gewillt sei, den großen Krieg gegen Frankreich und Russland durchzuführen.

Dies ergab nun eine ganz neue Lage.“

Eine Zeit lang vermag sich die Donaumonarchie dem Krieg zu entziehen, erklärt dann a- ber auf deutsches Drängen hin und den eigenen Interessen zuwiderlaufend Russland am 6. August den Krieg. Da sie mit den Westmächten beharrlich im Friedenszustand verbleibt, sind es Frankreich und England, die am 12. August 1914 in Erfüllung ihrer Bündnis- bzw. Ententepflichten zu Russland durch ihre Kriegserklärungen an Österreich-Ungarn dem Andauern eines längst illusorisch gewordenen Restfriedens ein Ende bereiten.

Was hat die Führung des Doppelstaates also erreicht? Sicher nicht das, was den Zielen ihrer Mehrheit entsprach, nämlich die „Züchtigung“ Serbiens ohne einen Krieg mit Russ- land. Dass die Lokalisierung des Balkankrieges misslingen könnte, ist vielen bewusst und wird in Kauf genommen; daher bedarf es der Rückendeckung durch Deutschland. Dass aber der Große Krieg durch den Verbündeten entfesselt werden würde, hatte nie- mand erwartet. Österreich-Ungarn erreicht also das Gegenteil seiner Intentionen: Anstelle Serbiens großen slawischen Bruder von einem Krieg gegen das Habsburgerreich abzu- schrecken, erklärt der deutsche Verbündete Russland und der Entente den Krieg und zieht das Donaureich in diesen hinein; dessen großes Anliegen, der Krieg auf dem Balkan ge- gen Serbien als Reaktion einer Großmacht auf den Mordanschlag von Sarajevo, wird, wie Wilhelm Kaiser am 31. Juli Franz-Josef ermahnt1, als Zersplitterung der Kräfte vorerst ab- gelehnt und dadurch den Interessen Deutschlands in einem allgemeinen Krieg unterge- ordnet.

Richten wir nun den Blick auf Russland und dessen Rolle an der Entfesselung des Welt- krieges.

Russland

Es ist besser, wenn wir uns sorgfältig mit den (Kriegs)vorbereitungen befassen, anstatt aus Furcht, einen Vorwand zum Kriege zu geben, unvorbereitet von ihm überrascht werden.

S.D. Sasonow

Russischer Außenminister

Seit dem Ende der Napoleonischen Kriege, das Russland auf der Seite der Sieger und als Befreier Europas von revolutionär-französischer Vorherrschaft sieht, verschlechtert sich das Verhältnis des Landes zu den anderen Pentarchiemächten kontinuierlich. Mitte des 19. Jahrhunderts kommt es im Krimkrieg zur Auseinandersetzung mit den Westmächten England und Frankreich, darauf als Folge von Spannungen auf dem Balkan zum Gegen- satz zu Österreich-Ungarn und schließlich durch den als ungünstig wahrgenommenen Berliner Kongress auch zu solchen mit Deutschland. Eine Zäsur stellt für das Imperium, das nach dem Ende des „Rückversicherungsvertrages“ 1890 mittlerweile Gefahr läuft in die bündnispolitische Isolation abzudriften, nach Jahren der Knebelung durch Bismarcks Allianzen, der Abschluss einer Militärkonvention 1892 mit der Republik Frankreich dar und deren Ausbau zu einem vollwertigen Bündnis 1893/94 dar. Das 20. Jahrhundert beginnt mit einer Doppelkatastrophe, der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 und als Folge hiervon der Revolution 1905, die die Schwächen und Defizite des rückstän- digen Landes schonungslos zu Tage treten lassen. Militärisch besiegt, politisch destabili- siert, wirtschaftlich zerrüttet sucht der Koloss auf „tönernen Füßen“1 den Ausgleich mit England in der Entente von 1907. Die Beziehungen des Zarenreiches zu seinen alten Ver- bündeten, den Mittelmächten, aus denen (insbesondere Österreich-Ungarn) längst Geg- ner geworden sind, und zu seinen neuen Partnern, den Westmächten Frankreich und Eng- land, bleiben hingegen nicht unproblematisch. In der Bosnienkrise von 1908 sieht man sich von Österreich-Ungarn übertölpelt, von Deutschland durch ein Ultimatum, das zu- rückzuweisen man sich nicht in der Lage sieht, gedemütigt, von den Westalliierten nicht unterstützt. Auf der Londoner Botschafterkonferenz zur Beilegung der Balkankriege von 1912/13 von allen Teilnehmern zur Annahme von für seinen Protegé Serbien nachteiligen Lösungen genötigt, in der Liman-von-Sanders-Krise 1913/14 schließlich bei der Wahr- nehmung seiner Interessen von England und Frankreich im Stich gelassen.

Erst ab 1909 scheint Russland den größten Teil der postrevolutionären Wirren überwun- den zu haben2, sodass sich in der darauf folgenden Zeit die Wirtschaft des Landes lang- sam zu erholen beginnt. Ab 1910 ist es schließlich möglich Kredite für den Militärsektor zu erlangen und die Wiederherstellung der Streitkräfte in Angriff zu nehmen.3 Im März 1914 wird das „Große Programm“ zur Aufrüstung der Streitkräfte gebilligt.1 Erst nach dessen Fertigstellung 1916 ist Russland, nach Einschätzung des ehemaligen zaristischen Kriegsministers W.A. Suchomlinows, befähigt in einem europäischen Krieg einzugreifen.2

Zu Anfang des Jahres 1914 erwartet das russische Kriegsministerium keinen Krieg.3 In der Julikrise 1914 verfolgt die russische Außenpolitik zunächst das Ziel Serbien vor dem Zu- griff Österreich-Ungarns zu schützen. Zwar besteht zwischen der Großmacht und dem Balkanstaat keine vertragliche Bindungen, dennoch sieht sich Russland in der Rolle einer Schutzmacht für die kleineren slawischen Staaten. So warnt der russische Botschafter in Wien schon am 5. Juli im Gespräch mit seinem englischen Kollegen, ein lokaler Krieg des Doppelreiches gegen Serbien sei nicht möglich, da Russland für den Balkanstaates Partei ergreifen werde.4 Hierdurch würde es zu einem allgemeinen europäischen Krieg kommen.

Am 24. Juli wird der Inhalt der tags zuvor an Serbien übermittelten Note Österreich-Un- garns in St. Petersburg bekannt. Nach eigener Angabe erkennt Außenminister Sasonow sofort, dass es das Ziel der Wiener Regierung ist den Krieg gegen Serbien herbeizufüh- ren, woraufhin auch er den Vertreter des Habsburgerreiches warnt, hieraus würde sich ein europäischer Krieg entwickeln.5 In dieser Zeit geht ein Hilferuf des serbischen Thronfol- gers Alexander beim Zaren ein, welcher Ersterem versichert, er werde den Frieden auf dem Balkan zu erhalten versuchen, sollte dies aber nicht möglich sein, so werde Russland dem Schicksal Serbiens nicht gleichgültig gegenüberstehen6 und dadurch auch Raum für die Annahme eines militärisches Engagements lässt. Überzeugt davon, dass Österreich- Ungarn ein derartiges Vorgehen nicht ohne die Rückendeckung Deutschlands wagen könne, wendet sich Sasonow an die Botschafter der Ententepartner und erbittet Unterstüt- zung für den russischen Standpunkt. Dabei solle auch durch Abgabe einer Absichtserklä- rung an Berlin, ein Krieg ließe sich nicht auf den Balkan beschränken und man würde dann auf der Seite Russlands in einen solchen eintreten, dieses zu einer Rücknahme sei- ner Unterstützung für den Verbündeten bewegt werden. Auf die Unterstützung der franzö- sischen Regierung glaubt sich Sasonow dabei voll verlassen zu können,7 während die englische Seite es zur seiner Enttäuschung vermeidet einen so starken und mit so weitge- henden Zusagen verbundenen Druck auf Deutschland auszuüben.8 Mehrfach wird dem englischen Botschafter Buchanan dargelegt, Russland wolle keinen Krieg, es werde aber vor einem solchen nicht zurückschrecken.9 Der englische Botschafter in St. Petersburg stellt in einem Telegramm vom 24. Juli die Dinge anders dar, als es Sasonow in seinem nach dem Krieg erschienen Werk tut. So ist von einem von Russland erwünschten Einwir- ken auf Deutschland nicht die Rede. Der Botschafter bewertet die Worte Sasonows derart,es gelte auf Österreich-Ungarn einzuwirken. Auch richtet er an den Minister die Frage, ob Russland das Donaureich bekriegen werde, wenn dieses gegen Serbien militärisch vorgehe. Sasonow antwortet dem Telegramm zufolge ausweichend: Auf einer Ministerratssit- zung am Nachmittag des Tages würde die Frage beantwortet werden; er glaube aber Russland werde mobilmachen müssen.1 In einem Punkt besteht allerdings Übereinstimmung: In der Berichterstattung über die Prophezeiung Sasonows, nur wenn England jetzt eine „feste Position“ gegenüber Berlin an der Seite Russlands und Frankreichs einnehme, würde der große Krieg verhindert werden können. Täte England dies aber nicht, käme es zum Krieg, da Deutschland von der englischen Neutralität überzeugt sei und am Ende würde England doch in diesen hineingezogen werden.2

