Empathie in der Psychotherapie. Neuronale Grundlagen und Implikationen für die Praxis


Bachelorarbeit, 2011

42 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung

1. Zum Stand der Empathieforschung
1.1 Begriffliche Bestimmung der Empathie
1.2 Definitiorische Abgrenzung der Empathie
1.2.1 Empathie und Gefühlsansteckung
1.2.2 Empathie und Nachahmung
1.2.3 Empathie und Sympathie
1.2.4 Empathie, Mitgefühl und Mitleid
1.2.5 Empathie und Theory of Mind
1.2.6 Empathiebegriff in der Psychotherapie
1.3 Neuronale Korrelate der Empathie
1.3.1 Der Kortex und das limbische System
1.3.1 Empathie und die Entdeckung der Spiegelneuronen
1.3.2 Schaltkreisläufe von Empathie und Theory of Mind
1.3.3 Empathie in der Schmerzwahrnehmung
1.3.4 Empathie in der Wahrnehmung von Ekel
1.4 Empathie in der Psychotherapie
1.4.1 Empathie-modulierende Faktoren
1.4.2 Anwendung der Empathie im klinischen Setting
1.4.3 Analyse der spezifischen Effektivität klinischer Empathie
1.4.4 Verbesserung der empathischen Kapazität des Therapeuten

2. Diskussion

Literaturverzeichnis

Selbständigkeitserklärung

Einleitung

Der Begriff „Empathie“ bezeichnet ein komplexes Konstrukt, das bis zu den Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann (Hassenstab, Dziobek, Rogers, Wolf & Convit, 2007). Die heute vorliegenden Definitionsansätze sind heterogen und erscheinen zum Teil unvereinbar. Decety und Lamm (2006) sowie Batson (2009) betonen die Vielfältigkeit und unterschiedliche Differenziertheit der Definitionen, die von der allgemeinen Fähigkeit, sich in die mentalen Schuhe einer andern Person zu begeben bis hin zu einer emotionalen Reaktion, die an einem andern orientiert ist, reichen. Welche Aspekte und Zusammenhänge der Empathie schwerpunktmässig betrachtet werden, hat grossen Einfluss auf die jeweilige Forschungsmethodik.

Die Wichtigkeit des Konstrukts „Empathie“ ergibt sich einmal aus sozialen Gründen: Empathie spielt im zwischenmenschlichen Alltag eine grosse Rolle und ist wesentlich für den Aufbau und den Erhalt von tragenden Beziehungen (Staemmler, 2009). Empathie ist wichtig für die Kreation von affektiven Banden zwischen Mutter und Kind, später auch zwischen Partnern und in grösseren sozialen Gruppen (Singer, 2006). Menschliches Überleben ist abhängig von der Fähigkeit, effektiv in sozialen Kontexten funktionieren zu können. Empathie ist ein Ausgangspunkt für die Motivation zu kooperativem und prosozialem Verhalten und verhilft zu einer effektiven sozialen Kommunikation. Menschen helfen anderen Menschen eher, wenn sie berichten, dass sie sich in sie eingefühlt hätten. Ausserdem zeigen Individuen mit Empathiedefiziten häufiger aggressives antisoziales Verhalten (Singer, 2006). Nur durch die Fähigkeit zur Empathie sind Moral und prosoziales Verhalten überhaupt möglich (de Vignemont & Singer, 2006).

Gleichzeitig zeigt sich die Wichtigkeit des Konstrukts Empathie aus erkenntnistheoretischen Gründen: Das Wissen über emotionale Zustände anderer Menschen kann wichtige Hinweise geben, um deren Intentionen und Handlungen akkurat voraussagen zu können. Sich in die „Schuhe eines andern zu versetzen“ erfordert den Prozess, die Gefühle des andern zu teilen und Rückschlüsse auf den mentalen Zustand des andern vorzunehmen (Hein & Singer, 2008). So stellt Empathie Informationen über den inneren Zustand anderer Menschen zur Verfügung, die uns helfen, ihre zukünftigen Handlungen vorauszusagen. Die Genauigkeit der Vorhersage zukünftiger Handlung der beobachteten Person hängt jedoch von der Ähnlichkeit zwischen den eigenen Erfahrungen und der der andern Person ab (Decety & Jackson, 2004). Ausserdem stellt uns die Empathie Wissen über wichtige Umweltbedingungen zur Verfügung. Sieht man beispielsweise, wie sich jemand an einer Maschine verbrennt und kann seinen Schmerz nachfühlen, wird man vorsichtig im Umgang mit ähnlichen Gefahren (Keysers & Gazzola, 2006).

