Die Frustrations-Aggressions-Hypothese und ihre Bedeutung für den pädagogischen Kontext


Seminararbeit, 2013

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Stand der Forschung

3. Die Frustrations-Aggressions-Hypothese
3.1 Eine empirische Erweiterung
3.2 Die Anwendung auf das Fallbeispiel

4. Die Schlussfolgerungen für den pädagogischen Kontext

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Menschen schreien vor Wut auf, prügeln sich untereinander. Selbst Kleinkinder schmeißen einen Gegenstand von sich, wenn sie ihren Willen nicht bekommen. Aggressive Reaktionen gehören zu den grundlegendsten menschlichen Verhaltensweisen. Obgleich dem so ist, herrscht jedoch bis heute in der Wissenschaft Streit darüber, wie und wann Aggression ausgelöst wird. Eine der ersten und maßgeblichsten Theorien hierzu, ist die Annahme, dass Aggression stets durch eine vorher entstandene Frustration hervorgerufen wird und jede Frustration wiederum zu Aggression führt. Diese sogenannte Frustrations-Aggressions-Hypothese, in dieser Form von Dollard, Doob, Miller, Mowrer und Sears (1970) formuliert, ist Gegenstand dieser Arbeit, in welcher das theoretische Konzept einer durch Frustration ausgelösten Aggression anhand eines konkreten Beispiels näher beleuchtet werden soll, um anschließend praktische Erkenntnisse für den Kontext der Schulpädagogik ableiten zu können.

Das besagte Beispiel beschreibt dabei eine Prüfungssituation aus Thüringen (Deutschland). Dort wurde im Jahr 2004 die besondere Leistungsfeststellung als Prüfungsäquivalent zu einem Realschulabschluss nach der zehnten Klasse eingeführt. Nachdem der Durchschnitt eines Schülers im Fach Deutsch bis zu dieser Prüfung bei 1,4 lag, fiel seine besondere Leistungsfeststellung trotz umfangreicher Vorbereitung mit einer 5 sehr negativ ins Gewicht, obgleich er zuvor sehr von seinem in der Prüfung geschriebenen Aufsatz überzeugt gewesen war. Von immenser Frustration aufgeheizt, entlud sich Aggression vollkommen gegen die Lehrerin und sein direktes Umfeld. Flüche, Passive Aggressivität, Phantasien sowie die Planung der Rache an seiner Lehrerin, Türknallen, Abweisung und Arbeitsverweigerung waren das Ergebnis gegenüber einem Menschen, der für sein schlechtes Ergebnis eigentlich überhaupt keine Schuld trug.

Anders hingegen präsentierte sich im selben Schuljahr sein Verhalten im Fach Englisch. Hier oszillierten seine Noten fortdauernd zwischen 4 und 5. Da eine Besserung nicht in Sicht und die Note der besonderen Leistungsfeststellung nicht entscheidend für ihn waren, verzichtete er in diesem Fach außerdem auf eine angemessene Vorbereitung. Auch hier erreichte er in seiner besonderen Leistungsfeststellung nur eine 5. Doch seine Reaktion war ruhiger, gefasster, zwar von einer gewissen augenscheinlichen Bedrückung gekennzeichnet, jedoch nicht von Aggression und Arbeitsverweigerung. Eine derartige Entwicklung innerhalb des Schulkontextes kann die zukünftige Arbeitseinstellung und damit auch die Leistungen eines Schülers essenziell beeinflussen.

Aus diesem Grund soll in dieser Arbeit geklärt werden, wie genau es entsprechend der Frustrations-Aggressions-Hypothese zur Entstehung von Frustration und Aggression kommt, welche weiteren Faktoren Einfluss auf diesen Prozess haben und wie die Pädagogik lernförderlich in diese Entwicklung eingreifen kann. Dabei bleiben andere Theorien zur Erklärung von Aggression unbeachtet oder werden nur der Abgrenzung halber erwähnt.

Im Aufbau einem logischen Ablauf folgend, wird diese Arbeit zunächst den Stand der Forschung bezogen auf die Frustrations-Aggressions-Hypothese zusammentragen. Anschließend wird die theoretische Basis für den weiteren Teil der Arbeit gelegt, wofür vor allem Dollard et al. (1970) als Entwickler der zugrundegelegten These herangezogen werden. Eine Erweiterung der theoretischen Grundlage wird sodann durch eine Studie von Steinmetz und Lewand (2005) gelegt, um die daraus resultierenden Ergebnisse auf das oben genannte Beispiel anzuwenden. Als letztes schließlich werden aus den gewonnenen Kenntnissen Schlussfolgerungen für den pädagogischen Kontext gezogen.

