Mit seiner Aussage über das bedeutendste Werk des griechischen Dichters Sophokles, trifft Georg Steiner den Kern der Bedeutsamkeit und Wichtigkeit der ‚Antigone‘. Sophokles schrieb den Mythos der Antigone 442 v. Chr. nieder und schaffte vor tausenden Jahren ein Werk, welches die Menschen über die Jahrhunderte hinweg bis heute fasziniert und immer wieder aufs Neue interessiert. Aufgrund dessen zählt Sophokles‘ Werk zu den literarischen Texten, die im Laufe der Literaturgeschichte am meisten neu interpretiert, transformiert und rezipiert wurde.
‚Antigone‘ durchlief seit der Veröffentlichung einer Vielzahl von Veränderungen hinsichtlich des Mythos als auch der Figuren selbst. Die erste Rezeption verfasste Euripides bereits ein paar Jahre nach Sophokles und verwandelte die Tragödie der Antigone in seinem Werk in eine Liebesgeschichte zwischen Antigone und Haimon, die ein glückliches Ende findet.
Das Interesse an dem griechischen Mythos verschwand in den anschließenden Jahrhunderten und entflammte erst wieder im 16. Jahrhundert mit einer erneuten Veröffentlichung einer Antigone-Rezeption. Ab diesem Jahrhundert rückt ‚Antigone‘ in den Mittelpunkt und bleibt dort bis heute verharren. Gerade im 20. Jahrhundert hat das Werk den Höhepunkt seiner Signifikanz gefunden und wurde in dieser Phase am häufigsten interpretiert und weiter entwickelt. Autoren wie Brecht, Hasenclever und Hölderlin haben den griechischen Mythos als Grundlage verwendet, und die Figuren in einen neueren, zeitlich angepassten Kontext gesetzt. Doch auch wenn inhaltliche Veränderungen vernommen wurden, bleibt der Kern des antiken Werkes dennoch erhalten. Interessant ist hierbei nicht nur die Frage, was Sophokles‘ ‚Antigone‘ bedeutend macht und wieso es immer wieder in den Mittelpunkt gestellt wird, sondern vor allem auch, warum der literarische Text über die Jahrtausende hinweg transformiert werden muss, um weiterhin zu bestehen.
In der nun folgenden wissenschaftlichen Arbeit wird die Rezeption des Werkes im Mittelpunkt stehen. Um die Veränderungen des Urtextes herausarbeiten zu können, werden zwei Texte aus dem 20. Jahrhundert, die unterschiedlicher nicht sein können, im Fokus stehen. Neben Jean Anouilhs ‚Antigone‘ aus dem Jahr 1942, wird auch das 21 Jahre später erschienene Werk ‚Die Berliner Antigone‘ von Rolf Hochhuth den Grundstein der wissenschaftlichen Arbeit bilden. Beide erschienen zeitnah, unterscheiden sich jedoch in ihrer Rezeption und Transformation des Urtextes........
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Theoretische und historische Bezüge
1.1 Der Antigone-Mythos
1.2 Der Begriff der Intertextualität
2. Gender und Widerstand in der antiken Gesellschaft – Antigone als feminines Modell
3. Hybris und Kult – Die höheren Instanzen bei Sophokles
3.1 Antigone und der Götterkult
3.2 Kreons Herrschaft
4. Jean Anouilhs ‚Antigone‘ – 1942
4.1 Historischer Hintergrund
4.2 Die determinierte Antigone
4.2.1 Erster Abschnitt: Prolog durch den Sprecher (S. 7-9)
4.2.2 Zweiter Abschnitt: Abschied von ihren Mitmenschen (S. 9-24)
4.2.3 Dritter Abschnitt: Kreon und Antigone – Rettung und Blockade (S. 24-64)
4.3 Intertextuelle Bezüge zu Sophokles und Fazit
5. Rolf Hochhuth ‚Die Berliner Antigone‘ – 1963
5.1 Historischer Kontext
5.2 Die moderne Antigone-Version
5.2.1 Formalitäten und modernisierte Figuren
5.2.2 Anne vor Gericht – Die Anklage (S.5-8)
5.2.3 Angst vorm Sterben und Rückblick der Tat (S.8-14)
5.2.4 Widerstand bis in den ersehnten Tod (S.14-18)
5.3 Intertextuelle Bezüge und Fazit
6. Schluss
7. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Rezeptionsgeschichte des Antigone-Mythos durch die Analyse zweier prominenter Bearbeitungen des 20. Jahrhunderts. Das primäre Ziel ist es, die Transformation der zentralen Figur Antigone sowie der Instanzen von Glauben und Herrschaft im Kontext der jeweiligen Zeitgeschichte zu erarbeiten und zu prüfen, ob die antike Tragödienform in diesen modernen Adaptionen bewahrt bleibt.
