Lobbying in der EU. Zugangschancen von Interessenvertretern in Brüssel. Starke und schwache Interessen im Vergleich.


Hausarbeit, 2011

29 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Lobbying: Eine Definition

3.Das Interessenspektrum: Eine Einfuhrung
3.1 Diffus oder Speziell?

4. Typologie von Interest Groups
4.1Ubertragung der allgemeinen Typologie auf die europaische Ebene

5. Allgemeine Strategien politischer Einflussnahme
5.1 Welche Strategie fur welche Interessengruppe?
5.2 Chancen der Mobilisierung und Organisation

6 .Strategien politischer Einflussnahme in der EU
6.1 Lobbying der drei EU-Institutionen:_Kommission, Rat und Europaisches Parlament
a) Europaische Kommission
b) DerRat
c) Europaisches Parlament
c. 1.) Exkurs: Das Mitentscheidungsverfahren in der EU

Prinzipien und Charakteristika des EU-Lobbying auf einen Blick

Fazit

1. Kinleitung

Heute sind nach Schatzungen zwischen 15.000 und 20.000 Interessengruppen in Brussel aktiv, ca. 2600 haben sich ein standiges Buro in Brussel eingerichtet. Laut Kuropaischem Parlament sind 70 Prozent der Interessengruppen ,,business orientated44 (Coen/Richardson, 2009: 6), die restlichen 30 Prozent verteilen sich auf offentliche Interessen, Umweltschutz, Soziales usw. zweifelsfrei sei weiterhin, dass Interessenreprasentation ein grofies Geschaft ist: 60-90 Millionen Kuro ,,of revenue generated annually from lobbying activities44 (Coen/Richardson, 2009: 6).

In der vorliegenden Hausarbeit mochte ich mich auf Basis einer von mir erarbeiteten Interessen- Typologie dem Problem der ungleichen Kinbindung von Interessengruppen ((un),,equal inclusion44 (Friederich, 2007: 72)) in die Gesetzgebungsprozesse auf KU-Kbene widmen. Hierbei soll uberpruft werden, inwieweit sich folgende These stutzen lasst: Starke Interessengruppen, insbesondere Wirtschaftsverbande, haben auf europaischer Kbene bessere Zugangschancen („access“ (Friederich, 2007: 72)) zu europaischen Institutionen als schwache Interessengruppen und begegnen daher erleichterten Voraussetzungen, die legislativen Prozesse durch gezieltes Lobbyiren zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Die Ressourcenausstattung der starken Interessen in Form von finanziellen Mitteln und fachlicher Kxpertise sowie die nicht einheitlich geregelten Partizipations- bzw. Zugangsmoglichkeiten zu den einzelnen KU-Institutionen (fehlendes „Recht“ auf Zugang) bilden das Netz der Schlusselvariablen, die die verbesserten Zugangschancen starker Interessengruppen erklaren. Weiterhin mochte ich aufzeigen, dass die KU-Kommission langst nicht mehr das Hauptziel von Lobbyanstrengungen ist. Besonders das Kuropaische Parlament (KP) ist seit dem Mitentscheidungsverfahren neben dem Rat zum beliebten Ziel von Lobbyisten geworden. Im Fokus meiner Hausarbeit sollen daher die drei KU-Institutionen - die Kommission, der Rat und das KP - stehen. Den Kuropaischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (KWSA), der als „bridge between Kurope and organised civil society44 (Krech, 2006: 8) fungiert, werde ich aus zwei Grunden aufier Acht lassen. Zum einen aus inhaltlichen Grunden: Die Ausschusse sind zwar institutionell von reinen Anhorungsorganen zu Vermittlungsinstanzen aufgewertet worden, haben aber dennoch keine Mitentscheidungsrechte. Uberdies konnen sie ihr Recht auf Anhorung nicht „als Vetorecht (durch Nichtbefassung)44 (Teuber, 2001: 60) gebrauchen. Zum anderen aus rein praktischen Grunden: Kine Thematisierung wurde den Rahmen meiner Arbeit sprengen. Weiterhin werde ich nicht auf einzelne namhafte Interessenverbande eingehen, sondern allgemeiner von schwachen und starken Interessenverbanden sprechen.

