Die Europäische Integration als Folge kollektiver Normen und kollektiver Identität?

Ein konstruktivistischer Blick auf das Gehäuse und die Dynamik der EU


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

35 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Die Europäische Union, ein Konstrukt aus Werten und Normen?

2 Der Konstruktivismus als Deutungsangebot? Eine Zusammenfassung
2.1 Die Anarchie als soziales Konstrukt? Der Staatskonstruktivismus nach Alexander Wendt
2.2 Die praktische Anwendbarkeit des Konstruktivismus? Mess- und Erhebungsverfahren

3 Die Europäische Integration, zu dynamisch, um erfasst werden zu können?

4 Identität und Normen als Motor Europäischer Integration? Ein konstruktivistischer Blick auf die EU
4.1 Die kollektive Identität als Pfeiler der Kooperation?
4.2 Kollektive Normen als Wegweiser des Handelns?

5 Fazit

Literatur

1 Die Europäische Union, ein Konstrukt aus Werten und Normen?

Die Europäische Union durfte in diesem Jahr (2013) mit Kroatien seinen 28. Mitgliedstaat begrüßen. Die internationale Institution befindet sich stetig im Wandel. Die europäische Integration und seine Dimensionen haben in der politikwissenschaftlichen Diskussion bereits sehr früh ihre Niederlassung gefunden. Die mit der fortschreitenden Integration einhergehenden Veränderungen liefern immer wieder neues üppiges Material und geben Anstöße für politologische Überlegungen. Das Wachstum des EU-Systems, der institutionelle Auf- und Abbau, die Weitung der Politikfelder, das Aufkommen neuer Netzwerke und zuletzt die Entwicklung der EU hin zum einem internationalen Akteur sui generis lassen die Integration stetig in einem neuen Licht erscheinen. Ebenso zählen konstitutionelle Vertragsänderungen dazu.1

Im Spektrum und der Vielfalt theoretischer Betrachtungsweisen der europäischen Integration wäre es bedauerlich diese lediglich auf die Gegenpole des „Neofunktionalismus“ und „Intergouvernementalismus“ zu beschränken. Verschiedenste Felder der EU können hierbei im Rahmen von Integrationstheorien theoretisch beleuchtet werden: Klassisches EG-Material (bspw. Agrarpolitik), die Rolle als internationaler Akteur (bspw. Formen, Entstehung, GASP), die WWU, die Rollen von Regionen (v.a. deutsche Bundesländer), Verbände und NGOs, die öffentliche Meinung, Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse der Institutionen und nationalen Akteure, nationale Parlamente, und zu guter Letzt Vertragsänderungen. Im Zuge der Integrationsdebatte werden der EU die differentesten Titulierungen verliehen. Oftmals wird sie als „Unikat“ bezeichnet. Mit der Begrifflichkeit des „governance“ verbinden die Theoretiker Regierungsformen des multi-level, polycratic, comittee, network oder collective. Bezüglich der Betrachtungsweise der EU als „Staat“ werden ihr Konnotationen von international, post modern, para, quasi oder fusioniert föderal angehängt. Die Spannbreite der Integrationstheorien umfasst (in einer ersten Zusammenstellung) folgende Ansätze: (Neo- )Realismus, (Neo-)Funktionalismus, (Neo-)Institutionalismus, (Neo-)Föderalismus, (Liberaler) Intergouvernementalismus, Konstruktivismus, Regime, Netzwerk, Governance und Fusion. Weiterhin existieren Integrationsperspektiven ökonomischer, geschichtswissenschaftlicher, soziologischer, rechtswissenschaftlicher oder kultureller Natur.2 Im weiteren Teil meiner Einleitung möchte ich begründen, warum ich mich für den Konstruktivismus als theoretisches Gerüst meiner Arbeit entschieden habe.

