El Conde Lucanor: "Mentalitätsgeschichtliche Involution" in der "Krise des Spätmittelalters"?

Kritische Anmerkungen zu einem Forschungsparadigma


Hausarbeit, 2011

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Im Schatten des Spätmittelalters? Kastilien im 14. Jahrhundert
1.1 Die „Krise“ des Spätmittelalters
1.2 Soziale Spannungen im Kastilien des 14. Jahrhunderts
1.3 Die Folgen der „Krise“: kultureller Niedergang oder literarische Produktivität?

2. El Conde Lucanor
2.1 “transparently didactic and completely untroubled by ambiguity”?
2.2 Der Leser als Hermeneut
2.3 Der Autor als Individuum
2.4 Neubewertung individuellen Erfahrungswissens

Resümee

Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen
Literatur

Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit wird es nicht darum gehen, eines oder mehrere Exempel aus dem „Libro de los enxiemplos del Conde Lucanor et de Patronio” zu analysieren. Die Forschung zu den einzelnen Exempla der Exempelsammlung[1], die besser bekannt ist unter dem Kurztitel „ El Conde Lucanor[2], ist Legion. Stattdessen soll jenes „Werk der Weltliteratur“[3] (Dank Josef Eichendorffs Übersetzung auch der deutschen Literatur)[4] des kastilischen Hochadeligen don Juan Manuel, das nach José Manuel Blecua dessen „obra mas importante“[5] darstellt, unter einer anderen Fragestellung gelesen werden. Denn die Literaturwissenschaft ist, was die Beurteilung dieses opus des Neffen Alfons X. anlangt, verblüffend zwiegespalten. Weite Teile der Forschung sehen in der Sammlung typisch ‚mittelalterliche‘, ja nachgerade rückwärtsgewandte Elemente verwirklicht.[6] Eine repräsentative Rolle innerhalb dieses Forschungsstranges nimmt dabei die bekannte und umfassende Literaturgeschichte von Hans Ulrich Gumbrecht ein.[7] Dieser interpretiert den Conde Lucanor vor der Folie der „kastilischen Krise“ in den letzten Regierungsjahren Alfons des Weisen: Der Kollaps der königlichen Herrschaft habe im Verlauf weniger Jahre den „Horizont des ‚dunklen Spätmittelalters‘“ heraufziehen lassen[8]. Verglichen mit dem Corpus Alfonsinum erscheint ihm der Conde Lucanor sodann als „ein Symptom mentalitätsgeschichtlicher Involution“[9]. Der Verfasser der vorliegenden Arbeit hat sich ob der vergleichsweise harschen Wortwahl dazu angeregt gesehen, die Argumentation Gumbrechts näher in den Blick zu nehmen.

Ausgehend von dessen Bewertung wird daher in dieser Arbeit zunächst der entstehungsgeschichtliche Hintergrund, wie ihn Gumbrecht entwirft, untersucht werden. Es stellt sich die Frage, inwieweit das Paradigma eines krisenhaften und ‚dunklen‘ 14. Jahrhunderts – in Europa und dann speziell in Kastilien – gerechtfertigt ist; denn von einer solchen Auffassung scheint Gumbrechts Bewertung des Conde Lucanor sowie weiterer, im Umfeld des kastilischen Königshofes in manuelinischer Zeit entstandener Literatur maßgeblich abhängig zu sein.

In einem zweiten Schritt wird ein weiteres omnipräsentes Forschungsparadigma problematisiert, wonach der Conde Lucanor ein völlig transparent didaktischer Text sei und – vor allem im Gegensatz zum Libro de buen amor – keinerlei Potential auf Ambiguität besitze. Unter Rückgriff auf neuere Forschungsliteratur wird argumentiert werden, dass der Text nicht nur nicht ausschließlich didaktisch ist, sondern das – möglicherweise an der Intention des Autors vorbei laufende – Potential auf alternative Lektüren bietet. Darüber hinaus sollen einige Aspekte in den Vordergrund gerückt werden, die durchaus modern und nicht ‚typisch mittelalterlich’ oder gar rückwärtsgewandt anmuten: so etwa die Rolle, die der Text dem Leser zuweist, das Selbstverständnis Juan Manuels als Autor und die im Text greifbare Neubewertung menschlichen Erfahrungswissens.