2. Lobbying: Eine Definition

Auf sprachlicher Ebene leitet sich das Wort „Lobby“ aus dem lateinischen Wort „labium“ ab, das ubersetzt „Vorhalle“ bzw. „Worthalle“ (Biedermann, 2005: 10/ Teuber, 2001: 117) bedeutet. Nach Fischer bezeichnet Lobbying auf inhaltlicher Ebene den „Versuch der Beeinflussung von Entscheidungstragern durch Dritte“ (2005: 55). Grundsatzlich lassen sich in der EU zwei Typen der Einflussnahme erkennen: Das offentliche Lobbying durch hoheitliche Lobbyisten (Mitgliedsstaaten) und das private durch nicht-hoheitliche Lobbyisten (nicht-staatliche Interest Groups des privaten Sektors) (Fischer 2005: 55f). Fur meine Hausarbeit relevant ist die zweite, private Form des Lobbying. Mit Blick auf die Zielsetzung lasst sich Lobbying weiter spezifizieren:

1. Legislatives Lobbying zielt auf die Beeinflussung von Gesetzgebungsprozessen ab.
2. Anwendungsorientiertes Lobbying zielt auf die Beeinflussung ,,spezifischer Einzelentscheidungen durch offentliche Instanzen“ (Biedermann, 2005: 10) ab, bspw. Fragen bei der Umwelt- oder Wettbewerbspolitik.
3. Subventions-Lobbying zielt auf die zu eigenen Gunsten positive Beeinflussung der Verteilung von Subventionen und Unterstutzungsprogrammen ab.

Im Hinblick auf die rechtliche Zulassigkeit bzw. Legitimitat gilt die Einflussnahme auf die Kommission und Gesetzgebung durch die Offentlichkeit (Burger der Mitgliedsstaaten), gesetzgebende Korperschaften und Regierungen als offizielle (legitime) Politikform. Als inoffizielle Politikform wird der Einfluss durch aufierparlamentarische Parteien, die nicht in den gesetzgebenden Korperschaften vertreten sind, sowie durch Interest Groups gewertet. Wahrend ersteres noch als wahlwerbend eingestuft werden konne, gelte der Einfluss von Verbanden, die „per definitionem nicht den Einzug in die gesetzgebenden Korperschaften“ (Fischer 2005: 61) anstreben, als vollends illegitim. (Fischer 2005: 56-61)

Bevor ich auf die moglichen Wege der Einflussnahme von Interest Groups auf europaischer Ebene eingehe, mochte ich zuvor klaren, was fur Gruppierungen unter Interest Groups fallen und inwieweit sich diese voneinander unterscheiden.

3 .Das Interessenspektrum: Eine FinRihrung

Grundsatzlich unterscheidet man bei Interest Groups zwischen schwachen und starken Interessen. Schwache Interessen werden als „nichterwerbsbezogene“ (von Winter/ Willems, 2000: 11) bzw. „nicht-wirtschaftliche“ (Beyers/Kerremans, 2005: 129) politisch benachteiligte Interessen bezeichnet, die ,,oft nicht artikuliert (...) nur schwach reprasentiert sind und uber wenige Machtressourcen verfugen“ (Clement et al, 2010: 13). Grundsatzlich werden sie entweder durch die Betroffenen selbst oder durch einen Stellvertreter organisiert und reprasentiert (Clement et al, 2010: 13). Ihr Gegenstuck bilden ,,erwerbsbezogene Interessengruppen“ (von Winter/ Willems, 2000: 10) als starke Interessen aus dem privaten oder offentlichen Sektor (Binderkrantz, 2008: 178/181). Willems und von Winter differenzieren schwache Interessen weiter aus, indem sie zwischen exogenen (Betroffenenorganisation) und endogenen (Public Interest Group) Gruppen unterscheiden.

