Die EU ist ein politisches System sui generis, ein politisches System, welches keinen historischen Vorläufer hat und mit nichts bisher Dagewesenem zu Genüge verglichen oder analysiert werden könnte. Aus einer wirtschaftlichen Gemeinschaft von sechs Staaten, dessen Aufgabenbereich
sich auf die Produktion von Kohle und Stahl beschränkte, entwickelte sich eine politische Union aus mittlerweile 27 Staaten mit staatsähnlichen Befugnissen. Die Entwicklung von der Montanunion bis zur heutigen EU war begleitet von zahlreichen Vertragsänderungen, wie der Einheitlichen Europäischen Akte 1986, den Verträgen von Maastricht 1992, Amsterdam
1997, Nizza 2000 und Lissabon 2007. Die institutionellen und prozessualen Änderungen versuchten stets die wachsende Anzahl der Mitgliedstaaten, d. h. die stete Erweiterung mit der gleichzeitigen Vertiefung dieser wirtschaftlichen und politischen Gemeinschaft in Einklang zu bringen. So könnten einige institutionelle Veränderungen durch die Verträge von Lissabon als Entgegnung auf die immer lauter werdenden Vorwürfe eines Legitimations- und Demokratiedefizits der EU gedeutet werden.
Im ersten Teil dieser Arbeit wird auf verschiedene, deskriptive Integrationstheorien eingegangen, welche sich mit der Frage beschäftigen, wie und wieso unabhängige Nationalstaaten im Laufe der Zeit immer mehr von ihrer Souveränität und immer mehr Kompetenzen auf eine höhere, supranationale Instanz transferierten. Es wird hauptsächlich Augenmerk auf die klassischen Theorien Föderalismus, (Neo-)Funktionalismus und Intergouvernementalismus gelegt, wobei jeweils nur kurz auf deren Weiterentwicklungen eingegangen wird. Im zweiten Teil werden verschiedene normative Modelle erläutert, welche
jeweils die Frage beantworten, was für ein Europa es in Zukunft geben soll, wohin zukünftig integriert werden soll, welche Art Union wünschenswert ist. Am Anfang wird die differenzierte Integration näher beschrieben, woraufhin die vier populärsten Modelle, welche durch die Idee der differenzierten Integration entstanden, - das „Europa der mehreren Geschwindigkeiten“, das „Europa der konzentrischen Kreise“, das „Europa der variablen Geometrie“ und das „Europa á la carte“ - erläutert werden. Im folgenden Teil werden zwei Beispiele der Methode der differenzierten Integration aufgeführt. Die beiden Beispiele werden jeweils in die vorher behandelten Integrationskonzeptionen eingeordnet, knapp mittels der Integrationstheorien analysiert und ihr Erfolg bewertet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Integrationstheorien
2.1 Der Föderalismus
2.2 Der (Neo-) Funktionalismus
2.3 Der Intergouvernementalismus
3. Welches Europa? Konzepte der Integration
3.1 Differenzierte Integration und Verstärkte Zusammenarbeit
3.2 Das „Europa der mehreren Geschwindigkeiten“
3.3 Das „Europa der konzentrischen Kreise“
3.4 Das „Europa der variablen Geometrie“
3.5 Das „Europa á la carte“
4. Beispiele differenzierter Integration
4.1 Die europäische Währungsunion
4.2 Das Schengener Abkommen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz der differenzierten Integration im Kontext der europäischen Entwicklung. Dabei wird analysiert, ob diese Integrationsform als existenzielle Gefahr für den Zusammenhalt oder als notwendige Chance zur Bewältigung der wachsenden Heterogenität innerhalb der Europäischen Union zu betrachten ist.
- Theoretische Grundlagen europäischer Integration (Föderalismus, Funktionalismus, Intergouvernementalismus)
- Konzepte der differenzierten Integration (Modelle wie "Europa der mehreren Geschwindigkeiten")
- Praktische Anwendungsbeispiele (Europäische Währungsunion, Schengener Abkommen)
- Bewertung der Auswirkungen auf die Homogenität und Integrationsfähigkeit der EU
Auszug aus dem Buch
3.1 Differenzierte Integration und Verstärkte Zusammenarbeit
Mit der steigenden Mitgliederzahl der EU geht steigende Heterogenität einher. Die europäischen Staaten unterscheiden sich bezüglich ihrer Sprache, Sitten und Gebräuche, Geschichte, Kultur, Politik-, Sozial- und Rechtssysteme, Lebensstandards und bezüglich ihres Pro-Kopf-Einkommens. So sind Meinungsverschiedenenheit unvermeidlich und einstimmige Entscheidungen illusorisch. Während die Heterogenität als Stärke und das Charakteristikum der EU betrachtet werden kann, macht dies allerdings das System komplexer und die Konsensfindung komplizierter. Doch Europäische Erweiterung ist nicht mit gleichzeitiger europäischer Vertiefung zu vereinbaren, sie widersprechen einander kontradiktorisch. Daher muss sich die EU entscheiden: Entweder Zentralisierung, Harmonisierung und Vertiefung auf der einen oder Heterogenisierung und Dezentralisierung auf der anderen Seite.