Unter diesem Eindruck tritt der russische Ministerrat noch am Nachmittag des 24. Juli zu- sammen und genehmigt mehrere Vorschläge des Außenministers Sasonow. So soll an Österreich-Ungarn die Bitte gerichtet werden das Ultimatum zu verlängern. Überdies möge an Serbien die Empfehlung ausgesprochen werden, dem Kampf mit den Truppen der Do- naumonarchie durch Rückzug aus dem Wege zu gehen und die Großmächte um Vermitt- lung zu bitten. Weiterhin wird als flankierende Maßnahme vom Ministerrat beschlossen, die Teilmobilmachung im Zarenreich (in dem südlichen Militärbezirken Odessa, Kiew, Moskau und Kasan) sowie die Mobilisierung der Schwarzmeer- und der Ostseeflotte dann anzuordnen, wenn die Umstände dies erforderten. Damit die Teilmobilmachung nicht als gegen Deutschland gerichtet missverstanden werden kann, unterbleibt sie im an Deutsch- land angrenzenden Militärbezirk Warschau.3

Die Antwortnote Serbiens vom 25. Juli wird von der russischen Seite als weitgehend den Wünschen Wiens entsprechend bewertet und diese könnte als Ausgangspunkt für eine Verbesserung der Beziehungen beider Länder dienen, wofür die russische Regierung, wie der Botschafter Österreich-Ungarns nach Wien berichtet, ihre Unterstützung anbietet.4 Einen weiteren Versuch die Führung des Donaureiches von einem Angriff auf Serbien abzubringen unternimmt Sasonow, indem er den italienischen Außenminister San Giuliano bitten lässt an seinen österreichisch-ungarischen Kollegen Berchtold heranzutreten und ihn daraufhin zu weisen, dass eine Lokalisierung des Krieges auf dem Balkan nicht möglich sei, da Russland Serbien in jedem Falle unterstützen werde.5

Am 25. Juli findet in Krasnoje Selo ein Kronrat statt. Der Kriegsminister Suchomlinow, der zur Teilnahme befohlen wird, erinnert sich, dass er nicht an einen näher kommenden Krieg glaubt und der Sitzung zunächst keine größere Bedeutung beimisst. Eine Veranlassung seinen Adjutanten und den Chef des Generalstabes mitzunehmen sieht er daher nicht. Außenminister Sasonow erläutert der Runde, dass die Donaumonarchie mit diplomati- schen Mitteln in ihrem Auftreten gegenüber Serbien nicht zu mäßigen sei und fordert da-her eine militärische Machtdemonstration. Die Ententemächte Frankreich und England, so gewinnen die Teilnehmer den Eindruck, stünden dabei hinter Russland. Von der Möglich- keit eines Krieges ist nicht die Rede, sodass bei vielen Teilnehmern immer noch die Erwar- tung eines friedlichen Ausganges der Krise vorherrscht. Im Schlusswort hält es der Zar für erforderlich die Teilmobilmachung für den Fall anzuordnen, dass auf diplomatischem We- ge auch weiterhin keine Erfolge zu erreich sind, wobei dieses Instrument besonders ge- eignet sei, da hierdurch kein feindseliges Verhalten gegenüber Deutschland zum Ausdruck gebracht werde. Allerdings ist schon für den folgenden Tag, den 26. Juli, der Zustand der Vormobilmachungsperiode, eine Maßnahme unterhalt der Mobilmachung, in Kraft zu setzen.1 Der britische Botschafter in St. Petersburg berichtet hierüber Außenminister Grey2:

„Minister des Äußeren teilte uns dann mit, heute morgen habe Kaiser im Ministerrad unter seinem Vorsitz Entwurf kaiserlichen Ukases genehmigt, der erst veröffentlicht werden soll, wenn Minister des Äußeren Augenblick für seine Inkraftsetzung gekommen erachtet, und der Mobilmachung von 1 100 000 Mann anordnet. Notwendige einleitende Maßnahmen für Mobilmachung würden jedoch sofort begonnen werden.“

Die Anordnung einer Teilmobilmachung gilt unter russischen Militärs als problematisch, da es bei einer später erforderlich werdenden Generalmobilmachung zu Problemen und Ver- wirrung kommt, sodass Russland dadurch leicht in eine gefährliche Lage geraten kann. Überdies sehen sich die Militärs in der Bündnispflicht zu Frankreich, welche, so schreibt der ehemalige Generalquartiermeister des russischen Generalstabes J. Daniloff (1925), unter allen Umständen erfüllt werden müsse3, im Falle des Ausbruchs eines allgemeinen Krieges gemäß der Französisch-Russischen Militärkonvention eine Offensive gegen Deutschland zu unternehmen. Zu bedenken ist hierbei, dass sich gemäß der Besprechung der beiden Generalstäbe die russische Seite verpflichtet hat den Angriff auf den Osten Deutschlands seit 1900 am 18. Kriegstag, seit 1910 am 20. und seit 1911 wieder am 18. Tage zu beginnen.4 Darüber hinaus bekundet der russische Generalstabschef Shilinski, der Aufmarsch an der deutschen Grenze sei am 15. Tage weitgehend abgeschlossen und man sei bemüht schon von diesem Tage an zum Angriff überzugehen.5 Diese Zusage gilt auch noch in den Besprechungen von 1912 und 1913.6

Gleichzeitig versucht Russland auch mäßigend zu wirken. So kann der deutsche Botschafter in St. Petersburg Pourtalès am 27. Juli seinen Vorgesetzten in Berlin von versöhnlichen Wendungen Sasonows berichten7:

„Ew. Exzellenz können versichert sein, dass Russland das Vertrauen in seine Friedensliebe nicht täuschen werde. Er sei bereit, in seinem Entgegenkommen gegen Österreich bis zur Grenze zu gehen und alle Mittel zu erschöpfen, um Krisis friedlicher Lösung entgegenzuführen.

