Die Brangäne-Figur bei Gottfried von Straßburg und Viola Alvarez

Diu stolze, diu wîse


Seminararbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Brangäne-Figur
2.1 Brangäne bei Gottfried von Straßburg
2.2 Brangäne bei Viola Alvarez
2.3 Die Darstellung der Brangäne-Figur in beiden Romanen

3. Ein Vergleich der Brangäne-Figur anhand ausgewählter Szenen
3.1 Brangänes Pflicht zur (Minne-)Trank-Beaufsichtigung
3.2 Geständnis und Lameir
3.3 Die Hochzeitsnacht
3.4 Der Mordanschlag und die Zungenthematik
3.4.1 Die Hemdenmetapher
3.4.2 Isoldes Schuld
3.5 List (und Gegenlist) und die Gartenszene
3.6 Die Natur als Ort der Liebe fern der höfischen Gesellschaft
3.7 Der (todbringende) Schluss der Liebe und der beiden Texte

4. Die Tristanliebe wird zur Markeliebe und Isolde zu Brangäne – Ein Resümee

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärtexte
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit behandelt die aus dem mittelalterlichen Tristan -Stoff stammende Figur der Brangäne, welche in zeitgenössischen Stoffthematisierungen die Position einer Nebenfigur eingenommen hat. Zu einer Art Protagonistin aufge­wertet, erscheint sie im Jahr 2003 als Brangaene[1] in Viola Alvarez’ Roman Das Herz des Königs[2], welcher in dieser Arbeit mit ausgewählten Episoden des Tristan- Romans Gottfrieds von Straßburg[3] bezüglich der genannten Figur verglichen werden soll. Vor allem jene Textpassagen, welche Alvarez von Gottfried übernommen und inhaltlich abgewandelt hat, werden für einen Vergleich der Funktionen der Brangäne-Figur interessant sein.

Etwas, das beiden Textfassungen zugrunde liegt, ist eine eindeutig positive Zeichnung der Figur. Brangäne wird im Gegensatz zum anderen Personal der beiden Romane ausschließlich als gute Figur dargestellt, welche stets darauf bedacht ist, dem Wohl anderer zu dienen. Obwohl sie bei Alvarez weniger uneigennützig handelt und auch danach trachtet, ihre eigenen Vorstellungen in die Tat umzusetzen, um ein möglichst erfülltes Leben genießen zu können, macht sie sich moralisch gegenüber keiner anderen Figur schuldig. Da sowohl dem Liebespaar als auch König Marke in beiden Texten jeweils eine vollkommen andere Bedeutung zukommt, wandelt sich auch jene der Ehre und (Un-)Treue gegenüber einer Autoritätsperson, und so kann Alvarez’ Brangäne-Figur aus dem Hintergehen Isoldes kein Vorwurf in einer Brisanz, wie sie dasselbe Verhalten bei Gottfried hervorgerufen hätte, gemacht werden. Insofern hintergeht Brangäne Isolde nicht, indem sie mit deren Mann schläft.

In Gottfrieds Roman ist Brangänes höchstes Handlungsziel die Ehrerhaltung ihrer Herrin Isolde, bei Alvarez muss sie dieses Ansehen Isoldes gegenüber König Marke nicht aufrechterhalten, da dieser die Liebe zwischen Tristan und Isolde aufgrund von Beobachtungen selbst erkennt.

Im Herz des Königs wird der Figur des König Marke die Rolle des Protagonisten zuteil, diese Gestalt lenkt die Handlung, das Duo Tristan und Isolde tritt lediglich in Nebenrollen auf, Brangäne wird, wie erwähnt, aufgewertet, sie erhält jedoch nicht den vollen Status einer Hauptfigur.

Einführend bleibt anzumerken, dass Brangäne schon bei Gottfried eine handlungs­entscheidende Funktion einnimmt, denn ohne sie wäre Tristan womöglich von der Königin von Irland oder deren Tochter getötet worden und weiters wäre ohne Bran­gänes Unachtsamkeit die Liebe zwischen Tristan und Isolde nie entstanden[4] und ein Fortlauf der Handlung wäre sinnlos geworden.