In der Präambel der Charta der Europäischen Union verpflichten sich die Mitgliedstaaten dazu, sich auf dem Fundament gemeinsamer Werte eine friedvolle Zukunft zu gestalten. Werte sind präferierte Schlagwörter in der Ausformulierung der Charta, denn so werden Freiheit, Gleichheit, Solidarität und die Würde des Menschen als universelle Anker eines wertorientierten Handelns schriftlich niedergelegt. Ebenso sind es Aspekte der Sicherheit, der Rechtstaatlichkeit und der Demokratie, welche die Pfeiler dieser internationalen Organisation bilden. Die EU ist weiterhin bestrebt diese Werte zu wahren und sie ggfs. zu modifizieren, wobei sie die Mannigfaltigkeit europäischer Kulturen, Traditionen, sowie nationaler Identitäten schätzen soll. Aus diesen geteilten Zielsetzungen folgert sich die Verpflichtung einer gemeinsamen Zusammenarbeit zur Behütung der Menschenrechte und der Grundfreiheiten.3 Viele dieser hier genannten Punkte spielen in der Theorie des Konstruktivismus eine entscheidende Rolle, da solche in der nationalen Identität verfestigten Werte das außenpolitische Handeln von Staaten determinieren. Des Weiteren kann danach gefragt werden, welche Stärke und Orientierungssog internationale Normen, in diesem Falle die der EU, besitzen und wie solche Normen eventuell den Integrationsprozess vorantreiben können. Selbstredend besitzen alle Verfassungen grundlegende Werte und Normen, die es zu schützen und durch praktische Anwendung zu reproduzieren gilt, und welche somit den Charakter eines Staates formen. Die EU ist allerdings ein einzigartiges Konstrukt, und da sich die Mitgliedstaaten auf freiwilliger Basis dem Korpus EU und seinen Normen verschieben haben, gilt es die Kraft solcher Normen auf die europäische Integration gemünzt zu untersuchen. Daher stellt sich auch die Frage:

Sind Identität und Normen die federführenden und grundlegenden Pfeiler zum Antrieb und Zustandekommen Europäischer Integration?

Da die EU als internationaler Organisation in ihrer strukturellen Ausgestaltung beispiellos ist, und auch keinen Staat und keine Demokratie im nationalen Sinne darstellt4, und sie darüber hinaus aber in gewissen Politikfeldern verbindliche Entscheidungen treffen kann und die Mitgliedstaaten der Organisation aus freien Stücken beitraten komme ich zu der These:

Je stärker die kollektiven Normen sind und je gefestigter (und klarer) die kollektive Identität, desto mehr schreitet der Prozess der Integration und somit der Kompetenzausbau der EU voran.

Im Sinne der konstruktivistischen Sichtweise, welche eher ein Deutungsangebot darstellt und keine Prognosefunktion einnimmt, muss die These retrospektiv angelegt werden, da mit ihr keine zukünftige Gesetzmäßigkeit dargeboten werden kann. Zur Ergründung der Fragen und These, soll zunächst der Staatskonstruktivismus nach Wendt, eingebettet in einen Überblick des Konstruktivismus, dargestellt werden. Anschließend wird der Integrationsprozess in seinen Facetten erörtert und gleichzeitig einige integrationstheoretische Standpunkte eingeworfen. In einem nächsten Schritt werden die konstruktivistischen Konstrukte von Identität, Normen, Handlungslogik und Legitimität auf die Integration angewandt um daraus ableitend ein Fazit formulieren zu können.