Typisch fur exogene Gruppen ist, dass ihre Mitglieder ein ,,nicht auf dem Erwerbsstatus beruhende(s) Sozialmerkmal aufweisen“ (2000: 15). Genauer wird zwischen sozial randstandigen Gruppen wie Armen, Arbeitslosen oder Behinderten und demogmfischen Gruppen wie Frauen, Alten oder Jugendlichen unterschieden. Ziel exogener Gruppen ist im Wesentlichen die materielle Wohlfahrsteigerung der eigenen Mitglieder. (von Winter/ Willems, 2000: 14- 16)

Charakteristisch fur endogene Public Interest Groups ist, dass sich ihre Mitglieder aus Eigeninitiative fur ein allgemeines Anliegen (wie Umweltschutz) engagieren, uber ihre Zugehorigkeit somit selbst entscheiden konnen (von Winter/ Willems, 2000: 15). Weiterhin ziehen die Mitglieder aus der Unterstutzung eines allgemeinen Interesses ,,keine selektiven oder materiellen Vorteile“ (Willems. 2000: 66). Allerdings konnen sie immaterielle Vorteile wie die Hebung des Sozialstatus ziehen oder indirekt Profite einstreichen, indem sie bei erfolgreicher Durchsetzung des unterstutzten Anliegens am kollektiven Nutzen teilhaben (von Winter/ Willems, 2000: 16). Da sich oft vermogende Personen fur die Ziele von Public Interest Groups engagieren, sei dessen Ressourcenausstattung enorm hoch, weshalb sie grundsatzlich den starken Interessen zugeordnet werden mussten. Nur sobald es Public Interest Groups an Motivation mangele, seien sie als schwach einzustufen. (2000: 15)

Ein Spezialfall endogener Public Interest Groups sind Gruppen, die sich i.S. eines ,,advokatorische(n) Engagement(s) fur die Interessen anderer“ (Willems, 2000: 61) einsetzen, und zwar fur Randgruppen, die wie o.e. eine Untergruppe exogener Gruppen sind. Die advokatorischen Interessenverfechter ziehen weder direkt Vorteile aus ihrem Engagement fur die ,,Klientel-(...) bzw. Fremdinteressen““ (von Winter/ Willems, 2007: 22), noch haben sie bei erfolgreicher Durchsetzung
des Fremdinteresses teil am gesteigerten Nutzen. Nutzniefier ist ausschliefilich die von den Advokaten stellvertretend verfochtene Randgruppe. Als ,,Reprasentant exogener Gruppen44 (von Winter/ Willems, 2000: 16) ist es far advokatorische Verbande weiterhin typisch, dass die Anzahl der Fordermitglieder die Anzahl der Betroffenen ubersteigt. (von Winter/ Willems, 2000: 16)

Zu unterscheiden ist demnach zwischen endogenen Gruppen, die sich fur ein allgemeines Interesse engagieren und von ihrer Unterstutzung profitieren, und solchen, die sich advokatorisch fur Randgruppen einsetzen und nicht von ihrer Unterstutzung profitieren. Kniffliger wird es, wenn man den Fokus auf die Motivation der Unterstutzer allgemeiner Interessen legt. Es ist durchaus moglich, dass die Unterstutzung von Menschenrechten oder Tierschutz nicht durch die Teilhabe am kollektiven Nutzen, sondern ,,durch das Ziel einer Realisierung ethisch-moralischer Prinzipien motiviert (ist) und insofern auch advokatorischen Charakters sein kann“ (von Winter/ Willems, 2000: 16). Um die Trennlinie klarer herauszustellen und die Uneigennutzigkeit zu betonen, fassen von Winter und Willems alle ethisch-moralisch motivierten Interessenvertretungen mit advokatorischem Charakter unter den Typ moralischer Forderungen zusammen.

