Sexuellen Missbrauch von Kindern erkennen und helfen

Wie kann der Psychodynamik des Opfers in der Beratung begegnet werden und was ist im Umgang mit Betroffenen zu beachten?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsklärung: Sexueller Missbrauch

3. Die Psychodynamik des Opfers
3.1. Schuld- und Schamgefühle
3.2. Sprachlosigkeit und Ohnmacht
3.3. Zweifel an der eigenen Wahrnehmung und Angst
3.4. Identifikation mit dem Aggressor und Spaltung

4. Mögliche Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch
4.1. Auffälligkeiten im Verhalten
4.2. Psychosomatische Anzeichen
4.3. Körperliche Spuren

5. Leitlinien und Anforderungen in der Beratung bei sexuellem Missbrauch
5.1. Leitlinien in der Arbeit mit betroffenen Mädchen und Jungen nach Ursula Enders
5.2. Aus der Beratungssituation resultierende Grenzen und Belastungen

6. Fazit

7. Anhang
7.1. Literaturverzeichnis
7.2. Internetquellen

1. Einleitung

In einem Seminar zum Thema „Sexueller Missbrauch“ im vergangenen Semester wurde auf eine Untersuchung von Dirk Bange aus dem Jahr 1992 Bezug genommen, in der er zu dem erschreckendem Ergebnis kam, dass in Deutschland etwa jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder zwölfte Junge sexuelle Gewalterfahrungen macht[1], wobei die Täter/ Täterinnen in zweidrittel der Fälle aus dem Lebensumfeld, dem sozialen Nahbereich der Opfer kommen.[2] Die Wahrscheinlichkeit, als Fachkraft im sozialen Bereich mit dieser Thematik konfrontiert zu werden, ist also sehr hoch und warf Fragen auf. Wie muss man in einer solchen Situation handeln? Auf welcher Grundlage schöpft man überhaupt einen Verdacht auf sexuellen Missbrauch? Welche möglichen Anzeichen gibt es hierfür? Wie kann man als pädagogische Fachkraft tätig werden und was ist zu beachten? Wenn ein solcher Verdacht besteht, ist häufig die Ratlosigkeit von professionellen Helfern und Helferinnen[3] zu beobachten, die im Zusammenhang mit dieser Thematik entsteht. Aufgrund fehlender Kenntnis und der daraus resultierenden Unsicherheit scheint es nicht selten, als würden einige die möglichen Anzeichen übersehen bzw. fehldeuten, um sich nicht weiter mit diesem komplexen Thema beschäftigen zu müssen. Andere Kollegen hingegen handeln vielleicht überstürzt, da sie einen enormen Handlungsdruck verspürten. Doch weder Wegschauen noch unzulängliches Handeln kann einem betroffenen Kind helfen.

Eine nähere Auseinandersetzung mit der Thematik des sexuellen Missbrauchs von Kindern in ihrem sozialen Nahbereich scheint vor diesem Hintergrund unumgänglich. Zunächst soll der Begriff „Sexueller Missbrauch“ geklärt und für den Rahmen dieser Arbeit eingegrenzt werden. Um eine adäquate Unterstützung des Kindes gewährleisten zu können, ist es notwendig, über die Besonderheiten seiner/ ihrer Situation zu wissen. Deshalb werden in Kapitel 3 grundlegende Aspekte der Psychodynamik des Opfers dargestellt, bevor in Kapitel 4 mögliche Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch erläutert werden. Das Erkennen dieser „Signale“ ist Grundvoraussetzung für alle weiteren Handlungsschritte. Diese sollen im 5. Kapitel dargestellt werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf den Leitlinien in der Arbeit mit betroffenen Mädchen und Jungen, den Anforderungen an den Berater[4] des Kindes, sowie mögliche Belastungen und Grenzen. Die Ergebnisse werden in Kapitel 6 abschließend zusammengefasst

Ziel der Arbeit soll sein, der Thematik „Sexueller Missbrauch von Kindern“ in der Praxis angemessen begegnen zu können, indem das Wissen über diesen Komplex erweitert bzw. vertieft wird und sowohl Leitlinien im Umgang mit sexuellem Missbrauch, sowie mögliche Belastungen und Schwierigkeiten in der Beratungssituation angeführt werden. Nur so können Ängste bzw. Unsicherheiten seitens der pädagogischen Fachkräfte, die eine adäquate Hilfe für das betroffene Kind häufig verhindern, abgebaut und die Unterstützung, der das Kind bedarf, gewährleistet werden.

