„Dies ist ein guter Tag für die Arbeitslosen in Deutschland“. Mit diesem Satz verkündete der ehemalige VW-Manager Peter Hartz die historische Wende in der deutschen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik im französischen Dom in Berlin. Bewusst wurde eine prunkvolle Kulisse für die Präsentation der IV. Stufe der sogenannten Hartz-Reform, die Zusammenlegung von Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe (Hartz IV), gewählt. Die Hartz-IV-Reform löste eine beispiellose Klageflut in der Geschichte der BRD vor den deutschen Sozialgerichten aus, die bis heute als unvereinbar mit dem Grundgesetz der BRD empfunden wird. Deutschland sollte wettbewerbsfähig gemacht werden für den globalisierten Arbeitsmarkt, um mit Wirtschaftsgiganten, wie den USA, China sowie dem Rest der außereuropäischen westlichen Welt, die keine oder nur wenige Sozialstandards haben, konkurrieren zu können, so die Begründung der Politiker. Dass es sich in Wahrheit um eine grundlegende Änderung der Sozial- und Wirtschaftspolitik handelt, die weder die Arbeitslosigkeit senkt, noch das Leben der Menschen verbessert, wurde den Bürgern in diesem Land weitestgehend verschwiegen.
Die vorliegende Diplomarbeit will aufzeigen, wie es zu dem Grundgesetz der BRD gekommen ist und welche Personen die Idee der sozialen Marktwirtschaft entwickelt haben. Dies erscheint notwendig, da im Rahmen der Agenda 2010 die soziale Marktwirtschaft zugunsten einer angebotsorientierten Marktwirtschaft aufgeweicht wurde. Aus diesem Grund wird die Entwicklung des deutschen Sozialstaates im 19. Jh. vor Augen geführt, der unter härtesten Bedingungen durch eine entstehende Gewerkschaftsbewegung erkämpft wurde, insbesondere der 8-Stunden-Tag. 100 Jahre später, im Zuge der Arbeitsmarktreform, im Jahr 2000, steigt die Wochenarbeitszeit wieder von mehr als acht Stunden täglich, auch im tarifvertraglichen Beschäftigungsverhältnis. Die Tendenz ist steigend, durch den Verlust der Einflusskraft der Arbeitnehmervertreter.
Einen besonderen Stellenwert soll in Kap.4.3.1 der britische Ökonom John Maynard Keynes einnehmen, der als erster Ökonom die neoklassische Theorie der Wirtschaftspolitik vor den beiden Weltkriegen kritisiert und Vorschläge für eine Humanisierung der Wirtschaftspolitik eingeleitet hat, die in Deutschland im Zuge einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik versucht wurde anzuwenden.[...]
