Die (früh-)romantische Subjektivität und ihre Wirkung im Kontext der »literarischen Moderne«

Der Subjektdiskurs in Theorie und Literatur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Methodik und Grundlagenbestimmung
1.1 methodische Vorüberlegungen
1.2 Untersuchungsgegenstand und epochale Abgrenzung

2. Die Subjektivität in der europäischen Kulturgeschichte seit der frühen Neuzeit
2.1. Subjektivität seit der frühen Neuzeit bis Descartes
2.2. Kants Subjektbegriff der»prästabilierten«Identität
2.3. Fichtes subjektiver Idealismus
2.4. der (früh-)romantische Subjektdiskurs und seine modernen Ausprägungen

3. Spielarten (früh-)romantischer Subjektivität
3.1. Novalis:»Heinrich von Ofterdingen«
3.2. Tieck:»William Lovell«

4. Resümee: Aspekte (früh-)romantischer Subjektivität im Diskurs der literarischen Moderne

Literaturverzeichnis

1. Methodik und Grundlagenbestimmung

1.1. methodische Vor ü berlegungen

Epochenbegriffe sind Verallgemeinerungen und Abstraktionen, die die gesamtkulturellen Einzelerscheinungen eines historischen Abschnittes auf verbindende Merkmale reduzieren und nach typologischen Kriterien ordnen - dem jeweils spezifisch-individuellen Gehalt können und wollen sie nicht gerecht werden. Epochen-Grenzen/ -Übergänge markieren dabei einen signifikanten geistes-geschichtlichen Paradigmenwechsel, der sich als » Um-Denken «, » Neu- Denken « oder » Weiter-Denken « äußern kann. Die Frage nach der Gemeinsamkeit und Differenz von Romantik und literarischer Moderne im Hinblick auf ihren theoretisch-philosophischen und poetologischen, aber auch sozial-politischen, ökonomischen und wissenschafts-geschichtlichen Kontext berührt beides. Einerseits erfordert sie die Erarbeitung jeweils epochen-spezifischer Kennzeichen und Strukturen, die der inneren Heterogenität des Gegenstandes gerecht wird, andererseits verlangt sie eine diachronische und Epochen übergreifende Gesamtansicht, mit der Absicht Zusammenhänge/ Unterschiede/ Modifikationen/ Konfigurationen struktureller und inhaltlicher Art präzise zu erfassen.

1.2. Untersuchungsgegenstand und epochale Abgrenzung

Die philologischen Kontroversen um Epochendefinitionen sollen hier weitestgehend ausgeblendet werden. Mit der Untersuchung systematischer und ideen-geschichtlicher Zusammenhänge von Romantik und literarischer Moderne werden gängige Epochenbegriffe nicht grundlegend in Frage gestellt. Allein der historische Abstand und die damit einhergehenden Umwälzungen im gesamt- kulturellen Kontext der Literatur, d.h. Veränderungen politischer und sozialer, sowie geistes- geschichtlicher und wissenschaftlich-technischer Art rechtfertigen schon eine Epochengliederung und -unterteilung, die sich der Zusammenfassung von Romantik und literarischer Moderne unter einen erweiterten » Moderne «-Begriff sperrt. Zur Debatte stehen vielmehr die Modernität der Romantik, bzw. die » Romantizit ä t « der literarischen Moderne - welche Impulse gibt die Romantik also, deren Resonanz bis in die Moderne hinein nachwirkt und hier ihre ganze Wirkkraft entfaltet.1 D.h. unter den gegebenen historischen Vorzeichenwechseln soll ein gemeinsames Diskursfeld freigelegt werden, das als Subtext moderner Literatur seit der Romantik virulent ist. Die Untersuchung konzentriert sich hierbei weitestgehend auf den Aspekt der » Subjektivit ä t « und ihre (früh-)romantische Neuakzentuierung. Das methodische Vorgehen ist dabei theoriezentriert. Die theoretischen Subjektkonzepte im Kontext von (Früh-)Romantik und literarischer Moderne (bzw. deren Korrespondenz) stehen zunächst im Vordergrund. Ergänzend und exemplifizierend werden ausgewählte Texte aus dem jeweiligen literarischen Umfeld herangezogen.

