Die verlorene Generation. Erinnerung und autobiografisches Schreiben bei Jana Hensel und Sabine Rennefanz


Masterarbeit, 2013

64 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Rennefanz und Hensel im Diskurs der Autobiografie
2.1 VON DER HISTORISCHEN QUELLE ZUR LITERARISCHEN GATTUNG
2.2 DER AUTOBIOGRAFISCHE PAKT UND ANDERE KRITERIEN
2.3 Zwei Werke, eine Gattung?

3 Die Erzählstrategien
3.1 Die Erzählerinnen
3.1.1 Zur Identität von Erzählerin, Autorin und Hauptfigur
3.1.2 Erzählperspektive: Individuum und , Wir‘ -Gefühl
3.1.3 Zur Bedeutung der T agebucheinträge
3.1.4 Autor-Leser-V erhältnis
3.2 Intention und Motivation
3.2.1 Der DDR ein Museum
3.2.2 Zwischen Rechtfertigung und Identitätsfindung

4 Über die Darstellung und Bedeutung von Erinnerung
4.1 ,Die Katze Erinnerung1
4.2 ERINNERUNG BEI HENSEL UND RENNEFANZ
4.2.1 Inszenierung von Authentizität und Glaubwürdigkeit
4.2.2 „Ich weiß nicht mehr...“ - Reflexion über das Erinnern
4.2.3 Bedeutung der Gegenwart
4.3 Themen des Erinnerns
4.3.1 Die Darstellung der Kindheit
4.3.2 Die Entmachtung der Eltern
4.3.3 Raider vs. Twix, Ost vs. West
4.3.4 Radikalität: Religion und Nationalsozialismus
4.4 Die Stadt als Erinnerungsort

5 Fazit

6 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Wieso nicht versuchen, mein Leben [...] aufzuschreiben?

Nicht so, wie es in Wirklichkeit war

- Objektivität gibt es nicht - sondern so, wie ich es heute sehe.[1]

THOMAS BERNHARD

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands ist die Erinnerungsliteratur, sowohl in Form von Briefen und Reden als auch Romanen und Autobiografien, zu einem beliebten Thema geworden. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf der jüngeren und jüngsten nationalen Vergangenheit, es werden dementsprechend vornehmlich das Dritte Reich, die Deutsche Demokratische Republik und die Nachwendezeit thematisiert. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Lothar Bluhm führt dies auf einen Wendepunkt der Erinnerungskultur zurück, da immer weniger Zeitzeugen aus ,erster Hand‘ berichten und so wichtige historische Quellen und Zeugnisse verloren gehen würden.[2]

Christa Wolfs Kindheitsmuster[3] (1976) ist in diesem Feld kanonisch geworden, worin Erinnerungen an eine Kindheit im Hitler-Regime literarisch belebt und autobiografische mit fiktiven Elementen verknüpft werden. In Bezug auf die Literatur, die seit der Wiedervereinigung entstand, zählen Monika Marons Stille Zeile Sechs (1995), Christoph Heins Landnahme (2004) und Uwe Tellkamps Der Turm (2008) zu den bedeutendsten Werken, wobei die darin erzählten Erinnerungen keineswegs autobiografischen Ursprungs sein müssen, sondern oftmals auch fiktionalen Ursprungs sind.

Mit ihren Debütwerken folgen auch Sabine Rennefanz und Jana Hensel dieser Entwicklung. Ein entscheidender Unterschied gegenüber den genannten Autoren ist dabei, dass sie Angehörige einer jüngeren Generation sind, die die Kulturhistorikerin Tanja Bürgel eine ,verlorene‘ nennt.[4] Gemeint ist die Gruppe der zum Zeitpunkt des Mauerfalls etwa Acht- bis Sechzehnjährigen (EK 10):

Pubertät und Volljährigkeit erlebten wir in jenem geographischen Raum, der danach kam. Wir sind weder in der DDR noch in der Bundesrepublik erwachsen geworden. Wir sind die Kinder der Zone, in der alles neu aufgebaut werden musste, kein Stein auf dem anderen blieb und kaum ein Ziel bereits erreicht worden ist. [...] Eine ganze Generation entstand im Verschwinden.[5]