Inhaltsübersicht
1. Einleitung
2. Problemaufriss
2.1 Freiheitsbegriff im Zuge der Aufklärung
2.2 Der Parlamentarische Rat – Freiheit für das deutsche Volk
2.3 Freiheitsbegriff im Sinne des Grundgesetzes der BRD
3. Konzepte und Ansätze in der deutschen Beschäftigungspolitik aus dem englischsprachigen Raum
3.1 Die US-amerikanische Sozialhilfepolitik
3.2 Denkschulen neoliberaler Politik
3.2.1 Friedrich von Hayek
3.2.2 Milton Friedman
3.2.2.1 Monetarismus
3.2.3 Ronald Reagan
3.2.4 Thatcherismus
3.2.5 Objektivismus
3.2.6 Kommunitarismus
4. Entwicklung der deutschen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik
4.1 Beginn der Sozialbewegung – Entstehung der Gewerkschaften
4.2 Die Idee der sozialen Marktwirtschaft in der BRD
4.2.1 Ordoliberale Wirtschaftspolitik - Entstehung der sozialen Marktwirtschaft
4.3 Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik
4.3.1 Antizyklische Fiskalpolitik - John Maynard Keynes
4.3.2 Neokorporatismus
4.4 Konzept der Globalsteuerung von Karl Schiller
4.5 Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik
4.5.1 Neoklassische Wirtschaftstheorie
4.5.2 Forderungen des Sachverständigenrates der BRD und des Bundes Deutscher Arbeitgeber (BDA)
5. Die Arbeitsmarktreform der Regierung Schröder
5.1 Sharholder Value - das Schröder-Blair-Papier
5.2 Die Hartz-Kommission
5.3 Hartz I
5.4 Hartz II
5.5 Hartz III
5.6 Hartz IV
5.7 Instrumente der Hartz-Reformen
5.7.1 Fallmanagement
5.7.2 Eingliederungsvereinbarung
5.7.3 Kritik Fallmanagement - Eingliederungsvereinbarung
6. Auswirkungen der Arbeitsmarktreform in Deutschland
6.1 Ist alles, was Arbeit schafft, sozial?
6.1.1 Legalisierung der Prostitution
6.1.2 Leiharbeit
6.1.3 Niedriglohnsektor
7. Schlussfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Transformation der deutschen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, insbesondere unter dem Aspekt des Einflusses neoliberaler Denkweisen und der Umsetzung der Hartz-Reformen. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Paradigma der sozialen Marktwirtschaft zugunsten einer angebotsorientierten Politik und der Maximierung des Shareholder Value aufgeweicht wurde, und welche negativen sozialen Folgen sich daraus für Arbeitnehmer ergeben haben.
- Historische Entwicklung des deutschen Sozialstaates und der Gewerkschaftsbewegung.
- Einfluss angloamerikanischer neoliberaler Konzepte auf die deutsche Beschäftigungspolitik.
- Analyse der Agenda 2010 und der daraus resultierenden Hartz-Reformen.
- Kritische Betrachtung von Instrumenten wie Fallmanagement und Leiharbeit.
- Bewertung der sozialen Auswirkungen wie Prostitution und Niedriglohnsektor.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die US-amerikanische Sozialhilfepolitik
Traditionell setzt die amerikanische Gesellschaft auf den engumgrenzten Begriff der Familie. Diese „Familientradition“ begründet sich auf einer religiösen Grundhaltung der vielen religiösen Sekten, wie z.B. Mormonen, Baptisten, Methodisten, um einige der bekanntesten Gruppen zu nennen. Deren Mitglieder sitzen oft in bedeutenden Positionen in Politik und Wirtschaft. Eingewandert sind sie zu Zeiten der Gründerjahre Amerikas (Einwanderungswellen im 19. Jh.) vorwiegend aus europäischen Ländern und bilden immer noch den Kern der politischen Gesellschaft Amerikas. Während im späten 19. und frühen 20. Jh. einige europäische Staaten staatliche Sozialprogramme einführten, war und ist es bis heute in Amerika Tradition, dass ausschließlich private Wohltätigkeitsorganisationen und Gemeinden den Armen helfen. Man war davon überzeugt, dass durch die schnelle Industrialisierung und durch das überall verfügbare Ackerland, jeder der arbeiten will, auch eine Tätigkeit findet. Die gesellschaftlichen Bedingungen für neu ankommende Einwanderer waren hart. Sie mussten allein auf die Nachbarn vertrauen, meistens Landsleute, oder sie waren mehr oder weniger gezwungen, einer der christlichen Vereinigungen beizutreten, die ihnen dann mit „Gottes Hilfe“ halfen, ein neues Leben aufzubauen. Die Würde des Menschen, wie von Kant formuliert, der auf Descartes aufbaute „ich denke, also bin ich“, hat in den USA damals wie heute keinen Wert. Das Wort „Glück“ steht zuvorderst in der Verfassung und nicht die Würde des Menschen, die unabhängig von Reichtum, Macht und Religionszugehörigkeit ist und keinen Preis hat. Durch die Depression von 1933 und der damit einhergehenden Massenarbeitslosigkeit wurde mit der Verabschiedung des „Social Security Act“ (SSA) auch bekannt unter dem Namen „New Deal“ (neue Vereinbarung), erstmals ein staatliches Programm zur Beseitigung von Arbeitslosigkeit aufgelegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Kontext der Hartz-Reformen und stellt die Forschungsfrage nach den Auswirkungen der neoliberalen Wende auf das Grundgesetz und die soziale Marktwirtschaft in Deutschland.
