Strukturwandel in der Kohleregion Ibbenbüren. Das Aus des Steinkohlebergbaus 2018 als Chance für die Regionalentwicklung?


Bachelorarbeit, 2013
80 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Aktualität des Themas
1.2 Problemstellung
1.3 Zielstellung und Hypothesen
1.4 Aufbau der Arbeit

2 Ausgewählte Theorieansätze der Regionalentwicklung
2.1 Überblick über Regionalwirtschaftliche Entwicklungstheorien
2.2 Exportbasistheorie
2.3 Endogene Regionalentwicklung
2.4 Regulationstheoretischer Ansatz
2.5 Zwischenfazit

3 Methodik
3.1 Datenerhebung
3.1.1 Statistiken von Öffentlichen Stellen
3.1.2 Experteninterviews
3.1.3 Auswahl der Interviewpartner
3.2 Datenauswertung

4 Die Kohleregion Ibbenbüren (bis heute)
4.1 Vorstellung des Untersuchungsraums
4.2 Entwicklung von 2000 – 2012
4.2.1 Demographie
4.2.2 Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und Arbeitslosenquote
4.3 Branchen und Branchenumsätze
4.4 RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH
4.5 SWOT-Analyse zur Lage der Region 2013

5 Entwicklungsszenarien nach 2013
5.1 Demographische und wirtschaftliche Entwicklung
5.1.1 Demographie
5.1.2 RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH
5.1.3 Weitere Branchen in der Region
5.2 Maßnahmen der Förderregion
5.2.1 Stadtentwicklungsprogramm Ibbenbüren
5.2.2 Förderantrag Kohleregion

6 Diskussion
6.1 Überprüfung der Hypothesen
6.2 Bewertung der künftigen Entwicklung der Region mithilfe regionaler Entwicklungstheorien

7 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

A 1: Interview RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH

A 2: Interview Stadt Ibbenbüren

A 3: Interview WESt mbH

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Regionaler Teufelskreis

Abb. 2: Aufbau der Arbeit

Abb. 3: Einkommenskreislauf nach der Exportbasistheorie

Abb. 4: Zentrale Bestandteile der endogenen Regionalentwicklung

Abb. 5: Grundmodell der Regulationstheorie

Abb. 6: Veranschaulichung der Vorgehensweise der Arbeit

Abb. 7: Lage der Kohleregion Ibbenbüren

Abb. 8: Altersstruktur der Kohleregion im Vergleich

Abb. 9: Bevölkerungsentwicklung ab dem Jahr 2000

Abb. 10: Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten

Abb. 11: Entwicklung von Beschäftigten und Arbeitslosen im Kreis Steinfurt

Abb. 12: Beschäftigte nach Sektoren

Abb. 13: Übersichtsplan der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH

Abb. 14: Beschäftigte der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH nach Wohnsitz

Abb. 15: SWOT-Analyse zur Kohleregion Ibbenbüren

Abb. 16: Herausforderungen der Stadtentwicklung

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Interviewpartner

Tab. 2: Handlungsfeld Wirtschaft und Gewerbe

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Im ersten Kapitel wird der Leser in die Thematik der Bachelor-Arbeit eingeführt. Hierzu soll zunächst der aktuelle Hintergrund des Strukturwandels in der Kohleregion Ibbenbüren herausgestellt werden. Daran anknüpfend, werden Problem- und Zielstellung formuliert und die Fragestellung vorgestellt, die anhand von Hypothesen diskutiert werden wird. Um dem Leser die Struktur der Arbeit anschaulich und leicht nachvollziehbar zu machen, wird im letzten Abschnitt des ersten Kapitels der Aufbau der Ausarbeitung inhaltlich und graphisch dargestellt.

1.1 Aktualität des Themas

Seit den 1970er Jahren nimmt die Bedeutung der deutschen Steinkohle zur Verstromung und Verhüttung ab. Steigende Löhne im Inland und die Überschwemmung des Weltmarktes mit günstigerer Steinkohle aus dem Ausland haben die deutsche Steinkohle ins Hintertreffen geraten lassen. Besonders betroffen von dieser Situation ist seit Ende der 70er Jahre das durch die Montanindustrie geprägte Ruhrgebiet. Ablesbar ist dies nicht nur an den hohen bzw. stagnierenden Arbeitslosenzahlen und dem verstärkten sozialen Wohnungsbau. Der Strukturwandel, weg von der Kohle hin zu Dienstleistungen und zum Verarbeitenden Gewerbe, hat ganze Städte und Landstriche verändert. Durch finanzielle Unterstützung des Bundes sollte der Prozess verlangsamt und verträglich gestaltet werden, schließlich trägt die Steinkohle noch heute einen Teil zur Stromerzeugung bei.

Zwar ist seit Ende der 1970er Jahre einige Zeit vergangen, dennoch ist das Thema aktuell wie nie zuvor. Eine ganze Branche mit ihrem technischen Know-how steht vor dem Aus. Der Grund hierfür ist die Veränderung des Kohlerefinanzierungsgesetzes, das auf Willen der EU-Wettbewerbsbehörden 2008 geändert werden musste und keine staatliche Subvention mehr zulässt (vgl. Deutscher Bundestag 2011). So werden bis 2018 auch die letzten deutschen Steinkohlezechen schließen müssen (Bundesministerium der Justiz 2007, 1). Dies hat, wie schon vor 30 Jahren im Ruhrgebiet, enorme Folgen für die jeweiligen Regionen.

Eines der betroffenen Gebiete ist die Kohleregion Ibbenbüren. Sie liegt im Norden des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und ist die einzige deutsche Zeche, die Anthrazitsteinkohle fördert. Das Gebiet um Ibbenbüren ist seit Jahrhunderten durch den Steinkohlebergbau geprägt und dieser ist wichtiger Arbeitgeber in der Region. So hat sich im Laufe der Jahre eine wahre Tradition und Identifikation mit der Steinkohle aufgebaut. Umso heftiger fiel daher das Echo in den Medien und in der Bevölkerung auf die Einstellung des Betriebs zum Jahresende 2018 aus (vgl. Finthammer u. Schmidt-Mattern 2010).

Welche Folgen das Aus der Steinkohleförderung für die Region haben wird, welche Maßnahmen bereits ergriffen wurden und inwieweit die Region den Strukturwandel als Chance nutzen kann, soll in dieser Bachelor-Arbeit untersucht werden.

1.2 Problemstellung

Die Änderung des Kohlerefinanzierungsgesetzes gilt seit 2008 als beschlossen und bedeutet den Ausstieg aus der Förderung deutscher Steinkohle. Kein Bergwerk darf nach dem Jahr 2018 durch staatliche Subventionen gestützt werden.

Für die betroffenen Städte, Landkreise und Regionen bundesweit, war dies eine Hiobsbotschaft, da die Steinkohle doch zumeist wichtigster Arbeitgeber in der Region und ein Garant für die lokale Wirtschaft ist. Im Hinblick auf die Schließung von Zechen und dem damit verbundenen Verlust von Arbeitsplätzen, spricht u.a. HENKEL (2004, 346) von einer negativen Wirkungskette, die er als „regionaler Teufelskreis“ bezeichnet. So kann wirtschaftliche Stagnation, z.B. Infolge der Schließung der Zeche Ibbenbüren, weitere Steine ins Rollen bringen. Mit dem Verlust von Arbeitsplätzen sinkt die Kaufkraft; sinkende kommunale Einnahmen führen zu einer schlechteren Infrastrukturausstattung und zu einem Imageverlust der Region. Die Chancen für Unternehmensansiedlungen sinken und weitere qualifizierte Arbeitskräfte wandern ab. Schließlich gerät die Wirtschaft weiter ins Stocken und der Ablauf beginnt von neuem. Abbildung eins veranschaulicht eine solche negative Wirkungskette graphisch.

Abb. 1: Regionaler Teufelskreis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach HENKEL 2004, 346

Mit den Erfahrungen aus den vorherigen Jahrzehnten im Umgang mit dem Strukturwandel, bleibt den Kommunen und Städten nur der Blick nach vorne. Es stellt sich allerdings die Frage, wie Strukturwandel und erfolgreiche Regionalentwicklung miteinander vereinbar sind.