2. Begriffsklärung: Sexueller Missbrauch

Neben dem Begriff „Sexueller Missbrauch“, der am häufigsten verwendet wird, gibt es weitere Bezeichnungen zu diesem Straftatbestand. Einige Autorinnen und Autoren ziehen Begriffe wie sexuelle Gewalt, sexuelle Ausbeutung oder realer Inzest vor.

Sexuelle Gewalt ist als Überbegriff für sexuellen Missbrauch zu verstehen, verdeutlicht jedoch nicht den Aspekt des (Macht-)Missbrauchs, dem das Kind aufgrund seiner kognitiven, sprachlichen, körperlichen und psychischen Unterlegenheit und der daraus resultierenden Abhängigkeit gegenüber dem Erwachsenen ausgeliefert ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff der sexuellen Ausbeutung: Zwar integriert er „unterschiedliche Gewaltformen gegen Kinder wie Kinderprostitution, Kinderpornographie (…), Nötigung oder Belästigung“[5], betont jedoch nicht den Machtmissbrauch des Täters/der Täterin[6].

Sexueller Missbrauch geschieht immer, darüber sind sich die Autoren einig, durch Drohungen, körperliche Gewalt und gegen den Willen des Kindes.[7] Die Willensbekundung ist oftmals nur ungenau einzuordnen, da manche Opfer im Sinne einer Überlebensstrategie erklären, sie haben „es“ gewollt. Das Konzept des wissentlichen Einverständnisses dient dazu, die Kinder aus der Verantwortung zu nehmen, da sie „im Kontakt gegenüber Erwachsenen keine gleichberechtigten Partner (sind) und sexuelle Kontakte (…) nicht wissentlich ablehnen oder ihnen zustimmen (können).“[8] Aufgrund dieses strukturellen Machtgefälles ist jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Erwachsenen und einem Kind ein sexueller Missbrauch. Für die Verwendung des Begriffes sexueller Missbrauch sprechen auch nach Bange drei Argumente: „Erstens wirkt er jeglichen Assoziationen entgegen, die eine Verantwortung der betroffenen Kinder an den Geschehnissen beinhalten. Zweitens entspricht er der juristischen Terminologie und drittens hat er sich in der (Fach-)Öffentlichkeit durchgesetzt.“[9]

Obwohl die Termini sexuelle Ausbeutung und sexuelle Gewalt sowohl die Instrumentalisierung und Benutzung des Opfers zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse als auch den Aspekt der Gewalt beinhalten, soll im Rahmen dieser Arbeit davon abgesehen werden, diese Begriffe als Synonyme für sexuellen Missbrauch zu verwenden. Da der Fokus auf der sexuellen Gewalt gegen Kinder liegt, scheint lediglich der Begriff des sexuellen (Macht)Missbrauchs des Täters/der Täterin geeignet. Dieser betont das hierarchische, Verhältnis von Täter/ Täterin und Opfer, indem der Täter/die Täterin die Abhängigkeit des Opfers systematisch ausnutzt.

Der Vollständigkeit halber soll die Problematik des eher vereinzelt auftretenden Terminus Inzest beleuchtet werden. „Incestus“ wird aus dem Lateinischen mit „befleckt“ übersetzt.[10] Diese Übersetzung stellt weniger eine negative Bewertung der Tat, als vielmehr eine Abwertung des Opfers dar und wird daher in der weiteren Ausführung nicht verwendet.

3. Die Psychodynamik des Opfers

Um die Situation, in der sich das betroffene Kind befindet, besser verstehen und in der Beratung darauf angemessen reagieren zu können, ist es notwendig, über die Psychodynamik des Opfers Bescheid zu wissen. Zwar erlebt jedes Opfer den Missbrauch „abhängig vom individuellen Entwicklungsstand und (…) der Intensität der Beziehung zum Täter/zur Täterin“[11], dennoch finden sich in allen Erzählungen missbrauchter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener folgende Gefühls- und Gedankenmuster wieder:[12]

