Untersuchung der "Tableaux vivants" sowie der Kapellenrestauration in Goethes "Wahlverwandtschaften" (unter Anwendung von kunstwissenschaftlichen Methoden der Bildanalyse) - Einordnung dieser Szenen in das Gesamtkonzept von Goethes Roman
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entgrenzung des Bildes: Die „Tableaux vivants“
2.1. Tableaux vivants als Phänomen des 18. Jahrhunderts
2.2. „Natürliche Bildnerei“: Aufführung der Lebenden Bilder im Roman
2.3. 'Die Wirklichkeit als Bild': Zitat des „Belisar“
3. Kunst als Lebensersatz: Die Kapellenausmalung
4. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Funktion und Wirkung der "Tableaux vivants" sowie der Kapellenrestauration in Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften". Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern diese ästhetischen Inszenierungen und der Rückgriff auf bildliche Traditionen den tödlichen Fortgang der Handlung beeinflussen und ein Verständnis von Kunst als Ersatz für eine reale, authentische Lebensgestaltung widerspiegeln.
- Die Analyse der "Tableaux vivants" als Ausdrucksform von Künstlichkeit und Nachahmung.
- Die Rolle der Kapellenrestauration als Rückzugsort und Projektionsfläche.
- Die Untersuchung der Identitätsbildung der Romanfigur Ottilie zwischen Fremdbestimmung und Bildwerdung.
- Die symbolische Verknüpfung von Kunstrezeption, Tod und ästhetischer Stilisierung.
Auszug aus dem Buch
2.1. Tableaux vivants als Phänomen des 18. Jahrhunderts
Eine bedeutende Epochenthematik des 18. Jahrhunderts war das Verhältnis von Kunst und Leben, bzw. Illusion und Wirklichkeit. Zu einer Zeit, in der sich die Kunstgeschichte als eigenes Fachgebiet institutionalisierte und die These galt, dass innere Werte in der äußeren Erscheinung verkörpert werden, gelangte auch der Pygmalion-Mythos zu neuer Beachtung. Die Idee eines Kunstwerkes, welches durch die Illusion seines Betrachters belebt wird, spiegelt sich in der ab 1750 aufkommenden Modeerscheinung des Nachstellens vorhandener Kunstwerke wider. In diesen sogenannten „Tableaux vivants“ führen Personen stumm und bewegungslos ein Bild vor. Das sich ergebende szenische Arrangement zwischen bildender und darstellender Kunst bewegt sich im breiten Raum zwischen einem ewigen, ästhetischen Kulturgut – dem Bild – und einer momentanen, lebendigen Darstellung. Von ersten Bildern, welche erstmals im französischen Theater in Stücke integriert wurden und damit der Theaterreform, welche eine Auflösung in plastische Einzelbilder anstrebte, entsprachen, entwickelten sich die Lebenden Bilder zum Gesellschaftsspiel. Als Privataufführung wurde das Laienschauspiel in Adelskreisen und an Höfen gepflegt und breitete sich ab 1812 auch auf kommerzielle Aufführungen von Tableaux-Serien aus. Die Vorführung diente einer Kombination aus Wissensvermittlung und Geschmacksbildung des Publikums, nach dem schon bei Aristoteles begründeten Prinzip der Tragödie sollten die Szenen erraten und sich an der Komposition erfreut werden. Die Bilder wurden somit auch zum Ausdruck eines gesellschaftlichen Bildungspotentials, welches zur Schau gestellt werden sollte. Auch hier stand die Aneignung der Idea eines Kunstwerkes auf körperliche Art und Weise im Mittelpunkt, was erklärt, warum nicht nur in den Wahlverwandtschaften, sondern auch den historischen Aufführungen lieber aufwändige Inszenierungen nach Vorlagen aus Ausstellungen oder Reproduktionen bekannter Werke als Eigenkompositionen aufgeführt wurden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie Kunst als Ersatz für Lebenswirklichkeit fungiert und inwiefern dieser Prozess in Goethes Roman eine tödliche Dynamik entfaltet.
2. Entgrenzung des Bildes: Die „Tableaux vivants“: Dieses Kapitel analysiert das historische Phänomen der lebenden Bilder und untersucht deren spezifische Inszenierung im Roman sowie das Zitat des "Belisar" als zentrales Motiv.
3. Kunst als Lebensersatz: Die Kapellenausmalung: Hier wird die Restauration der Seitenkapelle als Versuch einer Flucht in eine idealisierte Vergangenheit und als Ort der Selbstauflösung der Protagonistin Ottilie betrachtet.
4. Ausblick: Der Ausblick fasst zusammen, dass die in der Arbeit untersuchten Formen der Bildlichkeit im Roman als Ausdruck eines stillstehenden Geschehens dienen, das in der Unfähigkeit zur authentischen Gegenwart mündet.
Schlüsselwörter
Goethe, Die Wahlverwandtschaften, Tableaux vivants, lebende Bilder, Kunst, Nachahmung, Illusion, Wirklichkeit, Belisar, Kapellenrestauration, Ästhetik, Tod, Symbolik, Identität, Stilisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von bildkünstlerischen Darstellungsformen, speziell der „Tableaux vivants“ und der Kapellenausmalung, in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themenfelder umfassen die Spannung zwischen Kunst und Leben, die Rolle der Nachahmung, die Problematik der Identitätsfindung sowie die symbolische Aufladung von Körperlichkeit und Tod.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Kunst und Bilder in Goethes Werk einen wesentlichen Anteil am tragischen bzw. tödlichen Fortgang der Romanhandlung haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman im Kontext zeitgenössischer kunsttheoretischer Diskurse und unter Einbeziehung der Forschungsliteratur betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der „Tableaux vivants“ als Phänomen und ästhetische Praxis sowie die Analyse der Kapellenrestauration als symbolischer Rückzugsort.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Tableaux vivants, Nachahmung, Ästhetik, Entgrenzung des Bildes, Identität und Todesproblematik geprägt.
In welchem Zusammenhang steht der Belisar-Kupferstich?
Der "Belisar" dient als erstes im Roman aufgeführtes Tableau und wird später in Bezug auf die Figur Ottilie und den Architekten als komplexes Zitat von Lebenssituationen und Rollenbildern verwendet.
Warum spielt der Architekt eine zentrale Rolle?
Der Architekt agiert als Organisator der Inszenierungen, dessen eigene Rolle als "Zuschauer im Bild" und seine Tendenz zur Dilettierung die Verwischung von Realität und Fiktion innerhalb der Romanwelt verdeutlichen.
- Arbeit zitieren
- Vivien Lindner (Autor:in), 2011, Selbstauflösung in Bildern: "Tableaux vivants" und die Kapellenrestauration in Goethes "Wahlverwandtschaften", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269288