Nachdem Österreich sein Territorialdesinteresse erklärt und noch keinen feindlichen Schritt gegen Serbien unternommen habe, sei nach seiner Ansicht der Augenblick gekommen durch Gedankenaustausch zwischen den Mächten zu suchen, um Österreich „goldene Brücken“ zu bauen.“

Sogar von einer „verdienten Lektion“ für Serbien - jedoch unter Schonung seiner Souveränitätsrechte - ist hierbei die Rede des Außenministers,1 der offenbar unter dem Eindruck der von österreichisch-ungarischer wie deutscher Seite gemachten Zusicherung, Wien erstrebe keine territorialen Erwerbungen zu Lasten Serbiens,2 möglicher Weise noch weiteres Entgegenkommen Österreich-Ungarns für wahrscheinlich erachtet.3 Der Ausdruck von der „verdienten Lektion“ für Serbien macht bei den Deutschen großen Eindruck und findet bei diesen mehrmalige Erwähnung.4

Auch kann Sasonow am 27. Juli von direkten Verhandlungen mit dem österreichisch-un- garischen Botschafter in St. Petersburg, die einen günstigen Anfang genommen hätten, ebenso berichten wie vom englischen Vorschlag einer Viererkonferenz, wofür das Einverständnis der russischen Regierung ersucht werde5:

„Der englische Botschafter hat im Auftrage seiner Regierung angefragt, ob wir damit einverstanden sind, dass England die Initiative zur Einberufung einer Konferenz von Vertretern Frankreichs, Deutschlands und Italiens in London ergreift, um zu vieren die eventuellen Auswege aus der Situation zu erörtern. Ich habe dem Botschafter geantwortet, dass meine direkten Verhandlungen mit dem österreichischen Botschafter einen günstigen Anfang genommen hätten, dass ich aber noch keine Antwort auf den von mir gemachten Vorschlag einer gemeinsamen Prüfung der Note hätte. Sollte unsere direkte Rücksprache mit dem Wiener Kabinett keinen Erfolg haben, so sei ich bereit, einen englischen Vorschlag, und zwar diesen oder auch jeden anderen, anzunehmen, der imstande sei, den Konflikt friedlich zu lösen.“

In einer zusätzlichen, nur für die russischen Botschaften in London und Paris bestimmten Mitteilung wird der Grund für die nicht vorbehaltlose Zustimmung zu Greys Vorschlag offenbar. Sasonow befürchtet, die Botschafterkonferenz würde - so wie 1912/13 - Druck auf Russland ausüben:

„Ich möchte jedoch vorher ein Missverständnis beseitigen, das sich in die Antwort des französischen Justizministers an den deutschen Botschafter eingeschlichen hat. Wenn es sich um irgendeinen mäßigenden Druck in Petersburg handelt, so lehnen wir diesen von vornherein ab, denn wir haben vom ersten Anfang an eine Haltung eingenommen, an der wir nichts ändern können, weil wir bereits allen annehmbaren Forderungen Österreichs entgegenkommen.“

Mit der versöhnlichen Tonlage und den viel versprechenden Wirkungsansätzen ist es am 28. Juli zunächst vorbei, als die Nachricht von der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an Serbien Russlands Hauptstadt erreicht. Dabei spricht der russische Botschafter in Wien Schebeko noch an diesem Tag mit dem gemeinsamen österreichisch-ungarischen Außenminister Berchtold und erläutert diesem die russische Sicht der Dinge, aus einem militärischen Zusammenstoß zwischen der Donaumacht und Serbien werde sich ein allgemeiner Krieg entwickeln. Doch Berchtold lässt sich davon kaum beeinflussen. In einer Meldung an Sasonow vermutet Schebeko6:

„Aus meiner Unterredung habe ich den Eindruck gewonnen, dass die österreichisch-ungarische Regierung sich im gegenwärtigen Augenblick entschlossen hat, Serbien einen Schlag zu versetzen, um ihr Prestige auf dem Balkan und im eigenen Land zu heben, und dass sie für die Lokalisierung des Konflikts auf Deutschlands Unterstützung und die Friedensliebe der übrigen Mächte rechnet.“

Nach Darstellung Suchomlinows (1924) ist es Sasonow, der dem Generalstabschef nun den Auftrag erteilt zwei Anordnungen vorzubereiten, die dem Zaren zur Genehmigung vorgelegt werden sollen: Den Befehl zur Teilmobilmachung und zugleich den zur Gene- ralmobilmachung. Es solle dann je nach Stand der eingetretenen internationalen Lage die besser geeignete Maßnahme zur Anwendung gelangen.1 Daniloff (1925) stellt die Dinge anders dar. Hier sind es die Angehörigen des Generalstabs, die mit der Teilmobilmachung unzufrieden sind. Bei den militärischen Fachleuten ist die Abneigung gegen diesen so groß, dass der Gedanke aufkommt, es wäre besser jegliche Mobilmachung zu unterlas- sen, als die falsche anzuordnen, denn in diesem Falle könnte Serbien kein Schutz durch Russland gewährt werden.2 Denikin (1975) bietet eine weitere Erklärung, nämlich die, dass es eine russische Teilmobilmachung überhaupt nicht gibt, eine solche sei vom Generalstab nicht vorbereitet worden. Jede Maßnahme im Rahmen einer „Teilmobilmachung“ wäre damit reine Improvisation.3 Der Chef des Generalstabes Janus- chkewitsch hat zunächst keine Einwände gegen das von Zivilisten ersonnene Vorhaben, durch welches auf Österreich-Ungarn nicht aber auf Deutschland eine Wirkung erzielt werden soll. Allerdings bekleidet er das Amt erst seit einigen Monaten und ist mit den Mo- bilmachungsmodalitäten noch wenig vertraut. Unter dem Druck der von seinen Gehilfen, darunter auch Daniloff, vorgebrachten Argumenten lässt er sich von der Problematik der Teilmobilmachung überzeugen und genehmigt, dass neben dem Entwurf zur Teil- auch der zur Generalmobilmachung vorbereitet und dem Zaren vorgelegt wird.4 Der Zar unterzeich- net die beiden Anordnungen, ebenso wie es weitere zur Inkraftsetzung derselben erforder- liche Minister tun, sodass diese Wirksamkeit erlangen. Sofort ausgelöst wird gemäß der Festlegung von Krasnoje Selo jedoch die Teilmobilisierung in den vier südlichen Militärbe- zirken mit insgesamt 13 Armeekorps beschlossen. Ihr erster Mobilmachungstag soll der 29. Juli sein.5 Dem russischen Botschafter im Berlin6 und dem deutschen Botschafter in St. Petersburg7 wird eröffnet, dass sich die Militärmaßnahme nur gegen Österreich-Un- garn, nicht aber gegen Deutschland gerichtet seien. Ebenfalls am 28. Juli erfährt der Zar, dass Kaiser Wilhelm seinen Sommerurlaub beendet hat und richtet in einem Telegramm an ihn die Bitte auf Österreich-Ungarn einzuwirken, damit dieses gegen Serbien nicht zu weit gehe und es nicht zu einem europäischen Krieg komme, denn der russische Herr- scher fürchtet, bei fortschreitender Entwicklung zum Mittel des Krieges greifen zu müs- sen8:

„Ich bin froh, dass Du zurück bist. In diesem äußerst ernsten Augenblick wende ich mich an Dich um Hilfe. Ein unwürdiger Krieg (Österreich-Ungarns, d. Autor) ist an ein schwaches Land (Serbien, d. Autor) erklärt worden. Die Entrüstung in Russland, die ich völlig teile, ist ungeheuer. Ich sehe voraus, dass ich bald dem auf mich ausgeübten Druck erliegen und gezwungen sein werde, äußerste Maßnahmen zu ergreifen, die zum Kriege führen werden. Um solch ein Unheil wie einen europäischen Krieg zu verhüten, bitte ich Dich im Namen unserer alten Freundschaft, alles Dir Mögliche zu tun, um Deinen Bundesgenossen davon zurückzuhalten, zu weit zu gehen.“

Am folgenden 29. Juli, überschlagen sich die Ereignisse in St. Petersburg. Es beginnt um 11.00 Uhr, als der deutsche Botschafter Pourtalès bei Außenminister Sasonow vorspricht und nach russischer Darstellung1 erklärt, Berlin werde die Versuche fortsetzen auf seinen Verbündeten einzuwirken, um die Wiener Regierung im Konflikt mit Serbien zu mäßigen. Für ein derartiges Gelingen sei es allerdings wichtig, dass die russische Seite keine vor- zeitige Mobilmachung anordnet. Um 15.00 Uhr erscheint Pourtalès erneut bei Sasonow, um ein Telegramm des Reichskanzlers Bethmann Hollweg vorzulesen. Nach den Tages- aufzeichnungen des russischen Außenministeriums solle Russland nicht nur eine Mobil- machung unterlassen, sondern auch jene militärischen Maßnahmen einstellen, die von vorbereitender Art bereits angeordnet worden sind. Komme die russische Regierung die-ser Forderung nicht nach, so sehe sich Deutschland genötigt selbst mobil zu machen, wobei dann ein sofortiger Angriff erfolgen werde. Der russische Außenminister geht, empört über das Verlesene, nicht näher auf die Inhalte ein. Es kommt zu gegenseitigen Vorwürfen und scharfen Protesten. Man geht „sehr kühl auseinander“.