2 Der Konstruktivismus als Deutungsangebot? Eine Zusammenfassung

Der Konstruktivismus ist darum bemüht die sozialen Konstruktionen, sowie deren Entstehung, unserer Welt zu beschreiben und zu erläutern.5 Für dieses Unterfangen nimmt er eine klare Gegenposition zu traditionelleren Theorien der „Internationalen Beziehungen“ ein, welche ihren Schwerpunkt zur Darlegung internationaler Politik in rationalistischen und materialistischen Ansätzen haben und formuliert in diesem Kontext zwei zentrale Grundannahmen zur Erfassung der politischen Welt. (An dieser Stelle sei darauf hinzuweisen, dass der Ausdruck der „Grundannahme“ ein tendenziell eher befremdliches Wort im Konstruktivismus darstellt, da es sich um die Möglichkeit eines Deutungsstandpunktes der Welt handelt.) Die erste Grundannahme befasst sich mit den Strukturen des internationalen Systems. Entgegen dem Realismus, Institutionalismus oder Transnationalismus, welche ihren Fokus mithin auf materielle Ressourcenverteilung richten, sind es im Konstruktivismus intersubjektive Strukturen, die sich auf die Ziele und das Verhalten von Akteuren auswirken. Es sind nicht-materielle Indikatoren, wie beispielsweise Normen, Rollen oder Werte, die diese intersubjektive Beschaffenheit sozial formen.6 Konstruktivistische Analysen haben die Aufgabe, sich dieser ideellen Faktoren (Identitäten, Weltbilder, etc.) anzunehmen, um deren Einfluss auf die Außenpolitik und das internationale Agieren auszuarbeiten. Diese immateriellen Einflussgrößen stellen ebenfalls Konstruktionen dar, verstanden als „Sinn- und Bedeutungszusammenhänge, die in (welt-) gesellschaftlichen Kommunikations- und Interaktionsprozessen entstehen“7 Die zweite Grundannahme des konstruktivistischen Blickwinkels befasst sich mit den Dispositionen der Akteure. Hier ist es nicht der zweckrationale und nutzenmaximierende Akteur aus dem Modell des homo oeconomicus (Bestandteil realistischer, liberaler und institutioneller Theorien), sondern ein homo sociologicus, welcher dem Akteurscharakter zu Grunde liegt. Eingebettet in kulturellen und institutionellen Gefügen handelt der Akteur angemessen und richtet somit die Entscheidung für Ziele oder Handlungsalternativen nach Normen, Werten oder Rollen.8 Die Logik der Angemessenheit, welche Risse auch als „normgeleitetes Handeln“ betitelt, postuliert, dass (internationale) Akteure bestrebt sind, sich in Situationen sozial angemessen zu verhalten und somit keine strategischen Absichten zu verfolgen. Infolgedessen wirken Normen nicht nur „kausal-regulativ“, sondern besitzen auch einen elementaren Einfluss auf die Identität der Akteure.9 Letztlich handelt der Akteur nicht aufgrund der Konsequenzen seiner Tat, sondern wegen der „sozialen Konformität“ eines bestimmten Verhaltens. Es sind somit normative Regeln, Prinzipien und Verpflichtungen, die den Rahmen des Handelns bilden.10 Soziale Normen, welche nun im Konstruktivismus unabhängige Variable bilden, werden zur Erfassung außenpolitischen Agierens herangezogen. Zentral hierbei ist zu erörtern, wie der Akteur aus der Vielfalt von Verhaltenserwartungen relevante von irrelevanten Normen unterscheiden kann, wobei sich der Konstruktivismus gegen eine Beliebigkeit der Normenwahl wehrt. Das Stärkemaß einer Norm kann durch zwei Faktoren bestimmt werden. Kommunalität bezeichnet die „Menge der Akteure eines sozialen Systems, die eine wertegestützte Verhaltenserwartung teilen …“ und Spezifität steht synonym für die „… Genauigkeit, mit der eine Norm angemessenes von unangemessenem Verhalten unterscheidet.“11 (näheres in Kapitel 2.3)

Weiterhin wird, und dies bezeichnet Krell als Idealismus, den Ideen eine zentrale Stellung im Konstruktivismus eingeräumt, welche wie bereits angedeutet, rationalistische Faktoren überlagern. Die materielle Wirklichkeit existiert, jedoch wird der ideellen Realität eine konstruktivere Wirkung zugesprochen. Die Wahrnehmung und Deutung der Welt läuft kohärent mit den Ideen und Interpretationsmuster der Akteure. Diese Ideen, welche ein Wissen (in Form von Daten, Normen, ästhetischen Urteilen, etc.) über die Wirklichkeit abbilden, definieren die Interessen und das Selbst, wodurch Handlungsspielräume legitimiert werden. Abschließend soll erwähnt sein, dass der Konstruktivismus kein Anhänger des „anything goes“ ist. Es besteht ein Doppelcharakter zwischen sozial konstruierten Strukturen und „objektiver Faktizität“. Es wäre irrtümlich anzunehmen, ein sozial geschaffenes Gefüge sei einfach allzeit ad hoc umzustrukturieren, denn die soziale Struktur (auch wenn sie nicht naturgegeben ist) kann beharrlich bestehen. Letztendlich sind tragende Faktoren anderer Theorien wie beispielsweise die Macht nicht trivial als nebensächlich abzutun, denn die Einstellungen der Akteure legen deren Bedeutung fest.12 Im Zuge der Variabilität von Vorstellungen und Eigenschaften hielt Wendt fest: „Die Natur sagt uns eben nicht, ob die Menschen gut oder böse sind, aggressiv oder friedfertig, nach Macht streben oder anderen Macht zuschreiben, ob sie selbstsüchtig oder altruistisch sind.“13 Daraus ergibt sich gleichermaßen eine Vielfalt differierender Wirklichkeitskonstruktionen.14