2. Problemaufriss: Dieses Kapitel erörtert philosophische Grundlagen des Freiheits- und Würdebegriffs sowie dessen Verankerung im Grundgesetz der BRD.
3. Konzepte und Ansätze in der deutschen Beschäftigungspolitik aus dem englischsprachigen Raum: Es werden neoliberale Denkschulen und US-amerikanische Sozialhilfemodelle analysiert, die als theoretische Grundlage für die späteren deutschen Reformen dienten.
4. Entwicklung der deutschen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik: Die historische Genese der sozialen Marktwirtschaft, keynesianische Ansätze und der spätere Wandel zur Angebotsorientierung werden detailliert dargelegt.
5. Die Arbeitsmarktreform der Regierung Schröder: Dieses Kapitel analysiert die konkrete Umsetzung der Hartz-Reformen und deren Instrumente wie das Fallmanagement.
6. Auswirkungen der Arbeitsmarktreform in Deutschland: Es werden die konkreten sozialen Folgen, wie die Ausweitung der Leiharbeit, der Niedriglohnsektor und die Legalisierung der Prostitution, kritisch bewertet.
7. Schlussfassung: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und warnt vor einer Fortführung der neoliberalen Politik, die den sozialen Zusammenhalt in Deutschland gefährdet.
Schlüsselwörter
Soziale Marktwirtschaft, Hartz-Reformen, Neoliberalismus, Shareholder Value, Arbeitsmarktpolitik, Fallmanagement, Leiharbeit, Niedriglohnsektor, Beschäftigungspolitik, Sozialstaat, Agenda 2010, Keynesianismus, Grundgesetz, Prostitution, Wirtschaftspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Analyse der deutschen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, speziell mit dem Wandel von der sozialen Marktwirtschaft hin zu einer neoliberalen, angebotsorientierten Politik im Zuge der Agenda 2010.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des deutschen Sozialstaates, der Einfluss angloamerikanischer neoliberaler Denkschulen sowie die tiefgreifenden Auswirkungen der Hartz-Reformen auf Arbeitnehmer und soziale Standards.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit will aufzeigen, wie die soziale Marktwirtschaft zugunsten von Gewinnmaximierung (Shareholder Value) aufgeweicht wurde und warum dies zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen vieler Menschen geführt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, indem sie die ideologischen Wurzeln der aktuellen Wirtschaftspolitik darlegt und diese mit den tatsächlichen gesellschaftlichen Auswirkungen konfrontiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung der Sozialpolitik, die Einführung verschiedener neoliberaler Konzepte, die Umsetzung der Hartz-Reformen sowie die kritische Untersuchung ihrer Instrumente wie Fallmanagement und Leiharbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Schlüsselwörtern gehören soziale Marktwirtschaft, Hartz-Reformen, Neoliberalismus, Agenda 2010, Shareholder Value und Niedriglohnsektor.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des "Fallmanagements" in den Hartz-Reformen?
Die Autorin bewertet das Fallmanagement kritisch als ein Instrument der Kontrolle und Bestrafung, das mit dem Grundsatz der menschlichen Würde und dem sozialen Auftrag staatlicher Institutionen nicht vereinbar ist.
Welche Verbindung sieht die Autorin zwischen der Legalisierung der Prostitution und der Arbeitsmarktpolitik?
Die Autorin betrachtet die Einordnung der Prostitution als Erwerbstätigkeit innerhalb der Hartz-Reformen als Ausdruck einer absurden Politik, die Menschen zur Ware degradiert und das Ziel der Profitmaximierung über ethische Standards stellt.
- Arbeit zitieren
- Elke Schallmey (Autor:in), 2013, "Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt". Der Arbeitsmarkt im freien Fall des Shareholder Value?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268410