Riccetto, Tommaso, Accattone. Pier Paolo Pasolinis Hauptfigur(en)


Hausarbeit, 2012

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Riccetto

3. Tommaso

4. Accattone

5. Vergleich

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der italienische Schriftsteller und Filmregisseur Pier Paolo Pasolini wurde 1922 in Bologna geboren. Nach vollendetem Abitur arbeitete er als Volksschullehrer und schloss sich der Kommunistischen Partei Italiens an. Aufgrund seiner Homosexualität verlor er jedoch sowohl seine Arbeitsstelle als auch seine Parteizugehörigkeit. 1950 siedelte sich Pasolini in Rom an und erreichte hier, inspiriert von seiner neuen Umgebung, den Höhepunkt seiner künstlerischen Tätigkeit.[1]

In Pasolinis ersten drei Hauptwerken stellt das Leben des sottoproletariato in den borgate Roms das zentrale Thema der Handlungen dar. Während in „Ragazzi di vita“ der Leser von Riccetto durch die Baracken Roms geführt wird und in „Una vita violenta“ Tommaso als Hauptfigur auftritt, dreht sich die Handlung in Pasolinis erstem Film „Accattone“ um den gleichnamigen Protagonisten.

Die Handlungen der drei Werke, aber vor allem auch die Protagonisten –Riccetto, Tommaso und Accattone- ähneln einander sehr stark.

Beim Lesen der Romane beziehungsweise beim Schauen des Films kann durchaus der Eindruck entstehen, dass Pasolinis Hauptfiguren im Grunde genommen stets eine einzige Figur darstellen, nur jeweils mit unterschiedlichen Namen:

C'è un cordone ombelicale che lega queste opere, e si può arrivare a confondere il Riccetto con Tommaso, o con Accattone (…), o trasferirli da un'opera a un'altra quasi senza problemi. La pressocché totale interscambiabilità dei personaggi è sorprendente (…).[2]

Antonio José Quesada unterstreicht die vermeintlich fehlende Individualität der Hauptfiguren in Pasolinis Werken und vertritt gar die Ansicht, sie seien untereinander austauschbar und von einer Handlung in die jeweils anderen zu transferieren.

In der vorliegenden Arbeit werden zunächst die Figuren Riccetto, Tommaso und Accattone einzeln eingehend betrachtet und analysiert und in einem weiteren Schritt miteinander verglichen. Schlussendlich soll die Frage geklärt werden, ob Pasolinis Protagonisten tatsächlich als eine einzige Figur akkumulierbar sind, oder ob sie sich doch mehr voneinander unterscheiden als auf den ersten Blick anzunehmen ist.

2. Riccetto

Riccetto ist die wichtigste Figur und ‚filo conduttore‘ in Pasolinis erstem Roman “Ragazzi di vita”, ist aber weniger als Protagonist, sondern eher als Figur anzusehen, die alle anderen Charaktere verkörpert und so emblematisch für das sottoproletariato steht: „In seinem Körper treffen Dasein und Kultur aufeinander.“[3] Pasolinis Werk scheint eher eine Erzählung von Jugendlichen aus den borgate als ein Roman im eigentlichen Sinne zu sein. Anstelle einer fortlaufenden Handlung werden einzelne, voneinander abgetrennte Episoden beschrieben:

Il protagonista, o meglio il non -protagonista (poiché Riccetto è uno fra i numerosi ragazzi di vita) si muove in una non -storia (che in verità manca come il centro del romanzo che è costruito su molte storie)(…)[4]

Pasolini zeichnet Riccettos Leben von seiner Kommunion bis zum Eintritt in das Erwachsenenalter und die neue Konsumgesellschaft nach.

Der sprechende Name “Riccetto” gibt Aufschluss über seine lockigen Haare, näher wird diese Figur vom Erzähler jedoch weder optisch noch im Bezug auf den Charakter direkt beschrieben. Der Leser ist gezwungen, sich anhand seiner Handlungen und Aussagen im Verlaufe des Romans ein eigenes Bild von Riccetto zu erstellen.

