Die Schweiz als Exilland für die deutsche Arbeiterbewegung in der NS-Zeit

Die Solidarität der Schweizer Sozialdemokratie


Seminararbeit, 2014

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die sozialdemokratische Emigration in die Schweiz
1.1 Die sozialdemokratischen Emigrantengruppen
1.2 Die Schweizer Sozialdemokratie
1.2.1 Bedeutende Politiker
1.2.2 Die linkssozialistische Gruppierung ÄNeu Beginnen“
1.2.3 Die Sozialistische Arbeiterpartei-Auslandsgruppe Schweiz

2. Die sozialdemokratische Solidarität in der Schweiz
2.1 Die Konfrontation mit dem Nationalsozialismus im Jahre 1933
2.2 Die Flüchtlingshilfe von 1933 bis 1940

3. Zusammenfassung

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Die deutsche Emigration in die Schweiz im Zeitraum von 1933 bis 1945 hat in der wissenschaftlichen Forschung im Vergleich zu anderen Ländern wenig Beachtung gefunden, weil sich die Schweizer Historiographie bisher kaum mit der Geschichte des deutschen Exils in ihrer Heimat befasst hat. Dafür ist vor allem die äußerst restriktive Flüchtlingspolitik der Schweizer Behörden, die mit ihrer Asyltradition brachen und nur relativ wenige als politische Flüchtlinge anerkannten, anzuführen. Die Schweiz wurde ein Transitland, die dauerhaft kaum Flüchtlinge aufnahm, und daher sahen sich viele in die Schweiz geflohene Menschen zur Weiterwanderung veranlasst. ÄEntweder gingen sie freiwillig, weil sie keine ausreichende Lebensgrundlage finden konnten, oder ihre befristete Aufenthaltsbewilligung wurde nicht verlängert. Nur relativ wenigen gelang es, als politische Flüchtlinge anerkannt oder aus anderen Gründen längere Zeit geduldet zu werden.“1 So hielten sich in den 1930er Jahren nur einige Tausend Flüchtlinge in der Schweiz auf, wobei die Flüchtlingszahlen ihren Höhepunkt mit etwa zehn bis zwölf Tausend im Herbst 1938 nach der Fluchtwelle österreichischer Juden erreichten und wegen des Weiterwanderungsdrucks zum Beginn des Zweiten Weltkrieges auf sieben Tausend zurückgingen. Daher kann die Schweiz keinesfalls zu den maßgeblichen Exilländern nach dem Jahre 1933 gezählt werden, aber immerhin bot sie für eine gewisse Zeit bedrängten Menschen einen Zufluchtsort, wo sie leben, wirken und ihre Spuren hinterlassen konnten.2

Im Gegensatz zur bürgerlichen politischen Elite erkannte die Schweizer Sozialdemokratie sofort die Gefahr des Nationalsozialismus für Demokratie und Freiheit, wobei der gewaltbereite Terror gegen Andersdenkende für die Sozialdemokraten keine reine deutsche Angelegenheit war, sondern vielmehr eine Bedrohung der eigenen Werte und Überzeugungen darstellte. Die Sorge vor einer autoritären Entwicklung in der Schweiz förderte die Ävorhandenen Integrationstendenzen der Sozialdemokratie in den bürgerlich- liberalen Staat, dessen Verteidigung zunehmend in den Mittelpunkt ihrer Politik rückte“3 Innerhalb der Sozialdemokratie genossen linkssozialistische Parteien und Gruppierungen wie z.B. die Sozialistische Arbeiterpartei oder Neu Beginnen viel Sympathie und die illegale politische Arbeit der Flüchtlinge wurde aktiv unterstützt, obwohl dies innerhalb der Partei und Gewerkschaften nicht unumstritten war. ÄDennoch konnten die Flüchtlinge und ihre schweizerischen Helfer zumeist auf stillschweigendes, wenn nicht gar wohlwollendes Verständnis hoffen.“4