Aber muss Strukturwandel stets mit negativen Folgen wie Arbeitslosigkeit und Verlust von Wirtschaftskraft verbunden sein? Oder aber kann durch Wandel in der (Wirtschafts-)Struktur erfolgreiche Regionalentwicklung betrieben werden?

1.3 Zielstellung und Hypothesen

Ziel dieser Arbeit ist es, die bislang wenig bis kaum wissenschaftlich erforschte Thematik des Strukturwandels in der Kohleregion Ibbenbüren näher zu untersuchen. Vor allem in Hinblick auf die zukünftige wirtschaftliche und demographische Entwicklung soll erarbeitet werden, inwieweit Einschnitte/Veränderungen in diesen Themenbereichen zu erwarten sind und die regionale Entwicklung nach dem Jahr 2018 beeinflussen.

Hierzu werden einerseits die Anforderungen und Auswirkungen, die durch die Schließung der Steinkohlezeche auf die Kohleregion zukommen, herausgestellt. Andererseits werden bisherige Planungen und Maßnahmen seitens der Kommunen vorgestellt und berücksichtigt.

Entsprechend der Zielstellung lautet die zentrale Fragestellung dieser Bachelorarbeit:

„Welche Auswirkungen sind durch die Schließung der Steinkohlezeche im Jahr 2018 für die künftige Entwicklung der Region zu erwarten? Kann der Wandel neue Chancen eröffnen?“

Zur Beantwortung der Forschungsfrage und Verfolgung des Ziels dieser Arbeit ist es unabdingbar, die Komplexität der Thematik mithilfe von Hypothesen zu reduzieren. Diese befassen sich zum einen mit der bereits abgelaufenen Entwicklung in der Region, gehen aber auch über den heutigen Zeitpunkt hinaus und beleuchten zukünftige Handlungen. Zur Untersuchung der Thematik dienen diese fünf Hypothesen:

1. Die Kohleregion Ibbenbüren konnte in den vergangenen zwölf Jahren demographisch und wirtschaftlich wachsen.
2. Die Steinkohleförderung ist die wichtigste Branche in der Region.
3. Durch die Schließung der Zeche in Ibbenbüren drohen hohe Arbeitslosigkeit und ein Rückgang der Wirtschaftsleistung der Region.
4. Kommunen und öffentliche Gebietskörperschaften planen bereits seit längerem Hand in Hand, um die Auswirkungen des Strukturwandels gering zu halten.
5. Die bereits geplanten Maßnahmen decken die Anforderungen an die Region in vollem Umfang ab.

Durch die Diskussion der Hypothesen werden am Ende des Hauptteils die gewonnenen Erkenntnisse zusammengetragen und ermöglichen somit die Beantwortung der Forschungsfrage. Zudem können durch die Einbindung von Theorieansätzen zur Regionalentwicklung bestimmte Entwicklungszusammenhänge erklärt und Handlungsempfehlungen abgeleitet werden.

1.4 Aufbau der Arbeit

Um der Beantwortung der Forschungsfrage nachzugehen, ist der Aufbau der Arbeit klar strukturiert und inhaltlich in sieben Kapitel unterteilt (vgl. Abb. 2).

In diesem Kapitel wurde das Ziel der Arbeit mithilfe der Problem- und Zielstellung und der Fragestellung erläutert. Darüber hinaus wird die inhaltliche Struktur, die zur Beantwortung der Frage notwendig ist, dargestellt.

Im zweiten Kapitel werden ausgewählte Theorien der Regionalentwicklung diskutiert. Hier werden die Ansätze der endogenen und exogenen Theorie der Regionalentwicklung sowie die Regulationstheorie nach aktuellem Forschungsstand vorgestellt. Ausgestattet mit diesem theoretischen Hintergrundwissen erfolgt die weitere Untersuchung der Kohleregion Ibbenbüren.

Neben dem inhaltlichen Aufbau der Arbeit ist auch das methodische Vorgehen bei wissenschaftlichen Arbeiten von großer Bedeutung. Kapitel drei befasst sich mit der Methodik und zeigt, wie die Daten erhoben und ausgewertet wurden und wie die Auswahl der Interviewpartner erfolgte.

Die Vorstellung des Untersuchungsraums und der im Forschungsprozess gewonnenen Ergebnisse folgt im vierten Kapitel. Hier wird die wirtschaftliche und demographische Entwicklung der Region vom Jahre 2000 – 2012 mithilfe empirischer Daten nachgezeichnet. Auch die Bedeutung und Entwicklung der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH wird in diesem Kapitel dargestellt. Abschließend werden die Stärken und Schwächen der Region in Form einer SWOT-Analyse zusammenfassend abgebildet.

Das fünfte Kapitel befasst sich mit der Entwicklung nach 2013. Mithilfe von Expertengesprächen und Auswertungen statistischen Materials lassen sich Entwicklungspfade bestimmen. Zudem werden Maßnahmen und Konzepte der Region vorgestellt. Den Abschluss dieses Kapitels bildet eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte.

Im sechsten Kapitel erfolgen die Überprüfung der Hypothesen und die Beurteilung der künftigen Regionalentwicklung mithilfe der in Kapitel zwei vorgestellten Theorien.

Am Ende dieser Bachelor-Arbeit werden das Fazit und ein Ausblick stehen. Ebenso soll im Rahmen einer Reflexion dargelegt werden, inwieweit die Ziele der Arbeit erreicht werden konnten und in welchen Bereichen es zu Schwierigkeiten kam.

In der nachfolgenden Abbildung ist der Aufbau und die Struktur der Arbeit anschaulich dargestellt.

Abb. 2: Aufbau der Arbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

2 Ausgewählte Theorieansätze der Regionalentwicklung

Um die Fragestellung der Regionalentwicklung nach dem Steinkohle-Aus untersuchen zu können, bedarf es eines theoretischen Hintergrundes in eben diesem Forschungsgebiet. Hierzu soll zunächst ein Überblick über die regionalwirtschaftlichen Entwicklungstheorien gegeben werden, bevor dann ausgewählte Ansätze zu regionalen Entwicklungstheorien vorgestellt werden. Diese sind die Theorien der endogenen und exogenen Regionalentwicklung sowie der Regulationstheoretische Ansatz.

Mit dem Wissen der nachfolgenden Theorien ausgestattet, werden im sechsten Kapitel die Hypothesen auch vor einem regionalentwicklungstheoretischen Hintergrund diskutiert.

2.1 Überblick über Regionalwirtschaftliche Entwicklungstheorien

Schon früh wurde die Frage nach der unterschiedlichen Entwicklung von Räumen bzw. Regionen in der geographischen und wirtschaftswissenschaftlichen Literatur thematisiert. Von besonderem Interesse waren und sind mögliche Erklärungsgründe, wie es zu dieser unterschiedlichen Entwicklung kam und welche Möglichkeiten zum Ausgleich dieser Divergenzen und Rückstände bestehen (Schätzl, 2003, 135).

Nach BRAUN und SCHULZ lassen sich die Modelle und Theorien „[…]übergeordnet in Modernisierungstheorien und Polarisierungstheorien unterscheiden“ (Braun u. Schulz 2012, 90).

Der Modernisierungstheorie zufolge, eifert eine benachteiligte Region einer wirtschaftlich starken Region mit zeitlicher Verzögerung nach. Ein Prozess des Aufholens und Wachstums wird durchlaufen. Mit dieser Entwicklung befassen sich die Wirtschaftsstufentheorien . Als Vorreiter seien hier die Geographen Vidal de la Blache („genre de vie“) und Hans Bobek („Theorie der Kulturstufen“) genannt. Eine bedeutende Rolle spielt ebenfalls die Wirtschaftsstufentheorie nach Walt W. Rostow (1960).