Riccetto scheint ein sensibler Junge zu sein, was sich beispielsweise bei der Rettung der Taube am Anfang des Romans zeigt.[5] Diese Sensibilität wird jedoch durch die vorherrschenden Lebensumstände unterdrückt, genau wie alle anderen Gefühle der Jungen, welche im Roman nie wirklich wahrnehmbar sind. Als Riccettos Mutter stirbt, erfährt der Leser Riccettos emotionale Reaktion darauf nicht direkt vom Erzähler, sondern durch den Bericht von Angolo.[6]

Riccetto verbringt seine Tage auf der Straße mit Freunden, begeht kriminelle Handlungen und zeigt dabei keinerlei Anzeichen von Reue oder Gewissen. Er handelt stets von animalischen Trieben geleitet. Das Leben in den borgate Roms, die Armut und der soziale Kontext scheinen den Jungen quasi zu zwingen, klauen zu gehen oder kleinere illegale Arbeiten zu verrichten, um überleben zu können. Immer wieder wird die Wichtigkeit des Geldes für Riccetto deutlich, da la grana für ihn das einzige Mittel auf der Welt ist, um sich vergnügen zu können.[7] Riccetto hat vor allem vor seiner Verhaftung weder ein Gewissen, noch eine Moral. Er scheut sich nicht, eine ältere Dame oder einen Blinden auszurauben.[8] Er scheint vom Leben abgehärtet, auf eine gewisse Weise schlau und listig. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Flucht vor der Polizei, als er wegen des Betrugs mit den Spielkarten verhaftet werden soll.[9] Seine instinktive Intelligenz erlaubt es ihm, einige Situation zu kontrollieren und zu lenken. Er merkt zum Beispiel schnell, dass ihn der Umgang mit Amerigo in Bedrängnis bringen könnte und verlässt daraufhin den Schauplatz der Handlung.[10]

Nach seiner dreijährigen Haftstrafe scheint Riccetto eine innere Entwicklung vollzogen zu haben. Er findet eine Arbeitsstelle und einen Platz in der Gesellschaft. Damit entfernt er sich von den „ragazzi di vita“ und wird lediglich am Ende des Romans noch einmal erwähnt, als er nämlich ohnmächtig Genesio beim Ertrinken zuschaut.[11]

[...]


[1] Vgl. Francesco Muzzioli: Come leggere Ragazzi di vita di Pier Paolo Pasolini. Milano: Mursia 1975, S. 13-15.

[2] Antonio José Quesada, http://www.pasolini.net/saggistica_AntonioQuesado_es.htm#ita (25.02.2012)

[3] Enzo Siciliano: Pasolini. Leben und Werk. Aus dem Italienischen von Christel Galliani. Weinheim und Berlin: Beltz, Quadriga 1994, S. 202.

[4] Luigi Martellini: Introduzione a Pasolini. Roma-Bari: Laterza&Figli 1989, S. 53.

[5] Vgl. Pier Paolo Pasolini: Ragazzi di vita. Milano: Garzanti 2000, S. 28-29.

[6] Vgl. ebd., S. 59.

[7] Vgl. Vincenzo Mannino: Invito alla letteratura di Pier Paolo Pasolini. Milano: Mursia 1974, S. 64.

[8] Vgl. Pier Paolo Pasolini: Ragazzi di vita. Milano: Garzanti 2000, S. 17.

[9] Vgl. ebd., S.39-40.

[10] Vgl. ebd., S. 92.

[11] Vgl. ebd., S. 240.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Riccetto, Tommaso, Accattone. Pier Paolo Pasolinis Hauptfigur(en)
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V269192
ISBN (eBook)
9783656602118
ISBN (Buch)
9783656602101
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
riccetto, tommaso, accattone, pier, paolo, pasolinis, hauptfigur
Arbeit zitieren
Federico Sirna (Autor), 2012, Riccetto, Tommaso, Accattone. Pier Paolo Pasolinis Hauptfigur(en), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269192

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