Die Schuldfrage in Hartmanns von Aues "Iwein"


Hausarbeit, 2011

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Schuldbegriff im höfischen Mittelalter

3. Die Brunnenaventiure…

4. Das Terminversäumnis

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Über die Schuldfrage in Hartmanns von Aue zweitem Artusroman „Iwein“, welcher um das Jahr 1200 entstanden ist, wird seit Jahren eine rege Debatte in den Forschungsliteraturen geführt. Für Gert Kaiser ist die Frage nach der Schuld gar „der Schlüssel, dem das Geschehen des ‚Iwein‘ seinen Sinn öffnet, […]“[1]

Dass Iwein im Verlauf des Romans Schuld auf sich geladen hat, scheint offensichtlich. Die Handlung des Romans orientiert sich an der aus dem „Erec“ bekannten Doppelwegstruktur. Dies lässt vermuten, dass der Protagonist im ersten Handlungszyklus eine oder mehrere Verfehlungen begeht und diese im zweiten Handlungszyklus wieder gutmacht, sich zu einem höfisch edlen Ritter entwickelt und sich so von der auf sich geladenen Schuld befreit.

Worin Iweins Schuld jedoch genau liegt, ist eine der in der Forschungsliteratur am häufigsten gestellten Fragen. Dabei werden besonders zwei Episoden diskutiert, in denen Iwein vermeintliche Verfehlungen begeht: Zum einen die Brunnenaventiure, in der er Askalon zum Kampf auffordert und tötet. Zum anderen Iweins Terminversäumnis, als er Laudines Jahresfrist nicht einhält und damit seine Pflichten als Landesherr vernachlässigt.

Um eine mögliche Schuld Iweins zu analysieren, muss jedoch zuvor das zeitgenössische Verständnis des Schuldbegriffs geklärt werden, da eine Beurteilung aus Sicht der heutigen christlichen Moraltheologie sicherlich unzureichend ist. Dieser Aspekt lässt die Frage, ob Iwein Schuld auf sich geladen hat, nicht mehr trivial erscheinen und wirft einige Schwierigkeiten in der Bewertung seiner Schuld auf.

Die vorliegende Arbeit soll im Folgenden also zunächst klären, wie der Begriff „Schuld“ im höfischen Mittelalter zu verstehen ist und welche Regeln und Normen der mittelalterlichen Gesellschaft in der Schuldfrage zu beachten sind.

In einem weiteren Schritt werden sowohl die Brunnenaventiure als auch Iweins Terminversäumnis genauer betrachtet. Dabei soll analysiert werden, ob Iwein durch seine Verfehlungen Schuld auf sich lädt und wenn dies der Fall ist, in welcher Form.

2. Der Schuldbegriff im höfischen Mittelalter

Die mittelalterliche Gesellschaft basierte, wie auch die heutige, auf christlichen Werten und Normen. Gleichzeitig war sie jedoch auch stark von vorchristlichen Bräuchen geprägt. Dies hat auf die Vorstellung von Schuld einen erheblichen Einfluss. Im Gewohnheitsrecht wurde Schuld rein objektiv bemessen, jedoch war nicht die Absichtlichkeit einer Handlung entscheidend, sondern lediglich die Wiedergutmachung. Erst durch das Christentum kam eine subjektive Schuld auf. Dabei wurde durch ein Vergehen neben den weltlichen Folgen vor allem gegen Gottes Gebote verstoßen. Eine solche Sünde erforderte als Wiedergutmachung die Beichte, die Reue und schließlich die Sühne, also das persönliche Opfer. Die Absicht, beziehungsweise die innere Einstellung zur Handlung, des Täters waren nun wichtiger als die Folgen der Tat und ihre Wiedergutmachung. Diese neue Sichtweise der Schuld verdrängte einige der alten Bräuche jedoch keineswegs. Neben dem Gottesurteil wurden weiterhin Gerichtskämpfe abgehalten, auch die Blutrache und private Fehden waren Mittel um Streitigkeiten beizulegen. Dies zeigt, dass beide Rechtsauffassungen nebeneinander existierten und sich teilweise überlagerten. In der mittelalterlichen Gesellschaft entstand so eine große Unsicherheit im Umgang mit religiösen und rechtlichen Fragen. Diese Problematik wird auch in Hartamanns von Aue Artusroman „Iwein“ deutlich und bringt damit erhebliche Schwierigkeiten bei der Bewertung der Schuldverhältnisse mit sich.[2]

3. Die Brunnenaventiure

Die Bedeutung der Brunnenaventiure für die Schuld Iweins wird in der Forschung sehr kontrovers diskutiert. Grundsätzlich lassen sich zwei Positionen dazu unterscheiden. So erachten Peter Wapnewski und Thomas Cramer das Erschlagen des Brunnenwächters als Verfehlung Iweins, Hubertus Fischer und Rudolf Voss dagegen sehen dabei kein Vergehen gegen die geltenden Moral- oder Rechtsauffassungen.

Zunächst ist es wichtig, zu klären, warum Iwein überhaupt losreitet, um Askalon zum Kampf herauszufordern: Seine Motivation dazu ist die Schande, die sein Vetter Kalogreant durch den Brunnenwächter erfahren hat. Iwein begibt sich also auf den Weg zur Quelle, um die Ehre des Artushofes wiederherzustellen, aber auch um eigenes Ansehen zu erlangen. Dadurch handelt er womöglich aus jugendlichem Leichtsinn, aber letztendlich auch der Absicht des König Artus entsprechend, welcher im Prolog als edel und ruhmreich dargestellt wird. Als er von der Schmach des Kalogreant stellt er unverzüglich klar, was zu tun ist:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn nun also König Artus mit seinem ganzen Gefolge zur Quelle reiten will um die Ehre des Hofes wiederherzustellen, ist auch Iweins Absicht, seinen Vetter zu rächen nicht negativ zu sehen, schließlich heißt es doch bezüglich des König Artus im Prolog:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch die Erzählinstanz beschreibt Iweins Handeln positiv:

alsus stal er sich dan So stahl er sich davon

unde warp rehte als ein man und handelte rechtens wie ein Mann

der êre mit listen der Ehre mit List (Scharfsinn)

kunde gewinnen unde vristen [5] gewinnen und bewahren konnte.

[...]


[1] Gert Kaiser: Textauslegung und gesellschaftliche Selbstdeutung. Aspekte einer sozialgeschichtlichen Interpretation von Hartmanns Artusepen. 2. Auflage. Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion 1978, S.337.

[2] Vgl. Christoph Lorey: Die Schuldverhältnisse in Hartmanns Iwein. In: Marianne Henn und Christoph Lorey (Hrsg.): Analogon Rationis. Festschrift für Gerwin Marahrens zum 65. Geburtstag. Edmonton: University of Alberta Press 1994, S. 19-23.

[3] Hartmann von Aue: Iwein, V. 898, V.902, V.903.

[4] Ebd., V.18-20.

[5] Ebd., V.945-948.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Schuldfrage in Hartmanns von Aues "Iwein"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V269204
ISBN (eBook)
9783656602170
ISBN (Buch)
9783656602163
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schuldfrage, hartmanns, aues, iwein
Arbeit zitieren
Federico Sirna (Autor), 2011, Die Schuldfrage in Hartmanns von Aues "Iwein", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269204

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