Einen weiteren Zweig der Entwicklungstheorien bilden die neoklassischen Gleichgewichtstheorien , die auf Grundlage von marktwirtschaftlichen Prozessen zu einem Ausgleich von Regionen mit unterschiedlicher Wirtschaftsleistung führen sollen. Als Beispiele können die Theorie zum absoluten und komparativen Kostenvorteil, aber auch die Exportbasistheorie und die Theorie der endogenen Regionalentwicklung genannt werden (vgl. Kulke 2008, 277).

Aus der Kritik an den neoklassischen Regionalentwicklungstheorien ging die Polarisationstheorie hervor. Allerdings stellt sie „[…] keine ähnlich geschlossene, in sich konsistente und mathematisch ausformulierte Gegenposition dar“ (Bathelt u. Glückler 2012, 314), sondern ist vielmehr eine Sammlung von Ansätzen, die von „[…] der Existenz kumulativer Selbstverstärkungsprozesse ausgehen“ (Braun u. Schulz 2012, 106). Als Beispiel lassen sich die Theorien der sektoralen und regionalen Wachstumspole nennen (vgl. Bathelt u. Glückler 2012, 315).

Auf einem eigenen Konzept beruhend, aber die Grundannahmen des Polarisationsansatzes übernehmend, sind die aus der Politischen Ökonomie hervorgegangenen Zentrum-Peripherie-Modelle und Abhängigkeitstheorien eng mit der Polarisationstheorie verbunden (Braun u. Schulz 2012, 90).

In der jüngeren Vergangenheit wurden neue Modellvorstellungen zur Regionalentwicklung erarbeitet. Um die Kluft zwischen neoklassischem und polarisationstheoretischem Ansatz zu überwinden, wurden die restriktiven Annahmen aus der Neoklassik durch neue, realitätsnähere Annahmen ersetzt (Braun u. Schulz 2012, 120). Diesen von den Wirtschaftswissenschaften vorangetriebenen Zweig bezeichnet der Ökonom PAUL KRUGMAN als „New Geographical Economics“. BATHELT sieht darin allerdings weniger eine neue Wirtschaftsgeographie, sondern vielmehr eine neue geographische Ausrichtung in den Wirtschaftswissenschaften, so dass er den Begriff treffender als „Geographical Economics“ bezeichnet (vgl. Bathelt 2001).

Im Gegensatz zu den bis dahin durch die Wirtschaftswissenschaften und die neoklassischen Standorttheorien geprägten Ansätze in der Wirtschaftsgeographie, haben seit Ende der 1980er Jahre die Sozialwissenschaften in den Bereich der Regionalentwicklungsforschung Einzug gehalten. Unternehmen und andere wirtschaftliche Akteure werden „[…] in einen gesellschaftlichen Kontext gesetzt, der sich mithilfe des Begriffes Institution beschreiben und konzeptionell fassen lässt“ (Braun u. Schulz 2012, 132).

Als Beispiel dieser neuen Forschungsrichtung kann insbesondere die Regulationstheorie genannt werden. Zusammen mit den Ansätzen der Stakeholder, der Transaktionskosten und des Governance-Ansatzes zählen sie zu den institutionentheoretischen Ansätzen. Diese kapitalismuskritische Denkrichtung bildet einen Gegenpol zur Neoklassik und lässt sich auf die Alte Institutionenökonomie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurückführen (vgl. Maier et al. 2006, 125 f).

Von der Alten Institutionenökonomie muss die Neue Institutionenökonomie abgegrenzt werden. Unter diesem Begriff werden Ansätze zusammengefasst, deren Gemeinsamkeiten in der Affinität zur Neoklassik, dem Modell des Homo Oeconomicus und den stark vereinfachten Annahmen liegen. Diese Abstraktion führt teilweise soweit, dass das Handeln von Akteuren in mathematischen Modellen abgebildet und berechnet wird. Wichtige Vertreter sind die Wirtschaftswissenschaftler Douglass C. North und Ronald Coase (vgl. Göbel 2002, 49).

Dieser Überblick zu den regionalen Entwicklungstheorien soll zeigen, welche Vielzahl an Theorien und Modellen besteht, wobei nur die bekanntesten Oberbegriffe und Beispiele genannt wurden. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt dieser Überblick deshalb nicht.

In den nachfolgenden Abschnitten sollen drei der genannten Entwicklungstheorien näher vorgestellt werden. Dies ist zum einen die Exportbasistheorie, die zu den nachfrageorientierten Ansätzen regionaler Entwicklungen zu zählen ist. Als zweites wird die endogene Regionalentwicklung beschrieben, bevor im letzten Abschnitt Grundzüge der Regulationstheorie vorgestellt werden.

2.2 Exportbasistheorie

Ein sehr praxisnahes und intuitiv leicht verständliches Modell stellt die Exportbasistheorie dar. Die Theorie geht auf Arbeiten von Richard B. Andrews (1953), James S. Duesemberry (1950) und Douglass C. North (1955) zurück und befasst sich besonders mit der Nachfrageseite der Wirtschaft (Maier et al. 2006, 33).

Hierbei wird versucht, die Mechanismen einer von außerhalb der Region stammenden Nachfrage quantitativ messbar zu machen. Der Gedanke hinter dieser Theorie ist, dass das Wirtschaftswachstum einer Region in besonderem Maße von der Entwicklung ihrer Exporte abhängt (Schätzl 2003, 149).

Eine gewisse Anzahl an Unternehmen in dieser Region exportieren ihre Produkte in andere Gebiete und bilden somit die wirtschaftliche Basis für die Entwicklung der Region. In der Literatur[1] wird diese Basis auch als „ basic sector“ bezeichnet. Des Weiteren existieren andere Unternehmen, die für die interregionale Nachfrage Dienstleistungen und Güter bereitstellen bzw. produzieren und die exportierenden Unternehmen hiermit versorgen. Diese Zahl an Unternehmen, die ausschließlich den interregionalen Bedarf deckt, bildet den „non-basic sector“ (Braun u. Schulz 2012, 103).

Wenn also die Nachfrage von außerhalb der Region nach Exportgütern steigt, so steigt auch die Nachfrage bei den Unternehmen, die nur für den regionalen Markt produzieren. Die exportierenden Unternehmen des basic sectors verfügen dann über zusätzliche Finanzmittel, die sie aus dem Erlös ihrer Verkäufe erwirtschaftet haben und können diese anhand einer größeren Nachfrage bei den Unternehmen des non-basic sectors für zusätzliche Zulieferprodukte und Dienstleistungen investieren. Aufgrund der höheren Exporteinnahmen stehen der Region größere finanzielle Mittel zur Verfügung, so dass sich innerhalb der Region ein Multiplikatorkreislauf in Gang setzt (Braun u. Schulz 2012, 103).

Unter der Prämisse, dass große Teile der Nachfrage des basic sectors vom non-basic sector innerhalb der Region befriedigt werden können, werden die Einkommen in der Region deutlich größer sein als es der ursprüngliche Einkommenszufluss durch die Exporte gewesen wäre. Je größer also der Teil der Produkte ist, die selbst in der Region erstellt werden können und dann in den basic-sector zur Erstellung des Exportgutes dienen, desto größer wird der Multiplikatoreffekt ausfallen und desto mehr zusätzliches Einkommen wird in der Region geschaffen. Für die Importquote bedeutet dies, dass sie möglichst gering sein sollte (Schätzl 2003, 151).

Der Multiplikatoreffekt wird jedoch von Runde zu Runde schwächer, da jedes Mal ein Teil der eingenommenen Finanzmittel für Importwaren aus der Region abfließt. Um auf Dauer wirtschaftliches Wachstum zu sichern, müssen die Einkommen aus dem Warenexport zukünftig steigen bzw. mindestens konstant sein (Braun u. Schulz 2012, 104).

In der nachfolgenden Abbildung drei ist das Modell der Exportbasistheorie mit seinen Strömen und dem interregionalen Multiplikator graphisch dargestellt.

