Der Arabische Frühling und Israel

Ungenutzte Potenziale für einen neuen Frieden im Nahen Osten?


Hausarbeit, 2013
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1 Fragestellung und Motivation
1.2 Einführung in die Theorie des Neorealismus

2. Empirischer Überblick
2.1 Der Arabische Frühling am Beispiel Ägyptens
2.2 Stellungnahmen der israelischen Regierung

3. Theoretischer Hintergrund
3.1 Prüfung der Theorie des Neorealismus

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Das Jahr 2010 wird vermutlich wohl in die Weltgeschichte eingehen nicht nur als der Neuanfang des zweiten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert sondern als den Beginn des Arabischen Frühlings, ein Jahr der Hoffnungen und Erwartungen.

Die Region des Nahen und Mittleren Osten wurde über Jahrzehnte vom Begriff des Arabischen Autoritarismus beherrscht, demgemäß sind darunter Länder mit autokratischen Herrschern zu verstehen, die Menschenrechte und andere Freiheiten massiv einschränkten. Die Wellen der Demokratisierung in den 90er Jahren erfassten diese Region gar nicht oder nur vereinzelt.1 Als zu Beginn des Jahres 2011 erste Proteste gegen den amtierenden Präsidenten Hossni Mubarak in Ägypten auftraten, sowie weitere Demonstrationen in Marroko, Tunesien und Syrien sichtbar wurden, erstaunten diese Ereignisse viele Politikwissenschaftler und Nahostexperten.2 Die Proteste waren vor allem durch einen friedlichen Charakter gekennzeichnet und forderten eine Vielzahl von Grund- und Freiheitsrechten. Der sogenannte Arabische Frühling bildete eine Antwort auf Verfolgung und Einschränkung der Rechte seitens der autokratischen Machthaber. Viele Hoffnungen und vor allem neue Zukunftsperspektiven sind aus den Protesten auf den Tahrir Platz entstanden, besonders die Frage nach der Beziehung zum jüdischen Staat Israel sowie damit verbunden Konflikt mit den Palästinensern haben in der Region eine außerordentliche Bedeutung.

Israel als einziges demokratisches Land in der Region muss mit diesen Veränderungen zurechtkommen und Antworten auf neue Regierungskonstellationen sowie Gesellschaftsentwicklungen bei den arabischen Nachbarstaaten finden.3 Das Land Israel befindet sich in einer feindlichen Umgebung mit lokalen und regionalen Bedrohungen bezüglich der Sicherheit seiner Bürger. Die größte Gefahr für den jüdischen Staat geht von der Achse Iran, Syrien und die schiitische Hisbollah Miliz aus.4

Ägypten als direkter Anrainer und ehemaliger Verbündeter steht in diesem Zusammenhang einer ungewissen Zukunft entgegen, während der in Syrien herrschende Baschar Al-Assad als ,,korrekter“ Feind abgelöst werden könnte, sodass Israel in der Region völlig isoliert wäre.5 Das Erstarken von islamistischen israelfeindlichen Gruppierungen stellt für Israel ein Grund zur Sorge um die eigene Sicherheit dar und spiegelt sehnsüchtigen Wunsch nach klaren politischen Machtverhältnissen zu den arabischen Nachbarstaaten. Zwar handelt es sich bei Syrien beispielsweise nicht um einen wirklichen Friedenspartner, jedoch um einen rationalen Akteur dessen Handlungen und Aktionen über Jahrzehnte eine berechenbare Gefahr darstellten.6

Diese Hausarbeit ist folgend so strukturiert, dass sie zunächst zur Themenanalyse die IB- Theorie des Neorealismus skizziert, um anschließend exemplarisch an Beispiel Ägyptens Hintergründe und Verlauf des Arabischen Frühlings zu analysieren. Weiterführend werden Stellungnahmen der Mitglieder der israelischen Regierung und hochrangiger Politiker vorgestellt und danach an der Theorie überprüft werden. Der Neorealismus generell geht von Staaten als Akteuren aus, die ihm Rahmen eines Sichersheitsdilemmas ihre egoistisch- zweckrationalen Ziele verfolgen.7 Die wesentlichen Merkmale dieser Theorie begleiten diese Hausarbeit in allen Punkten. Die wesentlichen Variablen der Theorie, wie Machtbalance, Sicherheit und Polarität des Systems begleiten die Forschung des Themas. Abschließend wird ein Fazit gezogen und ein Ausblick gegeben.