Somit steht die Empathieforschung vor der grossen Herausforderung, welche Aspekte der Empathie nun zu untersuchen sind. In Bezug auf die Psychotherapie sind die soziale Rolle der Empathie, vor allem die effektive soziale Kommunikation, sowie Aufbau und Erhalt von tragenden Beziehungen wesentlich (Staemmler, 2009). Gleichzeitig ist die epistemologische Rolle der Empathie im Psychotherapieprozess wichtig: Nur durch das Einfühlen in ihre Klienten sind Psychotherapeuten in der Lage, die Bedeutung der Empfindungen für andere Menschen abschätzen und ihre Motivationen verstehen zu können (de Vignemont & Singer, 2006).

Empathie ist nicht nur ein komplexes, sondern auch mehrstufiges Konzept, welches Prozesse des Affektteilens, die Attribution über den mentalen Zustand, eine Aktionskontrolle und eine Aktionsaktivierung beinhaltet (Singer, 2006). Die Komplexität hat auch Implikationen für die Vielfalt in der Empathieforschung. Gegenwärtig stehen vor allem die Untersuchungen zweier Fragen im Zentrum (Batson, 2009): Wie kann man wissen, was eine andere Person fühlt (und denkt)? Warum kann eine Person mit Sensibilität reagieren und mit andern mitleiden? Manche Forscher sind der Meinung, dass diese beiden Fragen miteinander in Beziehung stehen, während andere sich mehr auf eine der beiden Fragen konzentrieren (Batson, 2009).

In der Empathieforschung in Bezug auf die Psychotherapie sind sicherlich beide Fragen von grosser Bedeutung. Da Empathie eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen des therapeutischen Prozesses darstellt, ist es wichtig zu verstehen, warum man wissen kann, was eine andere Person fühlt und denkt. Neurologische Untersuchungen mit Hilfe bildgebender Verfahren, wie die funktionale Magnetresonanztomografie (fMRT), bieten neue Möglichkeiten zu ergründen, was sich im Gehirn abspielt, wenn wir uns in andere Menschen einfühlen. Ein weiterer wesentlicher Aspekt in der Psychotherapie ist das empathische Verstehen durch den Therapeuten und die Rückmeldung des Verstandenen an den Klienten. Dadurch wird beim Klienten ein Prozess in Gang gesetzt, der ihm verhilft, seine Erfahrungen und sich selbst immer besser zu verstehen, da er seine Aufmerksamkeit auf diese Weise gezielt seinen Gedanken, Empfindungen und Absichten zuwenden kann (Lux, 2007).

Eine wichtige Rolle in der zukünftigen Forschung spielt sicherlich die Untersuchung der neuronalen Plastizität der sozialen Emotionen wie der Empathie. Die Untersuchung neuronaler Korrelate der Empathie ist massgeblich für die Erforschung der Abläufe im Gehirn während des Einfühlens. Ausserdem kann sie Aufschluss geben über modulierende Faktoren der Empathie sowie über Zusammenhänge zwischen Empathie und anderen psychischen Abläufen. Eine wichtige Erkenntnis aus vergangenen Studien mit bildgebenden Verfahren ist beispielsweise der Zusammenhang der Wahrnehmung der eigenen Gefühle und der Fähigkeit zur Empathie. Nur wer seine eigenen Gefühle korrekt wahrnehmen und beurteilen kann, kann sich auch in andere Menschen einfühlen (Singer et al., 2006).

