Der Ur-Rhein in Rheinhessen


Fachbuch, 2014
211 Seiten

Leseprobe

INHALT

Vorwort
Der Rhein in einem anderen Bett

Dank

Die Anfänge des Rheins

Die Entdeckung

des „Schreckenstieres“

Ein Paradies für Rüsseltiere

Das Huftier mit Krallenfüßen

Die Bärenhunde oder Hundebären

Säbelzahnkatzen und Dolchzahnkatzen am Ur-Rhein

Umstrittene Menschenaffen

Die Tierwelt am Ur-Rhein vor zehn Millionen Jahren

Was man bisher nicht gefunden hat

Daten und Fakten

Fundorte am Ur-Rhein und dort entdeckte Tierarten

Der Autor /

Literatur /

Bildquellen /

Bücher von Ernst Probst /

Das Dinotherium-Museum in Eppelsheim (Kreis Alzey-Worms) informiert anschaulich ü ber die exotische Tierwelt am Ur-Rhein vor etwa zehn Millionen Jahren. Im Mittelpunkt der sehens- werten Ausstellung steht ein Abguss des 1835 bei Eppelsheim entdeckten Obersch ä dels des R ü sseltieres Deinotherium gigan- teum. „ Geistiger Vater “ des Dinotherium-Museums ist der fr ü - here B ü rgermeister von Eppelsheim, Heiner Roos (rechts).

Exotische Tierwelt am Ur-Rhein bei Eppelsheim in Rheinhessen vor etwa zehn Millionen Jahren. Ausschnitt aus einem Gem ä lde von Pavel Major (Prag) im Dinotherium- Museum in Eppelsheim.

VORWORT

Der Rhein in einem anderen Bett

Der Rhein war vor etwa zehn Millionen Jahren noch ein klei- nes Flüsschen. Er erreichte nur eine Länge von schätzungswei- se 400 Kilometern statt 1324 Kilometern wie heute. Ursprüng- lich floss er nicht durch die Gegend von Oppenheim, Nierstein, Nackenheim, Mainz, Wiesbaden und Ingelheim. Stattdessen bahnte er sich ab etwa Worms - streckenweise mehr als 20 Ki- lometer vom jetzigen Rheinbett entfernt - seinen Weg durch Rheinhessen. Im Raum Eppelsheim unweit von Alzey hatte er nur eine Breite von ungefähr 45 bis 60 Metern. Heute ist er bis zu 400 Meter breit.

Über diesen frühen Fluss informiert das Taschenbuch „Der Ur- Rhein in Rheinhessen“ des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst. Gewidmet ist es dem Paläontologen Dr. Jens Lo- renz Franzen in Titisee-Neustadt, Altbürgermeister Heiner Roos in Eppelsheim und der Bürgermeisterin Ute Klenk-Kaufmann in Eppelsheim, die sich - jeder auf seine Weise - um die Erfor- schung der Tierwelt am Ur-Rhein und um den Aufbau des „Dinotherium-Museums“ in Eppelsheim verdient gemacht haben.

Am Ur-Rhein existierte eine exotische Tierwelt, wie man vor allem durch Funde bei Eppelsheim, am Wissberg bei Gau-Wein- heim und bei Dorn-Dürkheim weiß. In der Gegend von Eppels- heim etwa lebten Rüsseltiere, Säbelzahnkatzen, Bärenhunde, Tapire, Nashörner, krallenfüßige Huftiere, Ur-Pferde und so- gar Menschenaffen. Eppelsheim genießt weltweit in der Wis- senschaft einen guten Ruf. Zusammen mit dem Pariser Mont- martre gehört der kleine Ort südlich von Alzey zu jenen groß- artigen Fossillagerstätten, mit denen die Erforschung ausgestorbener Säugetiere in Europa begonnen hat.