Der Inhalt der Aufzeichnungen des russischen Außenministeriums lässt sich mit den Aus- sagen aus den deutschen Telegrammen nicht in Übereinstimmung bringen. So künden die Telegramme 1302 und 1313, deren Inhalt Pourtalès Sasonow am Vormittag näher bringt, vom Versuch die Verständigung zwischen den Mächten Österreich-Ungarn und Russland herbeizuführen, nicht aber vom Bestreben Deutschlands seinen Verbündeten zur Mäßi- gung im Umgang mit Serbien zu bewegen. Auch ist nicht glaubhaft, dass der deutsche Botschafter das Telegramm des Reichskanzlers (Nr. 134)4 bereits um 15.00 Uhr vorliest, da dieses wohl erst um 16.35 Uhr in der Botschaft eintrifft und Pourtalès eigenen Angaben zufolge sich zwischen 18.00 und 19.00 Uhr zum Minister begibt.5 Der Versuch des deut- schen Botschafters die Inaussichtstellung eines Krieges nicht als Drohung, sondern als „freundschaftliche Warnung“ herunterzuspielen misslingt völlig. Aus russischer Sicht duldet (oder fördert) Deutschland die Mobilmachung der Doppelmonarchie und lässt diese ihren Fortgang nehmen, während es unter Kriegsandrohung nicht bereit ist gleiches von russi- scher Seite zu tolerieren. Nach dem Kriege wird Sasonow über diesen 29. Juli schreiben, dass die russischen Entscheidungsträger („wir“) gerade unter dem Einfluss des an diesem Tage durch den deutschen Botschafter vorgetragenen Telegramms Nr. 134 stehend klar erkannten, dass der Krieg zwischen den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Un- garn auf der einen und Russland und Frankreich auf der anderen Seite nicht mehr abzu- wenden sei.6

Kurz darauf ruft der Zar bei Sasonow an und berichtet von einem soeben bei ihm einge- gangenen Telegramm des Deutschen Kaisers, der die Bitte ausspricht, der Zar möge es nicht zum Krieg kommen lassen. Etwas später erreicht die als erschütternd empfundene Nachricht die Sängerbrücke1, die Beschießung Belgrads durch die k.u.k. Streitkräfte habe begonnen. Danach findet eine Kabinettssitzung statt, in der die Frage behandelt wird, ob die Teilmobilmachung Russlands in dieser verschärften Situation genüge oder eine Gene- ralmobilmachung erforderlich sei. Unter dem Eindruck frisch gewonnener Erkenntnisse wird die Befürchtung geäußert, ein Krieg mit Deutschland sei wahrscheinlich. Da des Wei- teren ein Übergang von der Teil- zur Generalmobilmachung nur mit Schwierigkeiten mög- lich sei und eine Teilmobilmachung von militärischer Seite daher von vorn herein uner- wünscht war,2 soll an ihrer Stelle die sofortige Generalmobilmachung verfügt werden. Die Tagesaufzeichnung des russischen Außenministeriums vom 29. Juli vermerkt die Ent- scheidung der Teilnehmer für eine Generalmobilmachung und deren Genehmigung durch den Zaren:3

„Nach allseitiger Erörterung der Lage gelangten beide Minister und der Chef des Generalstabes zu dem Schluss, dass es wegen der geringen Wahrscheinlichkeit, den Krieg mit Deutschland zu vermeiden, notwendig sei, sich rechtzeitig in jeder Weise für ihn vorzubereiten, und man deshalb nicht riskieren könne, die allgemeine Mobilmachung später aufzuhalten, indem man jetzt eine Teilmobilmachung ausführe. Der Endentscheid der Konferenz wurde sofort Seiner Majestät telephonisch mitgeteilt, der seine Zustimmung zur Erteilung der entsprechenden Anordnungen gab. Die Nachricht davon wurde von dem engen Kreise der in die Angelegenheit eingeweihten Personen mit Begeisterung aufgenommen.“

In den späten Stunden des 29. Juli erreicht ein zweites Telegramm Wilhelms an diesem Tag den russischen Herrscher. Der Kaiser schreibt, er versuche eine direkte Verständi- gung zwischen St. Petersburg und Wien zu erreichen. Militärische Maßnahmen Russ- lands, die Österreich-Ungarn als Bedrohung ansehen könnte, sollten jedoch unterbleiben, da sie ein Unheil, welches beide Monarchen vermeiden wollten, herbeiführen und Wil- helms Stellung als Vermittler gefährden würde.4 Die Intervention des Deutschen Kaisers zeigt einen bemerkenswerten Erfolg: Der Zar, der einen Krieg abzuwenden trachtet und dem von einigen Beratern offenbar vorsichtigeres Handeln in der Krise nahegelegt wird,5 lässt die in den Morgenstunden des 29. Juli6 genehmigte Generalmobilmachung rückgän- gig machen. Die Tagesaufzeichnung des russischen Außenministeriums vom 29. Juli erwähnt:7

„Gegen 11 Uhr abends teilte der Kriegsminister dem Außenminister telephonisch mit, er habe den Allerhöchsten Befehl erhalten, die allgemeine Mobilmachung einzustellen.“

Es bleibt aber bei der Teilmobilisierung der russischen Streitkräfte - zum Entsetzen der zaristischen Militärs und Minister, die bekanntlich der Auffassung sind,

„dass die Entscheidung Russland, für den Fall einer Verschärfung der Beziehungen zu Deutschland, in eine äußerst gefährliche Situation zu bringen drohe.“8

Und weiter:

„Die Stimmung war ziemlich gedrückt, und das Gespräch berührte fast ausschließlich die Notwendigkeit, darauf zu bestehen, dass die allgemeine Mobilmachung schleunigst angeordnet werde, da die Unvermeidlichkeit eines nahen Krieges mit Deutschland für jedermann immer klarer wurde. A.W. Krivoscheïn1 gab der Hoffnung Ausdruck, dass es S.D. Sasonow gelingen werde, den Zaren zu überzeugen, da wir im entgegengesetzten Falle, nach seinen Worten, einer sicheren Katastrophe entgegentrieben“.

Kurz nach Mitternacht wendet sich Nikolaus in einem Telegramm an Wilhelm und erläutert ihm, die militärischen Maßnahmen, also die befohlene und mittlerweile auch in Berlin be- kannte Teilmobilmachung, seien lediglich zur Verteidigung gegen Österreich-Ungarn aus- gelegt. Er hoffe, die Vermittlungstätigkeit des Deutschen Kaisers sei hiervon unbeeinträch- tigt und dessen Druck auf den Verbündeten, von dem er ausgeht, bleibe bestehen, damit dieses zu einer Verständigung mit Russland komme. Auch entsende er General Tatischt- schew, der auch das Vertrauen Wilhelms genießt,2 mit weiteren Informationen nach Berlin.3 Der Zar versucht die entstandene schwierige Lage zu meistern und durch einen Kompromiss beiden Seiten bestmöglich entgegenzukommen: Den Deutschen erspart er die Generalmobilmachung und hofft auf den Erhalt der Vermittlung Wilhelms, die Interes- sen der eigenen Seite sucht er durch Beibehaltung der Teilmobilmachung zu wahren. Da für seine Minister und Militärs völlig unklar ist, welcher Art die Mediationsbemühungen der Deutschen sind, verstärken sich nach der Zurückweisung des englischen Vorschlages ei- ner Botschafterkonferenz vom 26. Juli zur Beilegung des Balkankonfliktes durch die deut- sche Regierung die Zweifel an der Aufrichtigkeit der von deutscher Seite vermeintlich ge- äußerten Absicht ihren Einfluss in Wien zur Abwendung eines Krieges einzusetzen.4 Niko- laus gelingt es indes keine der Seiten zufrieden zu stellen, sondern erreicht das Gegenteil und bringt vielmehr beide gegen sich auf. Die Deutschen, ohne Kenntnis vom Entgegen- kommen des Zaren, also der Rücknahme der Generalmobilmachung, stellen fest, dass ihre dringende Bitte, nämlich die Unterlassung der Militärmaßnahmen durch die Anord-nung der Teilmobilmachung keine Berücksichtigung findet, während die russischen Minis- ter und Militärs, in diesem Fall das Schlimmste bei einen möglichen Krieg mit Deutschland befürchtend, alles daran setzen die als schwere Fehlentscheidung des Monarchen erach- tete Anordnung zu revidieren. Hierzu kann der Präsident der Duma, Rodzjanko, berichten, der sich in Deutschland zur Kur aufhielt und kurz vor Kriegsbeginn nach St. Petersburg zurückeilt5:

„Während der letzten Tage vor dem Kriege war ich in Nauheim, wo ich eine Kur gebrauchte. Bei meiner Rückkehr nach Petersburg erfuhr ich, dass am Tage vorher der Kriegsminister Suchomlinow mehrmals tele- phonisch nach mir gefragt habe. Ich fuhr zu ihm, und es kam zu folgender Unterredung:

„Ich habe Sie zu mir gebeten“, sagte Suchomlinow. „weil ich in einer unmöglichen Lage bin. Stellen Sie sich vor: der Kaiser (der Zar, d. Autor) ist plötzlich schwankend geworden und hat den Befehl erteilt, die Mobilma- chung in den Bezirken, wo gegen Österreich vorgegangen werden soll, einzustellen!6 Ich kann keinerlei Er- klärung für diesen Entschluss finden! Falls dies Absicht durchgeführt wird, kann die Lage geradezu katastro-phal werden! Alle Karten und Mobilmachungsbefehle sind bereits an die zuständigen Stellen verteilt. zurück- nehmen kann man sie nicht, und jede Verzögerung muss verderblich werden! Was soll ich machen? Raten Sie mir!“

„Deutschland wird uns unter allen Umständen den Krieg erklären“, antwortete ich dem Minister, „und wenn die geringste Verzögerung entsteht, werden die Deutschen ohne jeglichen Widerstand unsere Grenze über- schreiten. Bei der Durchfahrt durch Wirballen habe ich überall an der deutschen Grenze deutsche Kavallerie in feldmarschmäßiger Ausrüstung fertig zum Losschlagen, gesehen. Sie müssen dem Kaiser davon sofort Meldung erstatten.“

Am 30. Juli findet, so berichtet Suchomlinow, eine Sitzung des Ministerrates statt. War zu- vor sie Wahrscheinlichkeit eines Kriegsausbruches von den Teilnehmern als recht hoch bewertet worden, so erläutert Sasonow, der Krieg ließe sich kaum noch abwenden.1 Ob- wohl der französische Botschafter an diesem Morgen Sasonow von jeglichen Militärmaß- nahmen abrät, die Deutschland als Mobilisierungsgrund ansehen könnte,2 versuchen die russischen Militärs in der Folge den Zaren für die Anordnung der Generalmobilmachung zu gewinnen. Die Tagesaufzeichnungen des russischen Außenministeriums künden von diesen Bemühungen3:

„Gegen 11 Uhr vormittags traf der Außenminister beim Chef des Generalstabes wieder mit dem Kriegsminis- ter zusammen. Die über Nacht eingelaufenen Nachrichten hatten in allen noch mehr die Überzeugung ge- festigt, dass es dringend notwendig sei, sich ohne Zeitverlust auf einen ernsthaften Krieg vorzubereiten. Demgemäß blieben die Minister und der Chef des Stabes wie früher bei der am Vortage von ihnen ausge- sprochenen Ansicht, dass es notwendig sei, zur allgemeinen Mobilmachung zu schreiten. Generalleutnant Suchomlinow und General Januschkewitsch bemühten sich von neuem, den Kaiser telephonisch zu bewe- gen, auf seinen gestrigen Entschluss zurückzukommen und zu gestatten, zur allgemeinen Mobilmachung zu schreiten. Seine Majestät lehnte diese Bitte entschieden ab, und erklärte kurz, er breche das Gespräch ab.“

Um 14.00 Uhr bittet der russische Generalstabschef Januschkewitsch Außenminister Sa- sonow zu einer außerordentlichen Sitzung, bei der auch der Kriegsminister Suchomlinow zugegen ist. Gemäß dem nach dem Kriege abgefassten Bericht Sasonows bringen die Mi- litärvertreter ihre größten Sorgen zum Ausdruck. Nach ihrer Überzeugung ist die Abwen- dung eines Krieges nicht mehr möglich, denn nach geheimen Informationen des General- stabschefs werde die deutsche Mobilmachung im Verborgenen vorangetrieben und sei be- reits viel weiter fortgeschritten, als dies gemeinhin angenommen werde. Um gegen Deutschland bestehen zu können, müsse die Generalmobilmachung angeordnet werden, wofür höchstens noch 24 Stunden Zeit bliebe. Werde diese aber später in Kraft gesetzt, so könnte sie zu spät kommen, er müsse im Falle der Verzögerung der Generalmobilma- chung jegliche Verantwortung ablehnen. Bei all dem ist, wie Sasonow auffällt, von Österreich-Ungarn nicht mehr die Rede. Die Generäle richten an den Außenminister die Bitte sich in dem genannten Sinne beim Zaren einzusetzen.4

Der Teil der Tagesaufzeichnungen des Außenministeriums, der die Besprechung von 14.00 Uhr wiedergibt, verzichtet auf eine deutliche Darstellung wie sie sich aus der Erinne-rung Sasonows ergibt. Wiederum wird auf die Schwierigkeit der Umwandlung einer Teil- in die Generalmobilmachung verwiesen:1

„Der Chef des Stabes bat S.D. Sasonow inständigst, den Kaiser unbedingt zu bewegen, dass er seine Zustimmung zu der allgemeinen Mobilmachung gäbe, weil uns äußerste Gefahr drohe, einem Kriege mit Deutschland unvorbereitet gegenüberzustehen, wenn die Umstände uns doch zur Ergreifung energischer Maßnahmen nötigen sollten, nachdem der Erfolg einer allgemeinen Mobilmachung durch die vorherige Durchführung einer Teilmobilisation kompromittiert sein würde.“

Für den Fall, dass es Sasonow gelingt beim Zaren die Genehmigung der Generalmobil- machung zu erreichen, bittet Januschkewitsch um sofortige telefonische Mitteilung.

„Danach“, sagte Januschkewitsch,„werde ich fortgehen, werde mein Telephon zerbrechen und überhaupt alle Maßnahmen treffen, damit ich völlig unauffindbar bin, falls man mir etwa entgegengesetzte Befehle im Sinne eines neuen Widerrufes der allgemeinen Mobilmachung erteilen will.“

Am frühen Nachmittag gelingt es Sasonow mit dem Zaren zusammenzutreffen.

„Fast eine ganze Stunde lang versuchte der Minister nachzuweisen, dass der Krieg unvermeidlich geworden sei, da man aus allem ersehe, dass Deutschland entschlossen sei, die Dinge zu einem Konflikt kommen zu lassen; sonst hätte es nicht alle friedlichen Vorschläge, die gemacht worden waren, zurückgewiesen, und es hätte seinen Bundesgenossen leicht zur Vernunft bringen können. Bei dieser Sachlage bleibe nichts anderes übrig, als alles zu tun, was nötig sei, um dem Kriege völlig gerüstet und in der für uns günstigsten Position gegenüberzustehen. Ohne davor zurückzuscheuen, dass wir durch unsere Vorbereitungen den Krieg he-rausforderten, sei es daher besser, wenn wir uns sorgfältig mit diesen Vorbereitungen befassten, anstatt aus Furcht, einen Vorwand zum Kriege zu geben, unvorbereitet von ihm überrascht zu werden.“

Dass die Generalmobilmachung den Krieg bringen wird, erkennt Nikolaus. Sasonow überliefert dessen in seiner Gegenwart geäußerte Worte2:

„Das heißt hunderttausende von Russen dem Tode weihen. Wie soll man vor so einer Entscheidung nicht zurückschrecken.“

Am Ende lässt sich der Zar durch Außenminister Sasonow von der angeblichen Erforderlichkeit der Generalmobilmachung überzeugen:

„Sie haben recht. Uns bleibt nichts anderes zu tun übrig, als den Angriff abzuwarten. Übermitteln Sie dem Generalstabschef meinen Befehl zur Mobilmachung.“

Die Tagesaufzeichnung des russischen Außenministeriums vermerkt hierzu3:

„Schließlich gab der Kaiser zu, dass es unter den gegenwärtigen Umständen das Gefährlichste wäre, sich nicht rechtzeitig auf den offensichtlich unvermeidbaren Krieg vorzubereiten, und er erteilte deshalb seine Erlaubnis, sofort an die allgemeine Mobilmachung heranzutreten.