Abb. 3: Einkommenskreislauf nach der Exportbasistheorie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Pfouts 1960, 319; Rittenbruch 1968, 19

Nachdem nun das Modell visualisiert wurde, und im vorherigen Text die Bedeutung und Entstehungsweise zusätzlichen Einkommens in einer Region erklärt wurde, soll in einem weiteren Schritt der Multiplikator berechnet werden. Dies ist wie folgt möglich:

„Das Gesamteinkommen einer Region ( ) setzt sich also zusammen aus dem durch Exportaktivitäten erwirtschafteten exogenen Einkommen ( ) und dem Einkommen, des ausschließlich den intraregionalen Markt versorgenden lokalen Sektors ( )

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Einkommen des lokalen Sektors ( ) ist eine Funktion des Exporteinkommens ( ) und hängt von der marginalen Konsumquote (c) und der marginalen Importquote (q) ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wird Gleichung (2) in Gleichung (1) eingesetzt, folgt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Ausdruck wird als Multiplikator bezeichnet“ (Schätzl 2003, 151f).

Ein Grund für den Erfolg der Theorie ist ihre Plausibilität. Regionale Einkommenseffekte und wirtschaftliche Zusammenhänge werden in ihren Grundzügen anschaulich dargestellt. Eine erfolgreiche Regionalentwicklung hängt demnach vom „[…] Vorhandensein eines Leitsektors oder mehrerer exportstarker Leitsektoren (basic sectors)“ (Braun u. Schulz 2012, 104) und einer breit aufgestellten lokalen Wirtschaft (non-basic sector), die die Nachfrage der exportierenden Unternehmen im hohen Maße durch Dienstleistungen und Produkte aus der Region befriedigt, ab (Kulke 2008, 267).

Ebenfalls können die Überlegungen zur Intensivierung der Exportaktivitäten als Beginn einer Strategie der Exportdiversifikation dienen (Johnston 1994, 147). Als Beispiel dieser Strategie können die sog. Tiger-Staaten [2] in Südostasien genannt werden, die seit den 1980er Jahren auf eine exportbasierende Wirtschaft setzten und sich rasant entwickelten (Kulke 2008, 266).

Auf der anderen Seite lassen sich auch Kritikpunkte erkennen, die SCHÄTZL besonders in drei Aspekten sieht:

Hier ist erstens der wachstumstheoretische Ansatz zu nennen. In einem Modell, das ausschließlich auf die Nachfrage bedacht ist, wird das Angebot völlig unberücksichtigt gelassen. Als Beispiel sei das Produktionspotential genannt, das nicht berücksichtigt wird. Durch den Fokus auf die Exporteinnahmen, als einzigen Benchmark, der zur Beurteilung des regionalen Wachstums dient, wird das intraregionale Wachstum, das durch lokale Investitionen oder Ausgaben des Staates vorangetrieben wird, völlig unberücksichtigt. Nach SCHÄTZL (2003, 153f.) reduziert sich die Aussagekraft daher „[…]auf Regionen mit nicht ausgelasteten Produktionskapazitäten bzw. rasch mobilisierbaren Produktionsreserven und geringen Wachstumsimpulsen durch intraregionale Nachfrage“.

Als zweiten Kritikpunkt lässt sich der kreislauftheoretische Ansatz nennen, dessen Schwäche vor allem in der fehlenden Berücksichtigung „intersektoraler und interregionaler Verflechtungen“ (Schätzl 2003, 154) liegt. Zudem wird beim basic sector von einer einseitigen Abhängigkeit vom non-basic sector ausgegangen. Diese muss aber aufgrund der internen und externen Nachfrage, die das Wirtschaftswachstum beeinflussen, von beiden Sektoren wechselseitig ausgehen. Der Blick auf das Wachstum einer Region engt die Aussagekraft dieser Theorie ein. Die Erklärung der Entwicklung eines Systems von Regionen, also die eigentlich interessante Frage der Regionalforschung, erfolgt außerhalb der Exportbasistheorie (Schätzl 2003, 154).

Als letzter Kritikpunkt bleibt die praktische Anwendbarkeit. Eine trennscharfe Aufteilung in Exportsektor und lokale Produktion kann in der Praxis nicht erfolgen, da einerseits amtliche Statistiken nach Branchen klassifizieren und nicht nach den Exportaktivitäten, und zum anderen fehlen Einkommensstatistiken, die auf die Klassifikation der Sektoren aufbauen. Auch ist der Einsatz der Theorie zur Vorhersage der Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung begrenzt. Weitere Schwierigkeiten bildet die Regionsabgrenzung, die anders als bei Volkswirtschaften nicht eindeutig begrenzt sind, so dass eine Änderung der zugrunde gelegten Region Auswirkungen auf den Multiplikatoreffekt haben kann (Schätzl 2003, 154).

Insgesamt sind die Annahmen, wie in einem Modell üblich, stark vereinfacht. Dazu werden exogene Variablen rigide angenommen (Bathelt, Glückler 2012, 322).

Trotz der genannten Kritikpunkte liefert die Exportbasistheorie einen Erklärungsansatz für das Wirtschaftswachstum einzelner Regionen und kann somit als Entscheidungshilfe der staatlichen Regionalentwicklung herangezogen werden (Schätzl 2003, 155).

2.3 Endogene Regionalentwicklung

Während im vorangegangen Abschnitt die von außerhalb der Region vorangetriebene (exogene) Regionalentwicklung betrachtet wurde, soll in diesem Abschnitt die Entwicklung durch die in der Region vorhandenden (endogenen) Potentiale vorgestellt werden.

Unter der endogenen Regionalentwicklung wird in der Literatur nicht ein in sich geschlossenes Modell oder eine eigenständige Theorie verstanden, sondern vielmehr eine Reihe von Erklärungsansätzen, die sich theoretisch und strategisch mit der Frage der endogenen Entwicklung auseinandersetzen (Schätzl 2003, 155). Diese Denkrichtung entwickelte sich in den 1970er Jahren, als große, vor allem Industrieunternehmen nicht im gleichen Maße wie zuvor mit der Ansiedlung neuer Werke für Wirtschaftswachstum und neue Arbeitsplätze in den Regionen sorgten. So wuchsen die Zweifel an den „ansiedlungs- und mobilitätsorientierten Politikansätzen“ (Braun u. Schulz 2012, 104), die aus der Exportbasistheorie hervorgingen. Die neuen Ansätze in Politik und Wissenschaft stellten vor allem die Wichtigkeit interner Wachstumspotentiale für die Entwicklung der Region heraus. Die Summe dieser Theorien wird unter dem Begriff der endogenen Regionalentwicklung zusammengefasst (Braun u. Schulz 2012, 104).

Im Gegensatz zur Exportbasistheorie entscheiden vor allem die intraregionalen Potentiale einer Region über deren soziale und ökonomische Entwicklung und nicht primär exogene Wachstumsimpulse. Die Nutzung dieser endogenen Potenziale ist deshalb Kern der Theorie (Schätzl 2003, 155).

HAHNE (1985, 52) beschreibt „[…] das endogene (regionale) Entwicklungspotential als die Gesamtheit der Entwicklungsmöglichkeiten einer Region in zeitlich und räumlich abgegrenzten Wirkungsbereichen“. Hierauf basierend, werden in der Literatur[3] vor allem drei Themenbereiche im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Ansätzen zur endogenen Regionalentwicklung diskutiert.

Zum einen soll dies durch das Überwinden der regional bestehenden, endogenen Engpässe geschehen. Jede Region verfügt in unterschiedlichem Umfang über eine Ausstattung mit Potentialfaktoren. Die Knappheit eines Faktors bestimmt damit die maximal mögliche Entwicklung. Wird dieser Faktor, beispielsweise der Faktor Produktionsmittel, erkannt, kann durch Investitionen gegengesteuert werden und die mögliche regionale Produktion ausgeweitet werden. Durch die Ausweitung des einen Faktors steigt dann ebenfalls die Auslastung anderer Potentialfaktoren, was der Region einen höheren Nutzen bringt (Schätzl 2003, 156).