Falls Empathie nicht nur ein angeborenes Personenmerkmal ist, sollte es möglich sein, Empathie zu trainieren. Ein solches Training könnte für die Konfliktlösung im Alltag, sowie für die Praxis von Psychotherapeuten ein wesentliches Ziel sein. So sollen folgende Hypothesen untersucht werden: Empathie lässt sich nicht nur definitorisch, sondern auch durch die Untersuchung neuronaler Korrelate klar von ähnlichen psychischen Phänomenen, wie Gefühlsansteckung, Mitleid und der kognitiven Perspektivenübernahme (Theory of mind, ToM) abgrenzen. Ausserdem sollte Empathie trainierbar sein, wobei es in erster Linie darum geht, die introzeptive Wahrnehmung und somit auch die Empathiefähigkeit zu verbessern. Daraus ergeben sich wichtige Implikationen für die Ausbildung zum Psychotherapeuten sowie für die psychotherapeutische Praxis.

1. Zum Stand der Empathieforschung

1.1 Begriffliche Bestimmung der Empathie

Der Begriff Empathie stammt vom deutschen Wort „Einfühlung“ ab, welches den Prozess meint, in dem Beobachter bestrebt sind, sich selbst in eine beobachtete Person hineinzuversetzen (Titchener, 1909, zit. nach Hassenstab et al., 2007). Stein (1916, zit. nach Staemmler, 2009) definierte Empathie als das Erleben und Erfassen fremder Bewusstseinsinhalte. Diese Definition bezeichnet Empathie als einen Mechanismus der sozialen Kognition, der alle Leistungen umfasst, um die psychische Verfassung anderer zu verstehen.

Wie schon in der Einleitung angedeutet, besteht unter den Psychologen kein Konsens über die Empathie-Definition. So zeigt sich Empathie in den verschiedenen Forschungsfeldern der Psychologie als abstraktes, vielschichtiges Phänomen. Die Entwicklungspsychologie befasst sich damit, wie Empathie im Rahmen von Entwicklungsprozessen entsteht, die Sozialpsychologie untersucht beispielsweise den Zusammenhang zwischen Empathie und Altruismus, in der Psychotherapie wird der Frage nachgegangen, welche Rolle Empathie im therapeutischen Prozess spielt (Staemmler, 2009). Daher existieren verschiedene Empathietheorien und Modelle nebeneinander, die sich teilweise miteinander verbinden lassen, teilweise im Widerspruch zueinander stehen (Neumann et al., 2009).

Eine gewisse Einigkeit über Empathie in den verschiedenen Forschungsrichtungen besteht allein darin, dass Empathie sowohl affektive wie auch kognitive Komponenten beinhaltet. Bischof-Köhler (2001) geht davon aus, dass Empathie jenen Prozess meint, bei dem ein Beobachter an einem Gefühl einer andern Person teilhat und dadurch versteht, was diese andere Person beabsichtigt. Die empathische Reaktion kann dabei durch das Ausdrucksverhalten einer andern Person wie auch durch die Situation, in der sie sich befindet, ausgelöst werden. Auch Pfeifer und Dapretto (2009) unterscheiden affektive und kognitive Komponenten der Empathie. Affektive Komponenten können als eine Art von geteiltem Fühlen oder emotionale Resonanz verstanden werden, welche bewusst oder unbewusst sein kann. Zu den kognitiven Komponenten der Empathie gehören explizites Schlussfolgern über den emotionalen Zustand des andern, wie auch eine Aufrechterhaltung der Distinktion zwischen sich selbst und dem Anderen.

Um Empathie neurowissenschaftlich zu untersuchen, ist es notwendig, sie von ähnlichen Konstrukten der sozialen Kognition abzugrenzen. Sinnvoll ist es zudem, eine Definition zu finden, die sich auch auf die psychotherapeutische Empathie übertragen lässt, damit die Ergebnisse der neuronalen Forschung auf die psychotherapeutische Praxis übertragen werden können. Verschiedene Abgrenzungs- wie auch Integrationsversuche mit ähnlichen Konstrukten wurden in den letzten Jahrzehnten unternommen, wobei die Differenzierungen relativ unterschiedlich vorgenommen wurden.