Die Erfahrung des politischen Umbruchs und das Aufwachsen zwischen zwei Ländern, die Arbeitslosigkeit und damit einhergehende Irritation der Eltern, aber auch die Lebensart eines heute nicht mehr existierenden Staates beeinflussten diese Generation immens. Aufgrund des Alters waren sie dabei noch kaum in der Lage, kritisch über das politische System zu reflektieren. Der Fall der Mauer bedeutete für sie weniger eine neu erlangte Freiheit als vielmehr einen Zustand ,metaphysischer Obdachlosigkeit (vgl. EK 242). In ihren Erstlingswerken arbeiten Rennefanz und Hensel die Kindheit in der DDR, die in ebendiesem Rahmen stattfand, und die Zeit nach der Wende rückblickend noch einmal auf. Obwohl beide Autorinnen eines Alters sind, in ähnlichen Umständen aufwuchsen und dieselbe Thematik gewählt haben, weisen ihre Werke dabei große Unterschiede auf.

Rennefanz‘ Eisenkinder. Die stille Wut der Wendegeneration erschien im März 2013. Die Autorin zieht darin biografische Parallelen zwischen sich, Uwe Mundlos sowie dessen Mittätern und versucht gewissermaßen, sich und ihre ganze Generation zu erklären beziehungsweise zu verteidigen. Die heutige Redakteurin wurde 1974 in der Nähe von Eisenhüttenstadt geboren, wuchs in der sozialistischen Planstadt auf und verzeichnet in ihrer Biografie einen (ihrer Meinung nach) ähnlichen Drang zu Radikalität nach der Wende wie der Nationalsozialistische Untergrund (NSU). Den Auslöser dafür sucht sie in der Sozialisation nach der Wende. Ihr Buch ist von Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit sowie der bereits im Titel benannten Wut gezeichnet, welche sie auf die gesamte Generation, die sie Eisenkinder nennt, zu übertragen scheint. Rennefanz begibt sich auf eine Reise in ihre Vergangenheit, um auf diese Weise nicht nur die Ursachen für die Verbrechen des NSU, sondern insbesondere auch für ihre eigene radikale Veränderung im wiedervereinigten Deutschland zu finden. Zudem versucht sie, bestimmte, die neuen Bundesländer betreffenden, Stereotype aufzubrechen. Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in einem Internat in Eisenhüttenstadt, ihrer Wahrnehmung der Wendezeit, der Entwicklung hin zu einer radikalen christlichen Missionarin in Hamburg bis in die Schreibgegenwart zum Zeitpunkt ihrer Reise in die Heimat Eisenhüttenstadt, mit der sie die Erzählung beginnt.

Jana Hensels Zonenkinder wurde bereits elf Jahre zuvor, 2002, veröffentlicht und zählt zu den bekanntesten Werken der Wendeliteratur. Zwar werden auch hierin Heimat- und Orientierungslosigkeit thematisiert, doch gestaltet sich nicht nur der Inhalt der Erzählung, sondern auch der Grundton des Textes vollkommen anders. In acht Kapiteln beschreibt Hensel ihre Erinnerungen an die DDR zu Themen wie Kindheit, Heimat oder Schule. Während in Zonenkinder die Wende als „Märchenzeit“ (ZK 14) und der Westen - zumindest anfangs - als ein zu erkundendes neues Land beschrieben wird, sieht sich Rennefanz als Teil jener von Bürgel so bezeichneten „verlorenen Generation“ (vgl. EK 8), geprägt von Verunsicherung, Unbehagen und stiller Wut (vgl. EK 11).