Zum Gelingen dieses Taschenbuches haben Altbürgermeister Heiner Roos, Bürgermeisterin Ute Klenk-Kaufmann, der Förderverein Dinotherium-Museum Eppelsheim, die Gemeinde Eppelsheim, Dr. Jens Lorenz Franzen, Dr. Jens Sommer, Dr. Gerhard Storch, Dr. Frank Holzförster, Professor Dr. Wolfgang Schirmer, Dr. Winfried Kuhn, Dr. Ursula Bettina Göhlich, Mag. Thomas Bence Viola, Dr. Oliver Sandrock, Dr. Thomas Keller und Thomas Engel beigetragen.

Das Taschenbuch „Der Ur-Rhein in Rheinhessen“ enthält ein Gemälde und zahlreiche Zeichnungen von Tieren aus den Dinotheriensanden bei Eppelsheim in Rheinhessen. Diese Bil- der wurden im Auftrag der Gemeinde Eppelsheim und des För- dervereins Dinotherium-Museum Eppelsheim von dem akade- mischen Maler Pavel Major aus Prag angefertigt und mit freund- licher Genehmigung im vorliegenden Taschenbuch veröffent- licht.

Dank

Für Auskünfte, kritische Durchsicht von Texten (Anmerkung: etwaige Fehler gehen zu Lasten des Verfassers), mancherlei Anregung, Diskussion und andere Arten der Hilfe danke ich:

Renate Adolfs, Bad Camberg

Mag. Thomas Bence Viola,

Institut für Anthropologie, Universität Wien

Professor Dr. Dietrich E. Berg,

Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Fachbereich Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften,

Institut für Geowissenschaften

Thomas Engel, geologischer Präparator, Naturhistorisches Museum Mainz /

Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz

Professor Dr. Oldrich Fejfar,

Paläontologisches Institut, Karls-Universität, Prag

Förderverein Dinotherium-Museum Eppelsheim

Markus Forman,

Naturhistorisches Museum Mainz /

Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz

Dr. Jens Lorenz Franzen,

ehemaliger Leiter der Abt. Paläoanthropologie und Quartärpaläontologie

am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main, ab 1. 9. 2000 im Ruhestan und seitdem ehrenamtlicher Mitarbeiter, Titisee-Neustadt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dr. Ursula Bettina Göhlich,

Kuratorin für Wirbeltierpaläontologie, Geologisch-paläontologische Abteilung, Naturhistorisches Museum Wien

Dr. Elmar P. Heizmann,

Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart

Dipl.-Ing. Ansgar Hemm, Bad Wildungen

Christine Hemm-Herkner

Forschungsinstitut Senckenberg, Frankfurt am Main

Dr. Frank Holzförster, Diplom-Geologe,

Wissenschaftlicher Leiter des GEO-Zentrums an der KTB Windischeschenbach

Dr. Martin Hottenrott,

Hessisches Landesamt für Umwelt und Geologie, Wiesbaden

Ute Klenk-Kaufmann, Bürgermeisterin, Eppelsheim

Dr. Thomas Keller

Landesamt für Denkmalpflege Hessen,

Abteilung Archäologie und Paläontologie, Schloss Biebrich, Wiesbaden

Dr. Winfried Kuhn

Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz Abt. 2 Geologie und Rohstoffe, Mainz

Tom S. H. Lee, Toronto, Kanada

E. Leibenath, Leverkusen

Dr. Gerald Mayr, Leiter der Sektion Paläoornithologie am Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg, Frankfurt am Main

Pèter Papp, Geologe,

Magyar Állami Földtani Intézet (MAFI) / Geological Institute of Hungary, Budapest

Heiner Roos, Altbürgermeister von Eppelsheim, Initiator des Dinotherium-Museums Eppelsheim

Dr. Oliver Sandrock, Hessisches Landesmuseum Darmstadt Jennifer Scheffler, Bilddatenbank www.pixelo.de Professor Dr. Wolfgang Schirmer, Wolkenstein Dr. Peter Schröter, Anthropologe, München Dr. Jens Sommer, Geologe und Paläontologe, Hannover

Dr. Gerhard Storch,

ehemaliger Leiter der Sektion Fossile Säugetiere und der Abteilung Terrestrische Zoologie am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main, ab 2004 im Ruhestand und seitdem ehrenamtlicher Mitarbeiter