Es wird darüber hinaus nicht behauptet, dass sich die Korrespondenz von Romantik und literarischer Moderne im vorgezeichneten Betrachtungsfeld erschöpft, sondern lediglich der Versuch unternommen, die Beziehung der Epochen auf einen signifikanten Grundaspekt zu reduzieren. Bettina Gruber identifiziert bspw. den Ästhetizismus als „ein Phänomen größerer, jedenfalls unbestimmterer Reichweite […], das gewissermaßen historisch wandert“2 und kein ausschließliches Charakteristikum des » Fin de Si è cle « darstellt; seine Grundlagen lassen sich vielmehr auf Kant und die deutsche Frühromantik zurückführen. Wenn die ästhetizistische Tendenz aber eine Haltung ist, die der Literatur seit der Romantik nicht mehr verloren geht, dann ist die Moderne unter diesem Blickwinkel » in toto « romantisch.3 Helmuth Kiesel wiederum leistet mit seiner » Geschichte der literarischen Moderne « eine differenzierte Analyse, sowohl was die Epochentypologie im Allgemeinen betrifft, als auch im Hinblick auf strukturelle und inhaltliche Problemstellungen. Das » Moderne « modelliert er dabei als Kontrastbegriff zu einer Kulturform/ - epoche, die sich weiterhin der klassisch-antiken Tradition und ihren ideologischen und ästhetischen Mustern zuwendet. So gesteht Kiesel der Romantik zwar ein gewisses Distanzgefühl gegenüber der Antike zu, sieht diese aber als Orientierungsgröße nicht ausreichend suspendiert.4 Als Geburtsstunde der literarischen Moderne identifiziert Kiesel dagegen die Berliner Proklamation. Gemeint sind die programmatischen Thesen des Literaturhistorikers Eugen Wolff in seiner Schrift » Die j ü ngste deutsche Litteraturstr ö mung und das Princip der Moderne in den Litterarischen Volksheften «. Im » Berliner Naturalismus « um 1880 sieht Kiesel das Moderne- Gefühl, wie er es definiert, also erstmals explizit artikuliert.5 Postuliert wird der rigorose Bruch mit dem antiken Wertesystem. Der olympischen Ruhe setzt Wolff Gärung, Bewegung und Entwicklung als Parameter modernen Erfahrungshorizontes entgegen und inszeniert das klassische Altertum ganz bewusst als Antagonist. Auch im Sujet ist die Zäsur signifikant: charakteristische Themen der Literatur sind Phänomene moderner Wirklichkeitserfahrung, wie bspw. Großstadt, Industrialisierung, Technisierung, soziales Elend und Massenpauperismus. Zusammenfassend ist es die rasante Beschleunigung zivilisatorischer und sozialer Prozesse, deren Diskrepanz zum klassisch-antiken Lebenshintergrund und -rhythmus sich auf die modernen Kulturprodukte überträgt.6 Auch wenn Kiesel die untere Epochengrenze der literarischen Moderne am Ende des 19. Jahrhunderts ansiedelt, so übersieht er keineswegs die Korrespondenz ihrer ästhetischen Ausdrucksmittel und poetischen Formen mit denen der Romantik. Im dritten Teil seiner » Geschichte der literarischen Moderne « rekurriert er bspw. unter dem Leitwort » Entgrenzung « wiederholt auf deren Impulse; ergänzend kann hier noch an das Fragment erinnert werden, eine dezidiert moderne Form, die schon in der Romantik poetologisch-funktionale Bedeutung erlangt; oder an die » unendliche Progression «, die als dynamisches Synthesemodell dem modernen Imperativ der Bewegung und Veränderung verwandt ist - wenn gleich die unendliche Bewegung der Romantik unabschließbare Annäherung ans Absolute bedeutet und damit in einen metaphysischen Kontext gestellt ist.