3.1. Schuld- und Schamgefühle

Bei sexuellem Missbrauch im sozialen Nahbereich besteht fast immer bereits vor der Tat eine Beziehung zwischen Opfer und Täter/ Täterin. Diese ist für das Kind durch Vertrauen, Zuneigung und Angewiesensein gekennzeichnet, für den Täter/die Täterin allerdings stellt diese Beziehung die Basis für den bewusst vorbereiteten Machtmissbrauch dar.[13] Da die Übergänge von liebevoller Zärtlichkeit zur sexuellen Gewalt fließend sind, können Kinder häufig nicht einschätzen, inwieweit Handlungen des Täters/der Täterin noch als „normal“ gelten und ab wann diese grenzüberschreitend werden. Aus Angst, beispielsweise die besondere Beachtung des netten Nachbarn, der immer so viel für „Max“ baut und mit ihm spielt oder des lieben Opas, der der kleinen „Natascha“ jeden Abend am Bett Gute-Nacht-Geschichten vorliest, zu verlieren, trauen sich viele Kinder nicht, die eigentlich liebenswürdige Person abzuweisen – auch wenn das, was sie macht nichts mit liebevollem Umgang gemeinsam hat. So entsteht seitens der Opfer das Gefühl, selbst am Missbrauch beteiligt gewesen zu sein.[14] Im Nachhinein ist es für Betroffene sogar meist „erträglicher anzunehmen, dass sie selbst mitgemacht haben, als die eigene Machtlosigkeit zu spüren.“[15] Diese Schuldgefühle dürfen jedoch keinesfalls als Beweis für die freiwillige Beteiligung interpretiert werden. Sie sind eher als die „Introjektion der Schuldgefühle des Erwachsenen“[16] zu verstehen.

Doch nicht nur während des Missbrauchs selbst, sondern auch dann, wenn Betroffene sich an Dritte wenden und um Hilfe bitten, distanziert sich die Familie häufig von ihnen, was die Schuldgefühle zusätzlich verstärkt. Dieser Umstand hemmt die Hilfesuche ebenso, wie die Schamgefühle, die das Kind aufgrund des Missbrauchs entwickelt. Täter/ Täterinnen praktizieren mit Kindern häufig das, wozu die meisten Erwachsenen „Nein“ sagen würden.[17] Da sexuelle missbrauchte Kinder häufig glauben, sich nicht gegen die Grausamkeiten gewehrt bzw. dabei aktiv mitgemacht zu haben, fällt es noch schwerer, über die Taten, die die Schamgrenze der Opfer massiv verletzen, zu sprechen und sich Unterstützung zu holen. Je länger das betroffene Kind schweigt, desto mitschuldiger fühlt es sich.[18]

[...]


[1] Vgl. dazu Bange & Deegner, 1996 und Bange, zit. in Enders, 2008, S. 13.

[2] Vgl. dazu Enders, 2008. S. 12f.

[3] Im Folgenden wird im Wechsel die männliche oder die weibliche Form verwendet, wenn es sonst den Satzbau unnötig verkompliziert. Gemeint sind natürlich jeweils beide Formen.

[4] Mit Berater bzw. Beratung ist nicht zwangsläufig eine auf den Themenkomplex „sexueller Missbrauch“ spezialisierte Fachkraft bzw. Fachberatung, sondern vielmehr der persönliche Berater, das heißt jede pädagogische Fachkraft (Lehrer, Erzieherin, Trainer, Sozialarbeiterin, …) des Kindes gemeint, der es im Aufklärungsprozess unterstützt.

[5] Godenzi, 1996. S. 202.

[6] An dieser Stelle werden bewusst beide Formen genannt, um dem noch immer weit verbreiteten Irrglaube, es gäbe nur männliche Täter, entgegenzuwirken.

[7] Vgl. dazu Bange, Das alltägliche Delikt: Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen. Zum aktuellen Forschungsstand., 2008. S. 21.

[8] Ebd. S. 22.

[9] Bange, Definitionen und Begriffe, 2002. S. 47.

[10] Vgl. dazu Cyffka, 2007. S. 236.

[11] Enders, 2008. S. 129.

[12] Diese Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

[13] Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht auf Täterstrategien eingegangen werden. An dieser Stellt soll lediglich gesagt sein, dass sexueller Missbrauch nicht „zufällig“ geschieht, sondern bewusst und geplant ist. Vgl. dazu u.a. Enders, 2008 und Deegner, 2010.

[14] Vgl. dazu Enders, 2008. S. 136.

[15] Bentovin, 1999. S. 80.

[16] Ferenczi, S., 1932 zit. in  Enders, 2008. S. 136.

[17] Vgl. dazu Enders, 2008. S. 141.

[18] Vgl. dazu Hirsch, Schuld und Schuldgefühl: zur Psychoanalyse von Trauma und Introjekt, 1998.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sexuellen Missbrauch von Kindern erkennen und helfen
Untertitel
Wie kann der Psychodynamik des Opfers in der Beratung begegnet werden und was ist im Umgang mit Betroffenen zu beachten?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V268541
ISBN (eBook)
9783656597056
ISBN (Buch)
9783656597032
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexuellen, missbrauch, kindern, psychodynamik, opfers, beratung, umgang, betroffenen
Arbeit zitieren
Master of Arts Kathrin Mütze (Autor), 2011, Sexuellen Missbrauch von Kindern erkennen und helfen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268541

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