3.1. Diffus oder Speziell?

Spezielle Interessen haben einen klar definierten Kreis an Unterstutzern (Beyers, 2002: 589), der sich wegen der ahnlich sozial-okonomischen Situationen der betreffenden Personen leicht identifizieren lasst (Binderkrantz, 2008: 180). Unterstutzer spezieller Interessen sind wegen dieser gemeinsamen Hintergrunde leicht mobilisierbar (Beyers, 2002: 590). Starke (erwerbsbezogene) Interessen zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Mitglieder, die aus ahnlich sozial-okonomischen Situationen stammen, bestimmte ,,corporative resources44 (Binderkrantz, 2008: 178) besitzen. Dies sind Ressourcen, an denen v.a. der offentliche und private Sektor interessiert ist. (Beyers, 2002: 590/Binderkrantz, 2008: 180). Die offiziellen

Gruppenvertreter arbeiten „specifically to obtain benefits for the group they represent44 (Binderkrantz, 2008: 181). Potentielle Mitglieder teilen das spezifisches Interesse, Vorteile oder Nutzen aus der Mitgliedsschaft einer starken Interessengruppe zu ziehen. Diese eigennutzige Motivlage erhoht wiederum die Bereitschaft eines Beitritts, so dass Rekrutierung und Mobilisierung leicht fallen. Starke Interessen lassen sich somit der Gruppe spezieller Interessen zuordnen.

Diffuse Interessen haben keinen klar definierten, sondern diffusen Unterstutzerkreis. Jeder kann Mitglied sein, egal, welcher sozial-okonomischen Situation er entspringt, so dass sich die Identifizierung und Mobilisierung potentieller Mitglieder als schwierig erweist ,,their members share opinions rather than social characteristics44 (Binderkrantz, 2008: 180).

Bei exogenen Gruppen liefie sich wegen der sozialen (Randgruppen) oder soziodemografischen Ubereinstimmungen und der eigennutzigen Motivation zwar ebenso wie bei erwerbsbezogenen Interessen vermuten, dass sich ein klar abgrenzbarer/s Unterstutzerkreis und Interesse identifizieren lassen musste. Doch oft sind die individuellen Anliegen der Mitglieder zu vielfaltig bzw. heterogen und der ,,soziale(n) und kommunikative(n) Zusammenhalt“ (von Winter/ Willems, 2000: 17) innerhalb der Gruppe zu schwach, als dass sich ein homogenes, vereinendes, kollektiv wahrgenommenes Interesse herauskristallisieren konnte. Die Interessenlage ist somit sehr diffus. Das eingeschrankte Interessenbewusstsein wirkt sich wiederum hinderlich auf die Mobilisierung potentieller Mitglieder aus. Solange, wie exogene Gruppen die Hurden der Organisation und Mobilisierung nicht uberwunden haben, waren sie daher diffusen Interessen zuzuordnen. Erst ab diesem Punkt ware es moglich, exogene Gruppen speziellen Interessen zuzuordnen. Generell lasst sich an dieser Stelle aber festhalten, dass es exogenen Gruppen in dem meisten Fallen im Gegensatz zu starken (erwerbsbezogenen) Interessen an mindestens einer Eigenschaft mangelt, die fur ihre Organisations- und Mobilisierungsfahigkeit sowie Artikulations- und Durchsetzungsfahigkeit erforderlich ware, mangelt:

1. Interessenbewusstsein, d.h. das Interesse an einem Kollektivgut bzw. Bewusstsein des Einzelnen, ein bestimmtes subjektives Interesse mit anderen zu teilen (von Winter, 2000: 41f).
2. Motivation, die im Zusammenhang mit Interessenbewusstsein steht. Ein hohes Interessenbewusstsein schafft Gruppenidentitat und steigert die Motivation sich i.S.v. kollektivem Handeln fur ein Kollektivgut einzusetzen (von Winter/ Willems, 2000: 15)
3. (im-)materielle Ressourcenausstattung (von Winter/ Willems, 2000: 14). Zu Ressourcen zahlen neben Zeit, Geld und Wissen auch Unterstutzungsbereitschaft anderer Gruppen oder sozialer Zusammenhalt (von Winter/ Willems, 2000: 17f).

