Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803


Seminararbeit, 2009
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Reichsdeputationshauptschluss
2.1 Herrschaftsstrukturen im Kaiserreich
2.1.1 Der Reichstag zu Regensburg
2.1.2 Problematisierung: Schwachstellen im Alten Reich
2.2 Der Weg in den Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation
2.2.1 Die Koalitionskriege und deren Ausgang. Der Frieden von Lunéville
2.2.2 Der französisch-russische Entschädigungsplan
2.2.3 Der Reichsdeputationshauptschluss
2.2.4 Säkularisation und Mediatisierung im Alten Reich
2.2.5 Die Gründung des Rheinbundes

3 Schlussteil

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Beginn des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa gilt als historische Zäsur.1 Aus heutiger Sicht lässt sich dieser Zeitraum in eine Epoche grundlegender politischer Veränderungen einordnen, in der sich als bisher resistent geglaubte Strukturen lösten und Europa im Umbruch war: auf dem Weg in eine neue Ära. Die Folgen der Französischen Revolution waren durchaus größer als von den Monarchen anderer europäischer Staaten erwartet und reichten weit über Frankreich hinaus.

So wurde das Heilige Römische Reich deutscher Nation als „Mitteleuropa der Regionen“2 nahezu von neuen Vorstellungen moderner Staatlichkeit erschüttert und schien diesem Druck nicht gewachsen zu sein. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 veränderte sich die politische Landschaft im Alten Reich auf mehreren Ebenen und mündete schließlich in dessen Zerfall. Dieser beruhte nicht zuletzt auf den Folgen von Säkularisation und Mediatisierung, durch die zahlreiche geistliche Territorien enteignet wurden. Auch die Niederlagen deutscher Klein- und Mittelstaaten gegen die französische Armee bildeten eine Grundlage dafür.

Im Folgenden soll es um eine Analyse der Voraussetzungen für die politische Wende in Mitteleuropa gehen. Dabei ist es mir wichtig, die Entstehung des Hauptschlusses der Reichsdeputation darzustellen und dessen Folgen zu beleuchten. Weiterhin soll die Frage geklärt werden, warum die deutschen Staaten zunehmend in die Abhängigkeit des französischen Kaiserreichs fielen sowie auf die Tragweite der Mediatisierung und Säkularisation eingegangen werden. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen abschließend in einer Bilanz dargelegt werden.

2 Der Reichsdeputationshauptschluss

Im Folgenden wird der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 in einen chronologischen Abriss eingeordnet und anhand historischer Prozesse beleuchtet.

2.1 Herrschaftsstrukturen im Kaiserreich

Um sich ein Bild von den Machtverhältnissen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation machen zu können, ist es erforderlich die administrativen Strukturen zu beleuchten. Der deutsche Historiker Peter Claus Hartmann beschreibt diese recht treffend:

„Das Reich bestand […] aus über 300 Gemeinwesen von sehr unterschiedlicher Größe und Staatsform. Es handelte sich um die weltlichen Fürsten und ihre Territorien, angefangen von den Großen, wie Österreich oder Preußen, über die mittleren, wie Kurbayern, bis hin zu den Zwergherzogtümern und Fürstentümern wie Sachsen-Weimar oder Pfalz-Neuburg und ferner um die geistlichen Fürsten und ihre Territorien. Zu nennen sind hier u.a. die geistlichen Kurfürsten, der Erzbischof von Salzburg […], aber auch Hochstifte wie Würzburg oder Reichsabteien wie Kempten. […] Hinzu kamen noch Reichsritter, Reichsstädte und Reichsdörfer. Diesen Mitgliedern des Reichs stand als gemeinsame Institution als Oberhaupt des Reiches der von den Kurfürsten jeweils gewählte Kaiser gegenüber. […] Wichtig für das Reichsganze war auch der Mainzer Reichserzkanzler, der zweite Mann im Reich, […] und vornehmste geistliche Kurfürst. Er organisierte und leitete nach dem Tode des jeweiligen Reichsoberhaupts die Königs- beziehungsweise Kaiserwahl, ernannte das Personal der Reichshofkanzlei und hatte das Reichstagsdirektorium inne.“3

Neben diesen politischen Institutionen nahmen die Reichsgerichte (Reichskammergericht und Reichshofrat) eine zentrale Position ein; ihre Aufgabe war es die Reichsfriedensordnung aufrechtzuerhalten. Dies betraf insofern ein angestrebtes friedliches Zusammenleben zwischen den Städten sowie Klein- und Großstaaten, um konfessionellen Konflikten zwischen protestantischen und katholisch geprägten Regionen vorzubeugen oder diese gegebenenfalls zu beseitigen. Im Gegensatz zu Frankreich galt das Heilige Römische Reich deutscher Nation als dezentrales föderalistisches Gebilde.4 Das bedeutete, dass es kein konzentriertes kulturelles Zentrum gab, sondern diese in verschiedenen Teilen des Landes zu finden waren. So bildeten sich vielmehr Städte wie München, Potsdam, Dresden, Prag oder Wien zu Zentren europäischen Geisteslebens aus.5