Des Weiteren müssen Fähigkeiten und Talente einer Region erkannt und genutzt werden. Diese Potentiale, die gegenüber anderen Regionen in Qualität und/oder Masse überwiegen und somit einen Standortvorteil herbeiführen, gilt es zu erforschen. In einem weiteren Schritt sollte dann dieser Vorteil gegenüber anderen Regionen in Form von Spezialisierungen genutzt werden. Diese Überlegungen sind an das Theorem der komparativen Kostenvorteile angelehnt. Für die endogene Regionalentwicklung bedeutet dies, die Stärken einer Region zu fördern (Schätzl 2003, 157).

Als dritter Punkt wird in der Literatur[4] die Ingangsetzung von intraregionalen Kreisläufen thematisiert. Um die Teilpotentiale einer Region in größtmöglichem Umfang nutzen zu können, ist eine Verquickung dieser Fähigkeiten notwendig. Diese „[…] kleinräumige Vernetzung der ökonomischen, soziokulturellen und ökologischen Aktivitäten [ist] notwendig“, um das Ziel „eine[r] von den Bewohnern der Region gesteuerte[n] intraregionale[n] Integration von Produktion und Konsumtion“ in die Tat umsetzen zu können (Schätzl 2003, 157).

Während sich SCHÄTZL (2003) vor allem auf diese drei Themenkomplexe beschränkt, nennen BRAUN und SCHULZ (2012) eine Vielzahl von Elementen zur Umsetzung einer endogenen Regionalentwicklung. Einen Überblick über die genannten Bestandteile dieser regionalen Entwicklungstheorie zeigt Abbildung vier.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Zentrale Bestandteile der endogenen Regionalentwicklung

Quelle: Eigene Darstellung nach Braun u. Schulz 2012, 105

Die Ansätze und Theorien zur endogenen Regionalentwicklung sind oft nur als „[…] komplementäre[r] Beitrag zu den traditionellen theoretischen und regionalpolitischen Ansätzen“ (Schätzl 2003, 157) zu sehen. Dies gilt besonders für entwickelte Volkswirtschaften, in denen bereits vielseitige Verflechtungen zwischen Akteuren aus der Region bestehen (vgl. Peschel 1984).

Etablieren konnte sich die Theorie hingegen vor allem in ländlichen Regionen und in Regionen, die durch Altindustrie in besonderer Weise geprägt sind. Hier ist neben exogenen Wirtschaftsimpulsen, wie im Konzept der Exportbasistheorie genannt, ebenso die Aktivierung der endogenen Fähigkeiten der Region vonnöten. Für Altindustrieregionen, die von großen Unternehmen kontrolliert werden, die nicht in der Region ansässig sind, sinkt allerdings der Erklärungsgehalt endogener Entwicklungstheorien (Braun u. Schulz 2012, 105).

Abschließend sollte noch angemerkt werden, dass der Begriff der endogenen Regionalentwicklung nicht verwechselt werden sollte mit dem der endogenen Wachstumstheorie (vgl. Maier et al. 2006, 93ff.). Die sog. „Neue Wirtschaftstheorie“ geht nicht davon aus, dass technischer Fortschritt, wie in den traditionellen Wachstumstheorien, exogen gegeben ist. Stattdessen wird technischer Fortschritt, wie zum Beispiel im Innovationsmodell von Paul M. Rommer (1990), als Motor für Wachstumsprozesse angesehen (Maier et al. 2006, 94).

2.4 Regulationstheoretischer Ansatz

Während in den beiden vorhergehenden Abschnitten neoklassische Theorien der Regionalentwicklung erläutert wurden, lässt sich der Regulationsansatz als Beitrag „zu einer neuen politischen Ökonomie“ zählen (Krätke 1999, 21).

Aus der Kritik an den Theorien der neoklassischen Entwicklungstheorien und dem strukturalistischen Marxismus ging der Regulationstheoretische Ansatz aus den französischen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der 1970er- und 1980er- Jahre hervor (Scheuplein 2008, 152). Ziel der Theorie ist die Klärung, welche Regulationssysteme langfristig zu einer stabilen Wirtschaftsform führen (Braun u. Schulz 2012, 139).

Im Gegensatz zu den zuvor angesprochenen Theorien wird der Wirtschaftsprozess nicht losgelöst von der Gesellschaft betrachtet, diese ist vielmehr Teil des Prozesses und wirkt auf wirtschaftliche Aktivitäten ein. Alle Gruppen von Akteuren und vor allem deren Regulierungsmechanismen werden in diesem dynamischen Ansatz miteinbezogen. Hierzu werden die Produktions- und Konsumseite, aber auch staatliche und gesellschaftliche Einflüsse berücksichtigt (Kulke 2008, 107).

Kern dieser Theorie ist, dass Phasen stabilen Wachstums und regionaler Entwicklung mit ausgeglichenen Produktions-, Konsum- und Regulationssystemen von krisenhaften Phasen mit Veränderungen in den jeweiligen Systemen abgelöst werden. Nach dieser Veränderung bildet sich wiederum ein neues stabiles System. Im Gegensatz zu anderen Theorien beschränkt sich dieser Ansatz nicht auf den Konsum oder Produktionsbereich, eine Veränderung kann in jedem der drei Systeme stattfinden (Kulke 2008, 107). Phasen, in denen sich alte Strukturen verändern und neue entstehen, sind für das Verständnis einer stabilen Wirtschaftsform entscheidend. Schwerpunkt der Theorie ist es deshalb, den „[…] Zusammenhang zwischen dem allgemeinen sozioökonomischen Wandel im Zuge der sogenannten Fordismus-Krise und der Reorganisation wirtschaftlicher Aktivitäten“ herauszustellen (Braun u. Schulz 2012, 140).

Zwei Teilbereiche lassen sich nach der Regulationstheorie in einem ökonomisch-gesellschaftlichen System der Volkswirtschaft vorfinden: Zum einen die Wachstumsstruktur, auch Akkumulationsregime genannt, die sich wiederum aus der Produktionsstruktur und dem Konsummuster mit weiteren Untergliederungen zusammensetzen. Zum anderen der Koordinierungsmechanismus (Regulationsweise), der sich wiederum nach den Arten und den Institutionen der Koordinierung unterteilen lässt (Kulke 2008, 108).

Im Modell (vgl. Abb. 5) wird angenommen, dass die Produktionsstruktur über einen längeren Zeitraum durch ein bestimmtes Produktionsparadigma geprägt ist. Dieses setzt sich aus einem dominierenden Industriesektor und dessen vor- und nachgelagerten Prozessen zusammen. Im Laufe der Zeit haben sich Muster von Arbeitsteilung und Arbeitsorganisation herausgebildet. Ebenso ist auch der Konsumbereich über einen längeren Zeitraum mit gleichbleibenden Haushaltsstrukturen, Einkommen und Kaufpräferenzen geprägt (Kulke 2008, 108).

Auf der anderen Seite ist der Koordinierungsmechanismus zu finden. Er ist der Handlungsrahmen, in dem sich Austausch- und Abstimmungsprozesse zwischen dem Konsummuster und der Produktionsstruktur ereignen. Wichtigste Institution der Koordination ist der Staat mit den dazugehörigen Gebietskörperschaften wie beispielsweise Städten und Kommunen. Durch Gesetze ist es diesen Institutionen möglich, ihre Interessen am stärksten und verbindlichsten durchzusetzen. Ebenso hat die Politik mit ihren gesellschaftlichen und ökonomischen Maßnahmen, wie etwa der Arbeitsmarkt- oder Strukturpolitik, enormen Einfluss. Aber auch Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinstitutionen sowie gesellschaftliche Organisationen sind durch Normen und Gepflogenheiten wichtiger Bestandteil des Systems und wirken auf die Wachstumsstruktur ein (Bathelt 1994, 65).

In der nachfolgenden Abbildung sind diese beiden Teilbereiche und deren Wechselwirkungen graphisch dargestellt:

Abb. 5: Grundmodell der Regulationstheorie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach Bathelt 1994, 66

Unter Zuhilfenahme der Regulationstheorie lassen sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts drei Entwicklungsabschnitte ausmachen. Diese konnten mithilfe empirischer Daten Änderungen in einem der Systeme identifizieren, was zur Bildung neuer Entwicklungszusammenhänge (Formation) führte (vgl. Gaebe 1998; Johnston 1994; Krätke 1996).

