Die Fremde bei uns! Professionalität und professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit (Diskriminierung)

Wenn Geldnot die Notwendigkeit überschattet


Projektarbeit, 2014

25 Seiten, Note: 5.5 (gut/sehr gut)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Projektbegründung
1.1 Ausgangslage

2 Projektbeschrieb
2.1 Grundzüge des Projekts
2.2 Was ist der „Train the Trainers-Kurs“ genau?
2.3 Schwerpunkte der dreitätigen Blockveranstaltung

3 Intendierte Wirkungen
3.1 Vision (längerfristige Perspektive)
3.2 Ziele (intendierte Wirkungen bis Projektende) Sollzustand

4 Settings und Zielgruppen
4.1 Settings vor der Realisierung:
4.2 Anspruchspersonen des/ Settings/des Stake Holders
4.3 Zielgruppen und Schlüsselpersonen der geplanten Intervention

5 Vorgehensweise
5.1 Strategien (Ansätze, Methoden)
5.2 Zeitlicher Rahmen

6 Projektstruktur

7 Ressourcen
7.1 Personeller Aufwand
7.2 Konzeptarbeit
7.3 Post Umsetzung
7.4 Projektdokumentation, resp. Bericht und Auswertung

8 Literatur-und Abbildverzeichnis

1 Projektbegründung

Es kommt zu verschiedenen Formen von Diskriminierung an der Hochschule für Soziale Arbeit Standort Olten. Die Soziale Arbeit als Beruf und Wissenschaft hat zum grossen Ziel die Herstellung von sozialer GERECHTIGKEIT und Aufbewahrung der Menschenwürde. Professionellen der Sozialen Arbeit treten täglich in Kontakt mit Menschen, die Hilfe brauchen um die eigene Bedürfnisse sei es als Individuum resp. Privatperson, die zu einer gerechten Teilhabe an der Machtstrukturen der Gesellschaft ermöglichen sollen. Diese Personen bzw. AdressatInnen kommen aus aller Welt, haben unterschiedliche Hautfarben, unterschiedliche psychische Verfassung und unterschiedliche Lebensgeschichte sowie Lebensperspektive. Unser Job als Professionelle der Soziale Arbeit ist sie zu unterstützen insofern, dass die Hilfe zur Selbsthilfe gefördert wird.

In diesem Sinne müssen Ausübende Professionelle ein besonderes Sensorium im Sinne der Deutungsmuster, die mit persönlichen Weltbildern in Verbindung sind und die Problemlage der AdressatInnen mit der Brille des Professionellen unter Berücksichtigung des Berufskodex, der geltenden Rechtsgrundlagen (Siehe Doppeltes Mandat Sozialer Arbeit), der Berufsethik sowie der Arbeitsbündnis mit AdressatInnen (Siehe Kooproduktion als Grundlage professionellen Handelns) besitzen. Dazu braucht es nicht nur die persönliche Auseinandersetzung mit Literatur, sondern auch einen kollektiven Reflexionsprozess um den eigenen Blinden- Flecken (siehe Joharis Fenster) unter die Luppe zu nehmen z.B. durch Supervision. Im Falle der Studierende einen kollektiven Erfahrungsraum für die Bildung eines Berufshabitus. (Siehe standardisiertes Handlungsmuster für die Professionelle Soziale Arbeit) Deshalb möchte ich vorschlagen, dass es ein Übungsfeld für das gemeinsame Reflektieren der eigenen Rolle als Studierende und angehende professionellen der Sozialen Arbeit in Hinblick auf verschiedene Diskriminierungsformen bereits im Studium. Durch praktische Übungen unter Leitung Professioneller des Bereiches Migration, Integration, Gewaltprävention und Konstruktive-Konfliktlösung. Diese Gruppe wird vom Verein NCBI-Schweiz repräsentiert, eine Institutionen , die bereits über langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit Schulen, Bildungsinstitutionen - unter ihnen das Institut für Angewandte Psychologie IAP-Zürich, die Schweizer Armee, Polizei, sozialen Institutionen und Privat-Unternehmungen - im Bereich des Abbaus von Vorurteilen verfügt. Die Leitende Gruppe für die Workshops an der Schule sind diplomierte Workshops-LeiterInnen mit sozialarbeitsreichem Background und den notwendigen fachlichen und methodischen Kompetenzen, die für die Durchführung der Blockveranstaltungen notwendig sind.