S.D. Sasonow erbat die allerhöchste Genehmigung, unverzüglich telephonisch den Chef des Generalstabes davon zu benachrichtigen, und nachdem er diese erhalten hatte, eilte er in die untere Etage des Palais zum Telephon. Er übermittelte den Allerhöchsten Befehl dem General Januschkewitsch, der diesen mit Geduld erwartete, und fügte mit Bezug auf das Gespräch vom Vormittag hinzu: „Jetzt können Sie Ihr Telephon zer- brechen.“

Der Zar kann sich also der mit Vehemenz vorgebrachten Argumentation nicht entziehen und erteilt zum zweiten Mal binnen 48 Stunden die Genehmigung zur Generalmobilma- chung der russischen Streitkräfte, wohl wissend, dass der europäische Krieg immer näher rückt, den er auch jetzt noch aufs Stärkste zu verhindern bemüht ist. Zum ersten Tag der Generalmobilmachung wird der darauf folgende 31. Juli 0.00 Uhr bestimmt. Ebenfalls an diesem 30. Juli treffen in St. Petersburg im Laufe des Tages zwei Besorgnis erregende Meldungen aus Deutschland ein. Einmal ist es der Bericht des „Berliner Lokalanzeigers“,

Deutschland habe mobilisiert,1 welcher von der russischen Botschaft in Berlin weitergeleitet wurde. Dann werden dieser die Beobachtungen eines durchreisenden russischen Militärangehörigen zugetragen, die von Truppenkonzentrationen an Eisenbahnstationen berichten. Aus beiden vermeintlichen Erkenntnisse verfestigt sich in St. Petersburg die Einschätzung, die deutsche Mobilmachung habe bereits begonnen, sie sei eine Generalmobilmachung und ihr erster Mobilmachungstag sei der 30. Juli.2

In der Nacht vom 31. Juli zum 1. August 1914 erreicht St. Petersburg ein auf 12 Stunden befristetes Ultimatum der deutschen Regierung, in dem die Rückgängigmachung aller Mo- bilisierungsmaßnahmen, auch derjenigen gegen Österreich-Ungarn, dringend gefordert wird, was von russischer Seite als Aufforderung bewertet wird die Verteidigung niederzule- gen und dadurch vor den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn zu kapitulieren.3 Um 19.00 Uhr wird nach dreimaliger Anfrage des deutschen Botschafters bei Außenminister Sasonow, ob den Forderungen entsprochen worden sei, ohne indes die erwünschte Antwort zu erhalten, an Russland die Kriegserklärung ausgesprochen,4 die die russischen Staatsmänner und Militärs längst erwartet haben und sie in der Vorstellung be- stärken, mit der Entscheidung zur Mobilisierung richtig gehandelt zu haben. So lässt der Zar, der noch am ehesten einen friedlichen Ausgang der Krise erwartet hat, König Georg V folgende Nachricht überbringen5:

„Österreichs Kriegserklärung gegen Serbien hat mich zu einer teilweisen Mobilmachung gezwungen, obwohl meine militärischen Berater angesichts der bedrohlichen Situation die allgemeine Mobilmachung empfahlen, auch im Blick auf die Geschwindigkeit, mit der Deutschland, verglichen mit Russland, mobil machen kann. Infolge der allgemeinen Mobilmachung in Österreich6, der Bombardierung Belgrads, der Konzentration öster- reichischer Truppen in Galizien und der geheimen militärischen Vorbereitungen in Deutschland war ich schließlich zu diesem Schritt gezwungen. Dass ich recht daran tat, zeigt Deutschlands plötzliche Kriegser- klärung, die für mich einigermaßen unerwartet kam, nachdem ich dem Kaiser Wilhelm kategorisch versichert hatte, meine Truppen würden sich nicht bewegen, solange die Vermittlungsbemühungen andauerten.“

Resümierend ist festzustellen, dass sich Russland durch die Entscheidung im Kronrat von Krasnoje Selo vom 25. Juli derart festlegt, eine kriegerische Überwindung Serbiens durch Österreich-Ungarn oder dessen Herabdrückung zu einem Vasallenstaat der Doppelmon- archie zu verhindern, obschon von einer später möglichen Kriegserklärung an Österreich- Ungarn nicht die Rede ist.7 Ist anfänglich an eine Drohgebärde nur gegen das Habsbur- gerreich gedacht, so rückt bald die Erkenntnis in den Vordergrund, ein isolierter Krieg ge- gen Österreich-Ungarn sei unmöglich, da Deutschland nicht neutral bleiben könne. Eine russische Teilmobilisierung sei damit nicht mehr ausreichend, der wahrscheinliche Krieg gegen beide Großmächte erfordere somit die Mobilmachung der gesamten russischen Streitkräfte.8 Schließlich wird auch ohne dem Vorgehen Österreich-Ungarns auf dem Bal- kan ein Offensivkrieg Deutschlands gegen Russland von den russischen Militärs als sicher erachtet. Die Verfestigung dieser Überzeugung geht so weit, dass man am Ende etwa aus dem haltlosen Gerücht, die deutsche Kriegsflotte liege mobilisiert in Danzig,1 gar Angriffsziele der vermeintlich unmittelbar bevorstehenden deutschen Invasion zu kennen glaubt. Dem englischen Botschafter Buchanan und seinem französischen Kollegen werden diese am 30. Juli von Sasonow geoffenbart2:

„Russische Regierung habe, wie Außenminister uns sagte, absoluten Beweis, dass Deutschland militärische und maritime Vorbereitungen gegen Russland treffe, und zwar besonders in Richtung auf Finnischen Meer- busen.“

Wer hätte sich Anfang Juli, zur Zeit der Hoyos-Mission und des deutschen Blankoschecks für die Wiener Regierung, vorstellen können, dass Deutschland Russland den Krieg er- klärt, obwohl dieses keineswegs zur Verteidigung des slawischen Bruders zu den Waffen greift, als die Doppelmonarchie am 28. Juli Serbien bekriegt, sondern ab dem 30. Juli mit dem Aggressor in einen Gedankenaustausch auf Botschafterebene eintritt, dem Sasonow, inzwischen von der Unabwendbarkeit eines Krieges mit Deutschland überzeugt, allerdings kaum Chancen auf Friedenserhalt einräumt?3 Wer hätte zuvor erwartet, dass den russi- schen Truppen mit dem Einsetzen der Kriegshandlungen gegen Deutschland der Befehl erteilt wird, keine feindselige Haltung gegenüber der mit Serbien im Krieg befindlichen Do- naumonarchie einzunehmen?4 Und wer hätte wissen können, dass Österreich-Ungarn Russland - und nicht umgekehrt - einmal den Krieg erklären wird? Was hat die Regierung des Zaren also erreicht? Das Gegenteil dessen, was sie zu erreichen suchte! Die Wiener Führung, die es mit militärischen Drohungen von einem harten Vorgehen gegen Serbien abzuhalten galt, zeigt sich wenig beeindruckt und lässt sich so von ihrem Vorhaben nicht abbringen, während es zum Krieg mit Deutschland kommt, dessen Entscheidungsträger, trotz russischer Friedensbekundungen an ihre Adresse, unerwartet sensibel und kriegerisch reagieren.

In den Fokus der Betrachtung ist nun jenes Land zu nehmen, das den Krieg der Großmächte entfesselt: Deutschland.

Deutschland

Mitten im Frieden überfällt uns der Feind.