Die erste Formation lässt sich von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Weltkrieg zeitlich fassen. Produziert wurde damals in Manufakturen und Handwerksbetrieben. Gekennzeichnet war dieser Entwicklungszusammenhang durch arbeitsintensive Produktion zumeist von Hand.

Dies änderte sich nach Ende des ersten Weltkrieges. Aus der extensiven Nutzung/Produktion wirtschaftlicher Güter, wie in dem vorangegangenen Zeitraum, wird nun dank industrieller Massenproduktion eine intensive Nutzung der Güter. Diese Formation wird später nach dem amerikanischen Automobilproduzenten Henry Ford als Fordismus bezeichnet. Einschneidende Änderungen auf der Produktionsseite, wie die Einführung des Fließbands, arbeitsteilige Prozesse und standardisierte Massenproduktion, mit dem Ziel niedrige Stückkosten durch Massenproduktion zu erreichen, ließen eine neue Zeitrechnung beginnen (Maier et al. 2006, 126 f.; Eser 2008, 160f.). Aber auch das Konsummuster änderte sich. Mehr Produktion bedeutete einen Anstieg der Einkommen, so dass sich die Haushalte die neuen standardisierten Massenprodukte leisten konnten und eine Verbesserung des Lebensstandards eintrat. Zwischen beiden Systemen regulierten Institutionen, wie Gewerkschaften und Unternehmerverbände, aber auch staatliche Einrichtungen, durch Gesetze und Normen die Austausch- und Abstimmungsprozesse (Kulke 2008, 109f.).

Der letzte große Einschnitt ist in den 1970er Jahren zu verzeichnen. Mit dem Einsatz flexibler Fertigungstechnologien zur Produktion kleiner variantenreicher Serien geschah auf der Produktionsseite die Abkehr vom Fordismus. Neben Flexibilisierung lassen sich weitere Schlagworte, wie Deregulierung, Differenzierung und Individualisierung nennen (Kulke 2008, 110). Damit nahm die Beschäftigtenzahl je Betrieb ab, kleinere Unternehmen mit schlanker Produktion entstanden. Die Anforderungen an Qualifikation und Ausbildung stiegen. Neue Arbeitszeitmodelle wurden eingeführt und Begriffe wie Teilzeit und Leiharbeit entstanden. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Konsummuster. Mit der nun geschaffenen Mannigfaltigkeit an Arbeitsplätzen und Tätigkeiten entstanden neue Lebensstile und sehr unterschiedliche Nachfrageprofile, die wiederum unterschiedliche Produkte und Dienstleistungen nachfragen (Kulke 2008, 111). In der Literatur wird diese neue Formation auch als Post-Fordismus bezeichnet (vgl. Maier et al. 2006; Braun u. Schulz 2012; Johnston 1994).

Eine weitere Formation könnte mit dem Internetzeitalter und dem E-Commerce in den letzten Jahren begonnen haben. Diese ist in der Literatur bislang noch nicht abgehandelt worden. Aber wie bei den vorherigen Formationen ist es denkbar, dass diese im Nachhinein (in den nächsten 20 Jahren) als weitreichende Veränderung erkannt wird.

Im Vergleich zu vorherigen Ansätzen, die sich zumeist nur auf einen Bereich (Nachfrageseite /Konsumseite) begrenzen, können Schwachstellen in der Erklärung beseitigt werden. Der Entwicklungszusammenhang wird in dieser Theorie durch das gesellschaftliche Regulieren und die wirtschaftliche Akkumulation der Wachstumsstruktur und des Koordinierungsmechanismus‘ beschrieben. Die damit verbundene Einbeziehung von Institutionen, wie etwa Staat oder Gewerkschaften, schafft es, die Mehrdimensionalität der regionalen Entwicklung in einem Modell darzustellen (Braun u. Schulz 2012, 139f.).

Ein Kritikpunkt an der Theorie ist die Betrachtung von meist nationalstaatlichen Gebieten, die aufgrund von Gesetzgebung und Lohnverhältnissen einfacher zu fassen und untersuchen sind. Erst in den letzten Jahren wird in der Wissenschaft der Versuch unternommen, mithilfe der Regulationstheorie eine Untersuchung auf Weltebene durchzuführen. Vor allem vor dem Hintergrund internationaler Kapitalmärkte haben „finanzmarkt-getriebene“ Wachstumsmodelle (Boyer 2000, Aglietta 2000) versucht, die internationale Dimension zu beleuchten, blieben aber den nationalen Märkten verhaftet (Scherer 2005, 149f.).

Ebenso kritisch sollte die mangelnde handlungs- und staatstheoretische Fundierung der Regulationstheorie betrachtet werden. Obwohl die Theorie beansprucht „[…] Prosperitätsphasen und Krisen kapitalistischer Entwicklung als Produkt gesellschaftlicher Auseinandersetzung und gerade nicht als Folgen angeblich objektiver ökonomischer Gesetzmäßigkeiten zu erklären“ (Scherer 2005, 150), wird den Akteuren nur zu Beginn des Akkumulationsregimes Handlungsmacht zugesprochen. Zudem werden die Handlungen von staatlicher Seite „[…] allein auf die funktionale Rolle im Akkumulationsprozess untersucht“ (Scherer 2005, 150).

Dennoch ist die Regulationstheorie aufgrund der Einbindung gesellschaftlicher Systeme, der Produktionsstruktur und des Konsummusters wichtiger Bestandteil zur Erforschung regionaler Wirtschaftsentwicklung.

2.5 Zwischenfazit

In diesem Kapitel wurde zunächst ein Überblick über die Theorien zur Regionalentwicklung gegeben, bevor in den weiteren Abschnitten ausgewählte Theorien vorgestellt und kritisch beleuchtet wurden. Dies waren die Exportbasistheorie, die endogene Theorie und die Regulationstheorie. Alle drei Theorien versuchen die Entwicklung einer Region in einem Modell darzustellen. Hierzu stellen sie einen bestimmten Aspekt in den Vordergrund bzw. verzichten auf andere zugunsten des Modellcharakters. Für die weiteren Untersuchungen in der Kohleregion Ibbenbüren sollen jedoch Teilaspekte aus allen drei Theorien berücksichtigt werden, um so noch genauere Aussagen über die Entwicklung treffen zu können. Im Kapitel sechs wird diesbezüglich die Verbindung zwischen der Entwicklung der Kohleregion und dem Zusammenhang zu den Theorien der Regionalentwicklung aus diesem Kapitel wiederhergestellt.

3 Methodik

In diesem Teil der Arbeit wird das methodische Vorgehen erläutert. Hierzu ist das Kapitel in zwei Unterkapitel aufgeteilt, die dem Leser zum einen die verwendeten Methoden der Datenerhebung vorstellen und zum anderen aufzeigen, wie die Auswertung der Daten erfolgte.

Zunächst soll allerdings ein Überblick über die Herangehensweise im Hauptteil gegeben werden. In einem ersten Schritt wird die Entwicklung der Kohleregion seit dem Jahr 2000 aufgezeigt und die Ist-Situation in Form einer SWOT-Analyse dargestellt. Dies erfolgt anhand statistischer Daten von öffentlichen Stellen (vgl. Kapitel 3.1.1). Aus dieser Analyse und durch Gespräche mit Experten (vgl. Kapitel 3.1.2) wird dann ein Szenario für das Jahr 2018 und darüber hinaus abgeleitet, das die Entwicklung der Region in den Folgejahren aufzeigt. In der nachfolgenden Abbildung ist diese chronologische Abfolge auch graphisch dargestellt.

Abb. 6: Veranschaulichung der Vorgehensweise der Arbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

3.1 Datenerhebung

Wichtiger Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens ist das methodische Vorgehen und die damit verbundene Frage, wie der Forscher zu seinen Ergebnissen gelangt. Zur Beantwortung dieser Frage wird im ersten Unterkapitel erläutert, wie die Daten erhoben wurden.