Der hierbei vorgeschlagene Lösungsansatz soll als Beitrag zum Thematisieren des erwähnten Problembereiches gesehen werden. Ziel ist einen angemessenen Umgang zwischen Mitstudierenden zu unterstützen, der für ein kooperatives und kollegiales Zusammenlernen während der Studienzeit an der FHNW Olten dienen sollte.

1.1 Ausgangslage

Als grösster Stolperstein für StudienanfängerInnen ausländischer Herkunft oder mit Migrationshintergrund erwies sich die Arbeit in Gruppen bzw. deren Aufbau- und Verlaufsmodell. Gruppenarbeit resp. derer Aufteilungsart, die je nach Modul variierte, war ein unabdingbarer Bestandteil von Vorlesungen. So werden stigmatisierende Prozesse innerhalb der Schule zur Bedrängnis im Lernprozess vieler Studierenden. Laut Systemtheorie ist jeder Mensch ein eigenes System, das Stärken und Schwächen hat und in seiner Umwelt in Korrelationsverhältnis eingebettet ist. In einem Lernumfeld, wo ein friedlicher und wohlwollender Umgang herrscht, liessen sich Ressourcen von noch unbekannten Gruppen eher im Sinne eines professionellen Handelns nutzen. Fremd zugeschriebene Kompetenzen resp. Inkompetenzen jedes Einzelnen können nur dem Wohl von einzelnen Individuen bzw. Mehrheitsgruppen dienen. Dies entspricht weder den ethischen und fachlichen Grundsätzen für die professionelle Soziale Arbeit, noch den Zielen, die Letztere als Disziplin verfolgt und noch viel weniger dem geltenden Recht (vgl. Artikel 10 des Berufskodex der Professionellen der Sozialen Arbeit. 2006).

Anschliessend drei der angewandten Varianten:

Variante eins: Der Dozierende teilte die Gruppen nach Wohnort ein. Das Phänomen der Ausgrenzung war so „interkantonal“ verankert. Die jeweiligen Kantone blieben bei der Gruppenaufteilung aller Modularbeiten zusammen. So hatte man „Als MigrantIn und „Mitglied“ einer „toleranten“ Gruppe „Glück gehabt“. Wäre man einer „fremdfeindlichen“ Gruppe zugeteilt worden: „Pech gehabt“.

Kommentare wie „Das verstehst du sicher nicht oder?“ bis hin zur Unterschätzung der persönlichen Kompetenzen sowie die Bevormundung bei der Aufgabeteilung während sämtlicher Gruppenarbeiten waren alltägliche Phänomene an der Hochschule für SA Standort Olten.

Variante zwei: Der Dozierende bildete Gruppen mit der gleichen Anzahl von Studierenden. Für diese Variante, deren Verteilungskriterien mir unbekannt blieben, bot sich eine Lösungsmöglichkeit, die eine neue Gruppenbildung zuliess. Passten manchen Gruppenmitgliedern aufgrund kognitiver Komponenten gewisse andere nicht, so hatten die mit der Gruppenzuteilung Unzufriedenen freie Bahn, die „unerwünschten“ Kommilitonen aus der Gruppe auszuschliessen und sich neue Gruppenmitglieder auszusuchen. Auf diese Weise ergab sich Variante drei, bei der bloss Sympathie und Antipathie für die Zusammenarbeit massgebend waren.

Es ist unabdingbar, dass uns Menschen gewisse Sachen und Individuen mehr am Herzen liegen als andere, jedoch sollten angehende Professionelle der Sozialen Arbeit primär andere Kriterien haben als Bedingung für die Zusammenarbeit während der Ausbildung.

Es löste sich bei mir ein Unwohlgefühl aus festzustellen, dass ein Mitstudierender während seiner Abwesenheit aus der Gruppe ausgeschlossen wurde.

Es trat die Frage auf, wie ein dauerhaftes- und erfolgreiches Zusammenlernen bei diesen Missständen möglich sein könnte, insbesondere wenn sich Gruppierungen bilden. Zu beobachten war nicht allein ein gelegentliches Nicht-Offen-Kommunizieren, sondern eine alltägliche Praxis von offensichtlichem Ausgrenzen von Gruppen. Erfahrungen mit solchen Handlungen machen viele andere Mitstudierenden im Schulalltag, manche als Betroffene, andere als Zeugen. Dazu zählen Diskriminierung wegen sexueller Orientierung, Hautfarbe und Herkunft.