1.1 Fragestellung und Motivation:

Die Frage nach der Beziehung zu und einem möglichen Frieden der arabischen Staaten mit Israel bildet zugleich die entscheidende Motivation, sich ausgerechnet mit diesem Aspekt des Arabischen Frühlings zu beschäftigen. Diese Hausarbeit setzt sich die Beantwortung der Frage als Ziel, ob Potenziale für einen neuen Frieden im Nahen Osten genutzt werden konnten.

Insbesondere müssen hier die Reaktionen der lokalen Akteure analysiert werden. Der Israel- Palästina Konflikt kann in seiner Komplexität nicht umfassend bearbeitet werden, jedoch soll dieser Konflikt als Ausgangspunkt dienen, um sich ausgerechnet mit dem Arabischen Frühling und Israel zu beschäftigen. Vor allem ist hier Ägypten als Beispiel hervorzuheben, da die Balancepolitik der letzten Jahrzehnte und der Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten gefährdet erscheinen.8 Die Ereignisse rufen bei sehr vielen Experten einerseits Hoffnungen wach, evozieren aber auch Befürchtungen andererseits. Dieser Kontext bildet ein Grund genug, sich detaillierter mit diesem Thema zu beschäftigen und zu versuchen, das Handeln der jeweiligen Akteure zu verstehen.9

1.2 Einführung in die Theorie des Neorealismus:

Den Ausgangspunkt für die Theorie des Neorealismus aus den 70er Jahren maßgeblich von Politikwissenschaftler Kenneth N. Waltz begründet, stellt das berühmte Werk von Hans J. Morgenthau Politics among the Nations dar, welches als Meilenstein in der Geschichte der Theorien in der internationalen Politik anzusehen ist.10 Dieser klassische Realismus unterscheidet sich vorwiegend dadurch vom sogenannten Neorealismus, der eher einer systematischen Erklärung von Verflechtungen in der internationalen Politik folgt, als dass er vorwiegend außenpolitische Strukturen in den Fokus nimmt. Historisch gesehen entstanden die beiden Theorien bzw. die Verformung des Realismus in völlig unterschiedlichen Phasen.

Während Morgenthau Erklärungen nach dem 2. Weltkrieg für außenpolitisches Handeln der Akteure suchte, war Waltz mit dem Kalten Krieg und der Bipolarität konfrontiert. Beide Theoretiker waren stark vom politischen Weltgeschähen beeinflusst, sodass sie entsprechende theoretische Modelle zur Erklärung der Phänomene in der internationalen Politik finden mussten.

Für diese Hausarbeit werde ich die modernere Theorie des Neurealismus heranziehen, um einerseits die Nähe zu heutigen Strukturen der Internationalen Politik aufzuzeigen und, um andererseits ihre Hauptmerkmale zu erforschen. Die sowohl durch die Dominanz von Sicherheitsinteressen und der existenziellen Unsicherheit in Zeit der Multipolarität geprägt sind Zwar ist die Theorie des Realismus von Morgenthau anwendbar, dennoch für dieses komplexe Forschungsthema nicht optimal.11