Besonders offensichtlich wird Diffusitat der Mitgliederstruktur bei endogenen Interest Groups. In diesen Gruppen wird ein kollektives Interesse durch eine hohe Anzahl von Menschen vertreten (Pollack, 1997: 572f). Potentielle Mitglieder zu mobilisieren, erweist sich als schwierig, da diese oft aus den verschiedensten Schichten kommen. Die verschiedenen gesellschaftlichen Bezuge sind so komplex, dass sich die Interessenoptionen und Praferenzen des Einzelnen nicht ohne Weiteres bestimmen lassen. Die Interessengemeinde ist daher nicht konzentriert, sondern diffus, woraus folgt, dass die Bedingungen der Mobilisierung erschwert werden. Interest Groups mussten so diffusen Interessen zugeordnet werden. (Beyers, 2002: 589/Pollack, 1997: 589) Von Winter und Willems merken jedoch an, das Diffusitat bei Interest Groups nicht mit Schwache verwechselt werden durfe. Fur die Ziele dieser Gruppen stehen wie o.e. oft vermogende Personen ein, was die

Ressourcenausstattung erheblich verbessere. (2000: 15) Neben speziellen erwebsbezogenen Interessen waren so auch diffuse endogene Interest Groups starken Interessen zuzuordnen.

Auch bei moralischen Forderungen konnen Advokaten verschiedensten Schichten entspringen und das einzig verbindende Element die altruistische Motivation sein, so dass auch sie zu diffusen Interessen gehoren. Literaturbelege lassen sich fur diese Behauptung nicht finden. Bei moralischen Forderungen gibt es keine Tendenz, dass sich wie bei endogenen Interest Groups v.a. vermogende Personen fur ihre Ziele engagieren. Schliefilich profitieren nicht die Unterstutzer, sondern Dritte. Somit sind auch die Mobilisierung und Ressourcenausstattung ungunstiger, so dass die Einordnung zu schwachen Interessen weiterhin logisch ist. Jedoch ist anzumerken, dass auch moralische Forderungen ab einem gewissen Grad ihrer Professionalisierung starken Interessen zugerechnet werden mussen. In diesem Fall wirbt ein ,,professioneller Stab von Aktivisten“ (Willems, 2000: 83) um Unterstutzungsleistungen (regelmafiige Spenden, aber auch Einmalzahlungen). Im Fokus liegen daher Unterstutzer ohne oder geringe Partizipationserwartungen, denen gar nicht erst die Moglichkeit der internen Mitwirkung eroffnet wird. Durch die Zahlungen wird lediglich der Schein der ,,effektiven Einwirkungsmoglichkeit(...)“ (Willems, 2000: 87) erzeugt. Diese undemokratische, eher hierarchische Struktur macht die Organisationsfahigkeit so stark, dass professionell gesteuerte moralische Forderungen den starken Interessen zuzuordnen waren. Doch die Aufrechterhaltung dieser Starke wird durch die Medienabhangigkeit gefahrdet. Potentielle Unterstutzer werden vorwiegend uber Medien angesprochen, die den Erfolg, die Reputation und die „Effektivitat des eigenen Engagements44 (von Winter/Willems, 2007: 35) automatisch an der massenmedialen Prasenz messen. Verminderte Prasenz wurde somit geringere Mobilisierung, dieses wiederum verminderte Zahlungsleistungen bedeuten. (Willems, 2000: 80-87)