Der Pal ä ontologe Jens Lorenz Franzen

aus Titisee-Neustadt, fr ü herer langj ä hriger Mitarbeiter am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main, ist der Wiederentdecker der verschollenen Fossil- fundstelle bei Eppelsheim unter acht Meter m ä chigen Deckschichten und Begr ü nder der ersten wissenschaftlichen Grabungen dort. Er leitete Grabungen in Eppelsheim und Dorn-D ü rkheim in Rheinhessen, untersuchte und beschrieb Fundstellen und Funde. Kein anderer Wissenschaftler hat so lange und so intensiv in den Ablagerungen des Ur-Rheins gegraben wie er. Ma ß geblich war er auch am Aufbau des Dinotherium- Museums in Eppelsheim beteiligt.

Die Anfänge des Rheins

Eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und Entwicklung des Rheins in Deutschland spielte die Kontinentalverschiebung. Die so genannte Theorie der Plattentektonik wurde am 6. Janu- ar 1912 von dem genialen deutschen Geophysiker Alfred Wegener (1880-1930) bei einer Tagung der Geologischen Ver- einigung im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main erst- mals erklärt.

Jene Theorie, die man später immer mehr verfeinert hat, be- sagt, dass sich die Kontinente unseres „blauen Planeten“ auf Platten der äußeren Erdkruste wie auf einem Förderband über den Erdball bewegen. Angetrieben wird dieses gigantische För- derband durch Konvektionsströmungen, welche die Hitze aus dem glutflüssigen Erdinneren nach außen und somit letztlich ins Weltall ableiten.

Wie andere Südkontinente bewegt sich auch die Afrikanische Platte unaufhaltsam nordwärts und schiebt dabei das Mittel- meer allmählich zusammen. Das bewirkt, dass sich der Mee- resboden vor der ehemaligen Südküste Europas wie ein Tisch- tuch zum Falten- und Deckengebirge der Alpen staucht. Zu- dem treibt die Afrikanische Platte den Sporn des italienischen Stiefels samt Adriaboden vor sich her und rammt ihn in die Südflanke.

Der Paläontologe Jens Lorenz Franzen beschrieb diese geolo- gischen Vorgänge 2002 sehr anschaulich in seinem Aufsatz „Ver- such einer Rekonstruktion der Entwicklung des rheinischen Flusssystems“. Sein lesenswerter Beitrag erschien in der Zeit- schrift „Natur und Museum“, die vom Naturmuseum und For- schungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main herausge- geben wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der D ü sseldorfer Geologe Wolfgang Schirmer gab mehreren Abschnitten des Ur-Rheins einen Namen

Unvorstellbare Kräfte wölbten das Gebiet im nördlichen Vor- land der gestauchten Alpen schildartig auf und dehnten die obe- ren Schichten. Dabei brach im Scheitel der Aufwölbung der Oberrheingraben ein. Der Grabenbruch machte sich erstmals im Eozän vor etwa 50 Millionen Jahren äußerlich bemerkbar: Von da ab sank die Erdoberfläche in einer rund 30 bis 50 Kilo- meter breiten Spalte millimeterweise allmählich bis zu fünf Kilometer tief ein. Die Absenkungsbewegungen lösten starke Erdbeben und Meeresvorstöße aus.

Vielleicht existierte bereits an der Wende vom Eozän zum Oli- gozän vor etwa 34 Millionen Jahren im Rheinischen Schiefer- gebirge ein Vorläufer des Rheins oder sogar ein erster Rhein. Dabei handelt es sich um das Vallendarer Flusssystem, das 1908 von dem Geologen Carl Mordziol (1886-1958) nach dem Ko- blenzer Stadtteil Vallendar benannt wurde. Als seine Hinterlas- senschaften gelten hellweiße Schotter in Senkungszonen des Rheinischen Schiefergebirges. Zum Beispiel im Moseltrog, Lahntrog, Rheintrog oder im Goldenen Grund, jener Senke, die entlang der Autobahn Limburg-Wiesbaden eine Fortsetzung des Oberrheingrabens ins Schiefergebirge bildet.

