Zivilreligiöse Elemente in der Rhetorik Barack Obamas


Seminararbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einführung

II Das Konzept der Zivilreligion

III The Promised Land of Opportunity
– Die Keynote Speech auf der Democratic National Convention

IV Opferbereitschaft und Wiederauferstehung des ‚American Promise‘
– Acceptance Speech auf der Democratic National Convention

V Following the forbearers steps and history means strength
– Barack Obamas Inaugurationsrede

VI Schluss

VII Literaturverzeichnis

I. Einführung

Bezüglich der Entwicklung des Westlichen Staaten- und Kultursystems im Prozess der Säkularisierung stellte der Rechtswissenschaftler und ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde fest, dass mit dem Ende dieses Prozesses die Gemeinwesen vor einem Begründungsdilemmas stehen. Er führt aus: „Der freiheitliche, säkularisierte Staate lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. […] Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des Einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert.“[1]

Gesellschaften, die sich nicht mehr auf traditionale und/oder religiöse Herrschaftslegitimationen stützen können und in ihren politischen Verfahrensweisen auf demokratische Mittel rekurrieren, sind auf identitätsstiftende und integrierende Strukturen und kulturelle Praxen angewiesen, die sich nicht auf die Organisation des Staates zurückführen lassen. Kurz gefragt: Was genau hält frei-agierende, den eigenen Interessen folgende Bürger in einem Staatswesen zusammen, wenn Religion und monarchische Tradition als Fundamente nicht mehr einschlägig sind? Was sind die Identifikations- und Integrationsmechanismen der modernen, demokratischen Gesellschaft, das dem einzelnen Bürger ein Gefühl des belonging zu einer Bürgerschaft der Freien und Gleichen verleiht?

Unnötig zu erwähnen, das sowohl Rechts-, Sozial- und Geisteswissenschaften sich diesem Gegenstand gewidmet und verschiedene Lösungsansätze produziert haben, die sich über Schlagworte wie Organische Arbeitsteilung (Emil Durkheim), Nationalismus (Eric Hobsbawn), imagined communities (Bendict Anderson), Zivilgesellschaft (Alexis de Tocqueville), etc. benennen lassen. Ein weiteres Konzept wie der Einzelne in eine Gesellschaft integriert wird und diese als homogenes Gebilde generiert und statuiert wird, ist das Konzept der Zivilreligion, welches in seiner empirisch-analytischen Version von Robert Bellah Ende der 1960er Jahre erstmals formuliert und in den folgenden Jahrzehnten von ihm und Kritikern ausführlicher elaboriert und aktualisiert wurde. Im Rahmen dieser Seminararbeit ist es auf besondere Weise relevant, da Zivilreligion als kulturelle Praxis und Performanz ihre größte Wirkmächtigkeit entfaltet, wenn sie in einen rhetorischen Kontext eingebunden ist. Daher wird diese Arbeit ihren Fokus auf das Aufzeigen zivilreligiöser Elemente in präsidentieller Rhetorik legen. Diesbezüglich werden Ausschnitte aus drei Reden Barack Obamas als Bearbeitungsgrundlage dienen. Zuvor erfolgt eine kurze Einführung in das Konzept der Zivilreligion allgemein und speziell mit Bedeutungsschwerpunkt Vereinigte Staaten von Amerika.

II. Das Konzept der Zivilreligion

Wenn für Zivilreligion ein passendes Synonym verwendet werden sollte, dann dürfte dies ‚bürgerliches Glaubensbekenntnis‘ sein. In dieser Diktion hat bereits Jean-Jacques Rousseau in seinem Du Contract Social das Theorem bezeichnet, wonach der Staat auf einer Ansammlung bestimmter Regeln und sozialer Konventionen beruht, um das Zusammenleben der Staatsbürger zu ermöglichen. Die Verbindung zur Religion ist sekundär. Vielmehr interessiere den Souverän, ob der Bürger dieses bürgerliche Glaubensbekenntnis in ihrem Handeln leben und damit ihren Status als Bürger des Gemeinwesens verifizieren oder nicht.[2]

Robert Bellah, der Begründer des modernen Verständnisses von Zivilreligion, sieht die bürgerliche Religion jedoch nicht in einem dogmatisch-staatszentristischen Konstrukt verhaftet. Für ihn ist die American Civil Religion die intersubjektiv-geteilte Wahrnehmung von Religion an sich in der Bevölkerung, nicht beschränkt auf eine spezifische Religion, sondern ein Konglomerat von einheitlichen religiösen Mustern, Thematiken und Lehren, die Einfluss auf das öffentlich-politische System ausüben und auf das sich die Menschen regelmäßig beziehen. Zivilreligion ist für Bellah „a genuine apprehension of universal and transcedent religious reality as seen in or, one could almost say, as revealed through the experience of the American people”[3] Diese gestikuliert sich als „public religious dimension […] expressed in a set of beliefs, symbols, and rituals”[4]

