Der jüdische Salonkultur, die sich im ausgehenden 18. Jahrhundert in Berlin entwickelte und sehr schnell äußerst erfolgreich wurde, gelang es, die gewachsenen gesellschaftlichen Schranken zwischen den Ständen der frühneuzeitlichen Gesellschaft im Kleinen punktuell zu überwinden. Gleichheit, Ästhetik und Geselligkeit waren die Themen und Maximen dieser gesellschaftlichen Bewegung, deren Auswirkungen auf die ständische wie auch auf die bürgerliche Gesellschaft bis ins 20. Jahrhundert hinein spürbar waren.
Die Arbeit versucht, diese Bewegung, die bisher häufiger in der Literaturwissenschaft als in der Geschichtswissenschaft rezipiert wurde, mit einem emotionsgeschichtlichen Ansatz zu beleuchten. William M. Reddy, der die Theorie dazu beisteuert, behandelt in seinem Praxisbeispiel die Genese der französischen Salons, die er darauf zurückführt, dass die Salonbetreiber dem emotionalen Leiden entkommen wollten, welches die hierarchische höfische Gesellschaft des Absolutismus in ihnen auslöste. Die französische Revolution wird bei Reddy als katastrophaler Kulminationspunkt dieses "Herausnavigierens" aus dem Leiden beschrieben. Seine Theorie, die in der Fachwelt auf großes Echo gestoßen ist, versucht eine interdisziplinär gültige und umfassende Theorie der Emotionen zu entwickeln. Dafür bezieht Reddy nicht nur Erkenntnisse aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, sondern auch aus der Psychologie und den Neurowissenschaften in sein Konzept ein.
Da jedoch der empirische Teil in Reddys Werk auf Kritik gestoßen ist, gilt es, seine Theorie auf ihre Praxistauglichkeit in der historischen Arbeit hin zu überprüfen, was in dieser Arbeit am Beispiel der Berliner Salons geschehen soll.
Als historische Quellen dienen die Nachlässe der Salonbetreiberinnen sowie Christian Wilhelm Dohms Schrift "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden", welche die Vorurteile gegenüber Juden zu dieser Zeit enthüllt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Emotionsgeschichte nach William M. Reddy
1.1. Theorie der Emotionsäußerungen
1.2. Der französische Salon: Ein Produkt der Empfindsamkeit
2. Der Weg zur jüdischen Salonkultur in Berlin
2.1. Zur Judenpolitik in Preußen
2.2. Die Anfänge der jüdischen Aufklärung und die „bürgerliche Verbesserung“
2.3. Judenpolitik als Bestrafung des Emotionsstils?
2.4. Jüdische Mädchen in Preußen
3. Die ersten Salons
3.1. Die Anfänge
3.2. Salonkultur
Schluss und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Funktion der Berliner jüdischen Salons um 1800 unter Anwendung der emotionsgeschichtlichen Theorie von William M. Reddy. Ziel ist es, die Salons nicht primär als emanzipatorische Orte, sondern als emotionale Zufluchtsorte zu begreifen, die es den jüdischen Salonièren ermöglichten, sich durch Assimilation an die bürgerliche Gesellschaft anzunähern und den Stigmatisierungen ihrer Herkunft zu entgehen.
- Emotionsgeschichte und die Theorie der "emotives" nach William M. Reddy.
- Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und preußische Judenpolitik im ausgehenden 18. Jahrhundert.
- Die Rolle jüdischer Mädchen und der Einfluss der jüdischen Aufklärung (Haskala).
- Die Funktion des Salons als "emotionaler Zufluchtsort" und Mikrokosmos der Assimilation.
- Vergleichende Analyse zwischen dem französischen Salon als politischem Modell und dem Berliner Salon.
Auszug aus dem Buch
3.2. Salonkultur
Die bisherige Forschung über die Berliner Salonkultur hat sich unter dem Eindruck der Nachkriegszeit und des besonderen Verhältnisses zwischen der westlichen Welt (besonders natürlich Deutschland) und Israel stets mit dem Aspekt befasst, ob es sich bei den Salons um ein deutsch-jüdisches Akkulturationsphänomen handelte oder nicht. Die meisten Beiträge bejahen diese Frage, während andere die Rolle des Salons als Ort deutsch-jüdischer Akkulturation als überschätzt oder sogar als fingiert bewerten. Eindeutig belegbar ist jedenfalls, dass das Judentum, die jüdische Kultur und die entsprechende Literatur in den Salons eine sehr geringe Rolle spielten. Man sprach nicht Jiddisch oder Hebräisch, sondern Deutsch.