Wilhelm II

Deutscher Kaiser,

König von Preussen

Erst 1871 als Folge gewonnener Kriege zunächst gegen Österreich, später gegen Frank- reich von Bismarck als Kaiserreich gegründet und in der Folgezeit durch ein Geflecht von Bündnissen, die eine Balance der europäischen Mächte schaffen, geschützt, gerät das Reich nach der Entlassung Bismarcks 1890 immer weiter ins bündnispolitische Abseits. Sein Hauptbündnispartner Österreich-Ungarn ist einem schleichenden Verfallsprozess ausgesetzt und es stellt sich die Frage nach dessen Unterstützung. Der deutsche Bot- schafter in Wien, Tschirschky, äußert sich hierzu am Vorabend des Weltkrieges1:

„Wie oft lege ich mir in Gedanken die Frage vor, ob es wirklich noch lohnt, uns so fest an dieses in allen Fugen krachende Staatengebilde anzuschließen und die mühsame Arbeit weiter zu leisten, es mit fort zu schleppen. Aber ich sehe noch keine andere politische Konstellation, die uns einen Ersatz für das immerhin noch vorhandene Plus bieten könnte, das in der Allianz mit der mitteleuropäischen Macht liegt.“

Auch erfährt der von Deutschland geführte Dreibund durch seinen Partner Italien keine bedeutende Stärkung. Unvergessen die schmähliche Niederlage des Expeditionskorps der Möchtegerngroßmacht in Abessinien 1890 gegen den mittelalterlichen, christlichen Kaiser von Äthiopien und dessen ebensolches Heer. Zudem steht Italien innerhalb des Bündnis- ses in starker Rivalität zu Österreich-Ungarn und gilt, ureigene Ziele auch auf Kosten des- selben verfolgend, als unzuverlässig. James Joll (1984) sieht den Vorteil für Deutschland und Österreich-Ungarn darin besser einen unzuverlässigen und unberechenbaren Ver-bündeten wie Italien als gar keinen Verbündeten zu haben.2 Deutschland und der von ihm dominierte Dreibund stehen einem Mächtegruppierung aus französisch-russischer Allianz und der Triple-Entente England, Frankreich und Russland gegenüber, womit die Vorgabe Bismarcks, man habe innerhalb der europäischen Pentarchie immer einem Dreierbündnis anzugehören, verletzt ist, so dass man sich nun mit den stärksten und am höchsten entwi- ckelten, ehemals rivalisierenden, nun aber in der Opposition zu Deutschland geeinigten Mächten konfrontiert sieht. Es ist daher verständlich, dass die deutsche Führung den wei- teren Niedergang des Vielvölkerstaates oder gar dessen Auseinanderbrechen zu verhin- dern trachtet. Die Ermordung des habsburgischen Thronfolgers am 28. Juni trifft daher auch Deutschland und wie in Wien glaubt man auch hier an eine Komplizenschaft des Staates Serbiens am Attentat. Der Reichskanzler Bethmann Hollweg eröffnet seinem Sekretär und Vertrauten Kurt Riezler am 7. Juli3:

„Das amtliche Serbien (ist) beteiligt.“

Außenstaatssekretär Jagow schreibt in diesem Zusammenhang am 15. Juli an den deutschen Botschafter in London Lichnowsky1:

„Es handelt sich jetzt um eine eminent politische Frage, um die vielleicht letzte Gelegenheit, dem Großserbentum unter verhältnismäßig, günstigen Begleitumständen den Todesstoß zu versetzen. Versäumt Österreich diese Gelegenheit, so ist es um sein Ansehen geschehen, und es wird auch für unsere Gruppe ein noch schwächerer Faktor. Da bei den Ew. Durchl. bekannten intimen Beziehungen Englands zu Russland eine andere Orientierung unserer Politik zur Zeit ausgeschlossen erscheint, ist es für uns vitales Interesse, die Weltstellung des österreichischen Bundesgenossen zu erhalten.“

Überdies fürchtet die deutsche Führung die Donaumonarchie als Allianzpartner und letzten zuverlässigen Verbündeten zu verlieren, wenn dieser von Deutschland enttäuscht werden würde. Der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg urteilt hierüber:2

„Unser altes Dilemma bei jeder österreichischen Balkanaktion. Reden wir ihnen zu, so sagen sie, wir hätten sie hineingestoßen; reden wir ab, so heißt es, wir hätten sie im Stich gelassen. Dann nähern sie sich den Westmächten, deren Arme offen stehen, und wir verlieren den letzten mäßigen Bundesgenossen.“

Als Ergebnis der so genannten „Hoyos-Mission“ vom 5. Juli, bei dem der österreichisch- ungarische Legationsrat Hoyos und der Botschafter des Landes in Berlin Szögyény bei Kaiser und Kanzler vorsprechen und um Unterstützung nachsuchen, wird dem Bündnis- partner von deutscher Seite ein „Blankoscheck“ für eine „Aktion“ gegen Serbien ausge- stellt. Es obliegt allein Österreich-Ungarn die Art und den Umfang der Aktion zu bestim- men; eine Einmischung deutscher Stellen wird entschieden abgelehnt. So kritisiert Kaiser Wilhelm schon kurz nach dem Attentat den deutschen Botschafter in Wien, Tschirschky, der gegenüber hochrangigen Vertretern der Doppelmonarchie vor übereilten Schritten im Umgang mit Serbien warnt; Tschirschky meldet dies am 30. Juni nach Berlin:3

„Hier höre ich, auch bei ernsteren Leuten, vielfach den Wunsch, es müsse einmal gründlich mit den Serben abgerechnet werden. Man müsse den Serben zunächst eine Reihe von Forderungen stellen und, falls sie diese nicht akzeptierten, energisch vorgehen. Ich benutze jeden solchen Anlaß, um ruhig, aber sehr nachdrücklich und ernst vor übereilten Schritten zu warnen.“

Der Kaiser vertritt die Auffassung, dadurch werde in unzulässiger Weise in die Angelegenheiten des Nachbarn eingegriffen:

„wer hat ihn dazu ermächtigt? das ist sehr dumm! geht ihn gar nichts an, da es lediglich Österreichs Sache ist, was es hierauf zu tun gedenkt. Nachher heißt es dann, wenns schief geht, Deutschland hat nicht gewollt! Tschirschky soll den Unsinn gefälligst lassen! Mit den Serben muss aufgeräumt werden und zwar bald.“

Für die deutsche Regierung bleibt indes unklar welcher Art das Vorhaben des Verbünde- ten ist. So könnte die „Aktion“ militärischer wie auch nichtmilitärischer Art (z.B. In Form ei- nes Bündnisses mit Bulgarien) sein. Falkenhayn schreibt dem im Kuraufenthalt weilenden Moltke:4

„ ... Dagegen haben S. M. (der deutsche Kaiser, d. Autor) das Handschreiben (von Kaiser Franz-Josef, d.Autor) wie das Memorandum (der Regierung zu Wien, d. Autor) vorgelesen, und aus ihnen habe ich, soweit es bei der Schnelligkeit des Vorgangs möglich war, zu einer Ansicht darüber zu kommen, die Überzeugung von einem festen Entschluss der Wiener Regierung nicht gewonnen. Beide (Handschreiben wie Memoran- dum, d. Autor) schildern die allgemeine Lage der Doppelmonarchie infolge der panslawistischen Treibereien sehr düster. Beide halten es auch für nötig, dass schleunigst etwas dagegen geschieht. Von einem kriegeri- schen Austrag sprechen aber beide nicht, vielmehr deuten sie „energische“ politische Schritte z.B. den Ab-

[...]


1 Conrad, „Aus meiner Dienstzeit“, 4. Bd., S. 162

2 Ebenda, S. 154

3 Conrad, a.a.O., 3. Bd., S. 30

1 Tagebucheintrag Franz Redlichs vom 24. Juli 1914, aus E. Hölzle, „Quellen zur Entstehung des Ersten Weltkrieges“, S. 374; Alexander (Alek) Hoyos ist Legationsrat und Kabinettschef im Außenministerium

2 Conrad, „Aus meiner Dienstzeit“, 4. Bd., S. 36

3 ÖD 10058

4 ÖD 10118

5 Conrad, a.a.O., S. 56.

6 Ebenda, S. 57

1 ÖD 10393; Conrad, „Aus meiner Dienstzeit“, 4. Bd., S. 87ff

2 Tagebucheintrag Franz Redlichs vom 24. Juli 1914, aus E. Hölzle, „Quellen zur Entstehung des Ersten Weltkrieges“, S. 374

3 Conrad, a.a.O., S. 122

1 Tagebucheintrag Franz Redlichs vom 13. Juni 1915 (!), aus W. Baumbach, „Die Julikrise und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914“, S. 195

2 Dietrich von Bethmann-Hollweg ist ein Vetter des deutschen Reichskanzlers

3 Öst. A. VIII. 721-724

4 ÖD 11003

5 Int.Bez. I,5

6 Conrad, „Aus meiner Dienstzeit“, 4. Bd., S. 132

1 ÖD 11003; Der Zeitpunkt der Unterredung und der angesichts der Kriegserklärung der Donaumonarchie an Serbien milde Ton Sasonows, der erst mit der eintreffenden Nachricht von der Beschießung Belgrads durch die k.u.k. Armee umschlägt, läßt die Auslegung zu, dass hier bereits auf die russische Generalmobilmachung abgestellt wird, denn diese wird noch am selben Tag (um 23) Uhr vom Zaren in Kraft gesetzt.