Konkret benannt Bellah die öffentliche Anrufung Gottes in der amerikanischen kulturellen Praxis, jedoch im Sinne einer abstrakten Form eines transzendentalen Wesen, mit dem sich alle Amerikaner identifizieren können und in dem die scheinbare US-amerikanische Tradition, Gottes Willen auf Erden durch individuelle und kollektive Taten zu verrichten, sich manifestiert. Der abstrakte Gott wird nicht in erster Linie als Heilsbringer oder anzubetenden Subjekt charakterisiert. Im Rahmen einer identitätsgebenden und integrationsfähigen Zivilreligion ist er ein Ausdruck von Recht, Ordnung und Gesetzmäßigkeit.[5] Mit der Gründung der Vereinigten Staaten hielt das biblische Motiv des Exodus, des Auszugs der Juden aus Ägypten, als erstes Topos Einzug in den Kanon der US-amerikanischen Zivilreligion.[6] Die aus den Frühzeiten der Kolonisationsbewegung stammenden Begriffe des ‚New Jerusalem‘ und Promised Land‘ wurden in Verbindung mit der Unabhängigkeitserklärung und der 1787 verabschiedeten Verfassung als Grundpfeiler der amerikanischen Zivilreligion stilisiert und als ihre ersten sakralen Texte und kognitiven Muster institutionalisiert.[7]

Mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg und der bestandenen Bewährungsprobe der Vereinigten Staaten und der damit verbundenen letztlich faktische-beendeten Nationsbildung sind sowohl ‚Aufopferung‘, als auch ‚Wiedergeburt‘ als große Paradigmen in den Kanon zivilreligiöser Elemente aufgenommen wurden.[8] Beide Motive werden in den unten folgenden Redeanalysen eine gewichtige Rolle einnehmen. In ihren Varianten der persönlichen Leistungsbereitschaft in Zeiten der Krise und in dem sich Neuerfinden und Aufrappelns der amerikanischen Nation sind sie auch im Präsidentschaftswahljahr 2008 omnipräsent aufzufinden.

Die von Bellah aufgelisteten religiösen Motivtypen von Exodus, des auserwählten Volkes, Promised Land, New Jerusalem, Opfertod und Wiedergeburt[9] werden entlang der historischen Zeitachse ständig neu konnotiert und interpretiert; sie richten sich an neuen dem Kanon hinzugefügten ‚Dokumenten‘ aus, bzw. werden durch diese zum Ausdruck gebracht. Zu den augenscheinlichsten und bekanntesten Repräsentationen und Manifestationen zählen die bereits erwähnten Amtseinführungsreden der US-Präsidenten, v.a. zu erwähnen sei diejenige John F. Kennedys, auf die sich Robert Bellah in seiner Untersuchung bezieht, aber zum beachtlichen Teil auch Reden und Schriften von Persönlichkeiten, welche sozioökonomische und/oder soziokulturelle Problemlagen adressieren. Die ‚I have a Dream‘-Rede Martin Luther King jr. steht dafür exemplarisch.[10] Für US-Amerikaner in der Alltagskultur einschlägiger sind die nationalen Feier- und Festtage (Memorial Day, Veterans‘ Day, Thanksgiving Day, etc.) und die damit verbundene Erinnerungskultur, die nicht selten auf mythisch-verklärende Impressionen der US-amerikanische Geschichte zurückgreift. Auch der in Schulen regelmäßig praktizierte Fahneneid[11] lässt sich als Teil der kulturellen Alltagspraxis verstehen.[12]

Verdichtend erscheint die Zivilreligion in anschaubarer Art und Weise in der reichhaltigen Denkmals- und Gedenkstättenlandschaft des Landes, angefangen bei der National Mall in Washington D.C., den Schlachtfeldern des Unabhängigkeits- und Bürgerkrieges bis hin zu den Nationalparks. Weiterhin sind künstlerische Verarbeitungen der Gründungsgeschichte der Republik, der Leistungen von Präsidenten, und historischen Fortschrittsprozessen wie der Westward Expansion ebenso visuell präsente Erscheinungen des zivilreligiösen Selbstverständnisses wie Ideal- und Kunsttypen eines Amerikaners / einer Amerikanerin (Cowboy, Columbia, Uncle Sam, etc.), sowie Grunddokumente der Nation (Declaration of Independence, Verfassung, Gettysburg Address, Nationalhymne, Stars and Stripes, etc.).[13]