Um Aussagen über die abgelaufene, wie auch die zukünftige sozio-ökonomische Entwicklung der Kohleregion treffen zu können, bedient sich die Bachelor-Arbeit sowohl qualitativer als auch quantitativer Forschungsmethoden. Als Beispiel für eine qualitative Methode kann die Befragung eines Experten in einem Interview genannt werden. Unter der quantitativen Methode versteht man hingegen eine weniger auf Kommunikation setzende Datenerhebung. Stattdessen sind die Erhebungsinstrumente standardisiert und mit statistischen Methoden auswertbar, wie etwa die Verwendung von bereits bestehenden Daten, sog. Sekundärdaten. Werden beide Methoden für den Forschungsprozess zusammengenutzt, spricht man auch von „Methodenmix“ bzw. „Methodentriangulation“. Dies ist sinnvoll, um eine Thematik „[…] mit verschiedenen Methoden und aus unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen“ (vgl. Baade et al. 2010, 46). Dieser Vorteil soll in der Untersuchung dieser Arbeit genutzt werden.

Es lassen sich so Aussagen über unterschiedliche Zeiträume treffen. Für bereits zurückliegende Perioden kann anhand von statistischen Daten die Entwicklung bestimmter Parameter festgehalten werden (Kapitel 3.1.1). Diese quantitative Messung eignet sich aber nur bedingt für den aktuellen und künftigen Zustand eines Parameters. Hierzu sollen qualitative Methoden, wie Experteninterviews (Kapitel 3.1.2), den Forschungsprozess vorantreiben (Reuber u. Pfaffenbach 2005). Neben der Auswertung statistischer Daten und der Durchführung und Analyse von Expertengesprächen wurden zudem Literaturrecherchen durchgeführt.

3.1.1 Statistiken von Öffentlichen Stellen

Großen Stellenwert hat die Verwendung von Sekundärdaten zur Erforschung der bereits abgelaufenen regionalen Entwicklung in der Kohleregion Ibbenbüren. Diese quantitative Forschungsmethode bietet den großen Vorteil, dass bereits vorhandene Datensätze zu den Gemeinden und Städten im Untersuchungsgebiet genutzt werden können. Für die Untersuchung bedeutet dies eine enorme Kosten- und Zeitersparnis. „Die eigene Datenerhebung, die Analyse möglicher Fehlerquellen sowie die EDV-gerechte Codierung, Eingabe und statistische Aufbereitung der Daten entfällt“ (Wessel 1996, 94). Ein weiterer Vorteil besteht in der Vergleichbarkeit. Statistische Daten von öffentlichen Stellen, wie dem Bundesland Nordrhein-Westfalen oder der Arbeitsagentur, werden auch für andere Gemeinden und Städte zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben. Der Vergleich einer Region zu unterschiedlichen Zeitpunkten, aber auch der Vergleich mit einer anderen Region zum gleichen Zeitpunkt ist möglich. MAIER KRUKER und RAUH (2005, 3) sehen einen ebenso großen Nutzen darin, dass „Sekundärdaten […] von den Forschenden ihrer Fragestellung entsprechend neu zusammengestellt, analysiert und bewertet“ werden können.

In Kapitel vier wird die Entwicklung in der Kohleregion der letzten zwölf Jahre anhand statistischer Daten nachgebildet. Hierzu werden nicht aggregierte, vollständige Datensätze unterschiedlicher Institutionen für die Städte und Gemeinden zusammengefügt. Diese Daten stammen vom Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW), dem Kreis Steinfurt, der Wirtschaftsförderung im Kreis Steinfurt und der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH.

Dadurch, dass die Kohleregion als solche keine eigenständige Verwaltungseinheit ist, mussten die Daten zu den Städten und Gemeinden im Untersuchungsgebiet neu zusammengestellt werden.

3.1.2 Experteninterviews

Ebenso wichtig wie die Auswertung statistischer Daten ist in dieser Ausarbeitung die Befragung von Experten.

Zunächst soll jedoch nach herrschender Literaturmeinung[5] der Begriff „Experte“ erläutert werden. Demnach sind Experten jene Personen, die sich professionell mit der Thematik auseinandersetzen und „[…] eine Vielzahl von Einzelfällen vergleichen können“ (Meier Kruker u. Rauh 2005, 62). Des Weiteren verfügt der Experte über eine besondere Kompetenz auf dem Sachgebiet, die er sich über mehrere Jahre angeeignet hat. Diese Kenntnisse sind so speziell, dass sie der Allgemeinheit meist nicht zugänglich oder bekannt sind (Brink 2005, 134).

Der Vorteil im Vergleich zu quantitativen Verfahren besteht darin, dass die Befragung in großem Maße offen und flexibel ist, so dass eine Ordnung und Klärung bis dato unbekannter Problemzusammenhänge möglich ist. „Die dabei gewonnenen Forschungsergebnisse können als Grundlage für die Bildung von Hypothesen dienen, die sich anschließend der Prüfung mit Hilfe von quantitativen Verfahrensweisen stellen müssen“ (Wessel 1996, 45)

Diesem Vorgehen entsprechend soll die Befragung von Experten dazu dienen, zukünftige Entwicklungstendenzen der Region herauszustellen. Durch die Kombination der Experteneinschätzungen mit dem statistischen Datenmaterial, kann die Entwicklung der Kohleregion nach Beendigung des Steinkohlebergbaus im Jahre 2018 erörtert werden.

Zur Befragung der Experten wurde die Form der leitfragenorientierten Interviews gewählt. Diese bietet den Vorteil, dass während der Befragung flexibel auf den Gesprächspartner reagiert werden kann, aber trotzdem das Abweichen vom eigentlichen Forschungsthema vermieden wird. Da für die Befragung der Experten Fragen vorformuliert wurden, aber spontane Fragen, die sich aus dem Gespräch ergaben, mit einfließen konnten, ermöglicht das Leitfadeninterview eine offene Gesprächsführung.

Alle drei Interviews wurden im direkten Gespräch durchgeführt und zunächst per Diktiergerät festgehalten. Die Dauer der einzelnen Interviews variierte zwischen 30 und 60 Minuten.

3.1.3 Auswahl der Interviewpartner

Als Interviewpartner wurden Beteiligte aus drei Bereichen ausgewählt, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit dem Ende der Steinkohleförderung in der Kohleregion und den damit verbundenen Änderungen befassen. Hierzu gehören zum einen die RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH, die das Steinkohlebergwerk betreibt. Desweiteren die Stadt Ibbenbüren, auf deren Gebiet sich das Gros der Anlagen und Produktionsstätten für den Bergwerkbetrieb befinden. Auch auf Kreisebene ist die Thematik der Zechenschließung wichtiges Thema, als Koordinator und Berater tritt hier die Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft des Kreises Steinfurt (WESt mbH) auf.

Die RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH wurde als erster Gesprächspartner gewählt. Hier standen Herr Dr.-Ing. Peter Goerke-Mallet, als Pressesprecher des Konzerns, sowie sein Stellvertreter und Nachfolger, Herr Reichow, für ein Gespräch bereit. Aufgrund der enormen Bedeutung der Stadt Ibbenbüren, die Herr Goerke-Mallet im Gespräch herausstellte, wurde der Kontakt zur Stadt gesucht. Hier fand ein Interview mit dem Fachbereichsleiter für Stadtplanung Herrn, Uwe Manteuffel und Herrn André Hagel, der für das Ressort Wirtschaftsförderung zuständig ist, statt. Im Gespräch bei der Stadt wiederum wurde angeregt, den Kontakt zur Wirtschaftsförderungseinrichtung des Kreises Steinfurt zu suchen, die den Städten und Gemeinden der Kohleregion zur Seite steht. In Steinfurt konnte ein Gespräch mit Herrn Guido Brebaum geführt werden, der als Mitglied in der Projektgruppe „Wandel als Chance in der Kohleregion Ibbenbüren“ federführend tätig ist.