1. Die sozialdemokratische Emigration in die Schweiz

Trotz vieler Restriktionen und Gefahren agitierten die geflohenen deutschen Sozialdemokraten von der Schweiz aus weiter gegen das NS-Regime. ÄSie waren nicht bereit, das Verbot jeglicher politischer Betätigung zu befolgen, da sie Deutschland verlassen hatten, um weiter für ihre Überzeugungen eintreten zu können.“5 Die deutschen Sozialdemokraten in der Schweiz waren nicht zentral organisiert, sondern es bildeten sich meist lokal ausgerichtete Gruppen, die kaum Kontakt zueinander hielten. Besondere Aktivitäten entwickelten linkssozialistische Gruppen wie ÄNeu Beginnen“ oder die ÄSozialistische Arbeiterpartei-Auslandsgruppe Schweiz“, und gewerkschaftlich orientierte Gruppen arbeiteten eng mit schweizerischen und internationalen Gewerkschaftsorganisationen zusammen. Jedoch zählten die meisten Gruppen nur wenige Mitglieder, und so dürfte die sozialdemokratische Emigration kaum jemals mehr als 100 Personen betragen haben. Die Anerkennung fast aller deutschen Sozialdemokraten als politische Flüchtlinge erleichterte ihnen das tägliche Leben, brachte aber zugleich ein erhöhtes Risiko bei der illegalen politischen Arbeit mit sich. Die sozialdemokratischen Emigrantengruppen hielten auch Verbindungen zu Widerstandszirkeln im Südwesten des Deutschen Reichs, die sie mit Schriften und Informationen versorgten, und erhielten ihrerseits bedeutsame Berichte über die Lage in ihrer Heimat. Spätestens seit dem Jahre 1936 brachen die meisten Kontakte nach Deutschland ab und nur in Einzelfällen lassen sich funktionierende Verbindungen mit kleinsten Widerstandszirkeln bis zum Jahre 1938 nachweisen.6

1.1 Die sozialdemokratischen Emigrantengruppen

Die meisten sozialdemokratischen Flüchtlinge, die ab Frühjahr 1933 in der Schweiz Zuflucht suchten, hielten sich in Zürich auf, wobei schon bald vielen klar wurde, dass Äangesichts der schweizerischen Flüchtlingspolitik an eine eigenständige wirtschaftliche Existenz und einen offenen Kampf gegen den Nationalsozialismus nicht zu denken war“7. Da erste Kontakte mit führenden Schweizer Sozialdemokraten enttäuschend verliefen, beschlossen einige Emigranten bereits Ende Mai zur Weiterreise. Diejenigen, die noch eine Zeitlang der Illusion anhingen, in der Schweiz eine zukünftige Lebensperspektive zu finden, verließen früher oder später ebenfalls das Land. ÄManche hatten aber gar keine andere Wahl als auszuharren, da sie wegen ihrer abgelaufenen Pässe kaum auf ein Einreisevisum anderer Länder hoffen durften.“8

Nicht nur der Druck seitens der Schweizer Behörden und die materiellen sowie sozialen Schwierigkeiten, sondern auch die Auseinandersetzungen über den Kurs der deutschen Sozialdemokratie vor 1933 belastete von Anfang an die sozialdemokratische Emigration in der Schweiz. Außerdem war die Kommunikation zwischen dem Parteivorstand im Exil und den Flüchtlingen in der Schweiz von Beginn an mehr als dürftig, und daher waren alle Versuche, die sozialdemokratische Emigration in der Schweiz zu etablieren, zum Scheitern verurteilt. Bereits Mitte Oktober 1933 gingen die Aktivitäten der Emigrantengruppe in Zürich, die im Sommer 1933 etwa 50 Personen umfasste, stark zurück und regelmäßige Zusammenkünfte fanden nur mehr hin und wieder statt. Im Laufe des Jahres 1935 wurden sie ganz eingestellt, was auch auf die übervorsichtige Haltung der Schweizer Parteigenossen zurückzuführen war, die jegliche politische Aktivität der von ihnen betreuten Flüchtlinge ablehnten. Neben Zürich gab es auch in Basel zumindest für eine Weile eine Emigrantengruppe, die zu Beginn des Jahres 1934 etwa 15 Personen umfasste, aber es bestanden so gut wie keine Kontakte zwischen ihr und dem Parteivorstand im Exil. In Bern kam es gar nicht zu einer Gruppenbildung, da die Exilanten gleich von Anfang an getrennte Wege gegangen zu sein schienen.9

Eine dritte sozialdemokratische Emigrantengruppe gab es noch in St. Gallen mit ihren politisch bedeutendsten Vertreter Erwin Schoettle. ÄTrotz aller Differenzen fanden 1934 in Zürich noch zwei grössere Konferenzen in der Schweiz lebender sozialdemokratischer Flüchtlinge statt, an denen die konträren politischen Auffassungen offen ausgetragen wurden.“10 In den folgenden Jahren führten die kleinen Emigrantengruppen in Zürich, Basel, St. Gallen und Bern weitgehend ein Eigenleben, wobei sich die Gruppen in St. Gallen und Zürich aufgrund persönlicher Konflikte weiter dezimierten. Ende 1937 unternahmen mehrere Exilanten den Versuch, den Zusammenhalt unter den Genossen wieder zu verbessern. Ein Treffen in Zürich brachte erste Ergebnisse. Jedoch trübten die großen politischen Differenzen das Verhältnis zwischen den sozialdemokratischen Flüchtlingen, sodass im August 1938 ein seit längerem schwelender Konflikt im Parteivorstand der Züricher Gruppe offen ausbrach. Für die meisten Exilanten blieben schriftliche Stellungnahmen meist die einzige Form der Meinungsäußerungen, denn in der sozialdemokratischen Exilpresse konnten sich nur wenige in der Schweiz lebende Exilanten artikulieren. Eine bedeutende Ausnahme war Rudolf Hilferding, der sich von 1933 bis 1938 vorwiegend in Zürich aufhielt und als österreichischer Staatsbürger nicht den Beschränkungen des Flüchtlingsstatus unterlag. Da sich die Verbindungen innerhalb der sozialdemokratischen Emigration und mit dem Parteivorstand im Exil im Laufe der Jahre immer mehr lockerten, waren die meisten Emigranten politisch weitgehend ausgeschaltet.

Des Weiteren konnten sich die Emigrantengruppen in der Schweiz kaum aktiv an wichtigen politischen Debatten und Formierungsprozessen der deutschen Emigration beteiligen, da sie wegen der Tatsache, dass die Schweizer Fremdenpolizei ihnen keine Garantie für die Wiedereinreise gab, trotz entsprechender Einladungen nicht an den Pariser Treffen und Konferenzen zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront im Exil teilnehmen konnten. Daher blieben ihre Kontakte vor allem auf Korrespondenzen und persönliche Treffen in der Schweiz beschränkt, und als weitere entmutigende Komponente des Lebens im Exil kam die mit den Jahren immer stärker spürbare Isolation von der gesellschaftlichen Realität in Deutschland hinzu. So hatten viele Flüchtlinge keine oder nur sporadische Verbindungen zu sozialdemokratischen Widerstandszirkeln in der Heimat, was insbesondere für die größte Emigrantengruppe in Zürich galt. Bessere Kontakte mit der Heimat hatten die Emigrantengruppen in den grenznahen Städten St. Gallen und Basel, auf deren Schultern die Unterstützung der illegalen Arbeit in Südwestdeutschland ruhte.11

1.2 Die Schweizer Sozialdemokratie

1.2.1 Bedeutende Politiker

Robert Grimm (1881-1958)

Dieser war die treibende Kraft des Generalstreiks der Arbeiter und Gewerkschafter von 1918 und gilt als eine der entscheidenden Figuren der schweizerischen Arbeiterbewegung. Als Verfasser des Parteiprogramms von 1935 machte er die Schweizer Sozialdemokratie durch die Absage an die proletarische Diktatur und die Bejahung der Landesverteidigung regierungstauglich. Mit seiner Politik einer sozialdemokratischen Alternative hat er den Schweizer Sozialstaat maßgeblich mitgeprägt.12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Max Weber (1897-1974)

[...]


1 Wichers, Kampf gegen Hitler, S. 17.

2 Vgl. ebd., S. 17f.

3 Wichers, Kampf gegen Hitler, S. 305.

4 Ebd., S. 305.

5 Ebd., S. 306.

6 Vgl. Wichers, Kampf gegen Hitler, S. 306f.

7 Ebd., S. 220.

8 Ebd., S. 220.

9 Vgl. Wichers, Kampf gegen Hitler, S. 220ff.

10 Ebd., S. 223.

11 Vgl. Wichers, Kampf gegen Hitler, S. 225ff.

12 Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Grimm (Zugriff: 10.01.2014)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Schweiz als Exilland für die deutsche Arbeiterbewegung in der NS-Zeit
Untertitel
Die Solidarität der Schweizer Sozialdemokratie
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V268931
ISBN (eBook)
9783656599135
ISBN (Buch)
9783656599142
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Schweiz, Flüchtlingspolitik, Sozialdemokratische Emigration, Schweizer Sozialdemokratie
Arbeit zitieren
DI MMag Fabian Prilasnig (Autor), 2014, Die Schweiz als Exilland für die deutsche Arbeiterbewegung in der NS-Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268931

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