Die Theorie des Neorealismus nach Waltz geht von Staaten als Akteuren aus und unterscheidet sich hiermit im Wesentlichen von anderen IB-Theorien wie z.B. dem Liberalismus. Dort geht es vorwiegend um innerstaatliche Akteure. Desweiteren besagt diese Theorie, dass Staaten als Akteure nach Macht streben, da sie sich in einem System der Anarchie befinden. Also ist die sogenannte Weltordnung ein anarchisches System in dem jeder Staat für die Sicherheit sorgen muss und dementsprechend um diese bemüht ist. Die Staaten werden aus Sicht der Theorie als gleichrangig angesehen.12 Infolgedessen bemüht sich Waltz vor allem eine systematische Betrachtung der Internationalen Politik zu machen (Structural Realism). Für den Neorealismus hat das Überleben der Staaten in diesem System die zentrale Bedeutung und darüber hinaus bildet sie das hauptsächliche Ziel, das mit militärischer Macht oder technologischem Vorsprung erreicht werden kann. Technologischer Vorsprung beinhaltet nach Waltz auch den Besitz von Atomwaffen, welche als ein Garant für die Sicherheit des Landes dienen können. Außerdem wird die militärische Macht, als wichtiger Faktor betrachtet. Umso größer ein Staat ist und umso mehr Ressourcen dieser besitzt, desto größer ist die Kapazität seiner Streitkräfte. Staaten maximieren ihre Sicherheit und wollen Machtungleichheiten ausbalancieren. Dies ist für ihn aus theoretischer Perspektive die unabhängige Variable.13 Besonders wichtig für die internationale Politik erscheint aus Sicht des Neorealismus das Konzept des Sicherheitsdilemmas. Die Grundidee geht davon aus, dass bei der Steigerung der eigenen Sicherheit eines Staates, die Sicherheit eines anderen Staates gesenkt wird. Dieses Konzept wird vermehrt auch in der Spieltheorie modelliert.14 Die Machtkonkurrenz und das Machtgleichgewicht zwischen Staaten kann durch Zwang erzeugt werden. Die Drohung oder der Zwang zur Kooperation eines Akteurs gegenüber dem anderen wird im Neorealismus erörtert. Desweiteren geht die Theorie von Hegemoniezyklen aus. Staaten können aus bestimmten Gründen in dem anarchistischen System eine Übermacht bilden und somit eine Art Ordnung im System erzeugen. Der Hegemon kann seine Übermacht dazu ausnutzen Frieden zu schaffen und bestimmte Regeln durchzusetzen. Diese Hegemoniezyklen haben sich über die Jahrhunderte bestätigt.15

Desweiteren untersucht der Neorealismus die Polarität des Systems, also im Wesentlichen die drei Möglichkeiten: Bipolarität, Multipolarität und Unipolarität. Die Grundannahme geht von der sogenannten Balancierung von Macht aus. Bipolarität bedeutet, wenn zwei starke Staaten, wie früher die USA und die UdSSR die zwei Gegenpole zu einander bilden. Multipolarität, wie sie im Prinzip heute vorzufinden ist, geht von vielen Machtmonopolen aus. Dieser Zustand wird vermehrt als unsicher angesehen, da unklare Machtstrukturen das Überleben im anarchischen System erschweren. Zu Letzt die Unipolarität, wie zu Beginn der 1990er Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion hauptsächlich von den USA besetzt wurde.16 Dieser Zustand in den 90er Jahren veranlasste einige Politikwissenschaftler insbesondere den Japaner Francis Fukuyama von dem Ende der Geschichte zu sprechen nach dem die Bipolarität aufgelöst war und nur Hegemon die Vormachtstellung in der Welt hatte.17

2. Empirischer Überblick

In folgenden Abschnitt der Hausarbeit werden erstens die Ereignisse in Ägypten betrachtet und zweitens die Positionen der israelischen Regierung behandelt. Der Rahmen des Neorealismus umfasst auch die Betrachtung des empirischen Teils der Forschung zum Thema ,,Arabischer Frühling und Israel“. Für die Analyse der Ereignisse sowie die Reaktionen des Staates Israel ist es wichtig, die Beweggründe für die Revolution und tragenden Akteure zu ergründen. Es stellt sich dabei die Frage, welche politische, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Relevanz diese Proteste im Fall Ägyptens hatten und haben?