Demzufolge kann grundlegend festgestellt werden, dass Brangäne bei Gottfried zwar die Position einer Nebenfigur einnimmt, jedoch auch zur Trägerin und Lenkerin der Handlung wird. Damit übernimmt Viola Alvarez diese Tendenz Gottfrieds von Straßburg, Brangänes Handlungen aufzuwerten.

2. Die Brangäne-Figur

Um sich die behandelte Figur besser vorstellen zu können, wird im Folgenden ein kurzer Überblick über ihre allgemeine Funktion und Darstellung bei Gottfried und bei Alvarez gebracht.

2.1 Brangäne bei Gottfried von Straßburg

Brangäne ist die Nichte der Königin Isolde von Irland und genießt das volle Vertrauen ihrer Herrscherin und deren Tochter Isolde. Sie wird oft um Hilfe gebeten und gibt stets Ratschläge, welche auch befolgt werden und nicht selten die Handlung lenken. (Vgl. unter anderen 10480ff.) Sie trägt beispielsweise den „entscheidenden Anteil am Zustandekommen der Aussöhnung der königlichen Familie mit Tristan“ und somit mit König Marke, „die Voraussetzung für alles künftige Geschehen ist und auch ihr eigenes Schicksal bestimmt, das nun mit dem Isoldes und Tristans eng verknüpft wird“[5].

Brangänes Wirken dient nach Gisela Hollandt in Gottfrieds Roman stets „dem Wohlergehen [...] ihrer Herrin“ und „[i]hre bedeutsamste Eigenschaft ist ihr wacher Sinn für die Wirklichkeit der jeweiligen Situation“[6]. Brangäne „[h]andelt immer nach dem gesunden Menschenverstand, der das Nächstliegende bedenkt und stets auf den vorteilhaften Ausgang einer Sache bedacht ist“[7]. So ist auch ihr entscheidender Fehler keinem Versagen ihrer Tugend zuzuschreiben, und er unterläuft ihr, indem sie es nicht vermag, den Minnetrank zu bewachen. Um die dadurch zustande gekommene Liebe zwischen Tristan und Isolde geheim zu halten, muss Brangäne im Folgenden zu häufig nicht gesetzeskonformen Mitteln greifen und ihrer Herrin Isolde unterstützend zur Seite stehen, als diese den König hintergeht. Julia Hinske bezeichnet Gottfrieds Brangäne sogar als „Kupplerin, die intelligent die Fäden des Liebesspiels zieht“[8].

2.2 Brangäne bei Viola Alvarez

Wie einführend erwähnt, übernimmt Brangäne im Herz des Königs noch deutlicher als bei Gottfried eine handlungs- und inhaltsdiktierende Rolle, denn die Marke-Figur beginnt ihre Erinnerungsreise nur ihretwegen.

Brangäne ist ein Findelkind, sie wurde von Morolt adoptiert und ist deshalb recht­mäßig die Nichte der Königin, sodass sie „eine angemessene Stelle bei Hof ein­nehmen“ (HK, 404) konnte. Aufgrund ihrer hervorragenden Qualitäten im Bildungs- und Kulturbereich[9] wird sie als Lehrerin für die Königstochter Isolde eingesetzt. Die Brangäne-Figur erscheint jedoch eher als Beschützerin denn als Untergebene der jungen Isolde und hat unter deren Naivität zu leiden. Aufgrund einer Krankheit vermag es Brangäne auch bei Alvarez nicht, einen (alkoholischen) Trank zu hüten, welcher von Tristan und Isolde auf der Überfahrt von Irland nach Cornwall geleert wird und die beiden zueinander führt „wie Tiere in der Hitze“ (HK, 397). Da Isolde Tristan bereits in Irland bewundert hat, kann Brangänes Versagen hier allerdings nicht als Auslöser der Tristanliebe gesehen werden.