Die Zivilreligionsforschung hat in den mehr als 30 Jahren nach Erscheinen von Robert Bellahs bahnbrechenden Aufsatz nicht nur den Gegenstandsbereich USA und sich weiteren Gesellschaften und Nationen zugewandt, sondern die Forschung selbst ist heute mehr transnational und transatlantisch ausgerichtet als je zuvor, was nicht zuletzt dem Wandel des globalen Staatensystems nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes zu verdanken ist.[14] Aufgrund der interdisziplinären und vergleichenden Forschung hat sich eine allgemeine Definition von Zivilreligion / Bürgerreligion herausgebildet, die die wesentlichen Elemente partikularer nationaler Ausprägungen der Bürgerreligion zu inkludieren versucht, und die auch für diese Untersuchung als eine Wegmarke dienend hier kurz, in zweckdienlich gekürzter Weise benannt werden soll:

„Zivilreligion bedeutet eine Artikulation religiöser und metaphysischer Gehalte in der politischen Öffentlichkeit sowie in den Entscheidungen von Eliten oder einer Mehrheit von Bürgern. […] Zivilreligion enthält mithin höchste Werte eines politischen Gemeinwesens, die eine zeitliche Robustheit aufweisen. […] Diese Werte selbst werden zumeist nicht hinterfragt, was nicht bedeutet, daß sie unveränderbar sind. Zudem werden sie unterschiedlich interpretiert. Zivilreligion ist insofern politisch, als sie das politische Gemeinwesen und seine Grundentscheidungen betrifft. […] Die Zivilreligion der Innenpolitik bestimmt das Selbstverständnis des politischen Gemeinwesens sowie ihr Verhältnis zu Bürgern anderer Gemeinschaften auf individueller Ebene […]“[15]

[...]


[1] Böckenförde, Ernst-Wolfgang: Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie,

Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1992, S. 112.

[2] Vgl. Rousseau, Jean-Jacques: Der Gesellschaftsvertrag, Essen: Phaidon 1997, S. 179.

[3] Bellah, Robert N.: Civil Religion in America, in: Daedalus, Jg. 96 (1967), H. 1, S. 1-21, hier: S. 12.

[4] Ebd., S. 4.

[5] Vgl., ebd., S. 3ff.

[6] Vgl., ebd., S. 7f.

[7] Vgl., ebd.

[8] Vgl., ebd., S. 10.

[9] Vgl., ebd., S. 18.

[10] Vgl., Hebel, Udo J.: Einführung in die Amerikanistik/American Studies,

Stuttgart: J.B. Metzlar, 2008, S. 335.

[11] Pledge of Allegiance: ‚I pledge Allegiance to the Flag of the United States of America, and to the

Republic for which it stands, one Nation under God, indivisible, with liberty and justice for all.’ Der Eid

wird hier wegen seiner bemerkenswerten kompakten Bündelung von zivilreligiösen Elementen notiert.

Mit dem Schwur auf die Stars and Stripes finden wir eine Referenz auf die Flagge als nationale Ikone; die

unteilbare Republik zieht die Lehre aus den Folgen des Bürgerkrieg und verweist auf die nationale Einheit;

die Individuen und die Nation als Kollektiv wirken unter einem abstrakten Gott, entsprechend seiner

Vorhersehung für das auserwählte Volk; während Freiheit und Gerechtigkeit Grundtopoi der

Unabhängigkeitserklärung aufgreifen.

[12] Vgl., ebd., S. 334.

[13] Vgl., ebd., S. 337ff.

[14] Siehe dazu als Einstieg Kleger, Heinz / Müller, Alois (Hg.): Religion des Bürgers. Zivilreligion in

Amerika und Europa, 2., ergänzte Aufl. mit einem neuen Vorwort: Von der Atlantischen Zivilreligion

zur Krise des Westens, Münster: LIT, 2004; zur Verbindung mit politischer Kultur: Hildebrandt, Mathias:

Politische Kultur und Zivilreligion, Würzburg: Königshausn & Neumann, 1996; zur vergleichenden Dar-

stellung verschiedener Zivilreligionstheorien: Perčič, Janez: Religion und Gemeinwesen. Zum Begriff der

Zivilreligion, Münster: LIT, 2004.

[15] Kleger, Heinz / Müller, Alois: Von der Atlantischen Zivilreligion zur Krise des Westens, in: Dies. (Hg.):

Religion des Bürgers. Zivilreligion in Amerika und Europa, 2., ergänzte Aufl. mit einem neuen Vorwort:

Von der Atlantischen Zivilreligion zur Krise des Westens, Münster: LIT, 2004, S. I-XLIX, hier: S. IVf.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zivilreligiöse Elemente in der Rhetorik Barack Obamas
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät - Studium Fundamentale)
Veranstaltung
Rhetorik und Debatte
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V269493
ISBN (eBook)
9783656607403
ISBN (Buch)
9783656697831
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
USA, Vereinigte Staaten, Zivilreligion, Civil Religion, Robert Bellah, US-Präsident, US-Kultur, Amerikanische Kultur
Arbeit zitieren
B.A. Erik Weihmann (Autor), 2010, Zivilreligiöse Elemente in der Rhetorik Barack Obamas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269493

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