Familiale Gewalt gegen Kinder

Haben Misshandlungserfahrungen im frühkindlichen Alter Auswirkungen auf spätere Delinquenz? Eine Darstellung anhand Fritz Redls und David Winemans „Kinder, die hassen“.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 12


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsklärung und Erscheinungsformen von familialer Gewalt gegen   Kinder
2.1. Aktive Gewaltanwendung
2.1.1. Physische Misshandlung
2.2. Passive Gewaltanwendung
2.2.1. Psychische Misshandlung
2.2.2. Vernachlässigung

3. Die Bindungstheorie
3.1. Bindungsmuster als intergenerationelle Weitergabe
3.2. Einfluss früherer Bindungsmuster auf die weitere Entwicklung

4. Von Risikofaktoren für Gewalt zur Delinquenz

5. Fallbeispiel: Danny aus dem Pioneer House

6. Fazi

7. Anhang
7.1. Literaturverzeichnis
7.2. Erklärung zum selbstständigen Verfassen
7.3. Teilleistungsschein

1. Einleitung

„Was am Anfang passiert, beeinflusst unauslöschlich alles, was folgt.“[1] Aus der einschlägigen Literatur geht hervor, dass Gewalt gegen Kinder weniger als Phänomen der postmodernen Gesellschaft zu bezeichnen ist, sondern eher als eines, das schon immer existiert hat, vor Jahrhunderten durchaus als Erziehungsmittel anerkannt war[2], heute durch die allgegenwärtige Medienpräsenz verstärkt diskutiert wird und nichts an Aktualität verloren hat. Kindesmissbrauch bzw. Kindesmisshandlung muss im Wandel der Zeit gesehen werden, in dem sich Werte und Normen der Gesellschaft und somit auch Formen, Auswirkungen und Wertung familiärer Gewalt verändert haben[3]. Besonders die Auswirkungen auf die spätere Entwicklung von misshandelten Kindern scheinen von besonderem Interesse zu sein, da „was dem Kind (…) angetan wird, unweigerlich auf die Gesellschaft zurückschlägt“[4] – und zwar laut A. Miller in Form von Sucht, Gewalt und Kriminalität. Diesem Verhalten werde in der Gesellschaft mit Ablehnung begegnet, welche wiederum negative Auswirkungen auf den Umgang mit diesen Kindern impliziert und ihnen dadurch Chancen zur Integration verwehrt. Ein weiterer Kreislauf, der sich im Kontext häuslicher Gewalt zu ergeben scheint, ist durch die Lerntheorien begründet. Nach diesen wird „sozial auffälliges Verhalten (…) gelernt wie jedes andere Verhalten auch“[5]. Auf diese Weise können Verhaltensmuster von Generation zu Generation fortgesetzt werden. Zwar werden nicht direkt delinquente Verhaltensweisen, sondern grundlegende Gefühle wie Empathiefähigkeit erlernt, die bei Nichtausbildung später unter Umständen zu Delinquenz und erhöhter Gewaltbereitschaft führen können.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, anhand der einschlägigen Sekundärliteratur herauszuarbeiten, welche Auswirkungen familiale Gewalt gegen Kinder auf die Entwicklung ihrer Opfer hat, ob negative frühkindliche Erfahrungen zur Ausbildung eines delinquenten Ichs beitragen und welche Risikofaktoren hierbei von zentraler Bedeutung für die Entstehung von Delinquenz sind.

Hierzu soll im zweiten Teil auf die verschiedenen Formen von familialer Gewalt gegen Kinder eingegangen werden, um einen Überblick über Umfang und Formen dieses Phänomens zu bekommen. Im dritten Teil soll im Hinblick auf eine zentrale Aussage der Protektionsforschung eingegangen werden, in der die „Existenz einer positiven Beziehung zu mindestens einem Elternteil (…) ein erstrangiger Schutzfaktor für die weitere Entwicklung“[6] darstellt. An dieser Stelle wird die Bindungstheorie vorgestellt, welche für die spätere Selbstkontrolle und Beziehungen zu anderen Menschen bedeutsam ist und als wichtigster Indikator für die Mutter-Kind-Beziehung gilt[7]. Hierbei soll neben der Darstellung der verschiedenen Bindungstypen nach Ainsworth auch auf die Entstehung von Bindungsqualitäten und ihre häufige intergenerationale Weitergabe eingegangen werden. Der Fokus liegt in diesem Kapitel stets auf der unsicheren Bindung, da diese für die Arbeit von besonderem Interesse ist. Teil vier beschäftigt sich mit den Kindern, die in den ersten Lebensjahren eine „gewisse Normalität von Gewalt erlernt“[8] haben. Nach einer Eingrenzung des Begriffs der Delinquenz für diese Arbeit soll die Frage, warum sich erlebte Gewalt in ausführende Gewalt umwandelt, thematisiert werden. Da eine ausführliche Diskussion an dieser Stellt den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, wird nur auf zwei mögliche Konzepte verwiesen. Anhand des Fallbeispiels von Danny aus dem Pioneer House, sollen im fünften Teil die erarbeiteten Ergebnisse veranschaulicht und in Kapitel sechs zu einem Fazit zusammengeführt werden.