2.1.1 Der Reichstag zu Regensburg

Die Konstituierung eines Reichstages im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation ist aus heutiger Sicht mehr als 500 Jahre alt. Erste Ansätze von königlichen Hoftagen, an denen der Kaiser und geladene Fürsten teilnahmen beziehungsweise Kurfürstentagen lassen sich schon eher feststellen. Allerdings lassen sich diese Zusammenkünfte nicht als fest organisierte Tagungen mit einer Geschäftsordnung bezeichnen. Vielmehr mündeten diese erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts in den Reichstag zu Worms von 1495.6 Teilnehmer oder Sitzberechtigte im Reichstag waren das Kurfürstenkollegium oder der Kurfürstenrat, die sich an der Kaiserwahl beteiligten, die geistlichen Kurfürsten Mainz, Trier und Köln sowie die weltlichen Kurfürsten Böhmen, Pfalz, Sachsen und Brandenburg.7 Der deutsche Historiker Johannes Burkhardt beschreibt in einem Aufsatz das Beschlussverfahren im Reichstag, was die Verabschiedung eines neuen Gesetzes anbelangte: „Wenn der Kaiser den Reichstag einberief und einen Antrag stellte, wurde diese Proposition [Antrag] in den drei Kurien getrennt beraten und durch Umfrage möglichst einvernehmlich, aber auch nach Mehrheit entschieden. […] Mit der Zustimmung der Reichsstädte […] wurde daraus das Reichsgutachten, das dem Kaiser überreicht wurde. War das Reichsoberhaupt einverstanden, wurde es ein Reichsschluss, der gebündelt dann am Ende des Reichstags als Reichsabschied veröffentlich wurde.“8

Wie bereits erwähnt galt das Alte Reich weitestgehend als multikonfessionelles Staatensystem, was bedeutete, dass hier circa 58% Katholiken, 41% Protestanten und 1% Juden gegen Ende des 18. Jahrhunderts lebten. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde eine relative Gleichberechtigung zwischen Katholiken und Protestanten, das heißt Lutheranern und Reformierten, besiegelt. Dies unterschied das Reich weiterhin von Staaten wie Frankreich oder Spanien, in denen die Bevölkerung sehr stark katholisch geprägt war. Zwar besaßen die Katholiken durch den Mainzer Reichserzkanzler und das katholische Reichsoberhaupt eine gewisse Mehrheit im Reichstag, jedoch sollten die Belange der protestantischen Beisitzenden nicht ignoriert werden. Dies bedeutete, dass beispielsweise katholischen Landesherren in Hessen- Kassel oder Sachsen die Kompetenz in der Reichspolitik zu bestimmen gelegentlich entzogen wurde, um das angestrebte konfessionelle Gleichgewicht nicht zu gefährden.9 Als der Reichstag an Stetigkeit gewann, wurde schließlich in der Mitte des 17. Jahrhunderts der Reichstag zu Regensburg einberufen, der auch als Immerwährender Reichstag in die Geschichte eingegangen ist. Dies bedeutete, dass er permanente Einrichtung mit festem Sitz in Regensburg wurde. An dieser Stelle möchte ich die politische Bedeutung dieser Stadt hervorheben, da sie „neben Wien als Residenzstadt und Frankfurt am Main als Wahl- und Krönungsort ein Reichszentrum wurde, an dem sich auch Gesandte auswärtiger Mächte wie Frankreich, die Vereinigten Staaten der Niederlande, England und Russland akkreditieren [beglaubigen] ließen.“10

Eine durchaus wichtige Aufgabe kam dem Reichstag zu, die Johannes Burkhardt als „sicherheitspolitische Kompetenz“11 umschreibt. Gemeint ist damit, dass gegebenenfalls bei einer Bedrohung durch einen anderen Staat der Reichskrieg zu beschließen war beziehungsweise anschließend Friedensschlüsse auszuhandeln waren. Diese Beschlüsse fielen dann in den Bereich einer Deputation, das heißt einer Abordnung, die mit der Ausarbeitung des entsprechenden Papieres betraut wurde. Im Folgenden werde ich auf den sogenannten Reichsdeputationshauptschluss eingehen, der ein Beispiel hierfür darstellt und wohl zu den bedeutendsten Beschlüssen eines Reichstages in der deutschen Geschichte zählt. Zunächst ist es jedoch erforderlich, auf einige Schwachstellen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation einzugehen, die eine Voraussetzung für dessen späteren Zerfall darstellen.