Doch warum stellt sich ein sowohl geografisch als auch zeitlich klar definierter Raum bei zwei Frauen einer Generation so unterschiedlich dar? Das Ziel dieser Arbeit ist es, diese Frage zu klären. Dabei geht es nicht um eine sozialwissenschaftliche Analyse, die sicherlich ebenfalls interessante Ergebnisse bringen würde, sondern um eine Untersuchung der literarischen Gestaltung von Erinnerung in den beiden genannten Werken. Die Germanistin Dr. Magdalena Kardach, die seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut der Universität Poznan ist, hat in einer Analyse des Identitäts- und Mentalitätswandels innerhalb der deutschen Literatur seit der Wende die These aufgestellt, dass die einzelnen Generationen innerhalb der DDR- und Wendeliteratur verschiedene Perspektiven einnehmen würden.[6] Demzufolge müssten bei Hensel und Rennefanz zahlreiche Parallelen zu finden sein. Dies ist auf den ersten Blick allerdings nicht der Fall.

Um herauszufinden, worin diese Unterschiede liegen, werden im Rahmen dieser Arbeit drei Aspekte in den Fokus gerückt. Ein gewisser autobiografischer Anteil ist weder Zonenkinder noch Eisenkinder abzusprechen, doch mit einer eindeutigen Gattungszuordnung tun sich Forschung und Feuilletons schwer. Da sowohl die Diskussion um Grenzen und Kriterien, als auch die Forschungsliteratur sehr vielseitig und umfassend sind, geht es zunächst darum, den dieser Arbeit zugrundeliegenden Autobiografie-Begriff zu erfassen. Die Grundlage werden hier vor allem die Texte Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaafs, derzeit tätig am Germanistischen Institut der Universität Münster, aber auch Kardachs Thesen bilden. Eine kurze Einführung in die Geschichte der Gattungstheorie der Autobiografie sowie das Bestimmen einiger Gattungskriterien soll es ermöglichen, beide Werke in den autobiografischen Diskurs einzuordnen und die anschließenden Kapitel auf diese Erkenntnisse aufzubauen. Ein unbedingt zu definierender Begriff ist an dieser Stelle der des , autobiografischen Pakts‘, welcher 1975 von dem französischen Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune geprägt wurde und die Identität von Autorin, Erzählerin und Protagonistin im Rahmen autobiografischen Schreibens thematisiert.

Eine Analyse der Erzählerinstanz erfolgt im zweiten Abschnitt, da angenommen wird, dass Eisenkinder und Zonenkinder, wenn auch nicht unbedingt im engeren Sinne, autobiografisch sind. Zunächst ist zu überprüfen, ob der autobiografische Pakt nach Lejeune angeboten und damit jene geforderte Identität hergestellt und umgesetzt wird: Inwiefern treten Hensel und Rennefanz aus ihrer schriftstellerischen Anonymität heraus und geben sich selbst innerhalb ihrer Werke preis? Welche Perspektive und sonstigen Erzählstrategien verwenden sie und auf welche Weise interagieren sie mit dem Rezipienten? Auch die Intention beider Autorinnen wird an dieser Stelle untersucht, da sie sich - wie zu zeigen sein wird - maßgeblich auf das Erzählen auswirkt.

Das Augenmerk dieser Arbeit richtet sich in einem dritten Teil schließlich auf das unmittelbar mit autobiografischem Schreiben zusammenhängende Moment des Erinnerns, genauer auf dessen Bedeutung und formale wie inhaltliche Darstellung. Dieses Feld wurde im Hinblick auf die Nachwendeliteratur vor allem durch die Thesen Bluhms und Prof. Dr. Carsten Gansels bereichert. Wie bereits erwähnt, gehören Hensel und Rennefanz ein und derselben Generation an, daher wäre davon auszugehen, dass ihre Erinnerungen an die Kindheit und demzufolge die Entwicklungen nach der Wende ähnliche sind. Doch dies ist scheinbar nicht der Fall, denn, so behauptete nicht nur Thomas Bernhard schon vor 30 Jahren in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sondern auch Hensel und Rennefanz weisen innerhalb der hier behandelten Werke darauf hin, die eigene Geschichte rückblickend objektiv und historisch korrekt zu erzählen sei nicht möglich. Von subjektiven Erfahrungen unabhängige, äußere Einflüsse, wie zum Beispiel Medienberichte, aber auch spätere Lebensumstände prägen und verändern die persönliche Erinnerung und Haltung gegenüber der eigenen Vergangenheit. So gesteht Hensel in Zonenkinder. „Und oft schon vermischen sich in unseren Anekdoten über das Land, aus dem wir angeblich stammen, eigene Erlebnisse mit Gelesenem und Gehörtem.“ (ZK 132).