Der Problemhorizont ist mit der Zurückweisung des erweiterten Moderne-Begriffs und der Abgrenzung der literarischen Moderne von der Romantik jedoch keineswegs erschöpft. Strittig in seiner Zugehörigkeit ist auch der von Kiesel fokussierte Naturalismus. Kiesel konstatiert, dass der Naturalismus zwar auf die modernen Wissenschaften rekurriert und modernes Leben reflektiert, gesteht aber zu, dass „die Moderne ihre formale Vielfalt und Dynamik aus der Preisgabe jenes Realismusprinzips [bezieht], dem der Naturalismus wesensmäßig verbunden [ist].“7 Wie gesagt, hier ist nicht der Ort, die ideologische Diversität und Heterogenität dessen, was man als literarische Moderne beschreiben könnte, detailliert zu diskutieren - das Spektrum reicht von Naturalismus, Symbolismus, Impressionismus, Décadence, Ästhetizismus, Futurismus und Dadaismus bis hin zu Expressionismus und Neuer Sachlichkeit (um einige Spielarten zu nennen), und ist weder zeitlich noch räumlich klar eingrenzbar. Von zentralem Interesse ist vielmehr jene rationalismus-kritische Tendenz der Moderne, die Kiesel als post-naturalistische Profilierung beschreibt. Akzentuiert wird die der Moderne inhärente Ambivalenz: neben der wissenschaftlich- objektivistischen und technisch-ökonomischen Moderne existiert eine moderne Kultur der Zivilisations- und Rationalismuskritik mit bisweilen irrationalistischem Affekt.8 Die Analogie ist evident; schon in der Frühromantik vollzieht sich eine Paradigmenverschiebung, die ihren Anreiz aus einer stetigen Rationalisierung aller Lebensbereiche bezieht. Dem diskursiv-analytischen und objektivistischen System der Wissenschaften setzt sie die schöpferische Kraft der ästhetischen Imagination entgegen und verteidigt gegenüber den Vernunft basierten Subjektkonzepten der Aufklärung die Legitimität subjektiver Empfindung.9 Die Reintegration von Phantasie, Einbildungskraft und Empfindung in ein von rational-objektiven Strukturen erstarrtes System, d.h. die Verschiebung vom » Au ß en « zum » Innen « ist eine Bewegung, die sich in der literarischen Moderne wiederholt. Zwar ist die » romantische Subjektivit ä t « - wie zu zeigen ist - eingebunden in einen dezidiert metaphysischen Diskurs vom » ganzen Menschen «, doch sind die Reflexionsparameter (Gemüt/ Empfindung/ Stimmung etc.) denen der positivistisch ausgerichteten Subjektivität am Ende des 19. Jahrhunderts analog. Die Hinwendung zum Subjekt und seinen Empfindungen findet so ihren Kulminationspunkt im radikalen Sensualismus der impressionistischen Theoriebildung und einer impressionistisch gefärbten Literatur. Ernst Mach - als Physiker stärker dem naturwissenschaftlichen Feld verbunden - und Hermann Bahr - als » essayistischer « Wegbegleiter der » Wiener Moderne « - sind hier die philosophisch-theoretischen Hauptvertreter. Ernst Mach gründet seine Subjekt-Destruktion und Metaphysik-Kritik in seiner Schrift » Analyse der Empfindungen « expressis verbis auf das sinnliche Vermögen des Menschen und bereitet der impressionistischen Theoriebildung den naturwissenschaftlichen Boden. Schließlich ist es Hermann Bahr, der - stark beeinflusst von Mach - der literarischen Moderne unter dem Leitbegriff des » Nerv ö sen « eines ihrer Schlagworte verleiht. Mit der Idee der » Nerven «

als Äquivalenzbestimmung von Physis und Psyche zerbricht der klassisch-traditionelle Dualismus von Körper und Seele/ Geist. Zwischen Physis und Bewusstsein wird kein kategorischer Unterschied mehr gemacht. Das Subjekt ist dann nicht mehr metaphysische Substanz, d.h. in sich konsistent, sondern ein neuronaler Empfindungs- und Reizkomplex, wandelbar und dynamisch. Bezeichnenderweise findet sich bei Bahr zur Profilierung der künstlerischen Moderne auch der explizite Rekurs auf die Romantik. In seinem Ibsen-Essay (1887) spricht er von einer Synthese aus Naturalismus und Romantik als der modernen und zukunftsweisenden Form der Dichtung;10 in » Die Ü berwindung des Naturalismus « (1891) ergänzt Bahr seine kultur- und kunsttheoretische Betrachtung: hier definiert er die Moderne dann als „nervöse Romantik“11. Dem Naturalismus kommt dabei nur noch die Funktion eines „Korrektiv[s] der philosophischen Verbildung“ und der „Entbindung der Moderne“ zu.12 So ist die künstlerische oder literarische Moderne progressiv und regressiv in Einem: denn Bahr stellt die Moderne einerseits in eine Linie mit den anti- idealistischen und materialistischen Konzepten des Naturalismus, um andererseits die Verwandtschaft mit der Romantik - die neue Innerlichkeit, d.h. das gesteigerte Interesse am Psychischen - zu betonen.13 Die programmatische Verschiebung in der Ausrichtung der Kunst von der mimetischen Abbildung der äußeren Wirklichkeit hin zur inneren Welt wird dabei in romantischer Topik (Traummotiv; Oppositionsfigur » profan - sakral «) inszeniert: „und wieder wurde die Kunst, die eine Weile die Markthalle der Wirklichkeit gewesen, der » Tempel des Traumes « […].“14

