Tiere werden in der Praxis Sozialer Arbeit bereits seit über 200 Jahren in den unterschiedlichsten Formen eingesetzt, vor allem bei Kindern sowie bei alten und behinderten Menschen. „In Einrichtungen der stationären Erziehungshilfe werden zunehmend Tiere wie Esel, Pferde oder auch Lamas gehalten, um Kindern und Jugendlichen förderliche Entwicklungsbedingungen zu schaffen. Schulen bieten Projekte mit Schulhunden an“. Des Weiteren werden Tiere im Rahmen von Freizeitprogrammen für Kinder angeboten, wie in Form von Reiterhöfen und auch für behinderte Menschen gibt es zahlreiche Angebote.
Assistenztiere sollen den Alltag von Menschen mit Behinderung erleichtern, so z. B. Blindenführhunde oder Behindertenbegleithunde. Die Praxis wird in der Wissenschaft der Fachdisziplin Soziale Arbeit jedoch nicht zum Thema gemacht und bedient sich daher
anderen Wissenschaftsdisziplinen, was zur Folge hat, dass „ein eigenständiger sozialarbeitswissenschaftlicher Fachdiskurs“ nicht entstehen kann.
Der Fokus in dieser Arbeit wird auf tiergestützte Interventionen gelegt, die in der Sozialen
Arbeit Anwendung finden bzw. vermehrt finden könnten, denn ein Großteil tiergestützter Arbeit ist therapeutisch angelehnt und tiergestützte Pädagogik, die meist bei Kindern und Jugendlichen angewandt wird, deckt nur einen kleinen Teilbereich der Möglichkeiten Sozialer Arbeit ab. Tiergestützte Interventionen sind Maßnahmen, die unter Einbezug eines Tieres erfolgen (s. Kap. 1.3). Das Klientel ist sehr breit gefächert und überschneidet sich mit dem Klientel, das auch zum Großteil in der Sozialen Arbeit zu finden ist. Otterstedt (2001) befasst sich in großem Umfang mit den Zielgruppen, welche einen Nutzen aus der Begegnung mit einem Tier ziehen können, die im Laufe dieser Arbeit noch dargestellt werden. Darunter
fallen auch Menschen mit autistischen Störungen (s. Kap. 5.1). Nach der ICD-10 (Internationales Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation) sind dies tiefgreifende Entwicklungsstörungen, die sich „durch deutliche Auffälligkeiten im Bereich der sozialen Interaktion und Kommunikation“ sowie durch ein sich ständig wiederholendes Verhalten auszeichnen.[...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Historische Entwicklung tiergestützter Interventionen
1.1 Aktueller Stand der Fachdiskussion
1.2 Forschungsdesiderat, -frage und -design
1.3 Tiergestützte Interventionen
1.3.1 Voraussetzungen
1.3.2 Zielgruppen
1.3.3 Geeignete Tiere
1.4 Formen tiergestützter Interventionen
1.4.1 Tiergestützte Therapie (TGT)
1.4.2 Tiergestützte Pädagogik (TGP)
1.4.3 Tiergestützte Förderung (TGF)
1.4.4 Tiergestützte Aktivität (TGA)
2 Tiergestützte Interventionen mit Hunden
2.1 Service- und Assistenzhunde
2.2 Begleithunde
2.3 Warn- und Signalhunde
3 Konzepte der Mensch-Tier-Beziehung
3.1 Du-Evidenz
3.2 Die Biophilie-Hypothese
3.3 Ableitungen aus der Bindungstheorie
4 Kommunikation
4.1 Kommunikation zwischen Mensch und Tier
4.2 Kommunikation zwischen Mensch und Hund
5 Autismus
5.1 Autistische Störungen
5.2 Frühkindlicher Autismus
6 Tiergestützte Interventionen bei Kindern mit frühkindlichem Autismus
6.1 Mögliche Auswirkungen eines Hundes auf das Wohlbefinden autistischer Kinder
6.2 Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
6.3 Chancen für Fachkräfte Sozialer Arbeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelor-Thesis untersucht die Auswirkungen und Einsatzmöglichkeiten tiergestützter Interventionen, insbesondere durch Hunde, bei Kindern mit frühkindlichem Autismus. Ziel ist es, auf Basis einer Literaturstudie aufzuzeigen, wie diese Interventionen die Lebensqualität sowie die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der betroffenen Kinder fördern und welche Chancen sich daraus für die Praxis der Sozialen Arbeit ergeben.
