Der Täuschergott, das Problem der Wahrheit und die Matrix. Philosophische Erwägungen dargestellt am Film MATRIX


Hausarbeit, 2011

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Von Täuschung, Wahrheit und der Matrix…
1.2 Vorgehensweise

2. Vorbetrachtungen
2.1 Der Film MATRIX
2.2 Descartes’ Betrügergott

3. Das Prinzip des Täuschergottes und seine Folgen dargestellt am Film MATRIX
3.1 Der Täuschergott und die Matrix – Ein Vergleich
3.2 Die Wahrheit: Zwei Welten – Zwei Identitäten
3.3 Der Zweifel an der Wahrheit: Die Gewissensfrage Cyphers
3.4 Die Auflösung der Täuscherwelt bei Descartes und bei MATRIX
3.5 Das Problem hinter der Matrix – Inwieweit ist die aufgedeckte Wirklichkeit ‚wirklich‘?

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Von Täuschung, Wahrheit und der Matrix

„Die Wahrheit ist oft etwas Hässliches.“

Evelyn Marsh, Twin Peaks [1]

Die Möglichkeit einer umfassenden Täuschung bzw. Lüge, die der Mensch ausgesetzt ist und die damit verbundenen Folgen, die sich für die Identität der eigenen Existenz, die Evidenz der Außenwelt und der Erkenntnis ergeben, durchziehen die Philosophiegeschichte genauso wie das Science-Fiction Genre. Mit der Annahme einer universellen Täuschung wird zwangsläufig das gesamte Erkenntnissystem des Menschen infrage gestellt. Die Suche nach ‚der Wahrheit’ und der wahren Erkenntnis wird zum höchsten Ziel der Philosophie erhoben. Schon René Descartes suchte nach der einen ‚wirklichen’ Wahrheit und hoffte mit seinen Methoden der Philosophie zu einem neuen Fundament zu verhelfen.[2] Dazu gab er einen Grund an, der eine existenzielle Skepsis an der Wahrnehmbarkeit der sinnlichen Welt ermöglichte und so (s)eine revolutionäre Erkenntniskette in Kraft setzen ließ: Der genius malignus, der allmächtige Betrügergott[3], der „mit Absicht mich immer täuscht.“[4] Mit der Einführung dieses universalen ‚Betrügers’ war die Wahrhaftigkeit der (Außen-) Welt nicht weiter verbürgt und der Mensch wurde mit seiner Annahme zum Sklaven einer höheren Täuscherinstanz degradiert, die es nach Descartes zu bekämpfen galt.

Sein kinematographisches Pendant findet die allmächtige Betrügerexistenz in Form des Computermanipulationsprogramms der Matrix. Die Menschen, die unwissentlich an das Matrixsystem angeschlossen sind, werden, wie der getäuschte Mensch bei Descartes, einer umfassenden Trugwelt ausgesetzt. Die meisten der angeschlossenen Menschen sind unfähig hinter die ‚Wahrheit’, d.h. hinter das Lügengeflecht der Matrix zu kommen und leben ein ‚Leben des Scheins’. Aus der Täuscherproblematik ergeben sich für den Menschen bei MATRIX Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Außenwelt, Identitätskrisen und Moralfragen. Es drängt sich deshalb auf, MATRIX auf seinen philosophischen Gehalt zu untersuchen und auf seine intellektuellen Wurzeln zurückzuführen.