Die Literatur, über die man redete, war nicht wissenschaftlicher Art, sondern es war vor allem die deutsche Belletristik, die „damals die aktuellen gesellschaftlichen und seelischen Konflikte und Probleme lebensnah für junge Leute erörtert[e].“ Oder, wie Dollinger in einem früheren Aufsatz formuliert: „Die Berliner literarischen Salons im revolutionären Zeitalter zwischen 1780 und 1806 waren eine emanzipatorische Jugendbewegung, die nicht nur mit einer gesellschaftlichen und geselligen, sondern auch mit einer literarischen Revolution verknüpft war“. Im Salon von Rahel Levin gelangte Goethe zu einem Kultstatus, den er vor allem seinem Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ zu verdanken hatte, der bis heute für seine extremen und detaillierten Gefühlsbeschreibungen bekannt ist.
Natürlich ist es nicht mehr möglich, den „Tonfall“ der Salons, sofern er überhaupt allgemein darstellbar wäre, zu beschreiben. Der mündliche Diskurs ist zum Teil verloren, zum Teil schriftlich fixiert. Die Salonkultur, deren authentische Beschreibung ohne den Aspekt der Mündlichkeit sicherlich nur unzureichend zu leisten ist, kann daher heute nur noch aus den Erinnerungen und Briefkorrespondenzen der Beteiligten rekonstruiert werden. Der Salon war nicht nur ein Raum im konkreten Sinne, sondern bildete gleichzeitig einen Interaktionsraum, in dem andere Gesetze galten als außerhalb. Die Erinnerungen und Briefe versuchen an einigen Stellen, diesen Raum und die in ihm ausgebildete Kultur in Worte zu fassen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema der Berliner jüdischen Salons und Vorstellung der theoretischen Grundlage mittels William M. Reddys Emotionsgeschichte.
1. Emotionsgeschichte nach William M. Reddy: Erläuterung der Theorie der "emotives" und des französischen Salons als Referenzpunkt für emotionale Zufluchtsorte.
2. Der Weg zur jüdischen Salonkultur in Berlin: Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen wie preußischer Judenpolitik, Aufklärung und der spezifischen Rolle jüdischer Mädchen.
3. Die ersten Salons: Untersuchung der Berliner Salons, ihrer Entstehung und der praktischen Salonkultur im Kontext von Assimilation und Geselligkeit.
Schluss und Ausblick: Kompakte Zusammenfassung der Forschungsergebnisse und Reflexion über die Anwendbarkeit von Reddys Theorie auf das Beispiel der jüdischen Salons.
Schlüsselwörter
Jüdische Salons, Berlin, Emotionsgeschichte, William M. Reddy, Empfindsamkeit, Assimilation, jüdische Aufklärung, Henriette Herz, Rahel Varnhagen, Salonkultur, emotionaler Zufluchtsort, Preußen, Gefühlsgeschichte, Emanzipation, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Geschichte der Berliner jüdischen Salons um 1800 unter dem besonderen Blickwinkel der Emotionsgeschichte.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die preußische Judenpolitik, die jüdische Aufklärung (Haskala), die Rolle der Frau sowie das Konzept des Salons als Ort gesellschaftlicher Begegnung und Assimilation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Anwendung der Theorie von William M. Reddy zu zeigen, dass die Salons als emotionale Zufluchtsorte dienten, um gesellschaftliche Stigmatisierung durch Assimilation zu kompensieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt einen emotionsgeschichtlichen Ansatz nach William M. Reddy, insbesondere die Analyse von "emotives", um die persönlichen Zeugnisse der Salonièren auszuwerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Voraussetzungen, die Rolle der Frauen in jüdischen Familien sowie die konkrete Ausprägung der Berliner Salonkultur.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Emotionsgeschichte, Assimilation, Salonkultur, jüdische Aufklärung und emotionale Zufluchtsorte.
Wie unterscheidet sich der Berliner Salon vom französischen Pendant?
Während die französischen Salons als Orte des Widerstands gegen höfische Strukturen fungierten, dienten die Berliner Salons für die jüdischen Frauen primär als Instrument zur Assimilation an die bürgerliche Gesellschaft.
Warum war der Begriff "Salon" aus Sicht der Akteure irreführend?
Die Zeitgenossen sprachen selten von "Salons", sondern von Abendgesellschaften oder geöffneten Häusern, da die Salons keine formellen Institutionen, sondern informelle, spontane Zusammenkünfte in Privaträumen waren.
- Quote paper
- Andreas Lins (Author), 2013, Die Entstehung der jüdischen Salons in Berlin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268237