Das Ausgrenzungsphänomen an der Schule wurde lediglich in kleinem Rahmen unter Betroffenen ausdiskutiert und kritisiert. Die Gegendynamik unter Betroffenen tendiert zum Teil zu einem sich „Einkapseln“ in einer vom Ähnlichen betroffenen Gruppe. Andere wiederum neigen dazu, sich lediglich mit einheimischen Mitstudierenden zu umgeben und sich anderen Mitstudierenden gegenüber auszugrenzen – unter dem Motto: „ Ich möchte lieber mit SchweizerInnen arbeiten, so erziele ich ein gutes Resultat“. Diese Gegendynamik ist meines Erachtens auch sehr unprofessionell seitens der Betroffenen. Castro sagte: „Um sich vor Verdächtigungen und Verfolgungen seitens der alten Christen zu sichern, gestaltete der neue Christ - noch immer in der Defensive- sein Kastenbewusstsein nicht nur als Schutz gegen seine eigene jüdische Abstammung, sondern auch als Beweis für Wahrhaftigkeit seines Christentums, wodurch er sich in seinen eigenen und in den Augen der Gesellschaft zu rechtfertigen suchte (Castro 1957: 499 zit. i. Zeller. S: Juan L. Vives 1492-1540. 2005: 110 ).

Bis Dato ist lediglich eine stark und wiederholt betroffene Gruppe bekannt, nämlich die der Studierenden mit Migrationshintergrund. Nichts desto trotz kommentieren Nicht-Betroffene und Gegner solcher Handlungen das Phänomen. „Gettoisierung während des Moduls Kommunikation und Gesprächsführung“ war auch Thema des Feedbacks an der Modulabschlussrunde. Eine nicht betroffene Kommilitonin argumentierte wie folgt: „Ich finde es nicht gut, wenn wir an der Schule, was die Gruppenbildung angeht, wählerisch sind! Wir werden auch nicht wählen können, wer zu uns in die Beratung kommt“. Was daraus gemacht wurde, blieb mir unbekannt. Laut Berichten von Mitstudierenden, die unter Ausgrenzung leiden, hat sich das Phänomen bis zum heutigen Zeitpunkt kaum verändert. Die Meinungen unter Nichtbetroffenen gehen auseinander: „ Man muss nicht denken, weil wir Soziale Arbeit studieren, müssten wir plötzlich multikulti sein“, beteuerten zwei Kommilitonen unterwegs nach Hause.

Ausgrenzung wegen sexueller Orientierung und Fremdfeindlichkeit ist noch an der Tagesordnung unserer Schule.

Neulich wurde das Thema der Ausgrenzung unter Kommilitonen wieder rege diskutiert und die Reaktionen waren wieder einmal gespalten. Ein angeführtes Argument, das u. a. die alltägliche Ausgrenzung migrierender Mitstudierenden erklären soll, lautet, dass sie sich selbst zurückziehen und damit sozusagen an den Folgen „selber schuld“ seien. „ Ich fand meine Freunde in Brüge bei guter Gesundheit vor. Die friedvolle Atmosphäre hier ist der Ausgleich für meine Lage und ich versuche hier zu Ruhe zu kommen. Ich würde so gerne mit Fortuna Frieden schliessen können. Oh wie diese unglaubliche Macht der Glücksgöttin über uns Geschauften schwebt. Wenn du aber darüber sprichst, nennen sie dich einen Abweichler.“ (übers.n. Noreña 19070: 73. Zit. i. Zeller. S: Juan L. Vives 1492-1540. 2005: 80).

Studierende der Sozialen Arbeit verhalten sich ungerecht gegenüber „anderen“ Gruppen einerseits, andererseits besteht eine Tendenz sich als Minderheitsgruppe unter sich zu bleiben und automatisch Andere auszuschliessen Diskriminierung und Rassismus lassen sich kaum mit den Zielen der Soziale Arbeit als Profession vereinbaren, d. h. mit der Herstellung von sozialer Gerechtigkeit, Minderheitenschutz und Solidarität sowie mit der Bekämpfung von sozialer Ungleichheit . Zu alltagsrassistischen Handlungen an der HSA (Hochschule für soziale Arbeit) gehören Diskriminierung wegen Herkunft und sexueller Orientierung mancher Mitstudierenden. Ein repräsentativer Teil der Studierenden setzt sich mit Diversität weder reflektiert noch konstruktiv auseinander. Dies sollte für die berufliche Praxis, bei der Bewältigung sozialer Probleme, jedoch gewährleistet sein, insbesondere während des Erlernens des sozialen Berufes . (vgl. Staub-Bernasconi zit. i. V. Spiegel, Gertrud: Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. S. 35. 2008).