Nach seinen fast nur aus Quarz und verkieselten Gesteinen be- stehenden Schottern zu schließen, lag das Quellgebiet des Vallendarer Flusssystems in den Vogesen. Dagegen kamen ei- nige kleinere Flüsse aus dem Rheinischen Schiefergebirge. Der genaue Verlauf des Vallendarer Flusssystems und seine Abfluss- richtung aus dem Rheinischen Schiefergebirge sind umstritten. Wenn der Vallendarer Hauptstrom ab dem Mittelrheinischen Becken in Richtung Bonn entwässert hätte, wäre er tatsächlich ein erster Rhein, ein früher Lothringischer Rhein. In jedem Fall aber ist er der Wegbereiter für den späteren Lothringischen Rhein und seinen Nachfolger, die Mosel, schrieb 2003 der Düs- seldorfer Geologe Wolfgang Schirmer.

Zu Beginn des Unteroligozäns vor etwa 34 Millionen Jahren ereignete sich ein erster und kurzer Meeresvorstoß von Süden her aus dem Alpenraum in den Oberrheingraben und in das

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Oligoz ä n vor etwa 30 Millionen Jahren existierte in Deutschland eine lang gestreckte Meeresstra ß e, die das Nordmeer ü ber die Wetterausenke und den ca. 300 Kilometer langen sowie etwa 30 bis 50 Kilometer breiten Oberrheingraben mit dem damaligen Meer im heutigen Alpenvorraum verband.

Mainzer Becken. Dabei wurden im Mainzer Becken teilweise die nach einem Ort im Elsass benannten mittleren Pechelbronn- Schichten abgelagert. Bald darauf zog sich das Meer nach Sü- den zurück.

Im späten Unteroligozän vor rund 30 Millionen Jahren erfolgte ein zweiter und starker Meeresvorstoß aus dem Norden. Da- von zeugen küstennah abgelagerte Meeressande und küsten- fern entstandene Tonmergelschichten (der nach einem belgi- schen Flüsschen bezeichnete Rupelton) sowie Haifisch-Zähne, Seekuh-Skelette, Meeresmuscheln und -schnecken sowie Au- stern. Norddeutschland war damals bis in die Gegend von Kas- sel vom Meer bedeckt. Eine lang gestreckte Meeresstraße ver- band zeitweise im Mitteloligozän das Nordmeer über die Wet- terau-Senke und den ca. 300 Kilometer langen sowie etwa 30 bis 50 Kilometer breiten Oberrheingraben mit dem damaligen Meer im heutigen Alpenvorraum.

Danach kam es zu einem kurzfristigen Rückzug der Meere im Nordseebecken und im Alpenvorraum. Auf eine Aussüßungs- phase im Oberoligozän vor etwa 26 bis 25 Millionen Jahren, in der tonig-mergelige Süßwasserschichten abgelagert wurden, folgte ein dritter Meeresvorstoß aus dem Norden ins Mainzer Becken. Anders als bei früheren Meeresvorstößen wurden jetzt kalkige Schichten abgelagert, die man dem so genannten Kalk- tertiär zuordnet. In der Zeit vor etwa 25 bis 20 Millionen Jah- ren gab es offenbar wechselnde Verbindungen nach Norden oder Süden, aber wohl keine durchgehende Verbindung mehr zwi- schen den Meeren im Nordseebecken und im Alpenvorraum. Gegen Ende des Oligozäns waren große Teile von Nordrhein- Westfalen und Norddeutschland weiterhin von der Nordsee be- deckt. Vor etwa 24 Millionen Jahren existierte zwischen Brohl und Bonn der so genannte Brohler Rhein. Er gilt als ältester bekannter Vorläufer des Rheins nördlich des Rheinischen Schie- fergebirges. Der Brohler Rhein floss durch ein weites Becken, in dem sich Braunkohlensümpfe ausdehnten und das von akti- ven Vulkanen des Westerwaldes und der Eifel eingerahmt wur-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rhein bei K ö ln heute

de. Sein Quellgebiet lag nördlich von Andernach, sein Mündungsgebiet in die Nordsee bei Bonn. Den Namen Brohler Rhein hat Wolfgang Schirmer 1990 vorgeschlagen.

