Sind die Polen die besseren Europäer? Eine Gegenüberstellung der polnischen Europaidentität und der Einstellung des Volkes zur Europäischen Union


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Identitätsbegriff
2.1 Die nationale Identität Polens
2.2 Polens Europabild
2.3 Polen und die Europäische Union

3. Die Zukunft einer europäischen Identität innerhalb der Union

4. Fazit

Literatur

Sind die Polen die besseren Europäer?

Eine Gegenüberstellung der polnischen Europaidentität und der Einstellung des Volkes zur Europäischen Union

1. Einleitung

Die „Rückkehr nach Europa“ – einer der meistbenutzten Slogans der frühen 1990er Jahre.[1] Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks war die Stimmung in den ehemals kommunistischen Ländern einheitlich pro-westlich.

„Die Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn sprachen übereinstimmend von der ‚Rückkehr nach Europa’, sahen die Zukunft ihrer Länder also in der Übernahme der auf den Grundpfeilern Rechtsstaat, parlamentarische Demokratie und Marktwirtschaft beruhenden (west-)europäischen Ordnung.“[2]

Niemand stellte die Frage, ob oder inwieweit die Visegrad-Länder und ihre Nachbarn zu Europa gehörten. Die Freude über die „Befreiung“ überwog, und dass die ehemaligen Ostblockstaaten nun herzlich willkommen waren, lag auf der Hand. Europa war endlich nicht mehr durch den Eisernen Vorhang und dessen Manifestation, die Berliner Mauer, in der Mitte durchgeschnitten, endlich wieder vereint. Doch nachdem die erste Welle der Euphorie verklungen war und man sich nicht mehr damit zufrieden gab, einander in den Armen zu liegen, wurden erste Zweifel laut. Mit der Diskussion um einen EU-Beitritt der östlichen Nachbarn kam die Frage auf, wer eigentlich wahrlich europäisch ist. Die Polen hatten nicht nur lauthals von der Rückkehr nach Europa geredet, sie fühlten sich auch historisch unleugbar dem europäischen Kontinent zugehörig. Die ursprüngliche Eile, mit der Polen der Europäischen Union beitreten wollte, macht heutige Eurobarometer-Daten, nach denen die Polen keineswegs überdurchschnittliche Befürworter der EU sind, umso verwunderlicher. “[…U]ntil recently, the idea of a ‘Polish Eurosceptic’ was something of an oxymoron”[3], schreibt Szczerbiak und bezieht sich dabei auf die aufkeimende und immer stärker werdende Euroskepsis im Lande. Wie nun stehen sich die Überzeugung der Polen, die wahren, und vielleicht sogar besseren Europäer zu sein, und die nicht nur skeptische, sondern oft regelrecht abweisende Haltung zur EU gegenüber? Der hier vorliegende Aufsatz will nicht nur die in der Überschrift gestellte Frage klären, ob die Polen die „besseren Europäer“ sind, sondern beschäftigt sich hauptsächlich mit den unterschiedlichen Europabildern die in nationalen oder gesamteuropäischen/unionsinternen Identitäten vorherrschen. Hierzu wird zuerst die Frage zu klären sein, was Identität eigentlich ist, welche Formen von Identität es gibt und worin diese sich manifestieren (Kapitel 2). Darauf folgend wird die historisch gewachsene Identität Polens näher untersucht (2.1) und das darin enthaltene Europabild analysiert werden (2.2). Nach einer Gegenüberstellung der gefundenen Faktoren und dem Bild der Europäischen Union, das in Polen vorherrscht (2.3), sollen Voraussetzungen skizziert werden, die eine polnische Identifikation mit Europa, die sich mit der Identifikation mit der EU deckt, möglich machen würden (3). Im abschließenden Fazit (4) wird eine Erklärung gegeben werden, warum die Polen historisch zwar die überzeugteren Europäer sein mögen, sich diese Einstellung aber nicht in der EU-Begeisterung des Volkes niederschlägt.