2.1 Der Arabische Frühling am Beispiel Ägyptens

Am 25. Januar 2011 begannen in Ägypten die Demonstrationen, die am Freitag dem 28. Januar den Höhepunkt erreicht haben und sich hauptsächlich gegen den seit 1981 amtierenden Machthaber Husni Mubarak gewendet waren.18 Der Präsident verkündete am 11. Februar 2011 seinen Rücktritt aus dem Amt. Danach folgten weitere Demonstrationen, die Auflösung des Parlaments, Entwürfe einer neuen Verfassung und zu Letzt die Präsidentschaftswahlen im Mai 2012, die mit dem Sieg Mohammed Musri, Spitzenkandidat der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, ihren Ausgang fand. Diese Partei entsprang der Muslimbruderschaft, einer Organisation, deren Vertreter zum einen verfolgt, zum anderen aber auch geduldet wurden, obgleich die Gruppierung immer wieder verboten wurde. Die Muslimbruderschaft, als Organisation wurde seit den 70er Jahren noch unter Anwar Sadat stark eingeschränkt. Es wurde keine Rücksicht auf reformistische oder radikale Teile der Bewegung gemacht.19

Dieser kurzskizzierte Verlauf unterscheidet sich nicht maßgeblich von anderen Ereignissen im Arabischen Frühling und ihrer unglaublich schnellen Dynamik. Jedoch haben die politischen Prozesse in Ägypten mehrere Besonderheiten und wichtige Indikatoren aufzuweisen, die interessant für das Verhältnis zu Israel erscheinen. Hierbei wäre der israelisch- ägyptische Friedensvertrag zu erwähnen und Ägyptens wichtige geopolitische Position in der Region. Die Beziehungen der beiden Staaten zu einander haben eine lange Tradition und sind als Katalysator für andere arabische Nachbarstaaten.20 21

Das autoritäre Regime Mubaraks, das seit 1981 in Ägypten herrschte fand seinen Hauptwidersacher nicht in den elitären Oppositionskreisen sondern vor allem in der Jugend Ägyptens und deren sozio-ökonomischen Problemen. Zwei Drittel der Ägypter sind jünger als 35 und mehr als die Hälfte der unter 24 jährigen hat keine Arbeit. Das Militär, das unter Mubarak eine außerordentliche Position einnahm, besaß große Anteile an der ägyptischen Wirtschaft. Die Verteilung der Gelder aus der florierenden Wirtschaft an alle Teile der Gesellschaft und insbesondere an die Unterschicht erwiesen sich als schlecht. Auch der starke Tourismus im Land wurde maßgeblich von dem Militär kontrolliert. Durch die Revolte ist die Wirtschaft im Haushaltsjahr 2010/2011 stark eingebrochen, wodurch ausländische Investoren maßgeblich abgeschreckt wurden.22 Die Indikatoren Jugendarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und starke Korruption durch die Eliten können als wesentliche sozioökonomische Gründe gesehen werden, die die Träger des Arabischen Frühlings in Ägypten anspornten, ihre selbstbewusst und klar zu vermitteln.23 Außer den Jugendlichen beteiligten Frauen und ebenso die untere Mittelschicht beträchtlich an der einsetzenden Demokratiebewegung. Besonders die starke Beteiligung der Frauen in den Protesten auf dem Tahrir-Platz und deren NGOs sind hervorzuheben, was von einem einmaligen Charakter der Proteste unterstrichen wurde.24 25

Der Arabische Frühling in Ägypten wurde von daher stark durch politische Hintergründe beeinflusst, die sich nach den ersten Ausschreitungen und auch in den Folgemonaten speziell in der Parteienlandschaft herauskristallisierten, aber auch bei der Beteiligung vieler Nichtregierungsorganisationen bemerkbar machten. Die Proteste umfassten in diesem Rahmen ein breites politisches Spektrum von radikal-islamistischen Gruppierungen bis hin zu liberalen Vereinigungen sowie auch die Beteiligung des früher regimetreuen Militärrates unter dem General Tantawi. Die Präsidentschaftswahlen kurz nach den Protesten verdeutlichten dieses in der Parteienlandschaft Ägyptens. Als großer Sieger der Ereignisse stellte sich schließlich die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit der Muslimbrüder heraus, die starken gesellschaftlichen Zuspruch finden konnte, ein Umstand, der vor allem ihren starken sozialen Profil zu verdanken ist. Dr. Mohammed Musri gewann die Parlamentswahlen 2011/2012 letztendlich mit 43% gewann und konnte sich gegen den früheren regimetreuen Ahmad Shafiq auch bei den Präsidentschaftswahlen mit über 50% durchsetzen. Die salafistisch-islamistische Al Nour Partei (Partei des Lichts) konnte als zweitstärkste Kraft ins