1.2 Vorgehensweise

MATRIX , der wie kein Film zuvor gekonnt massentaugliches Kino und intelligente Tiefe vereint hat, lässt sich leicht mit der Philosophie Descartes‘ in Verbindung bringen.Neben der von Descartes angeregten Subjektphilosophie mit seinem berühmten cogito-Argument als Ausgang, finden sich Elemente seines Leib-Seele Konflikts, dem Täuschergedanken und dem strikten Zweifel daran im Film wieder.[5] Fast deckungsgleich lassen sich Einzelaspekte der cartesianischen Philosophie auf den Film und seine Handlung übertragen. Besondere Aufmerksamkeit widme ich dem Täuscherprinzip und der Erkenntniskette, die ihm folgt. Daher werde ich den Vergleich zwischen der Matrix als System und Descartes’ Kerngedanken in Betreff des Täuschergottes aufzeigen und die Folgen, die sich für die Akteure des Filmes aus der Tatsache einer universellen Täuschung ergeben. Dazu werde ich in den ersten Kapiteln (Kap. 2.1 und 2.2) die beiden zu behandelnden Gegenstände kurz vorstellen, um sie im anschließenden Hauptteil (Kap. 3.1 – 3.5) miteinander zu vergleichen und zu analysieren. Neben einem Direktvergleich, in dem ich auch eine interessante Parallele zwischen Neo und René Descartes selbst herausstelle (Kap. 3.1), wird die Arbeit die Folgen für die Persönlichkeit der an die Matrix-Angeschlossenen und den Matrix-Unabhängigen aufzeigen (Kap. 3.2), sowie die Gewissensentscheidung eines Einzelfalls beleuchten (Kap. 3.3). Es wird hier zu untersuchen sein, wie ein ‚ehrlich‘ agierender Mensch mit einer als ‚unschön’ empfundenen Wahrheit, dem ‚System-Matrix‘ umgeht.

Sowohl die Wachowski Brüder als auch Descartes gehen jeweils unterschiedlich mit der Auflösung der aufgeworfenen Lügen- und Erkenntniskette um, weshalb sich ein Kapitel (Kap. 3.4) gesondert mit den Lösungsansätzen des Täuscherproblems bei Descartes und in MATRIX widmet. Das darauf folgende Kapitel (Kap. 3.5) beschäftigt sich eingehend mit der ‚Wahrheit’ hinter der Matrix und dem Erkenntnisproblem, das durch die neue Welt aufgeworfen wird. Es zeigt dabei kritisch auf, warum MATRIX das von Descartes angeregte Erkenntnisproblem nicht löst. Mein Fazit (Kap. 4.) schließt die Arbeit und fasst die Ergebnisse noch einmal zusammen.

2. Vorbetrachtungen

2.1 Der Film MATRIX

Der Film Matrix (OT: THE MATRIX, USA 1999) ist ein Popkulturphänomen sondergleichen. Die Geschehnisse um Neo (Keanu Reeves), der in einer Welt des Scheins aufwächst und zum Erlöser der Menschheit avanciert, bildet den Auftakt zu einem im postmodernen Popkino ungesehenen Erfolg. Die Matrix selbst steht dabei für eine Betrügermaschine, die den an sie angeschlossenen Menschen eine virtuelle Welt ‚vorspielt’, um sie an sich zu binden. Abgekoppelte und matrixunabhängige Rebellen, die außerhalb des Systems ein unwirtliches Leben in Angst und existentieller Not führen, kämpfen gegen die Alleinherrschaft der Maschinen an. Wichtiger Garant für den endgültigen Erfolg der Rebellen stellt Neo dar, der als Auserwählter und Erlöser eine besondere Stellung einnimmt. Er wird von der Gruppe um Morpheus (Laurence Fishburne) von dem System abgekoppelt und findet sich in der wirklichen Welt wieder und durchläuft eine stufenweise Ausbildung, in deren Verlauf er die Fähigkeit übernimmt, das System nach seinen individuellen Wünschen zu manipulieren und zu beherrschen. Damit verspricht er eine erhebliche Machtverschiebung zugunsten der Rebellen herbeizuführen. MATRIX ist der erste Teil einer Trilogie, an deren Ende, in MATRIX REVOLUTION (OT: THE MATRIX REVOLUTION, USA 2003), die Rebellen siegreich gegenüber den Maschinen hervorgehen.[6]