1. Im Schatten des Spätmittelalters? Kastilien im 14. Jahrhundert

Im Folgenden soll zunächst Gumbrechts Argumentation des plötzlich einbrechenden „dunklen Spätmittelalters“ in Kastilien nachvollzogen werden, wozu eine kurze Einordnung in den historischen Kontext nötig ist: Das Königreich Kastilien ist beginnend vom Ende des 13. Jahrhunderts an und noch das ganze 14. Jahrhundert hindurch beherrscht von Erbfolgestreitigkeiten. Der erste Sohn Alfons X. des Weisen, Fernando de la Cerda, war 1275 auf einem Feldzug gegen die Mauren gefallen. Dessen Sohn war von Alfons nach den gültigen Erbfolgeregeln zum Nachfolger ernannt worden. Kastilische Adelsgruppen aber kürten den späteren Sancho IV. zum Thronfolger. Die letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod im Jahre 1284 war Alfons X. gezwungen, gegen seinen eigenen Sohn und mit diesem verbündete rebellische Vasallen Krieg zu führen.[10]

Die Intervention des Adels und die damit beginnenden kriegerischen Auseinandersetzungen markieren für Gumbrecht das „abrupt[e]“ Ende einer Zeit kultureller Blüte. Im Verlauf weniger Jahre sei der „Horizont des ‚dunklen Spätmittelalters‘ heraufgezogen“.[11] An die Stelle einer vernunftbezogenen Erkenntnis der Schöpfung Gottes sei die „Angst vor einer nun nicht mehr allein von Heiden, sonder auch von Teufeln bewohnten Welt“ getreten.[12] Ausweg habe man in „dem zum ‚magischen Gegenzauber‘ degenerierte[n] Sakramentenempfang“ gesucht, was Gumbrecht in der Hervorhebung ritueller Formalitäten in den Castigos e documentos del Rey Don Sancho zu belegen sucht[13].

Als weitere Quelle für den „Umschlag des intellektuellen Horizonts Kastiliens ins ‚dunkle Mittelalters‘ führt Gumbrecht den Lucidario aus der Schreibstube Sanchos IV. an, der die Unfähigkeit erweise, „die materielle und die geistige Welt, die diesseitigen Erfahrungen und die göttliche Offenbarung im Denken auseinander zu halten“.[14] Im Folgenden soll zu dieser Argumentation Stellung bezogen werden.

1.1 Die „Krise“ des Spätmittelalters

Gleich zu Beginn ist bei Gumbrecht die Rede von den Auswirkungen der „Krise des Spätmittelalters auf der iberischen Halbinsel“, womit die eben erwähnten politischen Querelen zwischen Königvater, Sohn-Usurpator und den (mit)rebellierenden Vasallen gemeint sind, die sogleich den sich literarisch entsprechend manifestierenden „Horizont des ‚dunklen Spätmittelalters‘“ evoziert haben sollen.[15] Die Krise auf der iberischen Halbinsel wird also zunächst identifiziert als Manifestation einer europäischen spätmittelalterlichen Krise.

Das Paradigma einer „Krise des Spätmittelalters“ ist im 20. Jahrhundert zu einem vielzitierten Begriff in der historischen Forschung und benachbarten Disziplinen geworden. Nun muss allerdings eine solche Formulierung spätestens seit Peter Schusters einschlägigem Aufsatz zu diesem Phänomen aufhorchen lassen.[16] Dieser betont, dass es zu dieser Krise, anders als zahlreiche Publikationen vermuten lassen, in denen der Begriff rege und mitunter bedenklich unreflektierte Anwendung findet, „eine communis opinio in der Mediävistik nicht gibt und wohl auch nie gegeben hat“[17]. In diesem Sinne gestand auch Erich Meuthen, ein ausgewiesener Kenner der Epoche, freimütig ein, dass er nicht recht wisse, was die Krise des Spätmittelalters eigentlich sei.[18] Schuster endet seinen Beitrag mit dem Fazit, dass die „Krise des Spätmittelalters (…) eine Imagination des 20. Jahrhunderts“ sei, „das in einen ‚fernen Spiegel‘ zu schauen versucht hat und sich dort allenfalls schemenhaft selbst zu erkennen vermochte“[19].

Problematisch ist vor allem, dass es dem Begriff der ‚Krise‘ an Präzision ermangelt. Anders als es landläufiger und kolloquialer Gebrauch nahezulegen scheinen, beinhaltet der Krisenbegriff eine weitere, oftmals unterschlagene Dimension, was die Ausführungen Ferdinand Seibts zeigen. Ihm zufolge sei die „Lage missverstanden wenn man, wie im Alltag oft, ‚Krise‘ als ‚Niedergang‘ deutet. Krise ist Wendezeit, Entscheidungsphase, vielleicht Neuaufbruch und Umkehr, Instabilität, aber nicht notwendig ‚Verfall‘“[20]. Qualitativ kann Krise also etwas sehr vitales und produktives sein, wenn sie den Aufschwung einleitet. Und in Opposition etwa zu Johan Huizinga[21] wird das Spätmittelalter von einigen Historikern durchaus nicht als generell absterbende Epoche gewertet, sondern als Übergangsepoche zwischen Mittelalter und Neuzeit.[22]

1.2 Soziale Spannungen im Kastilien des 14. Jahrhunderts

Die Krise in Kastilien, auf die Gumbrecht Bezug nimmt, äußert sich darin, dass der Adel in direkter militärischer Auseinandersetzung mit dem König versucht, Kontrolle über Teile seiner Macht zu gewinnen. Dies ist im Wesentlichen ein Kampf um ökonomische Interessen, der andauert bis die ‚reyes católicos‘ an die Macht gelangen.[23] Leidtragende solcher Auseinandersetzungen war, wie fast immer im Mittelalter, die landsässige Bevölkerung. Julio Valdeón Baruque zeichnet davon ein beredtes Bild:

[...]


[1] Vgl. aus der Fülle an Publikationen etwa Cristina González: Un cuento caballeresco de Don Juan Manuel: el ejemplo XXV de El Conde Lucanor, in: Nueva revista de filología hispánica 37 (1989) S. 109-118. José Antonio Muciño Ruiz: Literatura medieval y criptoanálisis: el "exemplo" XI del Conde Lucanor, in: Palabra e imagen en la Edad Media (Actas de las IV Jornadas Medievales), hrsg. v. Aurelio González u.a., México 1995, S. 257-266. María Hernández Esteban: La construcción del exemplo XXXV de El conde Lucanor, in: El comentario de textos, hrsg. v. Inés Carrasco und Guadalupe Fernández Ariza, Malaga 1998, S. 161-183. Barry Taylor: ¿Emblema o anéctoda en "El Conde Lucanor", ejemplo 50?, in: Revista de literatura medieval 8 (1996), S. 223-228.
José Antonio Muciño Ruiz: Literatura medieval y criptoanálisis: el "exemplo" XI del Conde Lucanor, in: Palabra e imagen en la Edad Media (s.o.), S. 257-266.

[2] Don Juan Manuel: El Conde Lucanor o Libro de los enxiemplos del conde Lucanor et de Patronio. Edición, introducción y notas de José Manuel Blecua, Valencia 1969, S. 28. Der vorzuziehenden Kürze halber wird auf den Titel im Folgenden als “El Conde Lucanor” referiert.

[3] Peter von Moos: Die Kunst der Antwort. Exempla und dicta im lateinischen Mittelalter, in: Exempel und Exempelsammlungen (Fortuna vitrea 2), hg. v. Walter Haug und Burghart Wachinger, Tübingen 1991, S. 23-57, hier: S. 54.

[4] Josef Eichendorff: Der Graf Lucanor. Fünfzig altspanische Novellen. Dt. von Josef Eichendorff. Hrsg. und mit einem Nachw. vers. von Manfred Hinz, Passau 2007.

[5] Blecua: El Conde Lucanor, S. 28.

[6] Vgl. Kapitel 2.1 in dieser Arbeit.

[7] Hans Ulrich Gumbrecht: Eine Geschichte der spanischen Literatur, Bde. 1-2, Frankfurt am Main 1990.

[8] Gumbrecht: Spanische Literatur, S. 82.

[9] Ebd., S. 93.

[10] Ebd., S. 81.

[11] Ebd., S. 83.

[12] Ebd.

[13] Ebd., S. 82.

[14] Ebd.

[15] Gumbrecht: Spanische Literatur, S. 82. Er räumt allerdings ein, dass das „XIV. Jahrhundert (…) von den Zeitgenossen gewiß nicht allein – und nicht einmal primär – als Zeitalter einer Sinn- und Institutionenkrise erlebt worden. (…) Auf der iberischen Halbinsel habe es „zugleich neue Horizonte der Erfahrung und – teilweise auch – der Prosperität eröffnet.“ (S. 119) Umso mehr muss allerdings verwundern, dass er trotzdem so stark auf die ‚Krise‘ abhebt.

[16] Peter Schuster: Die Krise des Spätmittelalters. Zur Evidenz eines sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Paradigmas in der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts, in: Historische Zeitschrift 269 (1999), S. 19-55.

[17] Ebd., S. 20.

[18] Erich Meuthen: Gab es ein spätes Mittelalter?, in: Johannes Kunisch (Hrsg.): Spätzeit. Studien zu den Problemen eines historischen Epochenbegriffs (Historische Forschungen 42), Berlin 1990, S. 91-136, hier: S. 109.

[19] Peter Schuster: Die Krise des Spätmittelalters, S. 55. Für das folgende mag die mahnende Erkenntnis des frühen und späteren Karl Marx gut passen, wonach „selbst die abstraktesten Kategorien trotz ihrer Gültigkeit – eben wegen ihrer Abstraktion – für alle Epochen doch in der Bestimmtheit dieser Abstraktion selbst ebensosehr das Produkt historischer Verhältnisse sind und ihre Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse besitzen.“ Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Marx/ Engels: Werke, D. 42, S. 39.

[20] Ferdinand Seibt: Die Begründung Europas. Ein Zwischenbericht über die letzten tausend Jahre, Frankfurt am Main 2002, S. 31. Ausführlicher in: Ders.: Zu einem neuen Begriff von der Krise des Spätmittelalters, in: Mittelalter und Gegenwart. Ausgewählte Aufsätze. Festgabe für Ferdinand Seibt zu seinem 60. Geburtstag, hrsg. von Winfried Eberhard und Heinz-Dieter Heimann, Sigmaringen 1987, S. 218-234.

[21] Johan Huizinga: Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des 14. und 15. Jahrhunderts in Frankreich und in den Niederlanden, 1. Aufl. des holländischen Originals 1924; dt. Übers. hrsg. v. Kurt Köster, 12. Aufl. Stuttgart 2006 hat aus der Fülle von Angaben Beispiele ausgewählt, die seiner Ansicht nach „typisch“ für die untersuchte Zeit waren. Das Problematische dieser Vorgehensweise beruht in der Typisierung, die darauf hinausläuft, das uns Auffallende – welches maßgeblich abhängig ist von unseren gängigen Anschauungen – als „typisch“ anzusehen. Vgl. dazu auch: František Graus: Mentalität: Versuch einer Begriffsbestimmung und Methoden der Untersuchung, in: Ders.: Ausgewählte Aufsätze, hrsg. v. Hans-Jörg Gilomen, Peter Moraw und Rainer C. Schwinges, Sigmaringen 1987, S. 371-411, hier: S. 392.

[22] Vgl. dazu mit einer Diskussion der Forschung Eberhard Isenmann: Kann das Mittelalter modern sein? Vormoderne und Moderne - Alterität und Modernität, in: Jan Broch / Markus Rassiller (Hg.): Protomoderne. Schwellen früherer Modernität (Forum 5), Würzburg 2008, S. 27-82.

[23] Julio Rodríguez-Puértolas: Juan Manuel y la crisis castellana del siglo XIV, in: Ders. (Hg.): Literatura, historia y alienación, Barcelona 1976, S. 45-69, hier: S. 45.

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Details

Titel
El Conde Lucanor: "Mentalitätsgeschichtliche Involution" in der "Krise des Spätmittelalters"?
Untertitel
Kritische Anmerkungen zu einem Forschungsparadigma
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Literarische Gattungen des spanischen Mittelalters
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V269051
ISBN (eBook)
9783656601319
ISBN (Buch)
9783656601258
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
conde, lucanor, mentalitätsgeschichtliche, involution, krise, spätmittelalters, kritische, anmerkungen, forschungsparadigma
Arbeit zitieren
Christoph Heckl (Autor), 2011, El Conde Lucanor: "Mentalitätsgeschichtliche Involution" in der "Krise des Spätmittelalters"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269051

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