Das Gegenwärtigmachen des Nichtgegenwärtigen in Novalis Klingsohr-Märchen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Das Klingsohr-Märchen als Kunstmärchen

3. Novalis triadisches Geschichtsmodell als Folie des Klingsohr-Märchens
3.1 Novalis triadisches Geschichtsmodell
3.2 Die verschiedenen Reiche des Klingsohr-Märchens und ihr Zusammenhang mit Novalis triadischem Geschichtsmodell
3.3 Die Figuren des Klingsohr-Märchens als Allegorien
3.4 Die Figur Fabel und ihre Aufgabe in dem "Gegenwärtigmachen" des Goldenen Zeitalters

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wenn […] man in Mährchen und Gedichten

Erkennt die ewgen Weltgeschichten,

Dann fliegt vor Einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen sofort.“[1]

Dieses Zitat stammt aus dem Gedicht „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“ von Novalis, eigentlich Friedrich Freiherr von Hardenberg. Er hatte es für den zweiten, nicht mehr entstandenen Teil des Romanfragmentes „Heinrich von Ofterdingen“ geschrieben.

In den hier zitierten Zeilen des Gedichtes deutet Novalis auf einen Zusammenhang zwischen Märchen und Weltgeschichte hin. Die Weltgeschichte soll im Märchen erkennbar werden. Aber wie könnte eine solche Beziehung zwischen Märchen und Weltgeschichte aussehen? Innerhalb des Romanfragmentes „Heinrich von Ofterdingen“ bringt Novalis mehrfach Märchen ein, darunter das Klingsohr-Märchen.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit Novalis Klingsohr-Märchen. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit Novalis sein triadisches Geschichtsmodell in dem Klingsohr-Märchen als Folie diente. Hierbei lautet die These, dass Novalis sein Geschichtsmodell und vor allem das „nichtgegenwärtige“ Goldene Zeitalter in seinem Klingsohr-Märchen literarisiert und seinem Leser dadurch vergegenwärtigt.

Hierfür bezieht sich die Hausarbeit auf Novalis Essay „Die Christenheit oder Europa“. Das dort entworfene triadische Geschichtsmodell soll in einen Kontext mit dem Klingsohr-Märchen gesetzt werden.

2. Das Klingsohr-Märchen als Kunstmärchen

Um ihre Ideen der breiten Masse zugänglich zu machen, benutzten die Romantiker unter anderem das Kunstmärchen. Es bedient sich des Stils und der Eigenschaften des Volksmärchens, welches sich durch seinen Ursprung in der Oralität vom Kunstmärchen unterscheidet. Die Ursprünge des Kunstmärchens liegen in der Vorstellung eines bestimmten Autors und in ihrer Verschriftlichung.

Die meisten Romantiker nutzten diese Textgattung und erweiterten sie um eine gesellschaftliche Dimension. Es ging ihnen vor allem darum, „nichtentfremdete Weltverhältnisse […] mit einer durch die Reflexion hindurch wiedererlangten Unschuld zu imaginieren und die Entzweiung der Welt als wenigstens partiell aufhebbar vorzustellen“[2]. Die Märchen sollten auf einen harmonischen Zustand der Welt verweisen.

„Die Welt des Märchens ist die durchausentgegengesezte Welt der Welt der Wahrheit (Geschichte)“[3], so schreibt Novalis im Allgemeinen Brouillon von 1798. Seiner Vorstellung nach soll das Märchen nicht den aktuellen Zustand der Welt abbilden, sondern vielmehr seine Verkehrung. Novalis sieht darin eine „Prophetische Darstellung“[4]. Es geht ihm nicht um einen vergangenen harmonischen Zustand der Welt, sondern Novalis intendiert die literarische Darstellung einer möglichen Zukunft. Dies wird auch in Novalis Aussage „Der ächte Märchendichter ist ein Seher der Zukunft“[5] deutlich. Das Klingsohr-Märchen ist eine Literarisierung dieses Konzeptes, was im Weiteren verdeutlicht wird. Novalis setzt die Aufgabe des Kunstmärchens in den Kontext zu seinem triadischen Geschichtsmodell.