Wenn die Epochendiskussion bisher mehr auf die literarische Moderne konzentriert wurde, dann nicht etwa weil die Beschreibung der Romantik sich weniger komplex gestaltet (auch hier ist der historische und systematische Radius relativ unscharf; der inneren Heterogenität und historischen Spannweite wird bspw. mit einer Untergliederung in Phasen begegnet: Frühromantik - Hochromantik - Spätromantik). Vielmehr soll eben an jenem Punkt angesetzt werden, an dem eine systematische Paradigmenverschiebung in der Reflexion von Subjektivität kenntlich wird: der so genannten » Jenaer Fr ü hromantik «; jenem Freundes- und Gesprächskreis, der als philosophisches Epizentrum und Gründungszirkel der Romantik beschrieben wird. Im Umkreis von Friedrich Schelling, den Brüdern Schlegel, Novalis, Ludwig Tieck und Clemens Brentano gründet das geistige Klima, dessen Ideen geistes-geschichtliche » Epoche machen «. Vieles davon wurde bereits sporadisch angesprochen: die komplementäre Ausrichtung zum diskursiv- analytischen und objektivistischen Wirklichkeitszugang der Wissenschaften, die Reintegration der Affekte und die Legitimation subjektiver Empfindung gegenüber den Vernunft basierten Subjektentwürfen der (Spät-)Aufklärung. Die frühromantische Schule steht dabei im Kontext spezifisch historischer und epistemologischer » Schl ü ssel-Erfahrungen «. Politisch werden die hohen Erwartungen, die im Zeitalter der Aufklärung an die Vernunft geknüpft wurden, enttäuscht: auf die euphorische Aufbruchstimmung der französischen Revolution folgt die tiefe Ernüchterung. Die Ideen der Vernunft von Freiheit und Gleichheit, übertragen auf das politische Feld, erweisen sich als leere Utopien. Die Parole der Freiheit wird so zur Legitimationsformel von Gewalt und Unterdrückung. Der Terror der Vernunft offenbart dabei die Diskrepanz von geistig- philosophischer Hochkultur und sozialer und politischer Realität. Existentiell manifestiert sich die Erfahrung einer zunehmend ausdifferenzierten und in ihrer Komplexität unüberschaubaren sozialen Wirklichkeit, die das moderne (bürgerliche) Subjekt durch Spezialisierung/ Technisierung/ Rationalisierung aus seinem Zusammenhang reißt. Der neuzeitliche Mensch wird so zum Parameter in der Ökonomie der bürgerlichen Ordnung. Der Fortschritt der Zivilisation entfremdet das Individuum im Denken der Romantiker zudem zunehmend sowohl von der äußeren (durch technische Ermächtigung), als auch seiner inneren Natur (Unterdrückung der Vitalsphäre durch die Ratio). Die reale Alltagserfahrung dementiert also die Verheißungen der Vernunft von Ganzheit/ Freiheit/ Moralität. Statt Einheit und transzendenter Rückversicherung findet das (moderne) Subjekt nur Atomisierung/ Partikularisierung/ Zerrissenheit und Kontingenz. Während sich das Prinzip » Differenz « im Kontext der literarischen Moderne etabliert - Philosophie, Kulturtheorie und Naturwissenschaften arbeiten sukzessive an der Destruktion metaphysischer Weltentwürfe -, ist die (Früh-)Romantik noch an einen geschichts- philosophischen Diskurs gebunden. Im » triadischen Weltbild « wird der Zustand der Differenz und Entgegensetzung als Zwischenstadium entworfen, » davor « und » dahinter « liegen Harmonie und Einheit. Dabei folgt das Theorem einem mytho-poetischen Schema: Entfremdung und Verstoßung aus dem Urzustand der Ganzheit als Eintritt in den Raum der Geschichte und des Werdens (bspw. der biblische Mythos von der Vertreibung aus dem Paradies etc.) auf der einen, heilsgeschichtliche Erlösungs- und Endzeitvorstellungen (das Wiedererlangen verlorener Präsenz und Heraustreten aus dem » Geschichtszustand «) auf der anderen Seite. Damit steht die Romantik im Spannungsfeld der philosophischen Kernproblematik um 1800. Die Frage nach der ideellen Tiefe der Welt, nach der Vereinbarkeit von empirischer Erfahrungswirklichkeit und metaphysischem Seinsentwurf beherrscht zwar die gesamte abendländische Ideengeschichte (die Dichotomie von Substanz und Akzidens als Grundstruktur), jedoch erzeugt Kants » Kritik der reinen Vernunft « ein gewisses epochales Krisenbewusstsein. Mit den Antinomien der reinen Vernunft erweisen sich Freiheit und Determination als disparat, die Annahme des Einen dementiert den Anspruch des Anderen, so radikal formuliert Kant und übt damit Kritik an der klassischen Metaphysik. Die menschliche Erkenntnis wird dabei allein auf das Bedingte verwiesen. Das Unbedingte und Unmittelbare ist der menschlichen Ratio als einem begrifflichen Denken nach bestimmten diskursiven Grundregeln (Logik/ Kausalität etc.) dagegen stets entzogen: Reflexion beruht notwendig auf Zergliederung und Unterscheidung.

