Aus der Sicht eines Erwachsenen mag der kindliche Spracherwerb im Vorschulalter im Nachhinein als ein einfacher, sich quasi wie von selbst vollziehender Prozess erscheinen. Diese Sicht würde jedoch jene Tatsache verkennen, dass es sich beim kindlichen Spracherwerb um die komplexeste Aufgabe handelt, die ein Kind in seiner Entwicklung bewältigt (vgl. Dittmann 2010: 9).
Die Frage nach einer „normalen“, störungsfreien Sprachaneignung eines Kindes interessiert neben den Eltern auch diejenigen Institutionen und ihre Vertreter, die die Kinder in diesem Verlauf unterstützen. Die Verantwortung den Prozess der Sprachaneignung zu überwachen und bei Bedarf zu fördern, liegt letztlich in der Verantwortung des Staates (vgl. Ehlich, 2009: 16). Die Umsetzung dieser Verantwortung wird zunehmend in Form von institutionalisierten Verfahren umgesetzt, die den individuellen Sprachstand eines Kindes zum Zwecke des Vergleichens, sowie dem Fördern messen sollen. Diese Messungen werden zunehmend nicht nur für die Schulzeit, sondern auch für frühere Lebensalter heran gezogen (vgl. ebd.). „Die Befassung mit der kindlichen Sprachaneignung hat unterschiedliche Konjunkturen“ (ebd.: 17), gegenwärtig scheint das Interesse stetig anzusteigen, so dass gerade zu von einer Inflation unterschiedlicher Verfahren zur Sprachstandsmessung gesprochen werden kann (vgl. ebd.).
„Der Trend in den Bundesländern geht zur früheren Einschulung“ (11.09.2009, WELT ONLINE) berichtet WELT ONLINE. Die Idee der früheren Einschulung ist umstritten, da zahlreiche Fakten dagegen sprechen. Der PISA-2000-Bericht des Deutschen PISA-Konsortiums wird vielfach dahingehend interpretiert, dass Früheinschulungen vorteilhaft seien (siehe Baumert u. a. 2001, Tabelle 9.17, Seite 474).
Diese Interpretation ist jedoch fraglich. So beginnen Kinder im Pisa-Siegerland Finnland erst ab dem siebten Geburtstag ihre Schullaufbahn. Dennoch, die Tendenz zur früheren Einschulung scheint zu existieren und bedarf der Reaktionen entsprechender Institutionen. So plädiert mancher für eine Veränderung der Einschulungspraxis. „Wenn die Einschulungstests früher, also schon bei viereinhalb jährigen Kindern, gemacht würden, könnten im letzten Kindergartenjahr diejenigen gefördert werden, die spezifische Defizite in Verarbeitungskompetenzen haben (…)“sagt der Psychologe M. Hasselborn der WELT ONLINE (11.09.2009, WELT ONLINE).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Sprachentwicklung beim Kind
2.1.1 Vorrausetzungen
2.1.2 Basisqualifikationen
2.1.3 Entwicklungsschritte
2.2 Sprachstand und Sprachaneignung
2.3 Normalitätserwartungen und Normalität
3. HAVAS 5 – Hamburger Verfahren zur Analyse des Sprachstands bei Fünfjährigen
3.1 Entstehung
3.2.1 Konzeption
3.2.1 Die Indikatoren
3.2 Erhebung und Auswertung
3.2.1 Erhebung
3.2.2 Auswertung
3.3 Kritik an HAVAS 5
4. Die Sprachprobenerhebung
4.2 Sampling
4.3 Exemplarische Auswertung und Analysen
4.3.1 Aufgabenbewältigung
4.3.2 Bewältigung der Gesprächssituation
4.3.3 (Verbaler) Wortschatz
4.3.4 Formen und Stellungen des Verbs
4.3.5 Verbindung von Sätzen
4.4 Ergebnisse
4.5 Kritische Reflexion
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht exemplarisch die Sprachentwicklung von Kindern im Vorschulalter mithilfe des Diagnoseinstruments HAVAS 5. Ziel ist es, die Eignung dieses Verfahrens zur Erfassung sprachlicher Kompetenzen bei Kindern unter fünf Jahren zu prüfen und einen Einblick in die frühkindliche Sprachaneignung zu geben.