Auch Rennefanz erinnert sich „weniger an Ereignisse als an ein Gefühl“ (EK 110) und verweist weiterhin auf den Faktor der Zeit: „Je länger die DDR zurückliegt, desto holzschnittartiger wird die Wahrnehmung.“ (EK 9). Doch es ist gerade das Erinnern, das dem autobiografischen Schreiben zugrunde liegt und in Eisenkinder und Zonenkinder genutzt und verarbeitet wird. Wie sich der Rückbezug auf die Vergangenheit in den beiden Werken vollzieht und wie sie sich in der Darstellung trotz des ähnlichen Hintergrundes unterscheiden, soll hier geklärt werden. Dabei werden nicht nur formale Aspekte analysiert, sondern vor allem auch das Inhaltliche der Erinnerungen einander vergleichend gegenübergestellt.

Während für Zonenkinder ein breit gefächertes Angebot an Sekundärliteratur vorliegt, ist dies für Eisenkinder noch nicht der Fall. Deshalb stützt sich diese Arbeit vor allem auf im Allgemeinen die Wende und den Erinnerungsdiskurs thematisierende Literatur und versucht diese Thesen auf Eisenkinder zu übertragen. Hierzu zählen zum Beispiel die beiden von Gansel herausgegebenen Konferenzschriften Das „Prinzip Erinnerung“ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nach 1989 und Rhetorik der Erinnerung, Fabian Thomas‘ Neue Leben, neues Schreiben?, worin neben Zonenkinder auch die Werke Ingo Schulzes und Christoph Heins behandelt werden, sowie die bereits erwähnten Arbeiten Kardachs und Wagner-Egelhaafs. In Bezug auf die Erinnerungsthematik liefern auch diverse Forschungstexte zu vergleichbaren Erzählungen oder kanonisch gewordenen Werken wie Kindheitsmuster neue Denkansätze. Hier ist insbesondere Christian Kluwes Aufsatz „Phantomschmerzen“ zu nennen. Der ungleiche Forschungsstand bezüglich Hensel und Rennefanz stellt deshalb kein Problem dar, sondern erleichtert stattdessen vielmehr den Vergleich zweier Werke, zwischen deren Erscheinen mehr als ein Jahrzehnt deutsche Geschichte liegt.

2 Rennefanz und Hensel im Diskurs der Autobiografie

Die an eine Autobiografie beziehungsweise an einen Text mit offenkundig autobiografischem Gehalt geknüpften Rezeptionserwartungen können ebenso unterschiedlich sein wie die zwei in dieser Arbeit behandelten Werke:

Zum einen werden biographische und autobiographische Texte gelesen, weil ihre einem historischen oder einem menschlich-lebensweltlichen Interesse verpflichteten Leserinnen und Leser Einblick in und Aufschluss über ein realiter gelebtes Leben gewinnen möchten, zum anderen sind es ästhetische Beweggründe, die hinter der Lektüre von Lebensdarstellungen stehen [...][7]

Wagner-Egelhaaf verweist weiterhin auf die „zweifache Lesbarkeit“[8] von Autobiografien: einerseits als historisches Zeitzeugnis, andererseits als Kunstwerk. Vor allem im Alltag werden persönliche Lebensbeschreibungen oftmals eher als Sachbuch verstanden und weniger als literarisches Genre. Um zu ermitteln, welche Erwartungen an die beiden Texte gestellt werden können und unter welchen Gesichtspunkten die Erzählerinstanz sowie die Bedeutung von Erinnerung zu untersuchen sind, ist es hilfreich, Eisenkinder und Zonenkinder zunächst in den Gattungsdiskurs einzuordnen.