Parlament einziehen.26 Diese beiden Erfolge gegenüber eher liberalen oder sozialistischen Parteien zeigen einen nicht zu übersehenden Prozess der Islamisierung der schon unter dem Regime Mubaraks einzusetzen begann. Die Scharia, also das islamische Gesetz, spielt nun eine nicht unbedeutende Rolle in der ägyptischen Verfassung. Nach der Machtübernahme der Muslimbrüderschaft wurden mehrere Verfassungsreformen veranlasst, die zwar natürlich auf die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zielte, aber hauptsächlich einen religiösen Charakter trugen und Minderheitenrechte beschränkten.27 28

Ägyptens Revolution hatte anfänglich große Hoffnungen bei der christlichen Bevölkerung des Landes ausgelöst, die nach offiziellen Angaben etwa 10% - 20% der Gesamtbevölkerung umfasst. Es handelt sich um koptische Christen29. Der Rest der Bevölkerung gehört dem sunnitischen Islam an. Somit sind Ägyptens Religionsstrukturen nicht homogen. Zwar haben bei den Protesten auf dem Tahrir Platz Menschen aller Religionen teilgenommen, jedoch sahen sich die Christen des Landes von Verfolgungen nach Musris Wahlen bedroht.30 Der Umgang mit Menschenrechten während der Proteste in Ägypten und danach wurde stark bemängelt.31 Insgesamt ist die politische Lage in Ägypten nach der Demokratiebewegung als instabil zu bezeichnen und lässt somit neue Herausforderungen für die ägyptisch-israelischen Beziehungen folgen. Hierbei ist besonders auf den Wandel des Militärs und seine eher israelfreundliche Haltung hinzuweisen, die sich unter den Muslimbrüdern zu israelfeindlichen Standpunkten verkehrten.32 Abschließend muss man die herausragende Rolle Ägyptens in der Region hervorheben, die sich nicht nur aus der Sicht der Wirtschaft ergibt sondern vor allem als geopolitisches Schwergewicht mit einem starken Militär. Die Veränderungen durch den Arabischen Frühling sind somit auch maßgebend für andere Staaten in der MENA Region.

2.2 Stellungnahmen der israelischen Regierung

Im folgenden Abschnitt werden drei Stellungsnahmen der israelischen Regierung zum Arabischen Frühling vorgestellt und erläutert, wobei insbesondere auf die ägyptischen Entwicklungen Bezug genommen wird. Die israelischen Positionen werden im Licht der Theorie des Neorealismus überprüft.