4. Tvpologie von Interest Groups

Den ersten Typ meiner Typologie bilden starke Interessen, d.h. zum einen erwebsbezogene Interest Groups, die sich durch ihren speziellen Charakter auszeichnen, der wiederum die Mitgliederrekrutierung und Mobilisierung erleichtert, sodass die Ressourcenausstattung besonders hoch ist. Zum anderen sollen auch endogene Public Interest Groups, deren Mitglieder von den Ertragen ihrer Investition ins Kollektivgut profitieren, trotz ihres diffusen Unterstutzerkreises, als stark gelten. Diesen „Einschluss“ rechtfertige ich mit den von Willems und Winter angefuhrten Argument, dass sich besonders vermogende Personen fur solche Interests Groups und deren Ressourcenausstattung einsetzen (2000: 15).

Den zweiten Typ sollen schwache Interessen, d.h. exogene Interest Groups oder moralische Forderungen bilden. Exogene Interest Groups bezeichnen Betroffenenorganisationen, d.h. sowohl randstandige als auch soziodemografische Gesellschaftsgruppen. Moralische Forderungen bezeichnen ethisch-moralisch motivierte Advokaten, die sich fur exogene Gruppen, speziell Randgruppen, einsetzen, sowie ethisch-moralisch motivierte Mitglieder einer endogenen Interest Group, die sich advokatorisch fur ein allgemeines Interesse einsetzen, von deren Einsatz nicht sie selbst, sondern „Dritte“ profitieren.

4.1. Ubertragung der allgemeinen Typologie auf die europaische Ebene

Wendet man die Typologie auf die von Fischer ausfindig gemachten Verbande an, die auf europaischer Ebene tatig sind und ihren Hauptsitz in Europa haben, kommt man zu folgender Zuordnung:

Unter erwerbsbezogene Interest Groups als starke Interessen fallen auf horizontaler Ebene branchenubergreifende Dachverbande der Industrie, d.h. Arbeitgeber- und Produzentenorganisationen (Beyers/Kerremans, 2005: 129) sowie Arbeitnehmerverbande, da auch sie ein auf Erwerbsstatus beruhendes Sozialmerkmal aufweisen (von Winter, Willems, 2000: 15). Beispiele sind der Bundesverband der Deutschen Industrie, die europaische Vereinigung des Handels (EUROCOMMERCE) oder der Europaische Gewerkschaftsbund (EGB). Ebenso zahlen zu erwerbsbezogenen Interessengruppen branchenspezifische Fachverbande eines bestimmten Sektors (vertikale Ebene) wie der Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken oder die europaische Vereinigung der Kuhlhausunternehmen (AEEF). Branchenspezifische Fachverbande und Dachverbande konnen demnach entweder auf nationaler oder europaischer Ebene angelegt sein. Anzumerken ist, dass eine Mitgliedsschaft eines Branchenverbandes in einem branchenubergreifende Dachverband auf horizontaler Ebene nicht zwingend ist. (Biedermann, 2005: 25/ Teuber, 2001:85ff) Auch einzelne Unternehmen bzw. Firmen konnen eine eigenstandige erwerbsbezogene Interessengruppe verkorpern (Teuber, 2001: 85). Diese seien zwar oft Mitglied in nationalen oder europaischen Wirtschaftsverbanden, unterhielten aber dennoch des ofteren „eine eigene Vertretung“ (Biedermann, 2005: 25) in Form eines standigen Buros in Brussel. Eine Mitgliedsschaft in einem Verband seijedoch von Vorteil und unterschreite die Kosten einer Nicht- Mitgliedsschaft. Uber eine Mitgliedsschaft konnen Informationen uber andere Netzwerke eingeholt werden, Einfluss auf andere Gruppen ausgeubt werden und die Glaubwurdigkeit vor europaischen Institutionen, „welche den Dialog mit kollektiven Interessenvertretungen anstreben“ (Teuber, 2001: 115), erhoht werden (Teuber, 2001: 115f). Sich ausschliefilich auf einen europaischen Verband zu verlassen, sei jedoch von Nachteil, da diese im Gegensatz zu nationalen Verbanden als schwach gelten. Diese Schwache werde v.a. durch ihre heterogene Zusammensetzung sowie die Abhangigkeit von der Expertise nationaler Verbande bedingt. (Teuber, 2001: 114).