2 ÖD 10937; Die Wiener Führung geht also noch von einer Teilmobilmachung Russlands aus.

3 Conrad, „Aus meiner Dienstzeit“, 4. Bd., S. 151

4 ÖD 11119

1 Telegramme Nr. 192 und 193 vom 30. Juli

2 DD 465

3 DD 388

4 DD 465

5 Tagebucheintrag Franz Redlichs vom 13. Juni 1915 (!), aus W. Baumbach, „Die Julikrise und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914“, S. 195

6 gemeint ist Dietrich von Bethmann Hollweg

1 ÖD 11203

2 B.W. v. Bülow, „Die Krisis“, S. 9

3 ÖD 11118

1 Tagebucheintrag Franz Redlichs vom 24. Juli 1914, aus E. Hölzle, „Quellen zur Entstehung des Ersten Weltkrieges“, S. 374

2 Tagebucheintrag Franz Redlichs vom 13. Juni 1915 (!), aus W. Baumbach, „Die Julikrise und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914“, S. 195

3 Conrad, „Aus meiner Dienstzeit“ - 4. Bd., S. 148

4 Ebenda, S. 156 und S. 165

5 ÖD 11203

6 Bilinski ist der Finanzminister des Doppelstaates

1 Int. Bez. I, 5, 307

2 BD 311

3 Tagesbericht Nr. 3737, DA III, 99 aus I. Geiss, „Julikrise und Kriegsausbruch1914“, 2. Bd., S. 541f

4 Conrad, „Aus meiner Dienstzeit“, 4. Bd., S. 165

1 DD 503, ÖD 11125

1 F. Thiess, „Tsushima“, S. 74

2 Suchomlinow, „Erinnerungen“, S. 224

3 Daniloff, „Russland im Weltkriege“, S. 44

1 Denikin, „The Career of a Tsarist Officer“, S. 219

2 Suchomlinow, „Erinnerungen“, S. 514

3 Ebenda, S. 356

4 BD 40

5 Sasonow, „Sechs schwere Jahre“, S. 219

6 Ebenda, S. 220

7 Ebd., S. 223

8 BD XI. 1, 142 - 143

9 Sasonow, a.a.O., S. 226

1 BD XI. 1, 133 - 136

2 Sasonow, „Sechs schwere Jahre“, S. 224f; BD XI. 1, 133 - 136

3 Int. Bez. I. 5, 25

4 Öst. A. VIII. 850 - 851

5 Sasonow, a.a.O., S. 229

1 Suchomlinow, „Erinnerungen“, S. 357f

2 BD XI. 1, 152 - 154

3 Daniloff, „Russland im Weltkriege“, S. 20

4 Suchomlinow, a.a.O., S. 256

5 Ebenda, S. 256ff

6 Ebd., S. 265

7 DD II. 3 - 4

1 Allerdings findet sich in den 1927 erschienen Memoiren Sasonows keine Bestätigung von der „verdienten Lektion“, dafür wird mehrfach selbst eine Mitschuld des Königreiches Serbien am Fürstenmord von Sarajevo in Abrede gestellt. Sasonow, „Sechs schwere Jahre“,

2 Öst. A. VIII. 721 - 724

3 A. Wegerer, „Der Ausbruch des Weltkrieges 1914“, Bd. 2, S. 12

4 DD II. 3 - 4, DD 323, DD 380

5 Russ. Dok. I. 5, 105

6 Int. Bez. I, 5, 188

1 Suchomlinow, „Erinnerungen“, S. 261

2 Daniloff, „Russland im Weltkriege“, S. 22

3 Denikin, „The Career of a Tsarist Officer“, S. 222f

4 Daniloff, a.a.O., S. 17

5 Sasonow, „Sechs schwere Jahre“, S. 232

6 Int. Bez. I, 5, 168 Geiss S. 206

7 DD 343

8 DD 332

1 Russ. Dok. I. 5, 161 - 163

2 DD 300

3 DD 315

4 DD 342

5 Pourtalès, „Am Scheidepunkt zwischen Krieg und Frieden“, S. 45

6 Sasonow, „Sechs schwere Jahre“, S. 241

1 Sitz des russischen Außenministeriums in St. Petersburg

2 Suchomlinow, „Erinnerungen“, S. 262

3 Russ. Dok. I. 5, 161 - 163

4 DD 359

5 A. Wegerer, „Der Ausbruch des Weltkrieges 1914“, Bd. 2, S. 80

6 Daniloff, „Russland im Weltkriege“, S. 22

7 Russ. Dok. I. 5, 161 - 163

8 Int. Bez. I, 5, 284

1 der russische Landwirtschaftsminister

2 A. Wegerer, „Der Ausbruch des Weltkrieges 1914“, Bd. 2, S. 51

3 DD 390

4 Russ. Dok. I. 5, 161 - 163

5 Rodzjanko, „Erinnerungen“, 96 - 97 aus W. Baumbach, „Die Julikrise und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges“, S.188f

6 Hier irrt Rodzjanko. Nicht die Teilmobilmachung gegen Österreich-Ungarn, sondern die Generalmobilmachung ist auf Befehl des Zaren eingestellt worden.

1 Suchomlinow, „Erinnerungen“, S. 362

2 DF XI, 342

3 Russ. Dok. I. 5, 196 - 198

4 Sasonow, „Sechs schwere Jahre“, S. 246

1 Int. Bez. I, 5, 284

2 Sasonow, „Sechs schwere Jahre“, S. 251f

3 Int. Bez. I, 5, 284

1 Der Zeitungsbericht ist eine Falschmeldung.

2 Daniloff, „Russland im Weltkriege“, S. 26

3 Sasonow, „Sechs schwere Jahre“, S. 260

4 Pourtalès, „Am Scheidepunkt zwischen Krieg und Frieden“, S. 84

5 Int. Bez. I, 5, 451

6 Die Generalmobilmachung des k.u.k. Heeres wird in Wirklichkeit nach der russischen angeordnet.

7 Suchomlinow, „Erinnerungen“, S. 358

8 Daniloff, „a.a.O., S. 17

1 Pourtalès, „Am Scheidepunkt zwischen Krieg und Frieden“, S. 60

2 BD 302

3 Sasonow, „Sechs schwere Jahre“, S. 261

4 Daniloff, „Russland im Weltkriege“, S. 31

1 Scheiben an Staatssekretär Jagow vom 22. Mai 1914 aus W. Baumbach, „Die Julikrise und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges“, S. 32

2 J. Joll, „The Origins of the First World War“, S. 51

3 Tagebucheintrag K. Riezlers vom 7. Juli aus K. D. Erdmann, „Kurt Riezler“, S. 182

1 DD 48

2 Tagebucheintrag K. Riezlers vom 7. Juli aus K.D. Erdmann, „Kurt Riezler“, S. 183

3 DD 7

4 DD I. XII.

Ende der Leseprobe aus 145 Seiten

Details

Titel
1914 - Der gescheiterte Friede
Untertitel
Von Irrtümern, Fehleinschätzungen, Missverständnissen und einem Weltkrieg, den niemand haben wollte.
Autor
Jahr
2014
Seiten
145
Katalognummer
V268107
ISBN (eBook)
9783656588689
ISBN (Buch)
9783656588641
Dateigröße
948 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
friede, irrtümern, fehleinschätzungen, missverständnissen, weltkrieg
Arbeit zitieren
Gerald Eser (Autor), 2014, 1914 - Der gescheiterte Friede, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268107

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