Durch die steigende Heterogenität hat sich eine Kultur des Opting-Outs etabliert (to opt out: aussteigen, explizit sein Nichteinverständnis erklären, Opting-Out-Klauseln = Ausstiegsklauseln, Freistellungsregelungen). Diese bewirken Ausnahmeregelungen für diejenigen Staaten, welche sich nicht an den gemeinschaftlichen Einigungen beteiligen wollen. Ein Beispiel hierfür ist Dänemark, welches Ausnahmeregelungen forderte, um den Vertrag von Maastricht zu ratifizieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung thematisiert die EU als politisches System sui generis und verdeutlicht die Notwendigkeit, aufgrund der wachsenden Mitgliederzahl und Interessenvielfalt über die Zukunft der EU zu kommunizieren.
2. Integrationstheorien: Das Kapitel stellt die zentralen klassischen Theorien – Föderalismus, (Neo-) Funktionalismus und Intergouvernementalismus – als Orientierungshilfen zur Analyse des Integrationsprozesses vor.
3. Welches Europa? Konzepte der Integration: Hier werden unterschiedliche normative Modelle diskutiert, die auf die Heterogenität der EU reagieren, von der "Verstärkten Zusammenarbeit" bis hin zum "Europa á la carte".
4. Beispiele differenzierter Integration: Anhand der Europäischen Währungsunion und des Schengener Abkommens wird aufgezeigt, wie differenzierte Integration realpolitisch und lebensweltlich angewendet wird.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Bewertung, dass differenzierte Integration ein nützliches Werkzeug darstellt, um trotz unterschiedlicher Interessen ein Fortschreiten der Integration zu ermöglichen, ohne dabei die Union zu spalten.
Schlüsselwörter
Europäische Integration, differenzierte Integration, Föderalismus, Funktionalismus, Intergouvernementalismus, Opting-Out, Verstärkte Zusammenarbeit, Währungsunion, Schengener Abkommen, Europäische Union, Heterogenität, Supranationalität, Souveränität, Europapolitik, Mehrebenensystem
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Entwicklung der europäischen Integration und setzt sich kritisch mit dem Konzept der differenzierten Integration als Mittel zur Bewältigung von Heterogenität auseinander.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten zählen die theoretische Einordnung der europäischen Integration, die Vorstellung verschiedener Integrationsmodelle sowie die praktische Anwendung dieser Modelle anhand konkreter Beispiele.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es zu untersuchen, ob differenzierte Integration eine Chance zur Weiterentwicklung der EU darstellt oder die Gefahr einer Spaltung und Entstehung einer Mehrklassengesellschaft birgt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt deskriptive Integrationstheorien zur Systematisierung und analysiert normative Modelle, die durch eine fallorientierte Betrachtung der Währungsunion und des Schengener Abkommens ergänzt werden.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Auseinandersetzung mit Integrationsansätzen und eine detaillierte Prüfung von Modellen und praktischen Integrationsbeispielen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie differenzierte Integration, Spill-Over, Opting-Out, Intergouvernementalismus und die spezifischen europäischen Verträge.
Warum wird das Schengener Abkommen als "Glanzbeispiel" für Integration hervorgehoben?
Es dient als Beispiel dafür, wie ein ursprünglich völkerrechtlicher Sonderweg, an dem zunächst nur wenige Staaten beteiligt waren, schrittweise alle EU-Mitglieder integrieren konnte.
Welche Rolle spielen die Opting-Out-Klauseln in der Argumentation der Autorin?
Die Autorin plädiert dafür, Opting-Out-Klauseln nicht als reinen Integrationswiderstand, sondern als notwendigen Ausdruck europäischer Vielfalt und Heterogenität zu akzeptieren.
- Arbeit zitieren
- Victoria Flägel (Autor:in), 2012, Vergangenheit und Zukunft der europäischen Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269264