2. Der Stand der Forschung

Die Frustrations-Aggressions-Hypothese reiht sich in das weite Feld der Aggressionsforschung innerhalb der Sozialpsychologie ein und bietet neben zahlreichen weiteren biologischen, sozialen und Umweltfaktoren nur einen möglichen Erklärungsansatz für das Zustandekommen aggressiven Verhaltens (vgl. Renfrew, 1997). Bereits in den dreißiger Jahren aufgestellt, wurden ihre grundlegenden Annahmen bereits häufig angegriffen oder erweitert (vgl. Berkowitz, 1989, 1990, 1993). Speziell einem Aspekt dieser Theorie wurde dabei immer wieder nachgegangen und in seiner Gültigkeit von der modernen Forschung angezweifelt: die Existenz von Frustration führt unweigerlich zu einer Form von Aggression (Fortman, 2005; Steinmetz & Lewand, 2005). Die Aussage, dass aggressives Verhalten stets auf die Existenz von Frustration zurückzuführen ist, wird hingegen noch immer allgemein akzeptiert (Fortman, 2005) und bildet auch die Grundlage für aktuelle Studien, die sich mit Aggression beschäftigen (Ojanen, Findley, & Fuller, 2012). So kann die Frustrations-Aggressions-Hypothese in ihrer Schlüssigkeit nicht nur aufgrund einfacher Logik anerkannt werden, sondern auch aufgrund von klinischen und experimentellen Untersuchungen, soziologischen Studien und Resultaten der anthropologischen Feldforschung (Fortman, 2005). Ihre Grenzen finden die ursprünglichen Annahmen von Dollard et al. (1970) jedoch beispielsweise in lerntheoretischen Überlegungen, wie sie Berkowitz (1989, 1990, 1993) auf die Frustrations-Aggressions-Hypothese anwandte. Auch verschiedene andersgeartete Reaktionen auf Frustration wie der Versuch einer rationalen Problemlösung wurden ebenso wie die genauere Betrachtung der experimentellen Extinktion vernachlässigt (Dollard et al., 1970).

Obgleich das Interesse an der Aggression in der Wissenschaft noch immer vorhanden ist, gelten doch viele Forschungsergebnisse und Theorien, die in der ersten Hälfte oder um die Mitte des 20. Jahrhunderts produziert wurden, noch immer als maßgebender Grundstein. Innerhalb der Aggressionsforschung dominieren dabei Studien, die sich mit physischer Gewalt als Manifestation der Aggression beschäftigen. Die subtilere Form der verbalen Aggression wurde eher seltener untersucht, obgleich sie vor allem im Alltag wesentlich häufiger auftritt und ein weites Feld an Ausprägungen umfasst (Steinmetz & Lewand, 2005). So findet sich hier zum Beispiel neben aktiven und passiven Verhaltensweisen, welche direkt auf eine Person gerichtet sind, auch die relationale Aggression, also ein Angriff auf die Beziehungen einer anderen Person oder auf ihren sozialen Status innerhalb dieser Beziehungen. Gerade – wenn auch nicht nur – bei Kindern im Jugend- bis in das frühe Erwachsenenalter lässt sich diese spezielle Ausprägung der Aggression feststellen. Dabei liegen Erkenntnisse in diesem Bereich schon längere Zeit für Erwachsene vor, wurden aber erst in den letzten Jahren auch für Jugendlichen intensiver generiert (Ojanen et al., 2012). Unabhängig von diesen beiden Formen der Aggression, existiert ein dritter Bereich der Aggression, der von der Forschung bisher als eigener Zweig vollkommen vernachlässigt zu sein scheint. Es geht dabei um die Aggression, die keinerlei Auswirkung auf andere Menschen mit sich bringt, was ihre Untersuchung wiederum auch erschwert. Im Gegensatz zu dem bisher beschriebenen aggressiven Verhalten, könnte dieser Bereich als aggressive Gefühle und somit als latente Aggression beschrieben werden und wäre rein intrapersoneller statt interpersoneller Natur. Hierunter wären beispielsweise aggressive Phantasien oder mehr oder weniger natürliche Körperreaktionen auf das Gefühl der Aggression zu zählen. Im folgenden Kapitel wird hierauf noch ausführlicher eingegangen.

Über die Zusammenhänge zwischen Aggression und Schuld, welche in dieser Arbeit ebenfalls eine erhebliche Rolle spielen werden, gibt es bislang nur wenige empirische Untersuchungen (Steinmetz & Lewand, 2005).

Neben der Sichtweise Aggression als Reaktion auf eine Enttäuschung oder Frustration zu begreifen, existiert auch die bis in die siebziger Jahre neben der Frustrations-Aggressions-Hypothese vorherrschende Position, Aggression als einen grundlegenden Instinkt des Menschen zu verstehen, was bereits Freud in seiner Triebtheorie ausdrückte (Werbik, 1981). Darüber hinaus gibt es zwei weitere Denkschulen, von denen eine die Voraussetzungen für Aggression in externen Stimuli sieht, während die andere Aggression nicht als natürliche sondern erlernte Eigenschaft des Menschen betrachtet (Fortman, 2005).

3. Die Frustrations-Aggressions-Hypothese

Bereits 1939 legten Dollard et al. (1970, S. 9) die Grundthese ihrer Frustrations-Aggressions-Hypothese dar: „Aggression ist immer die Folge einer Frustration“.