- Rezeptionsgeschichte des Antigone-Mythos von der Antike bis zum 20. Jahrhundert
- Literarische Transformation durch Jean Anouilh (1942) und Rolf Hochhuth (1963)
- Intertextuelle Bezüge zum Urtext von Sophokles
- Gender-Rollen und Widerstandsmotive in antiker und moderner Gesellschaft
- Vergleich von individueller Handlungsfreiheit versus politischem Determinismus
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Erster Abschnitt: Prolog durch den Sprecher (S. 7-9)
In seinem Werk versetzt Anouilh die Figur der Antigone durch bestimmte literarische Mittel in einen ganz neuen Kontext, wodurch ein neuer Blick auf Antigone selbst ermöglicht wird. Ein Blick von außen stellt dem Rezipienten zunächst nicht die Figuren des Werkes vor, sondern die Personen, die die Rollen übernehmen werden. Antigone sowie ihre Darstellerin sind die ersten Figuren, die bereits zu Beginn des Werkes wie folgt von dem Sprecher in Szene gesetzt werden:
„Antigone ist die kleine Magere, die da drüben sitzt und schweigt. Starr blickt sie vor sich hin und denkt. Sie denkt, daß [sic] sie plötzlich nicht mehr das schmächtige, schwarze, verschlossene Mädchen ist, das keiner in der Familie ernst nimmt, sondern daß [sic] sie sich allein gegen die Welt stellen wird und gegen Kreon, ihren Onkel, der König ist. Sie denkt daran, daß [sic] sie sterben muß [sic] und – weil sie ja noch so jung ist – daß [sic] sie gerne noch leben möchte. Aber man kann ihr nicht helfen. Sie heißt Antigone und muß [sic] ihre Rolle durchhalten bis zum Ende.“
Innerhalb des ersten Abschnittes werden zwei Versionen der Antigone vorgestellt, die jedoch beide die gleiche Person sind. Zunächst wird eine Antigone vorgestellt, die sich noch nicht in ihrer typischen Rolle befindet. Bevor das Stück beginnt, wird Antigone in der Einleitung des Sprechers als „schmächtige, schwarze, verschlossene“ Person definiert, die ein Gefühl des Unwohlseins wiederspiegelt. Sie wird in die Rolle der Antigone gedrängt, in der sie sich nicht befinden möchte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Theoretische und historische Bezüge: Beleuchtung des mythologischen Ursprungs und Einführung in die literaturwissenschaftlichen Konzepte der Intertextualität.
2. Gender und Widerstand in der antiken Gesellschaft – Antigone als feminines Modell: Untersuchung von Antigone als feministisches Symbol, das aus den Geschlechternormen von Polis und Oikos ausbricht.
3. Hybris und Kult – Die höheren Instanzen bei Sophokles: Analyse des Urkonflikts zwischen göttlichem Kult und weltlicher Herrschaft im sophokleischen Drama.
4. Jean Anouilhs ‚Antigone‘ – 1942: Detaillierte Betrachtung der Adaption während der Besatzungszeit in Frankreich mit Fokus auf Determinismus und Rollenverteilung.
5. Rolf Hochhuth ‚Die Berliner Antigone‘ – 1963: Untersuchung der Novelle als Gerichtsprotokoll, das NS-Gräuel und das Schicksal einer Medizinstudentin im Dritten Reich thematisiert.
6. Schluss: Synthese der Ergebnisse, wobei die unterschiedlichen Rezeptionsweisen und der Wandel der Antigone-Figur gegenübergestellt werden.
7. Ausblick: Diskussion über die zeitlose Relevanz des Mythos und Prognose für zukünftige Adaptionen.
Schlüsselwörter
Antigone, Sophokles, Jean Anouilh, Rolf Hochhuth, Mythos, Rezeptionsgeschichte, Intertextualität, Gender, Widerstand, Determinismus, Tragödie, Herrschaft, Götterkult, Nationalsozialismus, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rezeptionsgeschichte der griechischen Antigone-Figur und untersucht, wie zwei bedeutende Werke des 20. Jahrhunderts den antiken Mythos transformieren und an ihre Zeit anpassen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Fragen nach Widerstand, Genderrollen, dem Konflikt zwischen Individuum und Staatsgewalt sowie die Bedeutung religiöser und politischer Instanzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie Sophokles' Urtext in Anouilhs 'Antigone' und Hochhuths 'Die Berliner Antigone' in einen neuen Kontext gesetzt wird und inwiefern der tragische Kern dabei verändert oder beibehalten wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär auf den Ansätzen der Intertextualität (nach Genette) und der Sozialgeschichte basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der beiden Primärtexte. Dabei werden historische Hintergründe, die Charakterisierung der Figuren und die spezifischen Konfliktszenen (wie die Gerichtsszenen) analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Antigone-Mythos, Transformation, Intertextualität, Widerstand, determinierter Charakter und historische Kontextualisierung (Zweiter Weltkrieg/NS-Regime) beschreiben.
Wie unterscheidet sich Anouilhs Antigone von der antiken Vorlage?
Anouilhs Antigone handelt weniger aus religiöser Pflicht, sondern eher aus einer persönlichen, fast psychologisch motivierten Sturheit; sie ist zudem ein junges Mädchen, das in einem deterministischen Kontext agiert.
Wie integriert Hochhuth historische Bezüge in sein Werk?
Hochhuth wählt die Form eines Gerichtsprotokolls und verlegt das Geschehen in das NS-Berlin, wobei er reale historische Ereignisse wie die Hinrichtungen und die Nutzung von Leichen durch die Anatomie Berlin kritisch verarbeitet.
- Quote paper
- Susanne Hahn (Author), 2013, Die Antigonen von der Antike bis zur Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268328