Plattenbausiedlungen sind fundamentale Hinterlassenschaften der realsozialistischen Gesellschaft, welche das vorherrschende Bild der DDR bis heute prägen. Sie sind das Ergebnis einer Politik, welche versucht hat durch Architektur und Masse an Siedlungen eine soziale Ungleichheit abzuwenden. Neben der Architektonik verbindet man mit der „Platte“ ebenso eine Lebensweise, welche von guter Nachbarschaft und Kollektivierung geprägt ist. Die „Wohnungsfrage“, welche mit der Industrialisierung und der Urbanisierung im 19. Jahrhundert aufkam, konnte laut Friedrich Engels nicht im Kapitalismus gelöst werden. Folglich sah sich das sozialistische DDR-Regime dazu verpflichtet, diese Wohnungsproblematik aufzubrechen. Durch die Kursänderung Chruschtschows im Städtebau hin zur Industrialisierung des Bauens, wurde in Russland eine neue Architektur hervorgebracht, welche dem Sozialismus dienlich war. Zum einen erfüllte sie kostengünstig und schnell einer großen Masse an Menschen den Wunsch einer Wohnung, zum anderen konnte die Politik dies dazu nutzen, die Kollektivierung der Gesellschaft besser und organisierter voranzutreiben. Interessengegenstand dieser Arbeit soll genau dieser Aspekt sein. Diesbezüglich sollen folgende Fragen leitend sein. Wie vollzog sich die DDR-Baugeschichte hin zur Überhöhung des Plattenbaus? Hat die SED versucht, die Gesellschaft durch den Bau dieser Siedlungen zu kollektivieren? Lässt sich diese, von der SED proklamierte, Vereinheitlichung der Gesellschaft auch faktisch in den Siedlungen wiederfinden? Und wie vollzog sich das Spannungsverhältnis zwischen dem Kollektiv der Hausgemeinschaft und der Privatheit innerhalb der Familien? Bezüglich der Beantwortung dieser Fragen wird anfänglich ein Einblick in den historischen Kontext gegeben. Darauf basierend wird die baugeschichtliche Entwicklung der Platte dargestellt um daraufhin das Leben der Siedlungsbewohner nähergehend zu betrachten. Dies beinhaltet ebenso die Überprüfung, ob eine Kollektivierung der Hausbewohner stattfand. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Politischer und historischer Weg zur Überhöhung des Plattenbaus
2.1 Historischer Kontext
2.2 Die „Erfindung“ der Platte
3. Leben in der Platte
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische und politische Entwicklung des Plattenbaus in der DDR mit dem Ziel zu analysieren, inwiefern der Staat die Architektur nutzte, um eine Kollektivierung der Gesellschaft und eine soziale Vereinheitlichung zu erzwingen sowie das Spannungsverhältnis zwischen kollektivem Wohnen und Privatsphäre zu steuern.
- Entwicklung und Industrialisierung des DDR-Wohnungsbaus in der Ära Honecker.
- Soziologische Analyse der „Erfindung“ und Standardisierung des Plattenbaus.
- Untersuchung der sozialen Mischung und Vergabepolitik in Plattenbausiedlungen.
- Die Rolle sozialer Kontrolle und des „Wir-Gefühls“ durch die Hausgenossenschaftsleitung.
- Bewertung des Einflusses politischer Lenkung auf den privaten Alltag der Bewohner.