Denn beruflich-professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit ist unter anderem davon abhängig, sich reflexives Handeln als Werkzeug zu eigen zu machen. Laut Silvia Staub-Bernasconi zählt zu den Schlüsselkompetenzen der Sozialen Arbeit als Profession der gekonnte Umgang mit der Definition eines Problems sowie mit das Fragen nach dessen Ursachen und dessen tendierte Richtung je nach Problemlage, falls nichts dagegen unternommen wird. Danach geht es bei der Profession um die Klärung des Konkreten im Sinne von „Was ist nicht gut?“. Es geht auch um die Frage nach den Akteuren, die diese Veränderungen mittels bestimmter Ressourcen vornehmen sollen. Von Wichtigkeit ist auch die Frage nach den Methoden der Intervention und deren theoretischen Fundierung. Schliesslich geht es um den gekonnten Umgang mit Zieldefinition und um das Überprüfen des Ziels. Hierzu zählen die Fragen nach der Wirksamkeit einer Intervention (vgl. Staub-Bernasconi: SA als Handlungswissenschaft, 1.8.1 S. 204-205 2007).

Regelmässige Auseinandersetzung mit der eigenen Wertehaltung und Reflexionsarbeit sind Teil der „professionellen Bewältigung sozialer Probleme“.

Wesentliche Merkmale der Postmoderne sind die funktional differenzierten Strukturen. Demnach könnte jede Gruppe, unabhängig von Herkunftsland, Hautfarbe oder Ethnie, von Armut, Not und soziale Ungleichheiten betroffen werden und je nach Lebenslage von einem System exkludiert werden. Hier wird von der professionellen Sozialen Arbeit eine angemessene Förderungsmassnahme erwartet, die das Wiedereingliedern in die Gesellschaft resp. in anderen Systemen ermöglichen sollten. Umso sorgfältiger müssten wir mit unserer Rolle zunächst als Mensch, dann als Individuum und nicht zuletzt als Vertreter unserer Berufsdisziplin umgehen und uns auf die Vielfältigkeit der Lebenslage der AdressatInnen und deren/dessen Ethnien möglichst reflektiert vorbereiten. Meines Erachtens wäre es eine gute Möglichkeit, als Gruppe von Studierenden im gegenseitigen Unterstützen einen professionellen Habitus zu erlangen. Dies wäre ein wichtiger Baustein, um sich als zukünftige Professionelle an beruflichen Wertestandards zu orientieren. Die Achtung der Autonomie, die Wertschätzung, die Akzeptanz der individueller Sinnkonstruktionen der AdressatInnen als gleichwertig erfordern ein reflexives und wertorientiertes Verhalten seitens der Professionellen der Sozialen Arbeit (vgl. V. Spiegel, Hiltrud: Methodisches Handeln in der SA. S. 110-111, 2008 .)

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Fremde bei uns! Professionalität und professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit (Diskriminierung)
Untertitel
Wenn Geldnot die Notwendigkeit überschattet
Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz
Note
5.5 (gut/sehr gut)
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V269514
ISBN (eBook)
9783656606567
ISBN (Buch)
9783656606635
Dateigröße
3331 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit wurde zwar als notwendig und gut, als fundiert sowie gerechtfertigt, aber aus finanziellen Gründen als nicht machbar beurteilt – dies nach einer Wartezeit von 4 Jahren. Ich möchte diese Erfahrung mit anderen Studierenden und mittlerweile Fachpersonen aus dem Ausland teilen und einen Teil meines Wissens verbreiten. Heute arbeite ich selbständig als Sozialberaterin, weil der Weg in den vorhandenen Institutionen auch nicht so einfach war. Mobbing und Skepsis sind nicht selten gewesen – der neue Kampf besteht darin KundInnen zu finden, die einen guten Preis zahlen können.
Schlagworte
fremde, wenn, geldnot, notwendigkeit, professionalität, handeln, sozialen, arbeit, diskriminierung
Arbeit zitieren
Domingas Schaffner-Neves Cangunga (Autor), 2014, Die Fremde bei uns! Professionalität und professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit (Diskriminierung), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269514

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