Unter schwache Interessen fallen Interessengruppen wie Frauen- (als demografische) oder Migrantenverbande (als randstandige Betroffenenorganisation). (Fischer, 2005: 64ff)

Schwieriger wird die Zuordnung von Umwelt-, Tierschutz- oder Naturschutzverbanden sowie Verbanden, die sich bspw. fur Entwicklung, soziale Wohlfahrt oder Gesundheit einsetzen. Ob sie zu starken Interessengruppen i.S.v. endogenen Public Interest Groups oder zu schwachen Interessengruppen i.S.v. moralischen Forderungen zahlen, hangt davon ab, ob die Mitglieder ethisch-moralisch motiviert sind und sie selbst oder „Dritte“ von ihrem Einsatz profitieren. (Fischer, 2005: 66f) Eine statische Zuordnung ist daher nicht moglich, sondern muss variabel bleiben.

5. Allgemeine Strategien politischer Einflussnahme

Wie in Punkt 3.1 erwahnt, sind die Ausgangsbedienungen starker Interessen hinsichtlich der Organisations- und Mobilisierungsfahigkeit gunstiger als bei schwachen Interessen, denen es oftmals an grundlegenden Voraussetzungen wie Interessenbewusstsein, Motivation und Ressourcenausstattung mangelt. Daraus folgt, dass sich starke und schwache Interessengruppe hinsichtlich ihrer Moglichkeiten der politischen Einflussnahme und Strategiewahl unterscheiden. Bevor ich explizit auf interessenspezifische Einflussmoglichkeiten in der EU eingehe, werde ich vorab allgemeine Strategien vorstellen.

Fur jeden Interessenverband gilt als Grundlage erfolgreicher Lobbyarbeit, dass er vor dem eigentlichen Lobbying die Schritte des Monitoring und der Bewertung vornehmen sollte. Monitoring beinhaltet die genaue und kontinuierliche Beobachtung des fur den Verband relevanten Politikfeldes, um „Trends (...) Chancen und Gefahren“ (Biedermann, 2005: 19) fruhzeitig erkennen zu konnen. Diese Beobachtungen mussen daraufhin bewertet werden, um auf Basis dieser eine Lobby-Strategie zu entwickeln.

Lobby-Strategien gibt es prinzipiell in drei Varianten: Direkt uber Kontaktaufnahme mit den politischen Entscheidungstragern und ihren Mitarbeiterstaben, d.h. mit administrativen und/oder parlamentarischen Akteuren (Binderkrantz, 2008: 176). Biedermann spricht von Inside-Lobbying (2005: 12). Diese Variante wird oft als die klassischste Form begriffen (Wolf, 2005: 85/ Biedermann, 2005: 13/15), da auf Entscheidungstrager direkt durch Dritte eingewirkt wird - bspw. am Verhandlungstisch oder Telefon (2005: 55/107).

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Lobbying in der EU. Zugangschancen von Interessenvertretern in Brüssel. Starke und schwache Interessen im Vergleich.
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Department Sozialwissenschaften Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Die Rolle der nationalen Parlamente in der Europäischen Union
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V268456
ISBN (eBook)
9783656667575
ISBN (Buch)
9783656667568
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Lobbying, EU
Arbeit zitieren
Sarah Hölting (Autor), 2011, Lobbying in der EU. Zugangschancen von Interessenvertretern in Brüssel. Starke und schwache Interessen im Vergleich., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268456

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Lobbying in der EU. Zugangschancen von Interessenvertretern in Brüssel. Starke und schwache Interessen im Vergleich.



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden