In seinem Essay 'Der Tod des Autors' plädiert Roland Barthes für die vollständige "Verabschiedung des Autors aus der Interpretation literarischer Texte". Im Folgenden soll diese These durch das hinzuziehen von verschiedenen anderen Quellen und Theorien von weiteren Literaturwissenschaftlern geprüft und in Kontrast zu eben diesen gestellt werden. Zuerst sollte eine Definition, oder zumindest die Annäherung an eine Definition des Autorbegriffs gefunden werden.
Dies wird sich, wie im Folgenden klar werden sollte, als ein schwieriges Unterfangen herausstellen,
da die Untersuchung des Begriffs des Autors in der Literaturwissenschaft ein weites Feld für
Spekulationen, Mutmaßungen und verschiedenste Interpretationen eröffuet hat. Beim finden einer
angemessenen Lösung zu diesem Problem wird - neben anderen Quellen - vor allem Michel
Foucaults Vortrag 'Was ist ein Autor?' eine entscheidende Rolle spielen.
Daraufhin wird dieser Aufsatz das Verhältnis zwischen Autor und Textgenese untersuchen und
hierbei die Konzepte des Genies und des rationalen Schreibers gegenüberstellen. Hierzu werden
einige Auszüge aus Anne Bohnenkamps Theorien = Textgenese zur näheren Erläuterung
herangezogen werden. In Barthes' Argumentation sind außerdem auch starke Parallelen zu den
Erläuterungen von Platon zum Gedankenprozess zu finden. Diese sollen verglichen und auf ihre
Aktualität für die heutige Forschung untersucht werden. Außerdem wird dieser Text Barthes'
Vorschlag einer F okussierung des Interpretationsansatzes weg vom Autor und hin zum Rezipienten
vorstellen. Zur Unterstützung dieser Argumente wird wiederum der Vortrag von Michel Foucault
herangezogen werden. Hierbei wird sich auch eine (zumindest teilweise) Bestätigung der These
vom 'Tod des Autors' finden lassen.
Ziel dieser Hausarbeit ist es eine neue und unkonventionelle Perspektive zur Interpretation
literarischer Texte zu erörtern, die sich von der "naive(n) Identifikation von Werkbedeutung und
Autorbiographie" verabschiedet. Hierbei sollen der Interpretation neue Impulse gegeben werden.
Letztendlich wird sich zeigen, dass eine totale Einschränkung der Interpretation eines Textes auf
den Autor zwar ihre Berechtigung hat, sie jedoch im Sinne des aktuellen Forschungsstandes
unzweckmäßig ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
„Was ist ein Autor?“ - Versuch einer Definition
Autorschaft und Textgenese
Gedankenprozesse
Wer spricht? - Wen kümmert's, wer spricht?
Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Roland Barthes' einflussreiche These vom „Tod des Autors“ und analysiert deren Auswirkungen auf die literaturwissenschaftliche Interpretation. Dabei wird der Fokus von der traditionellen, autorzentrierten Betrachtungsweise auf die Rolle des Rezipienten verschoben, um neue Impulse für die moderne Textanalyse zu gewinnen.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem traditionellen Autorbegriff
- Analyse der Konzepte von Autorschaft und Textgenese
- Vergleich literaturtheoretischer Positionen von Barthes und Foucault
- Untersuchung der Bedeutung des Lesers als zentraler Interpretationsinstanz
Auszug aus dem Buch
Wer spricht? - Wen kümmert's, wer spricht?