Diese dogmatisch anmutende Aussage, welche jedoch selbst die Autoren nicht als bewiesenen Fakt sondern eben als Hypothese verstehen, schließt damit das Zustandekommen von Aggression aus, wenn kein Grad von Frustration in einer Person vorhanden ist. Rückschließend sagt diese These jedoch auch aus, dass das Vorhandensein jedweder Frustration zwangsläufig zu einer Form von Aggression führen muss (Dollard et al., 1970). Eine im Alltag oft beobachtete Situation, dass nämlich ein frustrierter Mensch nicht zwangsweise aggressives Verhalten entwickeln muss, wird von Dollard et al. (1970) mit gesellschaftlicher Sozialisation begründet. Da Mitgliedern unserer Gesellschaft ab dem Kindesalter entweder direkt von den Eltern oder im Umgang mit anderen Menschen beigebracht wird, eigenes aggressives Potential zu kontrollieren, kommt es zu einer Komprimierung, Verzögerung, Entstellung oder Verschiebung der aggressiven Reaktion, wenn auch vielleicht zumindest für den Moment nicht zur Zerstörung ihrer Grundlage.

Der Prozess der Frustrationsentwicklung beginnt laut Dollard et al. (1970) mit sogenannten Instigatoren, also Zuständen, die eine bestimmte Reaktion bzw. Verhaltenssequenz zur Folge haben und auf eine ganz bestimmte Zielreaktion ausgerichtet sind. Stehen sich zwei konkurrierende Instigationen gegenüber, so wird abgewogen, welche für die jeweilige Person stärker ist. Das Erreichen der Zielreaktion reduziert die Instigation wieder bis zu einem Grade, an dem sie nicht mehr die weitere Ausführung jener Verhaltenssequenz zur Folge hat. Wird das Ziel von der Person erfolgreich erreicht, kann sich außerdem ein verstärkender Effekt einstellen, der zum Erlernen der vorangegangenen Handlung führt. Ist das Gegenteil jedoch der Fall und die Verhaltenssequenz wird vor dem Erreichen der Zielreaktion unterbrochen, wird diese Interferenz als Frustration bezeichnet. (Dollard et al., 1970)

Derartige Interferenzen treten auf, wenn eine Bestrafung für die Zielerreichung droht, oder das Ziel selbst unerreichbar ist. Stärke und genaue Ausprägung der Interferenz können dabei sehr unterschiedlich sein und hängen maßgeblich von den Dispositionen der Person ab. Die Instigationen sind jedoch weiter wirksam, auch während die Zielreaktion von den Interferenzen blockiert wird (Dollard et al., 1970). Somit ergeben sich nach Dollard et al. (1970) zwei Voraussetzungen für Frustration: zum einen das Streben der Person, welches auf eine bestimmte Handlung ausgerichtet ist, die auch tatsächlich ausgeführt werden würde und zum anderen die effektive Verhinderung dieser Handlung. Menschen sind jedoch nicht immer auf ein ganz bestimmtes Ziel ausgerichtet. Kann sich eine erwartete Zielreaktion aus den genannten Gründen nicht einstellen, dafür aber eine gleichwertige Stellvertreterreaktion oder aber Elemente aus dieser, welche ebenfalls die vorangegangene Verhaltenssequenz beenden oder in die Länge zu ziehen vermögen, wird von einer Ersatzreaktion gesprochen, die ebenfalls den Grad der Instigation senkt. Doch nur wenn die Ersatzreaktion von gleicher oder sogar höherer Effizienz ist als die ursprüngliche Zielreaktion, wird sie der Frustration ein Ende setzen (Dollard et al., 1970).

Verhaltenssequenzen, die auf das Verletzen einer Person abzielen, werden nach Dollard et al. (1970) als Aggression bezeichnet. Verletzung wird hier sowohl auf physische Aspekte als auch auf psychische bezogen. Aggression tritt bei nicht erreichbarer Zielreaktion und gemäß der vorangestellten These durch die dadurch eintretende Frustration auf. Mit anderen Worten: durch die Unterbrechung der ursprünglichen Verhaltenssequenz wird bei dominierender Interferenz eine neue Instigation ausgelöst, welche auf Aggression ausgerichtet ist. Die neue Verhaltenssequenz der Aggression tritt dann an die Stelle der vorherigen ober überlagert diese zumindest.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Frustrations-Aggressions-Hypothese und ihre Bedeutung für den pädagogischen Kontext
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Sozialpsychologische Aspekte
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V269443
ISBN (eBook)
9783656605584
ISBN (Buch)
9783656605577
Dateigröße
891 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychologie, Sozialpsychologie, Aggression, Frustration, Aggression-Frustration, Pädagogik, Schule
Arbeit zitieren
Jan Seichter (Autor), 2013, Die Frustrations-Aggressions-Hypothese und ihre Bedeutung für den pädagogischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269443

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