Laut dem ehemaligen Generalstabschef der israelischen Armee sowie Vorsitzenden des Außenpolitik- und Verteidigungskomitee Shaul Mofaz wäre es das Beste für Israel, wenn der ägyptische Präsident Mubarak und damit sein Regime die Proteste überstehen würden. Er betont desweiteren die 30 jährige Stabilität zwischen den beiden Staaten und dessen Bedeutung: ,,Maintaining the stability that has lasted in Egypt for the past 30 years is a goal of highest importance for Israel on the regional level”. Mofaz wies zudem auf eine mögliche Übernahme der Macht durch die Muslimbruderschaft hin, die er eine klare strategische Warnung für Israel betrachtete: ,,The last option is that the Muslim Brotherhood takes over“33 Diese Kommentare eines hochrangigen israelischen Politikers wurden unmittelbar nach den Ausschreitungen und noch vor den Präsidentschaftswahlen in Ägypten, bei denen tatsächlich Mursi mit der Muslimbruderschaft die Mehrheit erhalten hatte, geäußert. Der Premierminister Benjamin Netanyahu drückte sich noch direkter aus und wies auf eine verstärkte Rolle des Irans in den Ereignissen in Ägypten. Er sagte ebenfalls im April 2011, dass sich der Arabische Frühling in einen iranischen Winter umwandeln könnte und islamistische Gruppierungen die Oberhand gewinnen würden.34 Generell waren Netanyahus Äußerungen zu diesem Themenkomplex äußerst kritisch: ,,The Middle East is no place for the naïve“. Er sah kaum Chancen für eine stabile Demokratie in Ägypten und artikulierte erhebliche Befürchtungen für Israels Sicherheit35. In seiner Rede zur Eröffnung der Knesset, dem israelischen Parlament in Oktober 2011 betont der Premierminister die Dominanz von islamistischen Gruppierungen, die den liberalen und freiheitlichen Geist der Demonstrationen für ihre eigenen Zwecke verwenden um an die Macht zu kommen.36 Zu Letzt warnte auch der Chef der israelischen Armee Gabi Aschkenazi, indem er von entscheidenden Änderungen der Realitäten sprach, die unmittelbar die israelische Sicherheit in Frage stellen würden: ,,The quiet is fragile, and the security reality can easily change“.37 Mit seiner Äußerung erklärt der Chef der israelischen Armee am deutlichsten von den drei Kommentaren, welche Gefahr für die Sicherheit des Landes durch die Revolution entstehen könnte.

Die geopolitische und strategische Situation in der gesamten Region verändert sich, sowie alte Balancen wie mit Assad oder Mubarak geraten durch den Arabischen Frühling ins Schwanken. Zusammengefasst sehen offizielle Vertreter der israelischen Regierung oder des Generalstabs die massiven Veränderungen in Ägypten kritisch und würden den Status Quo deutlich bevorzugen. Die Stabilität in der labilen Region ist für Israel auch ein Garant für ,,den Frieden“ mit den Nachbarn.38

3. Theoretischer Hintergrund

In diesem Teil der Hausarbeit wird der Forschungsfrage nachgegangen über ungenutzte Potenziale für einen Frieden im Nahen Osten und die Aussagen der israelischen Politiker an der Theorie des Neorealismus überprüft.

[...]


1 Vgl. Schlumberger/Holger (2004) S. 371-92

2 Vgl. Asseburg, Muriel (2011) S. 5-6

3 http://2013.presidentconf.org.il/wp-content/uploads/2013/05/Arab-Spring-Final.pdf (Zugriff: 02.09.2013, 13:45 Uhr)

4 http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4382172,00.html (Zugriff:02.09.2013, 14:01 Uhr)

5 http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/fachpublikationen/PMH-Interview_Israel.pdf (Zugriff: 03.09.2013, 17:09 Uhr)

6 Vgl. Lehrs (2013) S. 6-7

7 Vgl. Schimmelfennig, (2010) S. 67

8 http://www.theguardian.com/world/2011/jan/31/israel-egypt-mubarak-peace-treaty-fears (Zugriff: 03.09.2013, 19:47 Uhr)

9 http://heinonline.org/HOL/LandingPage?collection=journals&handle=hein.journals/fora90&div=67&id=&pag= (Zugriff: 08.09.2013, 15:06 Uhr)

10 Ebenda Schimmelfennig, S. 66

11 Vgl. Schieder/ Spindler (2010) S. 39-40

12 Ebenda Schimmelfennig S. 69

13 Ebenda Schieder/ Spindler (2010) S. 74-75

14 Vgl. Dunne/ Kurki/Smith (2007) S. 75

15 Ebenda Schimmelfennig S. 83-84

16 Ebenda Dunne/ Kurki/Smith (2007) S. 78-80

17 http://www.wesjones.com/eoh.htm (Zugriff: 09.09.2013, 21:05 Uhr)

18 http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/68863/revolution-in-aegypten-04-02-2011 (Zugriff: 09.09.2013, 21:45 Uhr)