In der Übergangszeit vom Oligozän zum Miozän vor rund 23 Millionen Jahren existierten bereits drei Flussläufe, die später zusammen den Rhein bildeten. Einer davon war der Toggen- burger Rhein, dessen Namen Schirmer 2003 geprägt hat. An- dere Autoren sprechen vom Bündner Rhein oder Ur-Alpenrhein. Dieser Fluss kam vom Bündner Land, floss in Richtung Nord- westen und mündete in das so genannte Molassebecken in Süd- deutschland. Als weiterer Flusslauf jener Zeit gilt der Straßbur- ger Rhein, der 2003 von Schirmer so bezeichnet wurde. Jener Fluss strömte in Richtung Norden zum Restmeer im Mainzer Becken. Noch höher im Norden lag der bereits erwähnte Brohler Rhein.

Im Untermiozän vor mehr als 20 Millionen Jahren lag die Kü- stenlinie der Nordsee östlich von Schleswig-Holstein. Das heu- tige Ostseegebiet war Festland. Die Nordsee erstreckte sich über Hamburg hinaus bis in den Raum Hannover und zur Nieder- rheinischen Bucht bis den Raum Köln. An der Meeresküste im Niederrheingebiet entwickelten sich ausgedehnte Sumpfwälder, Busch- und Riedmoore. Aus dem Torf dieser miozänen Moore entstanden später die mächtigen Braunkohlenflöze der Ville sowie des Rur- und Erftgrabens zwischen Köln und Düren. Im Miozän stieß die Nordsee nur noch selten in das weitge- hend abgeschnittene, brackisch-marine und teilweise Süßwas- ser führende Mainzer Becken vor. Es folgte ein mehrfacher Wechsel von Rückzügen und Ausweitungen des lagunenartigen Sees und dessen Zerfall in eine Seenplatte bis hin zum Aus- trocknen.

Während des Mittelmiozäns vor etwa 15 Millionen Jahren zog sich das Meer endgültig aus dem Mainzer Becken und aus dem Oberrheingraben zurück. Nun wurde das Mainzer Becken für immer Festland. Damit waren die geologischen Voraussetzun- gen für die Entstehung eines Flusssystems vorhanden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rhein bei Mainz: F ü r viele Menschen ist es schwer vorstellbar, dass dieser Strom nicht immer in der Gegend von Mainz floss.

Einen Ur-Rhein, der schon im Mittelmiozän vor ca. 15 Millio- nen Jahren etwa vom Kaiserstuhl bis in die Niederrheinische Bucht floss, vermuteten 1921 der Freiburger Geowissenschaft- ler Friedrich Levy († 1943 im KZ Theresienstadt) und 1934 der Bonner Geologe Max Richter (1900-1983). Der mutmaßliche mittelmiozäne Ur-Rhein, der durch Hebungen im Süden sowie Vereinigung von Straßburger Rhein und Brohler Rhein entstand, wurde 1990 von Wolfgang Schirmer als Kaiserstühler Rhein bezeichnet.

Als Indiz für diesen Rheinvorläufer gilt der Mineralgehalt von Ablagerungen aus zehn Meter tiefen Flussrinnen in Braunkohlen der Niederrheinischen Bucht. Dieser Mineralgehalt entspricht nämlich demjenigen von Ablagerungen am mittleren Oberrhein und seinen Randgebieten.

Süddeutschland wurde im Mittelmiozän vor etwa 14,7 Millio- nen Jahren von verheerenden Explosionen erschüttert, als aus dem Weltall auf die Erde stürzende Meteoriten zwei ausgedehnte Krater schlugen: nämlich das Nördlinger Ries mit einem Durch- messer von etwa 24 Kilometern in Bayern und das Steinheimer Becken (Kreis Heidenheim) mit einem Durchmesser von etwa 3,5 Kilometern in Baden-Württemberg. Dieses dramatische Er- eignis dürfte auch im Mainzer Becken noch spürbar gewesen sein.

