In der vorliegenden Arbeit soll die Entstehung des negativen Attilabildes anhand der frühen Quellen zu seiner Person untersucht und eine sich steigernde verleumdende Tendenz dargestellt werden, an deren Ende die Bezeichnung „Geißel Gottes“ stand. Dabei werden ausgewählte Zeugnisse unter Berücksichtigung der zentralen Fragestellung zitiert und im Abgleich zueinander analysiert. Weiter werden die entsprechenden antiken beziehungsweise mittelalterlichen Autoren kurz biographisch vorgestellt, mit besonderem Augenmerk auf deren Bezug zum Christentum.
Zu Beginn wird ein schemenhafter Überblick über die wissenschaftliche Literatur und die verwendeten Quellen, die für das vorliegende Thema relevant sind, gegeben (I). Da ein Herrscherbild immer im Kontext der Handlungen und Taten einer jeweiligen historischen Person steht, ist es nötig, zu Beginn der Untersuchung kurz einen biographischen Abriss von Attilas Leben zu skizzieren (II) – auf Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Studien. Folgend wird der Frage nach dem Ursprung der abschätzigen Hunnendarstellung nachgegangen und anschließend werden verschiedene antike Autorenmeinungen über Attila wiedergegeben und kritisch hinterfragt (III). Schlussendlich steht eine punktuelle Richtigstellung des historischen Geschehens an, das heißt, dass dem Mythos auf der Grundlage der neuesten Forschungsergebnisse die sakrale Relevanz genommen wird (IV).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Literatur- und Quellenlage
II. Biographischer Abriss
III. Das Hunnen- und Attilabild in den spätantiken und frühmittelalterlichen Quellen
III.1 Das Hunnenbild des Ammianus Marcellinus
III.2 Das Attilabild des Jordanes
III.3 Gregor von Tours und das christliche Attilabild
III.4 Attila und die Hunnen als Gog und Magog und „flagellum Dei“
IV. Die positive Seite der „Geißel Gottes“
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Entwicklung des negativen Herrscherbildes von Attila, dem Hunnenkönig, mit besonderem Fokus auf die pejorative Titulierung als „Geißel Gottes“ („flagellum Dei“) anhand spätantiker und frühmittelalterlicher Quellen.
- Analyse der primären Quellen (Ammianus Marcellinus, Jordanes, Gregor von Tours, Isidor von Sevilla)
- Untersuchung der christlich geprägten Interpretation historischer Ereignisse
- Darstellung der Entwicklung vom bloßen Barbarenbild hin zur sakralen Antagonistenfigur
- Kritische Gegenüberstellung von Mythos und historischer Forschung
Auszug aus dem Buch
III.1 Das Hunnenbild des Ammianus Marcellinus
Einer der ersten, der über die Hunnen berichtete, damit grundlegend das Bild des Nomadenvolkes prägte und somit den Grundstein für das spätere Herrscherbild Attilas legte, war der Schriftsteller Ammianus Marcellinus. Der römische Gelehrte wurde um 330, also lange Zeit vor Attila, in Antiochia geboren und entstammte einer vornehmen griechischen Familie. Er diente in der kaiserlichen Garde unter Kaiser Julian und war 363 am Persienfeldzug beteiligt. Nach dem Tod Julians im selben Jahr quittierte er den Militärdienst und widmete sich historischen Studien, die er bis zu seinem Tod um 400 betrieb.
Seine pejorative Darstellung der Hunnen zeigt sich an vielen Stellen seines Werkes – so schreibt er beispielsweise: „Da gleich nach der Geburt in die Wangen der Kinder mit dem Messer tiefe Furchen gezogen werden, damit der zu bestimmter Zeit auftretende Bartwuchs durch die runzligen Narben gehemmt wird, werden sie unbärtig alt und ähneln, jeglicher Schönheit bar, den Eunuchen. Alle besitzen sie gedrungene und starke Glieder und einen muskulösen Nacken und sind so entsetzlich entstellt und gekrümmt, daß man sie für zweibeinige Bestien oder für Figuren aus Blöcken halten könnte [...].“
Damit gibt Ammianus – der vermutlich nie einen Hunnen zu Gesicht bekommen und sich ausschließlich auf Augenzeugenberichte verlassen hat – bezogen auf die Hunnen bestimmte Stereotypen wieder, die von dem Bild des wilden Barbaren zeugen. In dieser negativen Konnotation trifft er auch die Charakterisierung der Hunnen, die nach ihm ebenso abscheulich ist wie das äußere Erscheinungsbild. Er beschreibt sie als „treulos, jähzornig, triebhaft rasend, ehrlos, verlogen, goldgierig und eidbrüchig“ – als Wesen, die keine Religion kennen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Hinführung zur historischen Problematik um Attila und Erläuterung der Forschungsabsicht.