Diesem Kapitel liegt die Annahme zugrunde, dass es sich bei jeder Autobiografie immer (auch) um einen literarischen Text handelt. Wie bereits angesprochen, ist diese These jedoch nicht die reguläre Rezeptionshaltung, wobei die Ursache dafür in der Geschichte der Gattung zu suchen ist. Ein kurzer theoretischer Überblick wird deshalb den Weg der Autobiografie bis hin zum literarischen Werk erläutern, wobei die Ausführungen Wagner-Egelhaafs und der Sammelband Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung von Günther Niggl als Grundlage dienen. Im Hinblick auf das dritte Kapitel wird außerdem insbesondere auf den von Philippe Lejeune geprägten Begriff des autobiografischen Pakts und einige weitere Kriterien eingegangen, die helfen werden, Eisenkinder und Zonenkinder in den Gattungsdiskurs einzubetten.

2.1 VON DER HISTORISCHEN QUELLE ZUR LITERARISCHEN GATTUNG

Für wenige literarische Gattungen lassen sich derart verschiedene Definitionen finden wie für die Autobiografie. Auch heute noch muss zwischen einem allgemeinen, alltäglichen und einem literaturwissenschaftlichen Verständnis differenziert werden. Die hauptsächliche Ursache dafür ist die historische Entwicklung der Gattung, die Kardach in drei zeitlich aufeinanderfolgende Ansätze gliedert: Hermeneutik, Sozialgeschichte und Autofiktion. Die Ursprünge autobiografischen Schreibens sind bereits in der Antike zu finden, erst im Humanismus aber erlangten derartige Werke auch aus wissenschaftlicher Perspektive eine Bedeutung. Als ,biografische Dokumentation‘[9] wurden sie verstanden, waren folglich weniger für die Literatur- als vielmehr für die Sozial- und Gesellschaftswissenschaften von Interesse. Autobiografien hatten den Status einer „unmittelbare[n] Wirklichkeitsaussage“[10] inne, sollten der Erweiterung von Welt- und Menschenkenntnis dienen, nicht unterhalten, sondern belehren, warnen und weiterbilden.[11]

Ein Wandel des Gattungsverständnisses kann erstmals bei Wilhelm Dilthey festgestellt werden, der mit seiner Schrift Das Erleben und die Selbstbiografie die AutobiografieForschung begründete. In Anlehnung an sein hermeneutisches Konzept versteht er die Autobiografie als den „direkteste [n] Ausdruck der Besinnung über das Leben“[12] und „die höchste und am meisten instruktive Form, in welcher uns das Verstehen des Lebens entgegentritt.“[13] Dem Begriff des Verstehens kommt in diesem Sinne eine zweifache Bedeutung zu: Zum einen ermöglicht die Autobiografie dem Autor das Selbstverständnis seines Lebens, zum anderen dem Leser das Verstehen des Lebensablaufs. Autobiografie gilt nicht länger als authentische Dokumentation einer bestimmten Zeit, sondern wird als „Deutung des Lebens in seiner geheimnisvollen Verbindung von Zufall, Schicksal und Charakter“[14], Zeugnis der Sinnsuche und -gebung des eigenen Lebens, als „Überformung“[15] der Zeit verstanden.

Nach Dilthey wird jede Erinnerung im Rückblick zugunsten des aktuellen Lebenssinns, zum Beispiel Bekehrung oder Verteidigung, ausgerichtet beziehungsweise erfolgt rückblickend im Schreiben das Verstehen des Lebensweges. Die Autobiografie ist ein instruktiver Ausdruck dieser These.[16] Dilthey weist zudem darauf hin, dass autobiografisches Schreiben - wie bereits in der Einleitung erläutert wurde - nie objektiv erfolgen kann:

Und zwischen diesen Gliedern ist ein Zusammenhang gesehen, der freilich nicht ein einfaches Abbild des realen Lebensverlaufs so vieler Jahre sein kann, der es auch nicht sein will, weil es sich eben um ein Verstehen handelt, der aber doch das ausspricht, was ein individuelles Leben selber von dem Zusammenhang in ihm weiß.[17]

Mit seiner Geschichte der Autobiografie baut Diltheys Schüler Georg Misch auf diese Thesen auf, erweitert Diltheys Ansatz aber um den Begriff der Identität, die für ihn zu einem strukturierenden Moment zwischen Autor und Protagonist wird. Nach Misch ist das Innerste des Autors Bestandteil eines jeden Textes. Er legt dieser Annahme deshalb einen emphatischen Persönlichkeitsbegriff zugrunde.[18] Dieser Ansatz, das jede Autobiografie Zeugnis einer Identitätsentwicklung und damit als „allgemeine Aussprache der Lebenserfahrung zu verstehen“[19] sei, hat im Autobiografie-Diskurs bis heute Gültigkeit. Auch Misch gesteht dem Autobiografen freien Umgang mit der Wahrheit zu und geht in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung von Erinnerung ein:

Schließlich hat, wer es unternimmt, die Geschichte seines eigenen Lebens zu schreiben, dieses als ein Ganzes vor sich, das seine Bedeutung in sich trägt. In diesem einheitlichen Ganzen haben alle Tatsachen und Gefühle, Handlungen und Reaktionen, die er aus dem Gedächtnis hervorzieht, die Vorfälle, die ihn erregten, die Menschen, denen er begegnete, ihren bestimmten Platz, dank ihrer Bedeutung für das Ganze. Er selbst weiß um diese Bedeutung seiner Erlebnisse, gleichviel, ob er es hervorhebt oder nicht. Er versteht sein Leben allein durch die Bedeutung, die er ihnen beimißt. Dieses Wissen, das ihn instand setzt, sein Leben als ein einheitliches Ganzes zu verstehen, hat sich in ihm im Laufe seines Lebens aus den Erlebnissen herausgebildet.[20]

Ziel einer Autobiografie sei es folglich nicht, einen exakten, realistischen Überblick über historische Ereignisse zu geben, sondern diese aus Sicht einer bestimmten Person, nämlich des Verfassers, unter Berücksichtigung der eigenen Identitätsbildung vom Zeitpunkt des Erlebens bis hin zum Zeitpunkt des Erinnerns, zu schildern. Soziale oder gesellschaftspolitische Problemstellungen sind für das Erzählte nur solange von Bedeutung, wie sie für das Verstehen der Lebensgeschichte als Ganzes nötig sind.

Dilthey und sein Schüler widersprechen dem humanistischen Denkansatz, die Autobiografie als historische Quelle zu verstehen und verweisen darauf, dass „Erinnerung nicht als mechanische Reproduktion vonstatten geht.“[21] Deshalb entwickeln insbesondere die Psychologie und sozialgeschichtliche Wissenschaften ab dem 19. Jahrhundert ein zunehmendes Interesse an Autobiografien und rücken die Gattung damit in ein „Überschneidungsfeld der literarischen Selbstzeugnisse und der historiographischen Gattungen.“[22] 1981 greift Adolf Muschg auf diese Theorie zurück und spricht dem Schreiben von literarischen Texten, dabei insbesondere dem autobiografischen Schreiben als eine Form der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, eine therapeutische Wirkung zu. Bestätigung findet dieser Ansatz beispielsweise deutlich in den zahlreichen Publikationen autobiografischer Schriften nach der Wende über das Leben im geteilten Deutschland. Rennefanz1 Eisenkinder ist - um vorzugreifen - ebenfalls ein Beispiel für diese These.

Ein Wandel beziehungsweise vielmehr eine Erweiterung des hermeneutischen AutobiografieBegriffes erfolgt ab 1970, wobei die Instanz des Individuums um gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse erweitert wird. So interpretieren unter anderem Werner Mahrholz, Bernd Neumann und Peter Sloterdijk die Autobiografie als „Indikator gesellschaftspolitischer Prozesse“ und „Form sozialen Handelns“ [23], unter Berücksichtigung sozial- und psychoanalytischer Thesen. Es findet eine Rückbesinnung auf das Verständnis der Autobiografie als historisches Zeugnis statt, mit dem Wissen jedoch, dass es sich nicht um Fakten, sondern um das Leben im „unmittelbaren Niederschlag“ handelt,[24] somit folglich den Vorgängen des Erinnerns und Vergessens unterliegt.

Als Zuspitzung dieser Thesen ist der erst in der jüngeren Geschichte eingeführte Begriff der Autofiktion zu verstehen: Er führt das literarische Element der Fiktion in die Gattungsdiskussion ein, wie es Goethe gewissermaßen bereits in seiner großen Autobiografie Dichtung und Wahrheit tat:

[...] es war mein ernstestes Bestreben das eigentlich Grundwahre, das, insofern ich es einsah, in meinem Leben ob gewaltet hatte, möglichst darzustellen und auszudrücken. Wenn aber ein solches in späteren Jahren nicht möglich ist, ohne die Rückerinnerung und also die Einbildungskraft wirken zu lassen, und man also immer in den Fall kommt gewissermaßen das dichterische Vermögen auszuüben, so ist es klar, dass man mehr die Resultate und, wie wir uns an das Vergangene jetzt denken, als die Einzelheiten, wie sie sich damals ereigneten, aufstellen und hervorheben werde.[25]

Unter autobiografischem Schreiben versteht sich nun nicht mehr das möglichst objektive Abbilden eines Lebens, sondern um dessen Konstruktion. Die Subjektivität des Verfassers gewinnt an Bedeutung, das Vergessen, das unweigerlich Teil des Erinnerns ist, wird fortan berücksichtigt. Somit setzt eine Verschriftlichung des eigenen Lebens immer ein Hinzudichten oder gänzliches Neugestalten voraus, um eine lückenlose Erzählung zu garantieren. Dabei ist die gegenwärtige Erzählsituation von besonderer Bedeutung, aus der heraus sich die Intention des Autors bildet. Dieser erweitert seine Lebensgeschichte um fiktive Elemente und erschafft so eine von ihm intendierte neue Wahrheit mit dem Ziel, bestimmte Fakten seines Lebens in den Fokus zu rücken und so ein individuelles Verständnis ebendieser zu ermöglichen. Dabei ist auch die Tatsache, dass einer Beschreibung des eigenen Lebens stets das Moment der Selbstinszenierung innewohnt und sich „jeder Ich- und Weltbezug als ein fiktionaler vollziehe, die Fiktion mithin erst die autobiographische Realität produziere“[26], zu berücksichtigen. Demzufolge enthält ein Text, der sich auf die Vergangenheit bezieht, stets mehr Wissen als der Erzähler zum Zeitpunkt des Erzählten haben konnte.[27] Es findet demzufolge in der jüngeren und jüngsten Forschung eine Absage an Begriffe wie Wahrheit und Belegbarkeit sowie den Anspruch an autobiografische Texte, eine Wirklichkeitsaussage über tatsächlich Geschehenes zu treffen, statt.[28] Wagner-Egelhaaf fasst die historische Entwicklung der Gattungstheorie folgendermaßen zusammen:

Während die frühe Autobiographietheorie vom historischen Wahrheitsgehalt aus argumentierte und der Autobiographie im Hinblick auf diesen Wahrheitsgehalt Nichterfüllung attestierte, veränderte sich die Einschätzung im Laufe der Zeit dahingehend, dass gerade im Zurückbleiben der Autobiographie hinter der historischen Zuverlässigkeit ihr konstitutives Moment gesehen wird. In der Einschätzung der Interpret/innen wandelte sich die Autobiographie vom historischen Dokument zum literarischen Kunstwerk.[29]

[...]


[1] Rambures, Jean-Louis de: Ich behaupte nicht, mit der Welt gehe es schlechter. Aus einem Gespräch mit dem Schriftsteller Thomas Bernhard. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.1983.

[2] Bluhm, Lothar: Popliteratur und Erinnerung - Kritische Anmerkungen zu einer topischen Entgegensetzung. In: Das „Prinzip Erinnerung“ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nach 1989, hrsg. von Carsten Gansel. Göttingen 2010, S. 49.

[3] Wolf, Christa: Kindheitsmuster. Berlin, Weimar 1976. Dieses Werk wird im Folgenden mit der Sigle KM und unter Angabe der Seitenzahl im Fließtext zitiert.

[4] Zitiert nach: Rennefanz, Sabine: Eisenkinder. Die stille Wut der Wendegeneration. München 2013, S. 243. Dieses Werk wird im Folgenden mit der Sigle EK und unter Angabe der Seitenzahl im Fließtext angeführt.

[5] Hensel, Jana: Zonenkinder. Hamburg 2004, S. 159f. Dieses Werk wird im Folgenden mit der Sigle ZK und unter Angabe der Seitenzahl im Fließtext angeführt.

[6] Kardach, Magdalena: Auf der Suche nach einer neuen Selbstbestimmung. Identitäts- und Mentalitätswandel in der autobiographisch inspirierten Literatur nach der ,Wende'. Frankfurt am Main [u.a.] 2011, S. 66.

[7] Wagner-Egelhaaf, Martina: Autobiographie. Stuttgart 2000, S. 1.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Kardach: Auf der Suche nach einer neuen Selbstbestimmung, S. 69.

[10] Ebd., S. 68.

[11] Misch, Georg: Begriff und Ursprung der Autobiographie. In: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, hrsg. von Günter Niggl. Darmstadt 1998, S. 33.

[12] Dilthey, Wilhelm: Das Erleben und die Selbstbiographie. In: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, hrsg. von Günter Niggl Darmstadt 1998, S. 26.

[13] Ebd., S. 28.

[14] Ebd., S. 25.

[15] Holdenried, Michaela: Autobiographie. Stuttgart 2002, S. 16.

[16] Dilthey: Das Erleben und die Selbstbiografie, S. 28.

[17] Ebd., S. 29.

[18] Ebd.

[19] Misch: Begriff und Ursprung der Autobiographie, S. 36.

[20] Ebd., S. 41.

[21] Misch: Begriff und Ursprung der Autobiographie, S. 46.

[22] Niggl, Günter: Studien zur Autobiographie. Berlin 2012, S. 39f.

[23] Kardach: Auf der Suche nach einer neuen Selbstbestimmung, S. 75f.

[24] Wagner-Egelhaaf: Autobiographie, S. 28.

[25] Zitiert nach Kardach: Auf der Suche nach einer neuen Selbstbestimmung, S. 77.

[26] Wagner-Egelhaaf: Autobiographie, S. 5.

[27] Vgl. Hoffmann, Christian: Die Konstitution der Ich-Welt. Untersuchung zum Strukturzusammenhang von persönlicher Identität und autobiographischem Schreiben, phil. Diss. Würzburg 2000, S. 133.

[28] Vgl. hierzu auch Wagner-Egelhaaf, Martina: Auto(r)fiktion. Literarische Verfahren der Selbstkonstruktion, Bielefeld 2013, S. 7 - 21.

[29] Wagner-Egelhaaf: Autobiographie, S. 40.

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Die verlorene Generation. Erinnerung und autobiografisches Schreiben bei Jana Hensel und Sabine Rennefanz
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
64
Katalognummer
V269176
ISBN (eBook)
9783656683049
ISBN (Buch)
9783656683001
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
generation, erinnerung, schreiben, jana, hensel, sabine, rennefanz
Arbeit zitieren
Nora Ritzschke (Autor), 2013, Die verlorene Generation. Erinnerung und autobiografisches Schreiben bei Jana Hensel und Sabine Rennefanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269176

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