Eine Vielzahl an Autoren ist sich darüber einig, dass der Konstruktivismus im Kern keine substanzielle Theorie ist, welche Postulate über konkrete Phänomene der internationalen Politik verkündet. Darüber hinaus offeriert er „unterschiedliche Möglichkeiten, den Untersuchungsgegenstand zu fassen und zu Aussagen über seine Beschaffenheit zu gelangen.“15 Mehrheitlich werden im Konstruktivismus Gegenstände analysiert, die in ihrer „Bedeutung umstritten“ sind. Dem Forscher obliegt es nun, sich den verschiedenen Deutungen eines Untersuchungsgegenstandes in der Debatte der Weltgesellschaft anzunehmen und einen dominanten Blickwinkel zu annektieren, wodurch der Charakter eines Deutungsangebotes deutlich wird.16

2.1 Die Anarchie als soziales Konstrukt? Der Staatskonstruktivismus nach Alexander Wendt

Der Politikwissenschaftler Alexander Wendt ist einer der renommiertesten Vertreter des konstruktivistischen Theoriekomplexes. Er entwickelte einen Blickwinkel konstruktivistischer Analysen, welcher als Staatskonstruktivismus zu titulieren ist. Im Mittelpunkt des internationalen Geschehens stellen die Staaten die fundamentalen Konstrukteure der internationalen Welt dar. Wendt analysiert folglich auf einer systemischen Ebene, wodurch es belanglos ist, wie Staaten durch innere gesellschaftliche Prozesse konstituiert werden. Das Augenmerk liegt demnach auf der „Gesellschaft zwischen Staaten“. Es wird eine Vermenschlichung des Staates unternommen, wodurch der Staat gleich einem menschlichen Organismus handelt. Die Anarchie ist ein ontologischer Bestandteil von Wendts Konstruktivismus. Allerdings drängt die Anarchie Staaten nicht zwingend durch ein Gefühl der Unsicherheit in eine Art Selbsthilfesystem, sondern im Sinne des internationalen Systems als soziale Struktur, können Staaten diese Struktur verändern und verschiedene Rollenverständnisse generieren.17 Kenneth Waltz, Begründer des Neorealismus, folgerte aus der Anarchie und dem Fehlen einer übergeordneten Sanktionsinstanz des internationalen Systems, dass Staaten grundlegend an ihrem Überleben und ihrer Sicherheit interessiert sind, und Macht daher ein Mittel zum Zweck sei, welcher sich der misstrauische, egoistische homo oeconomicus bereichern möchte. Dahingegen argumentiert Wendt, dass wenn sich Staaten einer gewissen Affinität mit den Sicherheitsinteressen anderer Staaten sicher sind, sie diesen Ländern eine weniger potentiell militärisch feindliche Gesinnung zuweisen. Die Anarchie kann nicht mehr als „überzeitlich“ und „unausweichlich“ begriffen werden.18 Das berühmte Zitat von Wendt bringt diesen Grundgedanken auf den Punkt, indem er schrieb: „Anarchy is, what states make of it“.19