Die Auswahl der Experten erfolgte von der kleinsten vor Ort befindlichen Einheit, dem Betreiber der Zeche, über die Stadt, in der sich die größten gewerblichen Flächen zur Steinkohleförderung befinden. Abschließend wurde der Radius vergrößert und das Gespräch mit dem Kreis und der zugehörigen Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft gesucht. Mit der Auswahl der Interviewpartner ist es möglich, die Veränderungen und Anpassungen, die zur der Meisterung des Strukturwandels nötig sind, auf den unterschiedlichen Ebenen herauszustellen, um so das Ziel der Arbeit erfüllen zu können.

In der nachfolgenden Tabelle sind die Gesprächspartner mit weiteren Informationen gelistet:

Tab. 1: Interviewpartner

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

3.2 Datenauswertung

Da zur Erhebung der Daten die Methoden der Expertengespräche und der Recherche und Analyse von Sekundärdaten gewählt wurde, wird im Folgenden die Auswertung der jeweiligen Methode erläutert.

Nachdem die Sekundärdaten für die einzelnen Gemeinden und Städte recherchiert wurden, galt es, diese für die Auswertung nutzbar zu machen. Hierfür mussten die Datenmassen so zusammengestellt werden, dass nur die Daten einbezogen werden, die für das Untersuchungsgebiet relevant sind. So wurden beispielsweise demographische Daten der jeweiligen Gemeinden und Städte miteinander in Verbindung gesetzt, um so ein Gesamtbild der Kohleregion widerspiegeln zu können. Weitere Statistiken zur Demographie, die räumlich über die Kohleregion hinausgehen, wurden nicht berücksichtigt. Zur Analyse der Daten eignet sich die Verarbeitung mithilfe eines Tabellenkalkulationsprogrammes. Hierfür wurde das Microsoft-Programm Excel gewählt, mit dessen Hilfe sich die Daten in tabellarischer und graphischer Form anschaulich darstellen lassen.

Neben der Auswertung von Sekundärdaten, die vornehmlich für die Analyse bereits abgelaufener Perioden verwendet wird, sollen zur Erörterung zukünftiger Prozesse und Herausforderungen die Interviews mit den Experten ausgewertet werden. Nachdem diese zunächst mit einem Diktiergerät festgehalten wurden, folgte vollständige Transkription[6]. Diese wurden dann mithilfe des Programmes MAXQDA organisiert, strukturiert und kategorisiert. Die computergestützte Verarbeitung der qualitativen Daten ist noch vor der Interpretation und Textanalyse angesiedelt. Die Software dient hierbei jedoch nur als technische Unterstützung im Auswertungsprozess, während die Dateninterpretation und Analyse Denk- und Kreativleistung des Forschers bleibt (vgl. Flick et al. 1995, 164 f.).

In einem ersten Schritt wurden zunächst die Experteninterviews einzeln interpretiert und ausgewertet. Hierzu wurde auf die Fragen aus dem Leitfragebogen eingegangen und die dazugehörigen Aussagen erörtert. Im zweiten Schritt wurden dann alle drei Experteninterviews zusammen betrachtet im Hinblick auf deren Aussagen zu gleichen Fragestellungen. So konnten unterschiedliche Betrachtungsweisen und Ebenen bei gleicher Fragestellung erkannt werden. Bedeutsame Aspekte, die von den Akteuren ähnlich gewertet werden, aber auch die Gesichtspunkte, die zu divergierenden Ansichten führten, halfen die Diskussion voranzutreiben. So können vor diesem Hintergrund unterschiedliche Theorieansätze erörtert und der Blick auf die wichtigsten Problematiken konzentriert werden[7].

Die Ergebnisse aus Expertengesprächen und der Auswertung empirischer Daten werden in Kapitel 4.5 mithilfe der Methode der SWOT-Analyse übersichtlich zusammengefasst und in Form einer Vier-Felder-Matrix dargestellt. Die Abkürzung SWOT steht hierbei für die Anfangsbuchstaben der Begriffe S trength (Stärke), W eakness (Schwäche), O pportunities (Chancen) und T hreats (Risiken). Bei der Auswertung können die unterschiedlichen Felder miteinander in Bezug gesetzt werden, so dass Handlungsstrategien genutzt werden können (Runia et al. 2007, 59ff). Die Ableitung und Überprüfung von Handlungsstrategien und -alternativen durch den Rückgriff auf die Theorien der Regionalentwicklung erfolgt im sechsten Kapitel.

4 Die Kohleregion Ibbenbüren (bis heute)

In diesem Kapitel werden zunächst der Untersuchungsraum und die Mitglieder der Kohleregion vorgestellt. Statistische Daten zur demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung der letzten zwölf Jahre sind Bestandteil des zweiten Unterkapitels. Schließlich wird ein Zwischenfazit gezogen, das die wichtigsten Punkte nochmals zusammenfasst.

4.1 Vorstellung des Untersuchungsraums

Die Kohleregion Ibbenbüren befindet sich im Norden des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen (NRW) und ist Bestandteil des Landkreises Steinfurt (vgl. Abb. 7). Die nächstgrößeren Städte sind Osnabrück in östlicher Richtung (ca. 25 km) und Münster im Süden (40 km). Von West nach Ost verläuft der Gebirgszug des Teutoburger Waldes, unter dem sich im Laufe der Jahrtausende die Ibbenbürener Anthrazitsteinkohle bilden konnte. Insgesamt besteht die Kohleregion Ibbenbüren aus sechs Kommunen. Dies sind die Gemeinden Hopsten, Mettingen, Recke, Westerkappeln und die Städte Hörstel und Ibbenbüren.

Abb. 7: Lage der Kohleregion Ibbenbüren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Bearbeitung nach WESt 2009, 1.

Um der anstehenden Schließung der Steinkohlezeche im Jahr 2018 und den damit verbundenen Auswirkungen gemeinschaftlich zu begegnen, haben sich diese Gemeinden und Städte zur Kohleregion Ibbenbüren zusammengeschlossen. Zusammen mit der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft des Kreises Steinfurt wurde im Jahr 2009 ein Strategiepapier[8] herausgegeben, das Handlungsfelder und bedeutsame Projekte in den Fokus des Interesses rückt. Ein weiterer wichtiger Schritt war im Jahr 2012 das Stellen eines Förderantrags zur Bewältigung des drohenden Strukturwandels beim Land NRW.

[...]


[1] Vgl. Schätzl 2003; Braun u. Schulz 2012; Maier et al. 2006; Bathelt u. Glückler 2012

[2] Hierzu gehören Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong

[3] Vgl. u.a. Schätzl 2003, Kulke 2008

[4] Vgl. u.a. Schätzl 2003, Kulke 2008

[5] vgl. Meier Kruker u. Rauh 2005, 62; Brink 2005, 134; Helferrich 2011, 163

[6] Die Experteninterviews wurden dem Wortlaut nach übernommen. Es ist daher möglich, dass die Syntax nicht immer korrekt ist. Die Experteninterviews sind dem Anhang (A 1 bis A 3) beigefügt.

[7] Die Interviewquellen sind in folgendem Format in der Fußnote kenntlich gemacht: NAME, tt.mm.jj. Alle direkten Zitate aus den Interviews sind im Fließtext kursiv dargestellt.

[8] Vgl. Wirtschaftsförderung Kreis Steinfurt (WESt) 2009

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Strukturwandel in der Kohleregion Ibbenbüren. Das Aus des Steinkohlebergbaus 2018 als Chance für die Regionalentwicklung?
Hochschule
Universität Osnabrück  (Institut für Geographie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
80
Katalognummer
V268247
ISBN (eBook)
9783668584273
ISBN (Buch)
9783668584280
Dateigröße
2577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Steinkohle;, Strukturwandel, Tecklenburger Land;, Ibbenbüren;, Bergbau Ibbenbüren;
Arbeit zitieren
Jens Konermann (Autor), 2013, Strukturwandel in der Kohleregion Ibbenbüren. Das Aus des Steinkohlebergbaus 2018 als Chance für die Regionalentwicklung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268247

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