2. Begriffsklärung und Erscheinungsformen von familialer Gewalt gegen Kinder

„Es gibt keinen einheitlichen Gewaltbegriff.“[9] Die verschiedenen Definitionen in Literatur und Lexika nehmen jeweils unterschiedliche Schwerpunkte in ihren Beschreibungen vor, meinen im Kern jedoch meist das Gleiche. Als Ziel von Gewalt wird eine psychische oder physische Verletzung der Unversehrtheit einer Person definiert, um Macht durchzusetzen.[10] Um für diese Arbeit einen Rahmen des Gewaltbegriffs festzulegen, soll an dieser Stelle familiale Gewalt gegen Kinder als Teilgebiet der Gewalt erläutert werden. Diese bezieht sich auf die psychische und / oder physische Schädigung, die Eltern ihren Kindern im oben beschriebenen Sinne zufügen.[11] Des Weiteren ist festzuhalten, dass das Wort Kindesmisshandlungen in dieser Arbeit dann Anwendung findet, wenn bewusste oder unbewusste Schädigung des Kindes thematisiert wird. Diese Schädigungen können in zwei Kategorien unterteilt werden, die im Folgenden erörtert werden. Bei dieser Unterteilung sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die Übergänge von der aktiven zur passiven Gewaltanwendung fließend und nicht immer eindeutig voneinander getrennt zu betrachten sind.

2.1. Aktive Gewaltanwendung

Unter aktiver Gewaltanwendung wird in der Fachliteratur sowohl die physische Misshandlung als auch der sexuelle Missbrauch verstanden. Da letztere eine spezielle Form von Gewalt gegen Kinder ist, deren genauere Darstellung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, soll an dieser Stelle nur auf die physische Misshandlung eingegangen werden.

2.1.1. Physische Misshandlung

Physische Misshandlung wird in der Literatur häufig bezüglich ihrer Schwere unterschieden.[12] So werden Schläge auf den Hinterkopf, auf die Finger hauen etc. häufig noch als Erziehungsmethoden anerkannt und „gesellschaftlich toleriert“[13], schwerere Formen wie Schlagen mit der Faust, Kopf gegen die Wand schlagen oder mit Zigaretten verbrennen hingegegen weit weniger. Bei diesen schweren Formen von körperlicher Gewalt handelt es sich um eine relativ eindeutige im Bezug auf sichtbare Folgen wie beispielsweise blaue Flecken, Abschürfungen, oder ähnliches.

2.2. Passive Gewaltanwendung

Anders verhält es sich bei der passiven Anwendung von Gewalt. Hierzu zählen die psychische Misshandlung und die Vernachlässigung. Erste wird in leichterer Form nicht selten als „Alternative zu gewaltförmigen Praktiken“[14] gesehen, ohne sich der negativen Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes bewusst zu sein.

2.2.1. Psychische Misshandlung

Diese Form der Gewalt ist schwerer als solche zu identifizieren als die körperliche, da es nur selten äußere Anzeichen gibt. Dies mag ein Grund dafür sein, dass dieser Bereich bisher „völlig unzureichend erforscht“[15] wurde. Dennoch werden die Narben, die sie hinterlässt, von vielen Betroffenen als „gravierender und nachhaltiger“[16] empfunden als jene, die durch physische Übergriffe entstehen. „Die Mißhandlungsformen sind so vielgestaltig, wie die Phantasie des Mißhandlers sie hervorbringen kann.“[17] Diese Phantasie reicht von Drohungen gegen Kinder, Liebesentzug, verletzenden verbalen Äußerungen über Einsperren und sozialer Isolation bis hin zu Nötigungen und Androhungen Dritte zu verletzen, um das Kind unter Druck zu setzen.[18] Auch hier sind die Grenzen zwischen akzeptiertem Erziehungsverhalten und psychischer Gewalt fließend.