2.1.2 Problematisierung: Schwachstellen im Alten Reich

Das Heilige Römische Reich deutscher Nation existierte als ein traditionsreiches, flächenmäßig sehr breit angelegtes Staatsgebilde und wie bereits erwähnt als ein Land mit Vielfalt in kultureller, konfessioneller und politischer Hinsicht. Allerdings besaß es einige Schwachstellen, die in den folgenden Jahren die Auflösung des Alten Reiches begünstigten. Mir ist es wichtig diese zu beleuchten, um nicht nur das expansive Bestreben Frankreichs um die Schaffung von „natürlichen Grenzen“ von außen darzustellen12, sondern auch um einige innenpolitische Faktoren aufzuführen. Zunächst lässt sich aussagen, dass im Reich keine niedergeschriebene Verfassung vorhanden war, die die Zuständigkeiten und Befugnisse zwischen Kaiser und Fürsten beziehungsweise Kaiser und Reich festlegte. Zwar existierten bedeutende Grundgesetze wie die Goldene Bulle von 1356, die die Kaiserwahl durch die Kurfürsten regelte oder dem Westfälischen Friedensvertrag von 164813 -allerdings klärten diese die Frage nach dem Inhaber der Reichsgewalt in keinem Punkt. Weiterhin lässt sich ein zunehmendes Machterweiterungsbestreben der Einzelstaaten auf Kosten des Reichsganzen herausstreichen. Dies stand im Interesse der Reichsstände, die ihre Machtposition im Reich erheblich ausbauen wollten.14 Somit unterschied sich das Heilige Römische Reich deutscher Nation in dieser Hinsicht von Staaten wie Frankreich oder England, in denen versucht wurde, einen zentralistisch nach außen hin geschlossenen Staat zu errichten, während im Alten Reich dies das Gegenteil war und die Situation eher an eine individuelle Kleinstaatenpolitik geknüpft war.15

[...]


1 Klueting, Harm: 200 Jahre Reichsdeputationshauptschluss-Säkularisation, Mediatisierung und Modernisierung zwischen Altem Reich und neuer Staatlichkeit, o.O. 2005.

2 Hartmann, Peter Claus: Das Heilige Römische Reich, ein föderalistisches Staatsgebilde mit politischer, kultureller und religiöser Vielfalt, in: Peter Claus Hartmann (Hrsg.): Das Heilige Römische Reich und sein Ende 1806, Regensburg 2006.

3 Ebd., S.14-15.

4 Ebd.

5 Aufgrund der inhaltlichen Themenfülle möchte ich die kulturelle Vielfalt im Alten Reich nicht weiter beleuchten.

6 Burkhardt, Johannes: Vorparlamentarische Formen im Heiligen Römischen Reich?, in: P. C. Hartmann (Hrsg.): Das Heilige Römische Reich und sein Ende 1806, Regensburg 2006.

7 Eine Abbildung zur Reichstagsordnung ist im Anhang zu finden.

8 Burkhardt, J.: Vorparlamentarische Formen im Heiligen Römischen Reich?, in: P. C. Hartmann (Hrsg.): Das Heilige Römische Reich und sein Ende 1806, Regensburg 2006.

9 Hartmann, P. C.: Das Heilige Römische Reich, ein föderalistisches Staatsgebilde mit politischer, kultureller und religiöser Vielfalt, in: Peter Claus Hartmann (Hg.): Das Heilige Römische Reich und sein Ende 1806, Regensburg 2006.

10 Becker, Hans-Jürgen: Die Strukturen des Alten Reiches, in: Peter Schmid (Hrsg.): 1803: Wende in Europas Mitte- Vom feudalen zum bürgerlichen Zeitalter, Regensburg 2003, S. 18.

11 Burkhardt, J.: Vorparlamentarische Formen im Heiligen Römischen Reich?, in: Peter Claus Hartmann (Hg.): Das Heilige Römische Reich und sein Ende 1806, Regensburg 2006.

12 Mit den natürlichen Grenzen waren Alpen, Pyrenäen und Rhein gemeint.

13 Mit dem Westfälischen Friedensvertrag wurde der Kaiser im Alten Reich als Reichsoberhaupt und oberster Lehensherr legitimiert.

14 Becker, H.-J.: Die Strukturen des Alten Reiches, in: Peter Schmid (Hrsg.): 1803: Wende in Europas Mitte- Vom feudalen zum bürgerlichen Zeitalter, Regensburg 2003.

15 Hartmann, P.C.: Das Heilige Römische Reich, ein föderalistisches Staatsgebilde mit politischer, kultureller und religiöser Vielfalt, in: Peter C. H. (Hrsg.): Das Heilige Römische Reich und sein Ende 1806, Regensburg 2006.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
PS Krieg, Besatzung und Reform. Deutschland unter der Herrschaft Napoleons
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V268698
ISBN (eBook)
9783656589686
ISBN (Buch)
9783656589679
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein inhaltlich brauchbare Proseminararbeit, leider die Zitationen nicht immer mit Seitenangaben in den Fußnoten geführt.
Schlagworte
Napoleon, Reichsdeputationshauptschluss, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation, Rheinbund, Montgelas, Napoleon Bonaparte
Arbeit zitieren
Robert Bräutigam (Autor), 2009, Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268698

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