1.2 Definitorische Abgrenzung der Empathie

Die Phänomene der sozialen Kognition sind vielschichtig und werden in der Literatur praktisch synonym verwendet. So kritisiert beispielsweise Batson (2009), dass Empathie, Sympathie und Mitleid in der Forschung oft nicht unterschieden werden. Viele Autoren setzen das mentale Hineinversetzen in andere Personen, die sogenannte Theory of Mind (ToM), mit Empathie gleich und fassen beide Konstrukte unter „Hineinversetzen in einen andern“ zusammen (Staemmler, 2009).

De Vignemont und Singer (2006) achten auf eine differenzierte Abgrenzung der Konstrukte und legen vier Bedingungen fest, damit von Empathie die Rede sein kann: 1. Man befindet sich in einem affektiven Zustand. 2. Dieser Zustand ist gleicher Art wie der affektive Zustand der andern Person. 3. Der Zustand wurde durch Beobachtung oder Vorstellung des affektiven Zustands der andern Person hervorgerufen. 4. Man weiss, dass die andere Person die Quelle des eigenen affektiven Zustands darstellt. Dieses vierte Kriterium zeigt, dass Empathie neben den affektiven auch kognitive Elemente aufweist. Dennoch betonen Lamm und Singer (2010), dass Gefühlsansteckung, Imitation, Sympathie und Mitleid in einem engen Zusammenhang stehen: In vielen Fällen gehen Imitation und Gefühlsansteckung der Empathie voraus. Empathie kann wieder in Sympathie und Mitleid münden, was prosoziales Verhalten auslösen kann.

1.2.1 Empathie und Gefühlsansteckung

Obwohl Empathie in erster Linie eine emotionale Reaktion ist, darf sie nicht mit der Gefühlsansteckung gleichgesetzt werden. Auch bei der Gefühlsansteckung wird der Beobachter vom Gefühl einer andern Person ergriffen. Er ist sich aber nicht bewusst, dass die mitempfundene Emotion ihren Ursprung in der andern Person hat (Singer, 2006). Somit ist das vierte Kriterium der Empathie nach de Vignemont und Singer (2006) nicht erfüllt. Auch Preston und de Waal (2002) betonen, dass der interne Zustand des Beobachters bei der Gefühlsansteckung automatisch dem der andern Person angepasst wird. Es gibt keine Ich-Andere Unterscheidung mehr. So fangen z.B. Babys an zu weinen, wenn sie andere Babys weinen hören, lange bevor sie einen Sinn für das Selbst entwickelt haben (Singer & Lamm, 2009).

1.2.2 Empathie und Nachahmung

Nachahmung oder Imitation (mimicry) bezeichnet die Tendenz, automatisch affektive Ausdrücke, Stimmgebung, Haltungen und Bewegungen einer andern Person zu synchronisieren (Singer & Lamm, 2009). Gemäss dem Perzeptions-Aktionsmodell der Empathie nach Preston und de Waal (2002) sind Empathie und Nachahmung stark miteinander verlinkt. Das Modell sieht Empathie als Prozess, bei dem die Wahrnehmung eines individuellen Zustandes einer Person zur mentalen Aktivierung dieses Zustandes und der Situation im Beobachter führt, was sich in affektiven, kognitiven und verhaltensmässigen Reaktionen äussern kann. Imitation ist hier im Wesentlichen die Brücke, die zur Empathie führt. Die Entwicklungsforschung zeigte, dass Menschen für die Imitation der Artgenossen programmiert sind (Meltzoff & Decety, 2003). Ausserdem konnten Dapretto et al. (2005) zeigen, dass zwischen Empathie und der Tendenz zur Imitation eine positive Korrelation besteht. Maurer und Tindall (1983) untersuchten den Effekt von Nachahmung auf die wahrgenommene Empathie bei Psychotherapeuten. Wenn die Therapeuten das nonverbale Verhalten der Klienten imitieren, werden sie von den Klienten als empathischer wahrgenommen. Die Autoren betonen allerdings, dass es sich hierbei um unauffällige Nachahmung handelt. Wenn ein Klient jedoch bewusst wahrnimmt, dass sein Verhalten nachgeahmt wird, kann dies zu Unwohlsein führen.