Auszug aus dem Buch
2.1 Historischer Kontext
Der Zenit des Plattensiedlungsbaus in der DDR lässt sich unweigerlich in der Ära Honeckers finden. Das unter ihm verabschiedete Wohnungsbauprogramm war Legitimationsmittel, um sowohl den Übergang in eine fordistische Gesellschaft vollziehen zu können, als auch die Massenproduktion innerhalb der Wirtschaft stärker mit dem Konsumgütersektor zu verflechten. Politisch war man dort angelangt, wo für den Bausektor die Hauptaufgabe darin bestand, die „Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung“ durch die Entwicklung der Städte zu beweisen. Doch wie genau vollzog sich die DDR Baugeschichte hin zur Überhöhung des Plattenbaus? Bereits im Juli 1950, nur wenige Monate nach der Konstituierung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) aus der Sowjetischen Besatzungszone, wurde das „Aufbaugesetz“ von der Regierung unter Ulbricht verabschiedet. Dieses Gesetz besagte, dass die Stadtentwicklung der DDR, sowie ihr Aufbau Teil der Planwirtschaft werden solle. Betrachtet man die Wohnungssituation im Gebiet der DDR, so lässt sich ein defizitärer Wohnungsbestand nachweisen. Im Jahr 1946 betrug der Fehlbetrag an Wohnungen in der Sowjetischen Besatzungszone aufgrund von Kriegszerstörung, der Zunahme von Wohnbevölkerung und dem Vorkriegsfehlbestand bereits 1,2 bis 1,4 Mio. Wohnungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Plattenbausiedlungen als Hinterlassenschaft der realsozialistischen Gesellschaft und Darlegung der zentralen Forschungsfragen zur Rolle der Architektur bei der sozialen Kollektivierung.
2. Politischer und historischer Weg zur Überhöhung des Plattenbaus: Analyse der baugeschichtlichen Entwicklung, beginnend bei den Ursprüngen der industriellen Bauweise bis hin zur zentral gesteuerten Massenproduktion unter der Ära Honecker.
3. Leben in der Platte: Untersuchung der sozialen Realität in den Siedlungen, der Vergabepolitik und der Mechanismen zur Erzeugung von sozialer Kontrolle und Gemeinschaftlichkeit.
4. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass der Plattenbau als politisches Instrument zur gesellschaftlichen Lenkung und Erzeugung eines parteiloyalen Kollektivs diente.
Schlüsselwörter
DDR, Plattenbau, Wohnungsbauprogramm, Sozialismus, SED, Industrialisierung, Kollektivierung, soziale Kontrolle, Wohnungsfrage, DDR-Baugeschichte, Urbanisierung, Standardisierung, Hausgenossenschaftsleitung, Wohnraumlenkung, soziale Mischung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Rolle des industriellen Wohnungsbaus in der DDR als politisches Instrument zur gesellschaftlichen Gestaltung und Kontrolle.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Baugeschichte, der politischen Strategie der SED zur Wohnungspolitik und der soziologischen Untersuchung des Zusammenlebens im Plattenbau.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Es soll untersucht werden, ob die SED den Plattenbau erfolgreich nutzte, um die Gesellschaft zu kollektivieren und eine Vereinheitlichung der Lebensweise herbeizuführen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die zentrale Werke und Monografien zum Thema sowie empirische Untersuchungen und historische Dokumente auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Entstehungsgeschichte des Plattenbaus und die Untersuchung der sozialen Auswirkungen, wie Vergabepolitik und soziale Kontrolle, auf die Bewohner.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind DDR, SED, Kollektivierung, soziale Kontrolle, Industrialisierung des Bauens und Wohnungsbauprogramm.
Warum war die SED so sehr an der Standardisierung des Wohnraums interessiert?
Die Standardisierung ermöglichte eine effiziente Massenproduktion von Wohnraum, diente aber auch dazu, Lebensweisen zu normieren und die Privatsphäre zugunsten einer staatlich gelenkten Gemeinschaftlichkeit zu beeinflussen.
Fand tatsächlich eine soziale Durchmischung in den Siedlungen statt?
Die Arbeit zeigt, dass eine Mischung stattfand, diese jedoch aufgrund der Vergaberichtlinien nicht dem von der SED proklamierten, idealisierten Ausmaß entsprach.
Welche Rolle spielte die Hausgenossenschaftsleitung (HGL)?
Die HGL fungierte als zentrales Kontrollorgan, das nicht nur für Instandhaltung sorgte, sondern auch politisch korrekte Verhaltensweisen einforderte und das Wir-Gefühl im Sinne des Systems festigte.
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- Judith Teßmann (Autor), 2014, Wohnen in der DDR, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269350