Die Anliegen der staatlichen Akteure sind demnach der Ausgangspunkt dafür, welche Effekte die Anarchie und die Verteilung von Machtgütern erzielen. Ein „revisionistisch- expansionistischer“ Staat kämpft in der Anarchie um Existenz und Dahinscheiden. Länder, denen der „status quo“ ein Begehren ist, können in ein Sicherheitsdilemma mit einem Wettrüsten geraten, dieses Dilemmata jedoch durch Verständigung und die Artikulation interdependenter Defensivinteressen abwenden. Sogenannte „collective states“ ringen aufgrund „gemeinsamer Ordnungsvorstellungen“ zwar um die Verteilung der Lasten, wobei aber Gewalt keine lösende Handlungsoption darstellt. Durch eine Vielzahl unterschiedlichster Länderinteressen kann die Anarchie zu verschiedenen Sicherheitssystemen gewandelt werden. In der mentalen Auseinandersetzung mit dem Naturzustand des Realismus gestaltet Wendt Staaten im engeren Sinne (Regierungsapparat und ein Überlebensbedürfnis) durch ein Nichtwissen über das Vorhandensein anderer Staaten. Durch einen nun stattfindenden ersten zwischenstaatlichen Kontakt werden erste Signale ausgetauscht und Interpretationsschemata angewandt. Das Zusammenstoßen kann nun sowohl in einen Sog von Angst und Misstrauen, als auch in ein Wechselspiel von Neugier und Vertrauen übergehen. Der im Realismus vertretene „worst-case“- Gedanke wird durch die Kalkulation wahrscheinlichen Verhaltens, welche aus der Interaktion hervortritt, und einer Selbstreflexion (siehe Beispiel Gorbatschow) ersetzt.20 Diese fiktive Vorstellung hilft dabei zu verstehen, wie sich kollektive Identitäten konstruieren und wandeln können. Für Wendt ereignen sich die Vorgänge der Identitätsbildung immer per Interaktion zwischen Akteuren. An dieser Stelle ist wieder der systemische Charakter von Wendts Konstruktivismus hervorzuheben, denn Staaten werden „erst in der Auseinandersetzung mit anderen Akteuren sozial konstruiert […] und dies nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern […] durch zwischenstaatliche Interaktion auf der internationalen Ebene.“21 Wendt hält bei aller Bescheidenheit fest, dass er „not predict whether two states will be friends or will recognize each other's sovereignty, will have dynastic ties, will be revisionist or status quo powers, and so on”22, aber die fundamentalen intersubjektiven Faktoren beeinflussen (auf welche Art und Weise auch immer) die Sicherheitsinteressen der Staaten und deren Interaktionscharakter in der Anarchie.

Anhand dieser Auffassung kann von einer korporativen (individuellen) und kollektiven Identität die Rede sein. Gemeinsame Attribute von Staaten gestalten die Vorrausetzung der individuellen Identität, gekennzeichnet durch materielle Merkmale (politisches System, Gewaltenmonopol, etc.) und die Anreize des Handelns (Autonomie, Wohlfahrt, Überleben, etc.). Wie bereits angesprochen, fasst Wendt Staaten nun als einheitlich agierende Akteure auf, welche im Rahmen der „Prozesse kultureller Selektion“ eine kollektive oder soziale Identität herausbilden. Eine solche Auslese verfährt nach den Regeln der Imitation oder des sozialen Lernens, in deren Mittelpunkt die soziale Interaktion weilt. In diesem zwischenstaatlichen Austausch, und man halte sich wieder den fiktiven Ausgangszustand vor Augen, werden neue Informationen ausgetauscht und gegenseitige Rollenzuweisungen unternommen, und aus eben diese Reaktionen entsteht die Identität. Da die Identität die Interessen des Akteurs formuliert, wandeln sich parallel zur Identitätsänderung auch die Deutungsmuster von Situationen, eine „Redefinition von Interessen“ findet statt und die Struktur kann sich gegebenenfalls umorganisieren.23 Der Staatskonstruktivismus von Wendt kann durch ein Konzept der „role identity“ mit umschrieben werden, nach welchem die Akteure in der intersubjektiven sozialen Struktur (= System) entsprechend ihrer Rollenkonzeption außenpolitische Interessen erzeugen. Aufgrund seines systemischen Blickwinkels wird ein staatliches Kollektiv postuliert.24

Gekoppelt an die Vorgänge sozialer Interaktion ist also die Endogenität der Interessenentstehung (Interessen werden im Prozess festgelegt und nicht exogen vorgegeben) und eben diese Formung von Identität und Interessen bildet den Boden zur Erfassung der Veränderungen in den IB. Das Handeln erfolgt im Rahmen von Sinnhorizonten, welche zu anderen Akteuren in Bezug gesetzt werden. Mehrheitlich geteilte(s) Hintergrundwissen/ Bedeutungsgehalte dient der Stabilisierung des Rollenverständnis. Um in diesem Zusammenhang eine Brücken zwischen realistisch-liberaler und rationalistisch-reflexiver Debatte zu schlagen formuliert Wendt ein konstruktivistisches Gedankengut, welches er der symbolisch interaktionistischen Soziologie entnimmt. Zu diesem Zwecke bedient er sich der liberalen Behauptung, dass internationale Institutionen die Interesse und Identitäten von Staaten formen können.25

[...]