Brangäne nimmt in Cornwall den Status der Geliebten König Markes ein und führt wiederum – jedoch zusammen mit Marke – nicht normenkonforme Taten aus, um dem Hof keine Gründe für Zweifel am Ehevollzug Markes und Isoldes zu geben sowie um ihre eigene Beziehung zum König zu verbergen.

Damit würden sich sowohl Brangäne als auch Marke gegenüber Isolde schuldig machen. Da jedoch die Liaison Isoldes und Tristans zeitgleich stattfindet, stellt sich aufgrund dieses Betruges kein Ehrverlust Isoldes ein. Sie verliert hingegen selbstver­schuldet ihre Ehre, als sie, wie bei Gottfried, den Auftrag zur Tötung Brangänes erteilt.

Alvarez’ Roman endet für Brangäne und Marke allerdings insofern negativ, als der Antagonist Majordomus[10] Brangäne entführen und ihr die Zunge herausschneiden lässt.

2.3 Die Darstellung der Brangäne-Figur in beiden Romanen

Wie einleitend angeführt, wird Brangäne sowohl in Gottfrieds als auch in Alvarez’ Roman absolut positiv gezeichnet.[11] Darüber hinaus erinnert die Figurendarstellung bei Alvarez an jene der Isolde-Gestalt bei Gottfried, denn Brangäne wird von Marke als überaus schön und atemberaubend beschrieben, (vgl. HK, 369) und die Beschrei­bung ihres Intellekts erinnert an dieselben Fähigkeiten von Gottfrieds Isolde. (Vgl. u. a. 7981ff. und 8080ff.) Alvarez’ Brangäne hat heimlich das Lesen und fremde Sprachen erlernt und konnte so die Gunst der Königin für sich gewinnen, schließlich wurde Brangäne aufgrund ihrer Fähigkeiten sogar zur Lehrerin Isoldes.[12]

Es sind nicht nur diese Details in den Figurenzeichnungen, welche Alvarez für ihren Text von Gottfried übernommen hat, sie wandelt überdies einige Episoden Gottfrieds um, indem sie statt Isolde Brangäne in das Zentrum rückt, dieser jedoch die Rolle der Tristan -Isolde überträgt. Dazu zählt etwa die Abänderung der Gandin-Episode. Alvarez’ Gandin besingt als Minnediener nicht Isolde, die Königin, sondern Brangäne, mit welcher er in Irland ein Verhältnis hatte.[13] Hieraus wird offensichtlich, dass Viola Alvarez Gottfrieds Darstellung der Isolde-Figur übernommen und der dadurch entstandenen Figur den Namen „Brangaene“ gegeben hat.

Alvarez’ Marke charakterisiert Brangäne zudem als dieselbe Figur, als welche sie schon Gottfried, indem dieser sie als diu stolze, diu wîse (10359) bezeichnet, darstellt: als eine über den Situationen stehende Frau, an welcher Marke „das Narrenhafte nie gesehen“ (HK, 151) hätte.

[...]


[1] In vorliegender Arbeit wird der Name der Figur stets mit dem Umlaut geschrieben, um eine Vereinheitlichung zu ermöglichen.

[2] Viola Alvarez: Das Herz des Königs. Das schöne und traurige Leben von Marke Herrscher zu Tintâgel von ihm selbst erzählt. Bergisch Gladbach: Lübbe 2003. (= BLT. 92187.) – In der Folge textintern zitiert mit der Sigle HK und einfacher Seitenzahl.

[3] Gottfried von Straßburg: Tristan. Band 1 und 2. Stuttgart: Reclam 2007. (= RUB. 4471 und 4472.) – In der Folge textintern zitiert anhand der Versnummerierung.

[4] Über den Entstehungszeitpunkt der Tristanliebe herrscht innerhalb der Forschung Uneinigkeit. (Vgl. u. a. Gottfried von Straßburg: Tristan. Bd. 3: Kommentar, Nachwort und Register. Stuttgart: Reclam 2005. (= RUB. 4473.) S. 169ff.) – Viola Alvarez vertritt im Herz des Königs offensichtlich die These, dass Tristan und Isolde schon vor Genuss des Minnetrankes füreinander bestimmt sind. (Vgl. HK, 396) In dieser Seminararbeit wird allerdings, den Tristan -Roman Gottfrieds betreffend, von einer Liebe, welche erst aufgrund des Minnetrankes entstanden ist, ausgegangen.