- Grundlagen der kindlichen Sprachentwicklung
- Funktionsweise und Konzeption des HAVAS 5
- Methodik der Sprachprofilanalyse
- Empirische Fallbeispiele zweier Sprachstandserhebungen
- Diskussion zur Eignung des Verfahrens bei jüngeren Altersgruppen
Auszug aus dem Buch
4.2.3 (Verbaler) Wortschatz
Bei der Feststellung des Wortschatzes werden die vom Kind verwendeten Verben gezählt. In der Regel verwendet jedes Kind etwa 11,5 Verben (vgl. ebd.: 16). Das ältere Kind verwendet hier 11, das jüngere 10 Verben. Dieser minimale Unterschied liegt im Bereich der semantischen Basisqualifikation. Hierzu werden zwei Auszüge aufgeführt, die die Unterschiede im Vokabular deutlich machen. Bezug genommen wird vor allem auf die Verben, sowie in diesem Falle ausnahmsweise auch auf die Nomen. Diese Bezugnahme auf die Nomen ist in den Auswertungshinweisen von Reich und Roth nicht im selben Maße vorgesehen wie für die Verben. In dieser Arbeit sei aber kurz darauf aufmerksam gemacht, da es Hinweise auf Differenzen des Sprachstands der beiden Kinder geben kann.
K1: „Da ist eine Mauer und ein Gepard oder eine Katze und ein Vogel sitzt auf der Mauer und hier ist und da ist ein Baum. Der Vogel singt irgendwas. (…) da klettert der da rauf und dann erschrickt der Vogel sich (…)“ (Zeile: 21,22)
K2: „Da ist ein Vogel. Und ein Katze. Und die Vogel sitzt auf wie ein Haus. Und die Katze kommt so (faucht, macht krallen und simuliert schleichen), weil die will den essen (überlegt) und die Vogel macht Musik (…) äähm, die Katze ist so da voll gesprungen und der Vogel macht so aaahh(gestikuliert wild)und hat Angst“ (Zeile: 14-16)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung frühkindlicher Sprachstandsmessungen im Kontext der Einschulungsdebatte und führt in die Fragestellung der Arbeit ein.
2. Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen der menschlichen Sprache, die notwendigen Voraussetzungen der Sprachaneignung sowie die wichtigsten Basisqualifikationen beim Kind.
3. HAVAS 5 – Hamburger Verfahren zur Analyse des Sprachstands bei Fünfjährigen: Hier wird das Instrument HAVAS 5 hinsichtlich Entstehung, Konzeption und Auswertungsmethodik detailliert vorgestellt.
4. Die Sprachprobenerhebung: Dieses Kapitel dokumentiert die exemplarische Auswertung zweier Sprachproben von Kindern unterschiedlichen Alters anhand der Kriterien des HAVAS 5.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Eignung des HAVAS 5 als Instrument zur Erfassung von Sprachständen im Vorschulalter.
Schlüsselwörter
Sprachentwicklung, Sprachaneignung, Sprachstand, HAVAS 5, Vorschulalter, Profilanalyse, Verbwortschatz, Erzählfähigkeit, Sprachdiagnose, Sprachförderung, Frühkindliche Bildung, Erstspracherwerb, Grammatikkompetenz, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die kindliche Sprachentwicklung im Vorschulalter und analysiert das Diagnoseinstrument HAVAS 5 anhand von zwei praktischen Sprachproben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen des Erstspracherwerbs, die methodische Profilanalyse zur Sprachstandserfassung und die praktische Anwendung bei Kindern vor der Einschulung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Eignung des HAVAS 5 zu prüfen, insbesondere um zu klären, ob es auch für Kinder unter fünf Jahren bereits valide Aussagen treffen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Methode der Profilanalyse nach dem HAVAS 5 Verfahren verwendet, um die Sprachproben qualitativ und quantitativ auszuwerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Darstellung der kindlichen Sprachentwicklung und eine praxisorientierte Analyse von zwei Sprachproben eines sechsjährigen Mädchens und eines viereinhalbjährigen Jungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind insbesondere Sprachstand, HAVAS 5, Vorschulalter, Sprachaneignung, Profilanalyse und Sprachförderung.
Wie unterscheidet sich die Sprachkompetenz der zwei untersuchten Kinder?
Während das ältere Kind komplexere Satzstrukturen und einen präziseren Wortschatz nutzt, zeigt das jüngere Kind Probleme bei der Lautbildung, gleicht diese jedoch durch kreative Problemlösestrategien aus.
Wird HAVAS 5 nach der Analyse für Viereinhalbjährige empfohlen?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass ein Einsatz des HAVAS 5 auch bei Viereinhalbjährigen möglich ist, um erste Einblicke in die Makrostruktur der Geschichte und den Sprachstand zu gewinnen.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Lina Behr (Autor:in), 2012, Sprachentwicklung im Vorschulalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268318