1 Vgl. Wessels, Wolfgang: Politikwissenschaftliche Beiträge zur Integrationswissenschaft: Vielfalt und Vielklang, in: Loth, Wilfried/Wessels, Wolfgang: Theorien europäischer Integration, Opladen 2001, S. 19-24

2 Vgl. ebd., S. 23-27

3 Vgl. Jarass, Hans D.: Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Unter Einbeziehung der vom EuGH entwickelten Grundrechte, der Grundrechtsregelungen der Verträge und der EMRK, München 2013

4 Vergleiche hierzu die Ausführungen von Marcus Höreth zum Demokratiedefizit der EU, in: Höreth, Marcus: Die Europäische Union im Legitimationstrilemma. Zur Rechtfertigung des Regierens jenseits der Staatlichkeit, Baden-Baden 1999

5 Vgl. Ulbert, Cornelia: Sozialkonstruktivismus, in Schieder, Siegfried/Spindler, Manuela (Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen 2003, S. 410

6 Vgl. Schimmelfennig, Frank: Internationale Politik (3. Aufl.), Paderborn 2008, S. 160-161

7 Weller, Christoph: Perspektiven eines reflexiven Konstruktivimus für die Internationalen Beziehungen, in: Ulbert, Cornelia/Weller, Christoph (Hrsg.): Konstruktivistische Analysen der Internationalen Politik, Wiesbaden 2005, S. 35

8 Vgl. Schimmelfennig, Internationale Politik, S. 161

9 Vgl. Risse, Thomas: Konstruktivismus, Rationalismus und Theorien Internationaler Beziehungen - warum empirisch nichts so heiß gegessen wird, wie es theoretisch gekocht wurde, in: Hellmann, Gunther: Die neuen internationalen Beziehungen. Forschungsstand und Perspektiven in Deutschland, Baden-Baden 2003, S. 107-108

10 Vgl. Schimmelfennig, Internationale Politik, S. 163

11 Boekle, Henning/Rittberger, Volker/Wagner, Wolfgang: Normen und Außenpolitik: Konstruktivistische Außenpolitiktheorie, in Tübinger Arbeitspapiere zur internationalen Politik und Friedensforschung, Nr. 34 (Juli 2000), S. 6

12 Vgl. Krell, Gert: Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen (3. Aufl.), Baden-Baden 2004, S. 348-349/357

13 Krell, Weltbilder und Weltordnung, S. 349

14 Vgl. Weller, Christoph: Internationale Politik und Konstruktivismus. Ein Beipackzettel, in: WeltTrends Nr. 41, Winter 2003/2004, S. 109

15 Ulbert, Sozialkonstruktivismus, S. 410

16 Vgl. Weller, Perspektiven eines reflexiven Konstruktivimus für die Internationalen Beziehungen, S. 37

17 Vgl. Weller, Internationale Politik und Konstruktivismus, S. 111

18 Vgl. Krell, Weltbilder und Weltordnung, S. 357-358

19 Weller, Internationale Politik und Konstruktivismus, S. 111

20 Vgl. Krell, Weltbilder und Weltordnung, S. 358-359

21 Ulbert, Sozialkonstruktivismus, S. 424

22 Wendt, Alexander: Anarchy is what states make of it: the social construction of powers politics, in: International Organization Foundation, 46:2 (Herbst 1992), S. 396

23 Vgl. Ulbert, Sozialkonstriktivismus, S. 424-425

24 Vgl. Fehl, Caroline: Europäische Identitäsbildung in Abgrenzung von den USA? Eine Untersuchung des deutschen und britischen Mediendiskurses über das transatlantische Verhältnis, Münster 2005, S. 18-19

25 Vgl. Wendt, Anarchy is what states make of it, S. 394-395

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Europäische Integration als Folge kollektiver Normen und kollektiver Identität?
Untertitel
Ein konstruktivistischer Blick auf das Gehäuse und die Dynamik der EU
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Veranstaltung
Politik in der EU: Fachwissenschaftliche Ansätze
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
35
Katalognummer
V269307
ISBN (eBook)
9783656604747
ISBN (Buch)
9783656604730
Dateigröße
1064 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europäische Integration, Konstruktivismus, kollektive Normen, kollektive Identität, Dynamik der EU
Arbeit zitieren
Jan Wetterauer (Autor), 2013, Die Europäische Integration als Folge kollektiver Normen und kollektiver Identität?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269307

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