Im Obermiozän vor etwa zehn Millionen Jahren existierte ein Ur-Rhein, dessen Ablagerungen nach dem Rüsseltier Deino- therium als Dinotheriensande oder nach dem Fundort Eppels- heim als Eppelsheimer Sande bezeichnet werden. Dieser Dinotheriensand-Rhein floss aus dem Raum Worms quer durch Rheinhessen über Westhofen, Eppelsheim, Bermersheim, den Wissberg bei Gau-Weinheim und den Steinberg bei Sprendlin- gen (Rheinland-Pfalz) auf die Binger Pforte zu. Der damalige Strom berührte nicht - wie heute - die Gegend von Oppenheim, Nierstein, Nackenheim, Mainz, Wiesbaden und Ingelheim. Etwas jünger als die Dinotheriensande bei Eppelsheim aus dem Obermiozän vor etwa zehn Millionen Jahren sind die etwa 8,5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bingen am Rhein mit Nahem ü ndung (links) um 1920

Millionen Jahre alten Ablagerungen aus einem Altarm oder Nebenfluss des Ur-Rheins von Dorn-Dürkheim in Rheinhes- sen. In diesen so genannten Dorn-Dürkheimer Schichten wur- den Reste von etwa 90 Säugetierarten entdeckt. Damit gilt Dorn- Dürkheim als die artenreichste Säugetierfauna des Tertiärs in Europa!

Im Obermiozän vor etwa acht bis fünf Millionen Jahren sank der nördliche Oberrheingraben so tief ab, dass sich der Rhein dem tiefsten Niveau folgend in östliche Richtung verlagerte. In der Gegend des heutigen Mainz verband er sich mit dem Main. „Dadurch riss er den ursprünglichen Unterlauf des Mains an sich und machte den Maingau zum Rheingau, während gleich- zeitig das Rheinhessische Hügelland trocken fiel“, schrieb Jens Lorenz Franzen.

Im Eiszeitalter (Pleistozän) vor rund zwei Millionen Jahren bewirkte das weitere Einsinken des Oberrheingrabens zusammen mit rückschreitender Erosion, dass der Rhein bei Basel die UrAare (Aare-Doubs) anzapfte, die ursprünglich über die Burgundische Pforte in die Rhone und damit in das Mittelmeer entwässerte. Seit dieser Zeit findet man in den Ablagerungen des Rheins Mineralien, die durch ihre Zusammensetzung auf eine Herkunft oberhalb von Basel hinweisen.

Im späten Pliozän oder frühen Eiszeitalter (Pleistozän) vor rund zwei Millionen Jahren entstand vielleicht erstmalig ein Stausee vor dem Rheinischen Schiefergebirge. Bei den weit im westlichen Mainzer Becken verbreiteten weißen Sanden könnte es sich um Ablagerungen dieses Stausees handeln. Das vermuteten 1984 der Mainzer Paläontologe Karlheinz Rothausen und der Mainzer Geologe Volker Sonne.

Im frühen Eiszeitalter erweiterte der Rhein sein Einzugsgebiet erheblich durch den Anschluss des Alpenrheins (das ist der Abschnitt vom Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein bis zum Bodensee). Damit erreichte er seine heutige Größe und Bedeutung. Das plötzliche Auftreten von Radiolariten aus den Alpen in Ablagerungen des Rheins dokumentiert dieses geolo-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Darmst ä dter Geologe

Wilhelm Wagner (1884-1970)

vermutete bereits 1938 die Existenz

eines

Rheinhessensees

gische Ereignis. Bei Radiolariten handelt es sich um verkieselte, zu Stein gewordene Tiefseeablagerungen.

Vor den Gletschervorstößen des Eiszeitalters bis zum Cromer (etwa 800.000 bis 480.000 Jahre) hatten Rhein und Maas ein gemeinsames Delta zwischen Rotterdam und Emden. Im Eiszeitalter vor rund 800.000 Jahren wurde der Rhein in Rhein- hessen vielleicht erneut zu einem großen See aufgestaut, bis er irgendwann überlief. Am Ufer dieses Rheinhessensees lagen die Fundstellen Dorn-Dürkheim 2, Dorn-Dürkheim 3 und Wintersheim. Einen solchen See hatte der Darmstädter Geolo- ge Wilhelm Wagner (1884-1970) bereits 1938 vermutet.

