Heinrich von Kleists einziges Lustspiel Der zerbrochne Krug entstand zwischen 1803 und 1806. Die Anregung zu diesem Stück erhielt der Dichter einer Anekdote zufolge 1802 während eines Aufenthalts in Bern. Demnach hat Kleist dort gemeinsam mit Ludwig Wieland und Heinrich Zschokke bei der Betrachtung eines Kupferstichs von Jean-Jacques Le Veau mit dem Titel „Le juge ou la cruche cassée“ beschlossen, einen „poetischen Wettkampf“ zu starten. „Für Wieland sollte dies Aufgabe zu einer Satire, für Kleist zu einem Lustspiele, für mich zu einer Erzählung werden“ 1 , berichtet Zschokke 1842 in seiner Selbstschau. Ob ein solcher Dichterwettstreit wirklich staatgefunden hat, ist in der literaturwissenschaftlichen Debatte umstritten, die Orientierung Kleists an dem Kupferstich von Le Veau, auf die Kleist in seiner „Vorrede“ zum Zerbrochnen Krug selbst hinweist, gilt jedoch als sicher. Auf diesem Stich ist hauptsächlich eine Gerichtsszene abgebildet, mit einem Mädchen im Mittelpunkt, das einen offenbar beschädigten Krug bei sich trägt. Das Original dieses Gemäldes stammte allerdings nicht, wie Kleist in seiner „Vorrede“ vermutet „von einem niederländischen Meister“ 2 , sondern von Louis-Philibert Debucourts.
Anhand dieses Gemäldes und unter Verarbeitung anderer Texte, wie die Tragödie König Ödipus von Sophokles und dem biblischen Sündenfall, entstand K leists vieldeutiges Lustspiel rund um den Dorfrichter Adam, der gezwungen ist, über seine eigene Verfehlung zu Gericht zu sitzen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DAS LUSTSPIEL DER ZERBROCHNE KRUG UND DIE TRAGÖDIE KÖNIG ÖDIPUS VON SOPHOKLES
2.1 PARALLELEN ZWISCHEN DEM ZERBROCHNEN KRUG UND KÖNIG ÖDIPUS
2.2 DER ZERBROCHNE KRUG ALS UMKEHRUNG DES KÖNIG ÖDIPUS
2.3 WARUM IST DER ZERBROCHNE KRUG TROTZ SEINER PARALLELEN ZUR ANTIKEN TRAGÖDIE KÖNIG ÖDIPUS EINE DER GRÖßTEN DEUTSCHEN KOMÖDIEN?
3. JUSTIZKRITIK IM ZERBROCHNEN KRUG
3.1 KLEIST ALS KRITIKER DER RECHTSSYSTEME UND DES JUSTIZWESENS SEINER ZEIT
3.2 DER ZEITGESCHICHTLICHE HINTERGRUND IN BEZUG AUF DIE RECHTSPRECHUNG
3.2.1 Der zerbrochne Krug als versteckte Kritik am Verfall des Gerichtswesens in Preußen seit Mitte des 18. Jahrhunderts
3.3 DIE REPRÄSENTANTEN DER VON KLEIST KRITISIERTEN JUSTIZ
3.3.1 Der Dorfrichter Adam
3.3.2 Der Gerichtsschreiber Licht
3.3.3 Der Gerichtsrat Walter
3.3.3.1 Der Konflikt zwischen althergebrachtem und neuem reformiertem Recht bzw. zwischen Lokaljustiz und der Zentralmacht
3.3.3.2 Der Konflikt zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Gerichtsverfahren
4. DIE PROBLEMATISIERUNG DER SPRACHE IM ZERBROCHNEN KRUG
4.1 KLEISTS VERHÄLTNIS ZUR SPRACHE – SEINE SPRACHSKEPSIS
4.2 MISSVERSTEHEN – DAS ANEINANDERVORBEIREDEN DER FIGUREN IM ZERBROCHNEN KRUG
4.2.1 Der Gegensatz zwischen Juristen- und Laiensprache
4.3 DIE MEHRDEUTIGKEIT DER SPRACHE – DAS SCHEMA DES VERDECKENS UND AUFDECKENS DER WAHRHEIT MIT DEM MEDIUM DER SPRACHE
5. ZENTRALE DINGSYMBOLE IM ZERBROCHNEN KRUG
5.1 DIE BEDEUTUNG DES KRUGS – SYMBOL FÜR EVES MÄDCHENEHRE ODER DEN NIEDERLÄNDISCHEN STAAT?
5.2 DIE PERÜCKE – SYMBOL FÜR ADAMS RICHTERWÜRDE
6. PARALLELEN ZWISCHEN DEM BIBLISCHEN SÜNDENFALL UND DEM ZERBROCHNEN KRUG
6.1 DIE SPRECHENDEN NAMEN DER FIGUREN
6.2 INHALTLICHE PARALLELEN ZWISCHEN DEM BIBLISCHEN SÜNDENFALL UND KLEISTS LUSTSPIEL
7. SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ hinsichtlich seiner vielschichtigen Interpretationsansätze, wobei ein besonderer Fokus auf der intertextuellen Verbindung zu Sophokles’ „König Ödipus“, der gesellschaftspolitischen Justizkritik sowie der sprachphilosophischen Problematik liegt. Es soll aufgezeigt werden, wie Kleist durch die Komisierung tragischer Motive und die Darstellung sprachlicher Ohnmacht die Unmöglichkeit absoluter Wahrheitsfindung innerhalb fester gesellschaftlicher Ordnungen thematisiert.
- Vergleich zwischen Kleists Lustspiel und der antiken Tragödie „König Ödipus“
- Analyse der Justizkritik und der zeitgenössischen preußischen Rechtsverhältnisse
- Untersuchung der Sprachskepsis und der Kommunikationsstörungen zwischen den Figuren
- Deutung zentraler Dingsymbole (Krug und Perücke) als Ausdruck moralischer Verfehlungen
- Aufarbeitung der Sündenfallthematik als Sinnbild für den Verlust paradiesischer Unschuld
Auszug aus dem Buch
4.1 Kleists Verhältnis zur Sprache – seine Sprachskepsis
Dass Kleist ein gebrochenes Verhältnis zur Sprache hatte, zeigt sich vor allem in seinen Dramen, wo er immer wieder das Scheitern der Sprache als kommunikatives Grundelement deutlich macht. Die Figuren in Kleists Dramen reden aneinander vorbei, missverstehen sich, ihre Dialoge schlagen fehl. „Die Dramen werden bestimmt durch das Versagen der Sprache. Der Dichter der dies schreibt, verzweifelt am Medium seiner Existenz. Ihm ist die Leistung der Sprache das Fragwürdigste.“65 Diese Ohnmacht der Sprache, die Kleist umtreibt, zeigt sich auch in seinem „Brief eines Dichters an einen Anderen“. Hier beschreibt Kleist, dass es eigentlich wünschenswert wäre, dass die äußerlichen Kennzeichen der Poesie: Reim, Rhythmus, Metrum und Sprache, sich dadurch auszeichneten, vom Leser nicht bemerkt zu werden. Die Form soll nur das aussagen, was der Dichter transportieren will, seine Gedanken und Intentionen sollen direkt daraus hervorgehen. „Wenn ich beim Dichten in meinen Busen fassen, meinen Gedanken ergreifen, und mit Händen, ohne weitere Zutat, in den Deinigen legen könnte: so wäre die Wahrheit zu gestehn, die ganze innere Forderung meiner Seele erfüllt“66, verbildlicht Kleist seine Vorstellungen. Doch dies muss Utopie bleiben und so muss der Dichter versuchen, sich dem „schwachen“ Medium der Sprache so gut es geht zu bedienen, um seine Leser zu erreichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Entstehungsgeschichte des Stücks und Definition des Zieles, die vielfältigen Bedeutungsebenen des Lustspiels zu beleuchten.
2. DAS LUSTSPIEL DER ZERBROCHNE KRUG UND DIE TRAGÖDIE KÖNIG ÖDIPUS VON SOPHOKLES: Analyse der intertextuellen Bezüge und der bewussten Umkehrung des antiken tragischen Grundschemas ins Komische.
3. JUSTIZKRITIK IM ZERBROCHNEN KRUG: Untersuchung der zeitgenössischen juristischen Missstände und der Rollen der verschiedenen Repräsentanten der Justiz.
4. DIE PROBLEMATISIERUNG DER SPRACHE IM ZERBROCHNEN KRUG: Erörterung von Kleists Sprachskepsis und des Scheiterns echter Kommunikation durch Mehrdeutigkeit und Missverständnisse.
5. ZENTRALE DINGSYMBOLE IM ZERBROCHNEN KRUG: Interpretation des zerbrochenen Krugs und der Perücke als Symbole für Mädchenehre, staatliche Ordnung und richterliche Würde.
6. PARALLELEN ZWISCHEN DEM BIBLISCHEN SÜNDENFALL UND DEM ZERBROCHNEN KRUG: Darstellung der säkularisierten Sündenfallthematik als Zeichen für den Verlust der Unschuld und die Unmöglichkeit der Erkenntnis.
7. SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenfassende Einschätzung der radikalen Erkenntniskritik und Sprachskepsis, die das Werk zu einem zeitlosen Erfolg machen.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Der zerbrochne Krug, Justizkritik, Sprachskepsis, König Ödipus, Sündenfall, Komödie, Dingsymbol, Richter Adam, Preußisches Recht, Kommunikation, Wahrheitsfindung, Moral, Intertextualität, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ unter verschiedenen wissenschaftlichen Blickwinkeln, insbesondere im Hinblick auf Justizkritik, Sprachphilosophie und literarische Vorbilder.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die intertextuelle Anlehnung an die griechische Tragödie, die Kritik an den rechtlichen Verhältnissen der Zeit, das Scheitern der menschlichen Kommunikation und die symbolische Bedeutung zentraler Gegenstände im Drama.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Komplexität des Lustspiels aufzuzeigen, indem die verschiedenen Problemfelder des Textes analysiert werden, anstatt eine singuläre Gesamtinterpretation zu forcieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Untersuchung von Textstellen, dem Vergleich mit anderen Werken (intertextuelle Analyse) und dem Einbezug historischer und rechtshistorischer Kontexte basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert ausführlich die Parallelen zu „König Ödipus“, die Funktion der Justizfiguren, den Konflikt zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, die Problematik der Sprache sowie die symbolische Bedeutung von Krug und Perücke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Kleists Sprachskepsis, Justizkritik, Intertextualität und das Motiv des Sündenfalls als Ausdruck der Erkenntnisproblematik.
Inwiefern spielt der Konflikt zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit eine Rolle?
Dieser Konflikt illustriert den Übergang von lokaler, tradierter Rechtsprechung hin zu einer zentralistischen, auf schriftlichen Protokollen basierenden Justiz, wobei der Dorfrichter Adam die alte Ordnung und der Gerichtsrat Walter die neue Rationalität verkörpert.
Warum ist der Krug als Dingsymbol so bedeutend?
Der Krug fungiert als doppeldeutiges Symbol: Einerseits steht er für die verlorene Mädchenehre der Figur Eve, andererseits dient er als Allegorie auf den niederländischen Staat und dessen historische Integrität, die durch den korrupten Richter Adam beschädigt wird.
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- Michael Wadle (Author), 2004, Interpretationsansätze zu Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26916