2. Der Identitätsbegriff

Um die Identität der Polen und den Einfluss des Europabildes auf eben diese Identität auswerten zu können, muss zuerst die Frage beantwortet werden, aus welchen Komponenten sich Identitäten generell zusammensetzen. Identitäten sind Aushängeschilder, die wir uns selbst geben. Die persönliche Identität eines Menschen reicht von seinem Musikgeschmack über seine politische Einstellung bis hin zu den Werten und Normen, die er vertritt. Durch Sozialisation, die Kultur, in der wir aufwachsen, wird dieses Selbstbild geprägt und verinnerlicht. Über Identitäten definiert der Mensch sich im Umfeld anderer.

Neben der persönlichen Identität spielen aber auch kollektive Identitäten eine große Rolle zur Orientierung in der Gesellschaft. Die Debatte, ob multiple Identitäten möglich sind, findet hier im Kleinen schon eine Antwort. Der Mensch ist nicht nur er selbst, sondern identifiziert sich auch mit anderen. Kollektive Identitäten drücken sich in dem Gefühl aus, zu einer Gruppe zu gehören. In konzentrischen Kreisen, in deren Mittelpunkt das Individuum steht, können dies Familien, soziale Klassen, Nationen oder ganze Zivilisationen sein. Die Entstehung kollektiver Identitäten vollzieht sich laut Emcke aus zwei unterschiedlichen Gründen: Entweder aus Not oder aus Enthusiasmus.[4] Diese Feststellung lässt sich sehr gut an der Frage erkennen, die deutschen Juden, die nach 1933 nach Palästina kamen, oft gestellt wurde: „Kommt ihr aus Deutschland oder aus Überzeugung?“ Diesem Ansatz folgend gibt es sowohl Modelle kollektiver Identität, die Praktiken und Bedeutungen aktiv und intentional reproduzieren, als auch solche Modelle, in denen Identitäten passiv und unreflektiert gebildet werden.[5] Letztere Modelle sind jene, die aus Not geboren, erstere die, die aus und mit Enthusiasmus gezeugt wurden. Die aus dieser Erkenntnis geborene Debatte um bereits bestehende kollektive Identitäten und deren Ursprung setzt sich in der Frage fort, ob die Konstruktion neuer kollektiver Identitäten durch Strategie oder Zufall größere Erfolgschance hat.

Eine Form der kollektiven Identität ist die sogenannte politische Identität, die meist eng mit der nationalen Identität verknüpft ist.

„Die Identifikation, d.h. ein individuelles Zugehörigkeits-/Loyalitätsgefühl zu einem Kollektiv, kann als der politisch besonders relevante Ausdruck kollektiver Identität verstanden werden, als grundsätzliche, ideelle und/oder affektive Akzeptanz und Unterstützung der politischen Gemeinschaft“[6],

so Westle. Auch hier spielt die Sozialisation wieder eine bedeutende Rolle. Der Mensch ist nicht qua Geburt ein Teil der Gemeinschaft, sondern seine gesellschaftliche Inklusion nimmt erst durch die Erziehung zum Staatsbürger Gestalt an.[7] Zwischen der Identität des Einzelnen und der kollektiven Identität seines Staatsvolkes, seiner Nation, bestehen somit enge Beziehungen. Auch hier lässt sich wieder die Debatte um multiple Identitäten fortführen. Westle vertritt die Ansicht, konfligierende Bindungen, also die multiple Bindungsfähigkeit je nach Identitätsbedürfnis ende nicht auf individueller Basis. Je nach Ort, an dem er sich befindet oder Thema, über das er sich gerade unterhält, identifiziert der Mensch sich mehr mit seiner Generation, seiner Nationalität, seiner Religion oder seinem Geschlecht. Ebenso können Menschen laut Westle auch „ohne psychologischen Stress durchaus Bindungen an mehrere politische Einheiten empfinden, wobei diese Bindungen entweder unabhängig voneinander sein oder sich sogar gegenseitig stützen könnten.“[8] Der 1983 von Benedict Anderson geprägte Begriff der Nation als „imagined community“ legt nahe, dass auch die nationale Identität eine Imagination des Individuums ist.[9] Eine Vorstellung, die auf historischen sowie zeitgenössischen Einflüssen basiert und auf diese reagiert, also veränderlich ist. McManus-Czubińska/Miller/Markowski/Wasilewski schreiben auf dieser Grundlage über Polen:

„It is almost inconceivable that large numbers in Poland will drop their Polish identity anytime soon. But it is not inconceivable that they could refashion their Polish national identity quite quickly if circumstances change, switching between relatively exclusive and relatively dual variants.”[10]

Identitäten sind demnach „Konstrukte, die sich auf die Vergangenheit beziehen und für die Gegenwart und Zukunft Orientierung bieten.“[11]

Kollektive, und insbesondere nationale Identitäten werden nach Schlesinger auf drei Basisfaktoren aufgebaut: Inklusion/Exklusion, Traditionen und Territorium.[12] Wir fühlen uns Menschen der gleichen Generation, Nation oder Klasse näher als anderen. Bei der Definition des „Wir“ sucht der Mensch nach Merkmalen, die andere mit ihm teilen. Nicht umsonst liegt den Worten Identität und identisch der gleiche Wortstamm zugrunde. Mit der Aussage „To be us, we need those who are ‘not us’” veranschaulicht Schlesinger das Zusammenspiel von In- und Exklusion. Je komplexer und somit schwieriger das „Wir“ zu definieren ist, desto größerer Wert kommt dem Ziehen von klaren Grenzen zu. Giesen formuliert diese Erkenntnis 1993 wie folgt:

„Kollektive Identität ergibt sich nicht aus der zufälligen Gleichheit der Interessen, sondern sie beruht auf der Konstruktion von fundamentalen Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen einer Gemeinschaft der Gleichen und einer Vielfalt von Außenstehenden, Fremden und Andersartigen.”[13]

Die gemeinsamen Traditionen eines Kollektivs können kultureller Natur sein (Essgewohnheiten, Werte, Manieren), sich auf religiöse Gemeinsamkeiten stützen oder historisch begründet sein. „Für die nationale Identitätskonstruktion sind die Geschichtsschreibung und die Konzentration des Geschichtsbildes auf die die nationale Einheit konstruierenden Mythen relevant.“[14] Soziale Gruppen, die die meist künstlich geschaffenen Traditionen nicht teilen, gelten als „der Feind“. Der dritte und letzte identitätsstiftende Faktor ist das gemeinsame Territorium. So wie Familien eine Wohnung teilen und soziale Schichten sich in einem bestimmten Viertel der Stadt zu Hause fühlen, benötigen Nationen klar definierte Grenzen, um eine Identität zu formen.

Im Verlauf dieser Arbeit wird zu diskutieren sein, ob die nationale Identität der Polen mit einer europäischen vereinbar ist. Hierzu müssen wir die Frage im Hinterkopf behalten, ob Europa eine kulturelle oder eine politische Identität für sich in Anspruch nehmen soll.

[...]


[1] vgl. Kopecký/Mudde, 2002, 298

[2] Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, 1994, 9

[3] Szczerbiak, 2001, 106

[4] vgl. Emcke, 2000, 199

[5] vgl. ebd., 199

[6] Westle, 2003, 455

[7] vgl. Koops, 2002, 324

[8] Westle, 2003, 455

[9] vgl. McManus-Czubińska/Miller/Markowski/Wasilewski, 2003, 125

[10] ebd., 125

[11] Feldmann, 2000, 27

[12] vgl. Schlesinger, 2002, 194

[13] Giesen, 1993, 492

[14] Koops, 2002, 333

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Sind die Polen die besseren Europäer? Eine Gegenüberstellung der polnischen Europaidentität und der Einstellung des Volkes zur Europäischen Union
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V26880
ISBN (eBook)
9783638290845
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Geschrieben im Rahmen des internationalen MAsterstudiengangs "Euromaster".
Schlagworte
Sind, Polen, Europäer, Eine, Gegenüberstellung, Europaidentität, Einstellung, Volkes, Europäischen, Union
Arbeit zitieren
Birte Müller-Heidelberg (Autor), 2004, Sind die Polen die besseren Europäer? Eine Gegenüberstellung der polnischen Europaidentität und der Einstellung des Volkes zur Europäischen Union, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26880

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