1.2.3 Empathie und Sympathie

Mit Sympathie ist nicht nur Einfühlung, sondern auch positive Zuneigung gemeint. Es handelt sich um eine emotional positiv gefärbte Einstellung, die jedoch nicht unbedingt ein empathisches Engagement erfordert (Staemmler, 2009). Decety und Lamm (2009) sind der Ansicht, dass die Erfahrung von Empathie schliesslich zu Sympathie führen kann, d.h. zu einem Interesse füreinander, das auf der Auffassung oder dem Verständnis der emotionalen Befindlichkeit oder dem Ergehen des andern basiert. Decety und Jackson (2004) betonen, dass man sich bei der Erfahrung von Empathie vom anderen abgrenzen kann, während die Erfahrung der Sympathie zur Schwierigkeit führt, einen Sinn dafür aufrechtzuerhalten, welche Gefühle zu welcher Person gehören.

1.2.4 Empathie, Mitgefühl und Mitleid

Staemmler (2009) unterscheidet zwei Arten von Mitgefühl. Die eine Art bezieht sich auf eine bestimmte Person oder eine Personengruppe, die leidet. Sie wird in der Literatur oft auch als empathische Sorge (empathic concern) bezeichnet und hängt mit Empathie zusammen, da sie auf der Vorstellung dessen aufbaut, was die andern Personen fühlen (Batson, 2009). Die andere Art von Mitgefühl, die meist auch als Mitleid bezeichnet wird, geht neben einem Gefühl des Wohlwollens auch mit der klaren Bereitschaft einher, sich für das Wohl anderer einzusetzen. Es ist jedoch so, dass man beim Mitleid das Leiden der andern nicht unbedingt selbst fühlt. Damit ist die zweite Bedingung der Empathie nach De Vignemont und Singer (2006) nicht erfüllt. Ziel der Empathie ist es, die andere Person zu verstehen. Das Ziel des Mitgefühls liegt jedoch im Wohlbefinden oder zumindest in der Besserung des Zustands des andern (Wispé, 1986).

1.2.5 Empathie und Theory of Mind

Die Fähigkeit, mentale und emotionale Zustände anderer Menschen und seine eigene Befindlichkeit zu verstehen, ist wichtig für jegliche soziale Interaktion. Da diese Fähigkeiten sehr komplex sind, wurden in der Neurowissenschaft, der Entwicklungspsychologie und in der Medizin Versuche unternommen, die verschiedenen Aspekte der Fähigkeit, sich in einen andern Menschen hineinzuversetzen, genauer zu beleuchten. Die beiden Hauptkonzepte sind die Theory of Mind (ToM), auch Mentalisieren oder kognitive Perspektivenübernahme genannt, und die Empathie. Die ToM ist die Fähigkeit, intentionale mentale Zustände bei andern Personen zu erfassen, d.h. andern Wünsche, Absichten, Ideen usw. zuzuschreiben, die sich von den eigenen unterscheiden. Bis heute wird in Forschungskreisen darüber diskutiert, ob die ToM ausschliesslich das Zuschreiben von intentionalen Zuständen umfasst oder ob das Zuschreiben von Gefühlen auch zu den ToM Fähigkeiten gehört (Singer, 2006).

Einige Autoren versuchen, Empathie und ToM zu verbinden: Sie gehen davon aus, dass die mentale Vorstellung der Perspektive des andern der machtvollste Weg ist, sich in die Situation und den emotionalen Zustand der andern Person zu versetzen (Decety & Lamm, 2009). Andere Autoren fassen ToM und Einfühlung zum Konstrukt Empathie zusammen, wobei sie die Einfühlung als „affektive Empathie“ und die ToM als „kognitive Empathie“ bezeichnen (Blair, 2005).

Auch in der Neurowissenschaft wird eine Abgrenzung von Empathie und ToM untersucht. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass die beiden Repräsentationsfähigkeiten ToM und Empathie auf unterschiedlichen, jedoch überlappenden neuronalen Netzwerken beruhen (Völlm et al., 2005).