Damit sind die historischen, sozialen und philosophischen » Schl ü ssel-Erfahrungen « des » Jenaer Kreises « grob skizziert. Auch in Auseinandersetzung mit Fichtes » Wissenschaftslehre « verschärft sich im frühromantischen Kontext die Diskrepanz von philosophischem Systemdenken und einem ästhetischen, bzw. poetischen Wirklichkeitszugang.15 Das Bewusstsein, dass das diskursiv- analytische Denken defizitär ist und angesichts der Erfassung des Absoluten versagt, verstärkt sich zunehmend. Zwar ist diese Erkenntnis - wie gesehen - keine genuine Leistung der Frühromantiker - die Skepsis gegenüber dem Denken/ dem Zeichen/ der Sprache ist so alt wie die Kulturgeschichte selbst -, die Konsequenz ist aber durchaus innovativ: der Zugang zum Ideellen kann nur im Medium der Kunst gelingen. Wieder ist Kant der Initiator. Hatte die » Kritik der reinen Vernunft « noch einen unüberbrückbaren Abgrund von Empirie und Idee herausgestellt, so formulierte Kants dritte Kritik, die » Kritik der Urteilskraft « - besonders deren Paragraph (59): » Von der Sch ö nheit als Symbol der Sittlichkeit « -, ein Analogie- und Verweisungsverhältnis beider Sphären, das der Ästhetik als Fundamentalphilosophie den Boden bereitete.16 Das » Sch ö ne « wird zum Symbol des » Sittlich-Guten « aber nur über eine defizitäre Analogie. Während die ästhetische Anschauung nach Kant jede begriffliche Fixierung übersteigt (sie ist » inexponibel «), transzendiert der Begriff der Moral/ Freiheit jede Anschauung (Moral/ Freiheit sind also » indemonstrabel «). Die Empirie und die Welt der Ideen stehen in ihrer wechselseitigen Unerfülltheit füreinander ein, analog sind dabei bloß die Regeln über beide zu reflektieren.17 Auch wenn der Brückenschlag bei Kant rein symbolischer Natur ist, wird hier der emphatischen Aufwertung der Kunst und der romantischen Verklärung der Poesie der Boden bereitet. In ihrem zentralen literarischen Organ - der Zeitschrift » Athen ä um « - entwickeln die Frühromantiker ihr ambitioniertes Programm. Das Anliegen ist es, den Menschen in seiner Bedingtheit wieder zu einem Ganzen zu machen, die verlorene Wesenstotalität wieder herzustellen. Auch wenn die Romantik weitestgehend ein philosophisches Phänomen und eine literarische Epoche geblieben ist, die Entgrenzungs- und Synthese-Idee der Romantiker war entsprechend ihrer Programmatik umfassend und umspannte sowohl das geistige, als auch das soziale und politische Leben. Im » Athen ä um « -Fragment Nr. 116 definiert Friedrich Schlegel das Prinzip der » progressiven Universalpoesie « folgendermaßen:

„Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen […]“18

Das romantische Verständnis von Poesie bedarf einer näheren Betrachtung. Der Begriff der Kunst des Verfertigens ästhetischer Werke (» poiesis «: machen, verfertigen) im trivialen und technischen Sinn wird hier überstiegen. Wenn es heißt, „Poesie und Prosa, Genialität und Kritik“ sollen sich mischen und verschmelzen, dann werden beide als antagonistische Kräfte vorgestellt, deren Widerstreit in der „romantischen Poesie“ aufgelöst werden soll. Prosa und Kritik sind Elemente der Verstandeskräfte des Menschen. Die Ratio trennt, vergleicht und unterscheidet, sie ist ein rein analytisches Vermögen. Der Verstand reproduziert somit nur ein statisches Bild des Bestehenden. Dagegen wird die Poesie quasi-religiös überhöht. Sie verkörpert nicht das Mimetische wie der Verstand, sondern das Schöpferische, eine innere Kraft, die das in seiner Phantasie frei gestaltende Subjekt eintauchen lässt in den Kosmos des » Ewig-Lebendigen «. Die romantische Poesie ist damit die Spiritualisierung der Kunst.

[...]


1 Vgl. Bettina Gruber zur Charakterisierung der Romantik als „typisch modernes Phänomen“ durch Walter Benjamin und Carl Schmitt. Auch hier wird unterschieden zwischen » Moderne « als Epochenbegriff und Modernität im weitesten Sinne; Bettina Gruber: „Nichts weiter als ein Spiel der Farben.“ Zum Verhältnis von Romantik und Ästhetizismus; 1999, S. 7.

2 Ebd. S. 7.

3 Vgl. ebd. S. 8.

4 Helmuth Kiesel: Geschichte der literarischen Moderne; 2004, S. 14.

5 Ebd. S. 22.

6 Vgl. ebd. S. 16-17 und S. 33.

7 Ebd. S. 20.

8 Vgl. ebd. S. 28-29.

9 Vgl. Lothar Knatz: Romantik und Moderne; 2005, S. 107. Allerdings betont Lothar Knatz ausdrücklich, dass die Romantik weniger als anti-szientistische Gegenbewegung zur Vernunft orientierten Aufklärung, sondern vielmehr als deren Subjekt orientierte Komplementärbewegung verstanden werden muss.

10 Hermann Bahr: Kritische Schriften in Einzelausgaben; Bd. 4; 2011, S. 143.

11 Hermann Bahr: Die Überwindung des Naturalismus; 2004, S. 130.

12 Ebd. S. 130.

13 Vgl. ebd. S. 129/ 130. Ob Bahrs Auslegung des Naturalismus, was seine philosophische und erkenntnistheoretische Tragweite anbelangt, zutrifft, sie dahingestellt.

14 Ebd. S. 129.

15 Vgl. Christian Iber: Frühromantische Subjektivität; 1997, S. 112.

16 Vgl. Bernhard Greiner: Eine Art Wahnsinn; 1994, S. 7.

17 Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft; Bd. 2; 1996, S. 715.

18 Friedrich Schlegel: Athenaeum; Bd. 2; 1980, S. 132.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die (früh-)romantische Subjektivität und ihre Wirkung im Kontext der »literarischen Moderne«
Untertitel
Der Subjektdiskurs in Theorie und Literatur
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V268297
ISBN (eBook)
9783656593072
ISBN (Buch)
9783656593058
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
subjektivität, wirkung, kontext, moderne«, subjektdiskurs, theorie, literatur
Arbeit zitieren
Christian Rausch (Autor), 2013, Die (früh-)romantische Subjektivität und ihre Wirkung im Kontext der »literarischen Moderne«, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268297

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