- Historische und theoretische Grundlagen der Mensch-Tier-Beziehung
- Kommunikationsformen zwischen Mensch und Tier
- Diagnostik und Symptomatik von Autismus-Spektrum-Störungen
- Wirkungsweisen hundegestützter Interventionen bei autistischen Kindern
- Implikationen und Qualitätsstandards für die Soziale Arbeit
Auszug aus dem Buch
1.1 Aktueller Stand der Fachdiskussion
Der Fokus bei der wissenschaftlichen Betrachtung tiergestützter Arbeit liegt in erster Linie auf der Erforschung der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Für diesen Wissenschaftszweig werden jedoch nur wenige öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt, was die wenigen Forscher, die sich dem Themengebiet annehmen, vor eine große Herausforderung stellt, da sie auf private Unterstützung angewiesen sind. Dies und die Tatsache, dass die entscheidenden Faktoren einer Mensch-Tier-Beziehung nur schwer zu messen sind, sind die Gründe dafür, dass es bisher nur wenige wissenschaftlich fundierte Studien in diesem Bereich gibt. Wie in der Einleitung bereits angesprochen, besteht weiterhin das Problem, dass die Soziale Arbeit keine eigene Forschung auf diesem Gebiet betreibt und sich daher bei anderen Fachdisziplinen bedient, um die Praxis anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen erklären zu können. „Tiere werden in der Heil- und Sonderpädagogik, Behindertenpädagogik, Psychomotorik und Medizin sehr intensiver behandelt. Vor allem auch in den anglo-amerikanischen Ländern ist die Fachdebatte renommierter und elaborierter als in Deutschland“.
Zusammenfassung der Kapitel
Historische Entwicklung tiergestützter Interventionen: Dieses Kapitel beleuchtet die Evolution der Mensch-Tier-Beziehung von der Domestizierung bis hin zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Tieren als Co-Therapeuten.
Tiergestützte Interventionen mit Hunden: Es werden spezifische Einsatzbereiche von Hunden analysiert, wobei zwischen Service-, Assistenz-, Begleit-, Warn- und Signalhunden differenziert wird.
Konzepte der Mensch-Tier-Beziehung: Hier werden theoretische Modelle wie die Du-Evidenz, die Biophilie-Hypothese und die Bindungstheorie als wissenschaftliche Basis für die Interaktion zwischen Mensch und Tier diskutiert.
Kommunikation: Basierend auf Watzlawicks Axiomen wird untersucht, wie Mensch und Tier kommunizieren und welche Herausforderungen in der analogen Kommunikation bestehen.
Autismus: Dieses Kapitel definiert autistische Störungen und frühkindlichen Autismus im Kontext medizinischer Klassifikationen wie ICD-10.
Tiergestützte Interventionen bei Kindern mit frühkindlichem Autismus: Das Kapitel verknüpft die theoretischen Erkenntnisse mit der Praxis und untersucht konkrete positive Auswirkungen von Hunden auf die Lebenswelt und Teilhabe autistischer Kinder.
Schlüsselwörter
Tiergestützte Intervention, Soziale Arbeit, Mensch-Tier-Beziehung, Frühkindlicher Autismus, Autistische Störungen, Hundegestützte Therapie, Assistenzhunde, Kommunikation, Lebensqualität, Gesellschaftliche Teilhabe, Bindungstheorie, Biophilie-Hypothese, Pädagogische Intervention, Fachdisziplin Soziale Arbeit, Therapeutische Begleitung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Thesis grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Anwendung tiergestützter Interventionen im Kontext der Sozialen Arbeit, mit besonderem Fokus auf den Einsatz von Hunden bei Kindern mit frühkindlichem Autismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische und theoretische Fundierung der Mensch-Tier-Beziehung, Kommunikationsmodelle, die klinische Beschreibung autistischer Störungen sowie die praktischen Möglichkeiten und Grenzen der tiergestützten Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie tiergestützte Interventionen die Lebensqualität und Teilhabechancen von Kindern mit frühkindlichem Autismus verbessern können und welche professionellen Anforderungen sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturstudie, in der aktuelle wissenschaftliche Diskurse und theoretische Ansätze kritisch analysiert und zusammengeführt wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zur Mensch-Tier-Interaktion, eine detaillierte Auseinandersetzung mit Autismus-Spektrum-Störungen sowie eine spezifische Untersuchung der Einsatzmöglichkeiten von Hunden als unterstützendes Medium in pädagogischen und therapeutischen Settings.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Tiergestützte Intervention, Autismus, Mensch-Tier-Beziehung, Soziale Arbeit und Lebensqualität.
Warum spielt die Kommunikation zwischen Mensch und Tier eine so zentrale Rolle?
Da autistische Kinder oft Schwierigkeiten in der menschlichen Kommunikation haben, dient die analoge, nicht-verbale Kommunikation des Hundes als niedrigschwelliger, ehrlicher und situationsbezogener Zugang, der Interaktionen erst ermöglicht oder erleichtert.
Welche Rolle spielt die Ausbildung der Fachkräfte?
Die Autorin betont, dass derzeit einheitliche Standards und staatlich anerkannte Qualifizierungen für Fachkräfte im Bereich tiergestützter Arbeit fehlen, was eine Professionalisierung durch spezifische Zusatzqualifikationen für Sozialarbeiter unabdingbar macht.
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- Katrin Schnegelberger (Author), 2014, Tiergestützte Interventionen in Hilfekontexten Sozialer Arbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268572