In der Zeit zwischen etwa 800.000 Jahren und heute schnitt sich der Rhein bis zu etwa 100 Meter tief in den Mittelrhein- Canyon ein. Das entspricht einer jährlichen Erosionsrate von 0,125 Millimeter. Allmählich erreichte der Rhein seine jetzige Tiefe und Weite.

Während der Elster-Eiszeit (etwa 480.000 bis 330.000 Jahre) rückten nordische Gletscher bis an den Niederrhein vor und zwangen den Rhein zum westlichen Ausweichen vor dem Eis. Rhein, Maas, Schelde und Themse flossen durch den trocken liegenden Englischen Kanal und mündeten vor der Bretagne und Cornwall in den Atlantik. Damals war der Rhein etwa dop- pelt so lang wie heute. Seine und Themse gehörten zu seinen Nebenflüssen. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels in einer nachfolgenden Warmzeit kehrten Küste und Rheinmündung wieder etwa in die alte Position zurück. Dieser Wechsel wie- derholte sich in der Saale-Eiszeit (etwa 300.000 bis 125.000 Jahre).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dinotheriensand-Fundorte

und Rekonstruktion des Verlaufes des Ur-Rheins in Rheinhessen.

Zeichnung von Christine Hemm-Herkner nach einer Vorlage

des Pal ä ontologen Jens Lorenz Franzen (zum Teil nach Heinz Tobien 1980 und Joachim Bartz 1936)

Mainz und Wiesbaden lagen nicht am Ur-Rhein

In der Zeit vor etwa zehn Millionen Jahren, die von Geologen und Paläontologen als Obermiozän bezeichnet wird, hatte der Ur-Rhein südlich des Rheinischen Schiefergebirges einen ganz anderen Lauf als der heutige Rhein. Er floss nicht durch die Gegend von Oppenheim, Nierstein, Nackenheim, Mainz, Wies- baden und Ingelheim. Stattdessen bahnte er sich ab etwa Worms

- streckenweise mehr als 20 Kilometer westlich vom jetzigen Rheinbett entfernt - seinen Weg durch Rheinhessen. Dieser Ur-Rhein war nachweislich nicht so lang wie der heuti- ge Rhein mit 1324 Kilometern, sondern nur ein kurzer Mittel- gebirgsfluss mit schätzungsweise 400 Kilometer Länge. Somit war jener Ur-Rhein nur ungefähr ein Drittel so lang wie der gegenwärtige Rhein. Denn er besaß noch keine alpinen Zuflüs- se wie jetzt. Seine Quellen lagen nach heutiger Kenntnis süd- lich des Kaiserstuhls, seine Mündung im unteren Niederrhein- gebiet, wo sich damals die Meeresküste erstreckte. Der Paläontologe Jens Lorenz Franzen schrieb auf einem Flyer für Besucher des Dinotherium-Museums in Eppelsheim, der Ur-Rhein sei ursprünglich ein kleines Flüsschen ähnlich wie die heutige Nahe gewesen. Im Raum Eppelsheim habe er le- diglich eine Breite von etwa 45 bis 60 Metern erreicht. Kurze Zeit hielt man den Ur-Rhein in Rheinhessen sogar für einen Höhlenfluss. Den Verdacht, der Ur-Rhein könne im Be- reich der wissenschaftlichen Grabungsstelle im Gewann „Auf dem Alzeyer Weg“ bei Eppelsheim in einer Höhle aus Kalk- stein geflossen sein, hatte 1997 als Erster der Mainzer Geologe Winfried Kuhn geäußert. Auf diese Idee war er gekommen, nachdem er Sinterkalk-Stücke gefunden hatte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 211 Seiten

Details

Titel
Der Ur-Rhein in Rheinhessen
Autor
Jahr
2014
Seiten
211
Katalognummer
V268288
ISBN (eBook)
9783656584032
ISBN (Buch)
9783656584230
Dateigröße
27593 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Rhein, Urrhein, Ur-Rhein, Rheinhessen, Ernst Probst
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2014, Der Ur-Rhein in Rheinhessen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268288

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