[...]


[1] Allan N. Schore, zit. in Anders-Hoepgen, E.-J. (2006). Möglichkeiten der Frühprävention. Zusammenhänge zwischen pränatalen, perinatalen und frühkindlichen Erfahrungen und späterer Gewalttätigkeit. Marburg: Tectum Verlag. S. 1.

[2] Vgl. dazu Rutschky, K. (2001). Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. München: Ullstein. S. 42ff und Lamnek, S., Lüdke, J., & Ottermann, R. (2006). Tatort Familie: Häusliche Gewalt im gesellschaftlichen Kontext (2., erw. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften . S. 137f.

[3] Lamnek, S., & Ottermann, R. (2004). Tatort Familie: Häusliche Gewalt im gesellschaftlichen Kontext. Opladen: Leske + Budrich. S. 20.

[4] Miller, A. (1983). Am Anfang war Erziehung. Frankfurt am Main: Surkamp. S. 9.

[5] Anders-Hoepgen, 2006. S. 7.

[6] Dornes, M. (2007). Die emotionale Welt des Kindes. Geist und Psyche (5. Aufl.). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag. S: 107.

[7] Der Vater spielte zu Beginn der Bindungstheorie Ende der 1950er Jahre keine Rolle, da er eine eher randständige Figur im Leben des Kindes darstellte. Erst jetzt wird seine Rolle im Bezug auf die Bindung näher erforscht; sein Beitrag wird jedoch eher als „additiv zu dem der Mutter“ (Dornes, Die emotionale Welt des Kindes. Geist und Psyche, 2007. S. 318.) gedacht und deshalb in dieser Arbeit nicht genauer beleuchtet.

[8] Anders-Hoepgen, 2006. S. 9.

[9] Lamnek, Lüdke, & Ottermann, Tatort Familie: Häusliche Gewalt im gesellschaftlichen Kontext, 2006. S. 11.

[10] Vgl. dazu Lamnek & Ottermann, Tatort Familie: Häusliche Gewalt im gesellschaftlichen Kontext, 2004. S. 12.

[11] An dieser Stelle sei gesagt, dass nicht nur direkte Gewalt gegen Kinder, sondern auch indirekt erlebte Gewalt z.B. zwischen den Eltern auf die Entwicklung der Kinder Einfluss nehmen kann. (Vgl. dazu Lamnek, Lüdke, & Ottermann, Tatort Familie: Häusliche Gewalt im gesellschaftlichen Kontext, 2006. S. 117f.) Aus Platzgründen kann auf diese Gewaltkonstellation jedoch nicht weiter eingegangen werden.

[12] Vgl. dazu Bujok-Hohenauer, E. (1987). Gewalt gegen Kinder: Zum Stand von Forschung und Praxis. In M.-S. Honig, Kindesmißhandlung: Gewalt gegen Kinder als öffentliches Thema (S. 13-52). München: Juventa. S. 19.

[13] Lamnek & Ottermann, Tatort Familie: Häusliche Gewalt im gesellschaftlichen Kontext, 2004. S. 94.

[14] Ebd. S. 116.

[15] Sommer, B. (2002). Psychische Gewalt gegen Kinder. Sozialwissenschaftliche Grundlagen und Perspektiven. Marburg: Tectum Verlag. S. 119.

[16] Lamnek & Ottermann, Tatort Familie: Häusliche Gewalt im gesellschaftlichen Kontext, 2004. S. 95.

[17] Trube-Becker, E. (1982). Gewalt gegen das Kind. Vernachlässigung, Mißhandlung, sexueller Mißbrauch und Tötung von Kindern. Heidelberg: Kriminalistik-Verlag. S. 20.

[18] Lamnek & Ottermann, Tatort Familie: Häusliche Gewalt im gesellschaftlichen Kontext, 2004. S. 95.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Familiale Gewalt gegen Kinder
Untertitel
Haben Misshandlungserfahrungen im frühkindlichen Alter Auswirkungen auf spätere Delinquenz? Eine Darstellung anhand Fritz Redls und David Winemans „Kinder, die hassen“.
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
12
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V268533
ISBN (eBook)
9783656596011
ISBN (Buch)
9783656595878
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
familiale, gewalt, kinder, haben, misshandlungserfahrungen, alter, auswirkungen, delinquenz, eine, darstellung, fritz, redls, david, winemans
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Kathrin Mütze (Autor), 2009, Familiale Gewalt gegen Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268533

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