Mit einer gewissen Gleichgültigkeit kann man wie Foucault auf die von Roland Barthes zu Beginn seines Essays gestellte Frage: „Wer spricht hier?“ (TdA S. 185) mit der durchaus berechtigten Gegenfrage beantworten: „Wen kümmert's, wer spricht?“ (WieA S. 198) Da jeder Leser von Literatur bei seiner Rezeption eines Textes zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommt wäre es doch viel interessanter zu fragen: „Wer hört zu?“ Dies impliziert eine neue Art von Interpretationsansatz für literarische Texte, bei der nicht der Autor oder dessen Funktion, sondern der Rezipient und der Text selbst im Mittelpunkt stehen. Aus dieser Perspektive erweist sich die Autorfunktion scholl als „das Ergebnis einer Konstruktion, die das Vernunftwesen Autor erst erschafft;“ der Autor ist somit „psychologisierende Projektion einer Art und Weise, mit Texten umzugehen.“ (WieA S. 195) Die Nichtigkeit der Person des Autors, der auf eine Weise irgendwo einfach nur ein Name bleibt erläutert Foucault in einem einleuchtenden Beispiel:
[...] wenn ich entdecke, daß Shakespeare nicht in dem Haus geboren wurde, das man heute als Shakespearehaus besucht, so ist das eine Modifizierung, die das Funktionieren des Autornamens nicht ungünstig beeinflußt; aber wenn bewiese, daß Shakespeare nicht die Sonette geschrieben hat, die man für die seinen hält, so wäre das eine Veränderung anderer Art: sie zieht das Funktionieren des Autornamens in Mitleidenschaft. Und wenn man bewiese, daß das Organon von Bacon geschrieben hat, einfach weil der Autor der Werke Bacons und der Shakespeares der gleiche ist, so wäre das ein dritter Typ von Veränderung, der das Funktionieren des Autornamens in gänzlich modifizierte. (WieA S. 209)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik des „Todes des Autors“ und Darlegung der Zielsetzung, literarische Texte durch eine neue, rezipientenorientierte Perspektive zu interpretieren.
„Was ist ein Autor?“ - Versuch einer Definition: Auseinandersetzung mit dem Autorbegriff unter Einbeziehung von Michel Foucault und der Etymologie des Wortes „Auctor“, um die Problematik der Identifizierung eines Autors zu verdeutlichen.
Autorschaft und Textgenese: Diskussion der Abhängigkeit von Texten durch den Autor sowie die Vorstellung, dass ein Text nicht die Intention einer „Person“ widerspiegelt, sondern ein Gewebe aus Zitaten darstellt.
Gedankenprozesse: Vergleich der Thesen von Barthes mit antiken philosophischen Gedanken bei Platon, insbesondere in Bezug auf die Rolle des Dichters als Medium.
Wer spricht? - Wen kümmert's, wer spricht?: Hinterfragung der Autorinstanz und Plädoyer dafür, den Leser anstelle des Autors als den wahren Ort der Bedeutung eines Textes zu setzen.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung des Bedeutungswandels in der Literaturwissenschaft, der den Leser in den Fokus rückt und den „Tod des Autors“ als notwendige Neuausrichtung postuliert.
Schlüsselwörter
Roland Barthes, Michel Foucault, Tod des Autors, Autorfunktion, Rezipient, Textgenese, Literaturwissenschaft, Interpretation, Autorschaft, Textkritik, Leserrolle, Literaturtheorie, Intertextualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturtheoretischen Position Roland Barthes' zur Rolle des Autors und analysiert, inwiefern die traditionelle Autorfixierung bei der Interpretation literarischer Texte kritisch hinterfragt werden sollte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören der Autorbegriff, das Verhältnis zwischen Autor und Textgenese, die Funktion des Eigennamens in der Literatur sowie die Verschiebung des Fokus hin zum Rezipienten bzw. Leser.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, neue Impulse für die literaturwissenschaftliche Interpretation zu geben, indem die „naive“ Identifizierung von Werkbedeutung und Autorbiografie in Frage gestellt und der Leser als zentraler Ort der Textbedeutung etabliert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturtheoretische Analyse, die durch den Vergleich verschiedener Primärquellen und Sekundärliteratur (insbesondere Barthes und Foucault) methodisch geleitet wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition des Autorbegriffs, die Untersuchung von Textgenese und Autorkonzepten, den Vergleich mit antiken Modellen sowie die kritische Reflexion über die Frage, wer innerhalb eines Textes eigentlich spricht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Roland Barthes, Michel Foucault, Tod des Autors, Autorfunktion, Rezipient, Textgenese, Intertextualität und Literaturwissenschaft.
Wie unterscheidet sich die Auffassung vom „Genie“ von Barthes' Theorie?
Das Konzept des genialen Erzeugers steht im krassen Gegensatz zu Barthes' Auffassung, da Barthes jegliche ursprüngliche Autorstimme eliminiert und den Text als ein unpersönliches „Gewebe von Zitaten“ begreift.
Warum spielt die Gegenfrage „Wer hört zu?“ in der Arbeit eine wichtige Rolle?
Diese Frage markiert den Paradigmenwechsel, den Barthes fordert: Weg von der Suche nach der Intention des Autors hin zur Bedeutungsproduktion durch den Leser, der den Text rezipiert.
- Arbeit zitieren
- Pascal Dieterich (Autor:in), 2013, Eine Neuorientierung der Prioritäten der Interpretation in Roland Barthes: "Der Tod des Autors"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269120