[5] Gisela Hollandt: Die Hauptgestalten in Gottfrieds Tristan. Wesenszüge. Handlungsfunktion. Motiv der List. Berlin: Erich Schmidt 1966. (= Philologische Studien und Quellen. 30.) S. 43.

[6] Ebda.

[7] Ebda.

[8] Julia Elisabeth Hanna Hinske: Reden und Schweigen im ‚Tristan’ Gottfrieds von Straßburg: Der Tod Blanscheflurs, der Drachenkampf und der Mordanschlag auf Brangäne. Wien, Univ., Dipl.-Arb. 2006, S. 55.

[9] Im Laufe des Romans werden etwa mehrmals Brangänes ausgezeichnete Lateinkenntnisse erwähnt, die besser seien als jene König Markes selbst. (Vgl. u. a. HK, 420f.)

[10] Diese Figur ist – nicht nur namentlich – an Gottfrieds Truchsess-Gestalt Marjodo angelehnt.

[11] Hingegen finden sich in den Figurenzeichnungen Isoldes, Tristans und Markes große Unterschiede. Die Königsfigur wird beispielsweise bei Gottfried als leicht zu täuschender Mann dargestellt, von Brangäne allerdings bei Alvarez einmal mit einem „Engel“ respektive einem „Heiligen“ (HK, 411) verwechselt. Das Vertauschen der Braut wäre Alvarez’ Marke nicht entgangen, denn dieser meint – in Anlehnung an Gottfrieds Tristan – zur Idee des Brautunterschubs: „Als hätte ich nichts gemerkt und hätte wie ein blinder und brünstiger Ziegenbock einfach ein jegliches weibliches Wesen bestiegen, das nachts in mein Zimmer gekommen wäre, sofern es nur lang genug still hielt.“ (HK, 413f.) Es kann davon ausgegangen werden, dass Alvarez’ zweite Quelle, Eilhart von Oberg, Einfluss auf ihre Darstellung eines resoluteren und schlaueren Marke hatte. (Vgl. zur Marke-Darstellung Eilharts u. a. jene Szene, in welcher Marke die Liebenden entdeckt und sofort handelt: Eilhart von Oberg: Tristrant und Isolde. Neuhochdeutsche Übersetzung. Göppingen: Kümmerle 1986. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. 436.) S. 53.)

[12] Bei Gottfried ist es Tristan (respektive Tantris), der aufgrund seiner Erfahrungen zu Isoldes Lehrer wird. (Vgl. 7851ff.)

[13] Im Gegensatz zu einer anderen Situation, in welcher Alvarez’ Marke-Figur einem fremden Trommler alles verspricht, was dieser wünscht – ein universelles Versprechen, welches Gottfrieds Marke und Herzog Gilan im Tristan zum Verhängnis wird (vgl. 13196 und 15954ff.) –, hätte Marke diesem Gandin nicht einmal „einen Zinnleuchter“ (HK, 456) anvertraut.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Brangäne-Figur bei Gottfried von Straßburg und Viola Alvarez
Untertitel
Diu stolze, diu wîse
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Germanistik)
Veranstaltung
Themen, Motive, Stoffe (Gottfried von Straßburg: Tristan - Richard Wagner: Tristan und Isolde)
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V268618
ISBN (eBook)
9783656596387
ISBN (Buch)
9783656596370
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried von Straßburg, Viola Alvarez, Tristan, Tristan und Isolde, Isolde, Brangaene, Das Herz des Königs, Mittelalter, Schuld, Sühne, Rache, Liebe, Tod
Arbeit zitieren
Bakk. MA Claudia Stoiser (Autor), 2010, Die Brangäne-Figur bei Gottfried von Straßburg und Viola Alvarez, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268618

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