3. Novalis Geschichtsmodell als Folie des Klingsohr-Märchens

3.1 Novalis triadisches Geschichtsmodell

Novalis verfasste 1799 einen Essay mit der Überschrift „Die Christenheit oder Europa“. In diesem Essay veranschaulicht er auch seine Vorstellung von seinem triadischen Geschichtsmodell.

Ein solches Modell geht von einer stufenweisen Entwicklung der Menschheit aus. Die Geschichtsvorstellung der Aufklärung, vor allem bei Lessing, entsprach ebenfalls einer dreistufigen Entwicklung der Menschheit. Diese Entwicklung implizierte ein immer weiteres Emporsteigen bis hin zum Idealzustand des aufgeklärten Menschen.

Novalis Geschichtsmodell setzt im christlichen Mittelalter ein, das er zu einem Idealzustand verklärt. Instinkt und Vernunft hätten sich dort im Einklang miteinander befunden. Seine Argumentation geht weiter dahin, dass dieser ideelle Zustand nicht dauerhaft sein konnte, da „die Menschheit für dieses herrliche Reich nicht reif, nicht gebildet genug“[6] gewesen sei. Novalis Geschichtsmodell ist dialektisch, da die nachfolgende Stufe nicht einen weiteren Aufstieg in der Menschheitsgeschichte, sondern eher einen Rückschritt darstellt. Diese zweite Stufe muss im Zusammenhang mit der Aufklärung und der Französischen Revolution gesehen werden. Diese bilden die Folie dieser Stufe.

Die Romantiker waren keine Revolutionsgegner, sondern begrüßten sie durchaus. Erst während der Revolution distanzierten sich immer mehr Romantiker, unter ihnen Novalis und Friedrich Schelling, von dem Verlauf und den Ergebnissen der Revolution und der mit ihr verbundenen Aufklärung[7].

In der Beschreibung der zweiten Entwicklungsstufe des Geschichtsmodells übt Novalis Kritik an der Aufklärung. Durch sie, so seine Meinung, sei es zu einem „Vertilgungskrieg“[8] zwischen dem mündig gewordenen aufgeklärten Verstand und dem Instinkt gekommen. Alles Mystische oder Geheimnisvolle sollte vernichtet werden. Man kann diese Stufe auch als „Zeit der Entfremdung“[9] oder, wie es Novalis in dem in der Einleitung dieser Hausarbeit zitierten Gedicht beschreibt, als „verkehrte[s] Wesen“[10] bezeichnen, da sich die vormalige Harmonie in eine Zergliederung verkehrt hatte.

Dennoch sah Novalis während der Abfassung seines Essays eine neue Zeit anbrechen, das Goldene Zeitalter. Er selbst nennt sie „Auferstehung“[11], „heilige Zeit des ewigen Friedens“[12] oder auch „Versöhnungszeit“[13]. Diese Zeit soll zur Wiedervereinigung der Vernunft und des Instinktes führen. Die Versöhnungszeit ist eng verbunden mit einem wieder lebendig gewordenen Christentum, dessen Wesen „ächte Freiheit“[14] sei. Das Goldene Zeitalter darf nicht als Wiederherstellung der ersten Stufe missverstanden werden, es ist vielmehr die Synthese aus der ersten Stufe, der Harmonie, und der zweiten Stufe, der Zergliederung, die eine neue, höhere Form der Harmonie hervorbringt.

Diese Vorstellung des triadischen Geschichtsmodells ist in Korrelation mit der Aufgabe der Poesie zusehen. Die Poesie steht in engem Zusammenhang zur ersten Stufe des Geschichtsmodells.