19 http://www.bpb.de/wissen/ECA0HT (Zugriff: 09.09.2013, 22:05 Uhr) 6

20 http://www.mfa.gov.il/mfa/foreignpolicy/peace/guide/pages/israel-egypt%20peace%20treaty.aspx (Zugriff: 10.09.2013, 19:07 Uhr)

21 http://www.fpri.org/docs/chapters/201303.west_and_the_muslim_brotherhood_after_the_arab_spring.chapter8. pdf S. 132-133 (Zugriff: 13.09.2013, 11:49 Uhr)

22 http://www.bpb.de/internationales/afrika/arabischer-fruehling/52392/aegypten?p=1 (Zugriff: 28.09.2013,12:14 Uhr)

23 http://middleeast.about.com/od/humanrightsdemocracy/tp/The-Reasons-For-The-Arab-Spring.htm (Zugriff: 26.09.2013, 22:08 Uhr)

24 http://mideast.foreignpolicy.com/posts/2011/01/26/a_new_arab_street (Zugriff: 26.09.2013, 22:10 Uhr)

25 http://www.opendemocracy.net/5050/deniz-kandiyoti/promise-and-peril-women-and-%E2%80%98arab- spring%E2%80%99 (Zugriff: 28.09.2013, 13:00 Uhr)

26 Vgl. Grünwald (2012) S. 43-44

27 http://www.opendemocracy.net/5050/mariz-tadros/egypt-islamization-of-state-policy (Zugriff: 30.09.2013, 18:45 Uhr)

28 http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-nach-verfassungsreferendum-mursi-will-wirtschaft- ankurbeln-a-874719.html (Zugriff: 04.10.2013, 17:33 Uhr)

29 http://www.ead.de/arbeitskreise/religionsfreiheit/nachrichten/einzelansicht/article/aegypten-christen-sind- ausgestossene-im-eigenen-land.html?tx_ttnews[backPid]=443&cHash=8d71e42c03 (Zugriff: 04.10.2013, 19:02 Uhr)

30 http://www.opendoors.de/verfolgung/laenderprofile/aegypten/ (Zugriff: 06.10.2013, 10:35 Uhr)

31 http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Aegypten/Innenpolitik_node.html (Zugriff: 06.10.2013, 10:59 Uhr)

32 http://www.jpost.com/Elections-2013/Analysis-Despite-ban-threat-Muslim-Brotherhood-is-here-to-stay- 323537 (Zugriff: 07.10.2013, 16:44 Uhr)

33 http://www.jpost.com/Diplomacy-and-Politics/Mofaz-Its-best-for-Israel-if-Mubarak-overcomes-protests (Zugriff: 07.10.2013, 22:45 Uhr)

34 http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5j4sOmN0rkFs8yT2KSqtpiuGyrj5g?docId=CNG.eb63 d08c46fc03277ee2b129a6b13866.c41&hl=en (Rede von Netanyahu in der Knesset) (Zugriff: 07.10.2013, 23:02 Uhr)

35 Vgl. Lehrs (2013) S. 3, Zitate und Stellungsnahmen des Premierministers Benjamin Netanyahu

36 http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Politics/netanyahu103111.html (Zugriff:08.10.2013, 11:46 Uhr)

37 http://www.jpost.com/Defense/Ashkenazi-Unrest-could-change-our-security-reality (Zugriff: 08.10.2013, 12:02 Uhr)

38 http://www.fpri.org/docs/chapters/201303.west_and_the_muslim_brotherhood_after_the_arab_spring.chapter8. pdf S. 131-133 (Die drei Stellungsnahmen sind aus dieser Quelle entnommen worden) (Zugriff: siehe oben)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Arabische Frühling und Israel
Untertitel
Ungenutzte Potenziale für einen neuen Frieden im Nahen Osten?
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
„Von sozialen Protest zu politischer Transformation im Nahen und Mittleren Osten?“
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V268388
ISBN (eBook)
9783656593966
ISBN (Buch)
9783656593942
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
.
Schlagworte
arabische, frühling, israel, ungenutzte, potenziale, frieden, nahen, osten
Arbeit zitieren
Mihail Groys (Autor), 2013, Der Arabische Frühling und Israel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268388

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