Die Unterscheidung zwischen der kognitiven Perspektivenübernahme und der Empathie wird ebenfalls unterstützt durch die Untersuchung von Patienten mit sozialen Defiziten wie Autismus, Psychopathie und Alexithymie. Patienten mit einer autistischen Spektrumstörung zeigen ein Defizit in der ToM, während Psychopathen keine solche Beeinträchtigung zeigen. Psychopathen sind jedoch nicht zur Empathie fähig, was ihnen das charakteristische manipulative Verhalten ermöglicht (Hein & Singer, 2008). Menschen mit Alexithymie können ihre eigenen Emotionen nicht identifizieren, differenzieren und artikulieren. Ausserdem zeigen sie keine Empathie, was darauf schliessen lässt, dass die eigene Gefühlswahrnehmung und die anderer Personen in einem engen Zusammenhang stehen (Ogrodniczuk, Piper & Joyce, in press.).

1.2.6 Empathiebegriff in der Psychotherapie

Auch in der Psychotherapie besteht kein Konsens über die Definition von Empathie. Oftmals werden Empathie, Sympathie und Mitgefühl nicht klar abgetrennt (Bohart, Elliott, Greenberg & Watson, 2002). Neben den affektiven Komponenten, d.h. dem Fühlen der Gefühle der andern Person, werden vor allem auch die kognitiven Komponenten betont, wie das Verstehen des Bezugsrahmens des Klienten und der Art und Weise, wie er die Welt erlebt. Somit wird Empathie meist in Verbindung mit der Perspektivenübernahme berücksichtigt (Bohart et al., 2002).

Die Wichtigkeit der Empathie in der Psychotherapie wird vor allem in der personenzentrierten Psychotherapie, insbesondere bei Carl Rogers, thematisiert. Für Rogers war die empathische Bezogenheit des Therapeuten auf den Klienten neben der Kongruenz und Akzeptanz eine der drei notwendigen und hinreichenden Bedingungen für jeden Therapieerfolg, die der Therapeut beizutragen hat. Selbst Rogers revidierte sein Empathieverständnis mehrfach (Staemmler, 2009). Hauptsächlich ist für Rogers wichtig, dass man als empathischer Therapeut das Bezugssystem des Klienten übernimmt, d.h. dass man die Welt so betrachtet, wie der Klient sie sieht. Jedoch wird dabei immer eine „als ob“-Position beibehalten (Rogers, 1989). Man empfindet somit Gefühle wie Schmerz und Freude mit dem Patienten, so wie er sie selbst empfindet. Der Therapeut muss sich aber bewusst bleiben, dass die Gedanken und Gefühle des Klienten nicht die eigenen sind, er nimmt sie nur so wahr, „als ob“ sie ihn selbst beträfen. Ein wesentlicher Aspekt in der Psychotherapie ist für Rogers die Kommunikation der Empathie: Das einfühlende Verstehen wird dem Klienten mitgeteilt (Rogers, 1989).

Davis (2009) betont ebenfalls die Wichtigkeit der Kommunikation im therapeutischen Prozess. Er geht von einem deskriptiven Modell der klinischen Empathie aus und betont, dass die therapeutische Empathie eine affektive, moralische, kognitive wie auch verhaltensmässige Dimension aufweisen muss. Einerseits ist es für den Therapeuten wichtig, dass er die Gefühle der Patienten affektiv teilen kann. Gleichzeitig muss der Therapeut moralisch motiviert sein, das Gute für den Klienten zu erstreben. Auch die kognitive Dimension der klaren Identifikation und des Verständnisses der Gefühle des Klienten sind massgeblich. Eine besondere Stellung im klinischen Setting hat schliesslich die Fähigkeit des Therapeuten, das Verständnis der Emotionen effektiv kommunizieren zu können.

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Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Empathie in der Psychotherapie. Neuronale Grundlagen und Implikationen für die Praxis
Hochschule
Universität Bern
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
42
Katalognummer
V268477
ISBN (eBook)
9783656591122
ISBN (Buch)
9783656591191
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Entspricht der Note 6.0 (Schweiz)
Schlagworte
empathie, psychotherapeuten, neuronale, korrelate, implikationen, praxis
Arbeit zitieren
M Sc Katja Margelisch (Autor:in), 2011, Empathie in der Psychotherapie. Neuronale Grundlagen und Implikationen für die Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268477

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