Die Macht, die Novalis der Poesie zuschreibt, wird deutlich, wenn er ausführt, dass in der Stufe der Entfremdung einige Dichter sich noch der Poesie bedienten, „aber dabei in Gefahr kamen, das neue Weltensystem mit altem Feuer zu entzünden“[15]. Die Poesie war auch noch in dieser zweiten Stufe eine Verbindung hin zum ideellen Zustand der ersten Stufe, und durch sie konnte der ursprüngliche Zustand jederzeit wiederhergestellt werden. Durch diesen Zusammenhang zwischen der Poesie und dem alten Weltsystem war die Poesie auch vom „Vertilgungskrieg“ betroffen. Die Vertreter der reinen Rationalität wollten, so Novalis Ausführungen, „die Natur, den Erdboden, die menschlichen Seelen und die Wissenschaften von der Poesie“[16] säubern. Von ihr ging die ständige Gefahr aus, das neue entstehende Weltsystem zu konterkarieren. Im Goldenen Zeitalter soll die Poesie in ihrer Farbenpracht dem kalten „Stubenverstand[es]“[17] kontrastiv gegenüberstehen. An dieser gegensätzlichen Darstellung wird deutlich, dass, Novalis nach, der Verstand im Goldenen Zeitalter gegenüber der Poesie an Macht verlieren wird.

Novalis triadisches Geschichtsmodell scheint eng an die Vorstellung eines christlichen Europas gebunden zu sein. Wie Richard Herzinger aufzeigt, ging es Novalis bei seinem Essay nicht um eine historisch korrekte Darstellung des Mittelalters, sondern um eine idealisierte Darstellung, die im Kontrast zu den Geschichtsvorstellungen der Aufklärung stehen und eine neue Mythologie erschaffen sollte[18].

Diese Idee einer neuen Mythologie und ihres Zweckes ist beeinflusst von Novalis „magischem Idealismus“. Das Geschichtsmodell soll nicht der faktischen Realität entsprechen. Es soll kontrafaktisch sein. Novalis triadisches Geschichtsmodell soll vielmehr durch die subjektive Wahrnehmung und Empfindung hindurch zur erfahrbaren Realität werden. Er benutzt das Märchen, um das Geschichtsmodell aus seiner Abstraktheit herauszuheben und für den Leser erfahrbar zu machen.

[...]


[1] Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2007 (Suhrkamp BasisBibliothek 80), S.180.

[2] Jens Tismar: Kunstmärchen. 2. Aufl. Stuttgart, Metzler 1997, S. 55.

[3] Novalis: Schriften III. Das philosophische Werk II. Hg. v. Richard Samuel. 3., Aufl. Stuttgart Berlin Köln Mainz, W. Kohlhammer Verlag 1983, S.281.

[4] HKA III, S. 281.

[5] HKA III, S. 281.

[6] HKA III, S. 509.

[7] Romantik-Handbuch. Hg. von Helmut Schanze. 2., durchgesehene und aktualisierte Aufl. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 2003, S. 485.

[8] HKA III, S. 515.

[9] Josef Billen; Friedhelm Hassel: Undeutbare Welt. Sinnsuche und Entfremdungserfahrung in deutschen Naturgedichten von Andreas Gryphius bis Friedrich Nietzsche. Würzburg, Königshausen & Neumann 2005, S. 165.

[10] Novalis: Heinrich von Ofterdingen. S. 180.

[11] HKA III, S. 517.

[12] HKA III, S. 524.

[13] HKA III, S. 519.

[14] HKA III, S. 524.

[15] HKA III, S. 516.

[16] HKA III, S. 516.

[17] HKA III, S. 520.

[18] Richard Herzinger: Erlöste Moderne. Religiosität als politisches und ästhetisches Ordnungsprinzip in der Staatsutopie der politischen Romantik. In: Romantik und Ästhetizismus: Festschrift für Paul Gerhard Klussmann. Hg. v. Bettina Gruber, Gerhard Plumpe. Würzburg, Königshausen & Neumann 1999, S. 101-124, hier S. 101 f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Gegenwärtigmachen des Nichtgegenwärtigen in Novalis Klingsohr-Märchen
Hochschule
FernUniversität Hagen  (LG Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medientheorie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V268254
ISBN (eBook)
9783656584612
ISBN (Buch)
9783656584605
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gegenwärtigmachen, nichtgegenwärtigen, novalis, klingsohr-märchen
Arbeit zitieren
Sandra Offermanns (Autor), 2013, Das Gegenwärtigmachen des Nichtgegenwärtigen in Novalis Klingsohr-Märchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268254

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