I. Literatur- und Quellenlage: Überblick über die quellenkritische Basis und die wissenschaftliche Rezeption zum Thema Hunnen.
II. Biographischer Abriss: Skizzierung des Lebensweges Attilas unter Einbezug moderner Forschungsergebnisse.
III. Das Hunnen- und Attilabild in den spätantiken und frühmittelalterlichen Quellen: Detaillierte quellenkritische Untersuchung verschiedener zeitgenössischer Darstellungen des Hunnenkönigs.
III.1 Das Hunnenbild des Ammianus Marcellinus: Analyse des Einflusses antiker Barbarenstereotypen auf das frühe Bild der Hunnen.
III.2 Das Attilabild des Jordanes: Betrachtung einer differenzierteren Sichtweise, die neben negativen Zügen auch militärische Anerkennung enthält.
III.3 Gregor von Tours und das christliche Attilabild: Untersuchung der Stilisierung Attilas als Instrument Gottes zur Bestrafung der Sündigen.
III.4 Attila und die Hunnen als Gog und Magog und „flagellum Dei“: Analyse der radikalen christlichen Deutung Attilas als Verkörperung des Bösen.
IV. Die positive Seite der „Geißel Gottes“: Darstellung von Gegenentwürfen zum negativen Bild unter Berücksichtigung von Assimilation und politischem Kalkül.
Fazit: Zusammenfassende Einschätzung der Entwicklung des Mythos von der „Geißel Gottes“ als Erklärungsversuch christlicher Autoren.
Schlüsselwörter
Attila, Hunnen, Geißel Gottes, flagellum Dei, Spätantike, Frühmittelalter, Ammianus Marcellinus, Jordanes, Gregor von Tours, Isidor von Sevilla, Barbarenbild, Christentum, Gog und Magog, Geschichtsschreibung, Mythos
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische und quellenkritische Entstehung des negativen Herrscherbildes von Attila und wie er zur „Geißel Gottes“ wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Das Hauptaugenmerk liegt auf der spätantiken und frühmittelalterlichen Geschichtsschreibung sowie dem Einfluss christlicher Interpretation auf die Wahrnehmung von Völkern außerhalb des römischen Reiches.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich ein diffamierendes Bild des Hunnenkönigs entwickelte und welche Quellen zur Konstruktion des Mythos „flagellum Dei“ beitrugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine quellenkritische Analyse ausgewählter antiker und frühmittelalterlicher Zeugnisse sowie deren systematischer Abgleich.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich chronologisch der Darstellung des Hunnenbildes bei Autoren wie Ammianus Marcellinus, Jordanes, Gregor von Tours und Isidor von Sevilla.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Attila, Hunnen, flagellum Dei, Quellenanalyse und christliche Geschichtsdeutung definieren.
Inwiefern unterscheidet sich Jordanes in seiner Darstellung von anderen Autoren?
Jordanes zeichnet ein differenzierteres Bild, das neben dem typischen Barbarenbild auch Respekt vor Attila als bedeutendem Feldherrn durchscheinen lässt.
Welche Rolle spielt der christliche Glaube bei der Stilisierung Attilas?
Der Glaube dient als Interpretationsrahmen, um die „unvorstellbare“ Bedrohung durch die Hunnen als göttliche Strafe für Sünden oder als Kampf des Bösen gegen das Christentum zu deuten.
- Quote paper
- Mario Müller (Author), 2013, Attila und der Mythos "flagellum Dei", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268662