Andrew und Lawrence Wachowskis 1999 erschienener Science-Fiction Film hat sich unlängst als feste Größe im Kanon philosophischer Gegenstandsbetrachtungen etabliert. Neben den zu seiner Zeit revolutionären Stilelementen, wie den Bullettime-Effekten, der aus dem asiatischen Raum entnommenen Martial-Arts Ästhetik und seiner aufsehenerregenden Akrobatik, ist es insbesondere der immensen philosophischen Tiefe zu verdanken, die MATRIX einen beispiellosen Ruhm sowohl bei Filmästheten als auch Intellektuellen eingebracht hat. Eine Vielzahl interpretatorischer Ansätze lassen sich auf die erfolgreiche Filmtrilogie anwenden. In einem schriftlichen Vorwort weisen die Regiebrüder darauf hin, dass sie dem Zuschauer etwas anderes bieten wollten, „etwas, das sie zum Nachdenken anregt oder, noch besser, zum Diskutieren. Wir hofften ganz ernsthaft, dass unsere Filme ein wenig sokratische Interaktion anregen […]“[7] Gemäß dieses Leitsatzes ist es ein Leichtes MATRIX in Beziehung zu den verschiedensten philosophischen Lehren zu setzen.

2.2 Descartes’ Betrügergott

René Descartes (1596-1650) gilt als der Begründer des neuzeitlichen Rationalismus und Erneuerer der abendländischen Philosophie. Seine erkenntnistheoretischen Erwägungen, die ihr erstes Prinzip im berühmten cogito Argument finden[8], beeinflussen die Philosophiegeschichte bis heute. Um zu jener fundamentalen und revolutionären Grundlage zu kommen, bedarf es einiger Überlegungen wie der Annahme einer in Zweifel zu setzenden Welt: „Ich nehme also an, alles, was ich wahrnehme, sei falsch. […] Ich habe überhaupt keine Sinne; Körper, Gestalt, Ausdehnung, Bewegung und Ort sind Chimären.“[9] Dieser radikale und fundamentale Zweifel findet seine höchste Form in der Annahme eines bösen, allmächtigen Geistes, dem genius malignus. Descartes’ Täuschergott ist das Resultat eines dreistufigen Zweifels, zu dessen Beginn er erstlich die Sinneswahrnehmungen in Zweifel zieht. Diese habe er auf Täuschungen ertappt und es sei eine Klugheitsregel, niemals auch nur einmal Getäuschten wieder zu trauen.[10] Als Zweites stellt er den Traumzustand in Frage. Kein Merkmal könne ihn davon überzeugen, dass sich der Traumzustand vom Wachen unterscheiden lasse.[11] Sowohl der Traum als auch das Wachsein erzeugen eine ‚Realität’, die der Mensch gleichwertig erfährt. Zuletzt radikalisiert er seinen Zweifel, indem er erstmals die Annahme eines allmächtigen Betrügergottes in Erwägung zieht: „Aber es gibt irgendeinen sehr mächtigen, sehr schlauen Betrüger, der mit Absicht mich immer täuscht.“[12] Dieser Betrüger sei folglich in der Lage, ihn in allem zu täuschen. Auf dieser Vorstellung aufbauend stellt Descartes die gesamte Außenwelt, wie auch die Existenz seines eigenen Körpers, in tiefen Zweifel.[13] Sein Täuschergott ist die radikalste Form einer in Zweifel gesetzten Welt und Ausgangspunkt seiner erkenntnistheoretischen Erwägungen.

[...]


[1] Twin Peaks. Episode 22: Sklaven und Meister. DF, 1536 Minuten, USA 1991, 00:32:51 – 00:32:53.

[2] Vgl. Descartes, René: Discours de la Méthode. Stuttgart 2001, S. 45.

[3] Die Idee des Täuschergottes taucht erstmals in Descartes’ Meditationes de Prima Philosophia auf.

[4] Descartes, René: Meditationes de Prima Philosophia. Stuttgart 1986, S. 79.

[5] Aufgrund meines thematischen Schwerpunktes (Täuschergott und seine Folgen) werde ich mich hauptsächlich auf Descartes’ Täuschergedanken und sein auftreten im Film Matrix beschränken. Dennoch finden sich vereinzelt auch Ansätze anderer cartesianischer Kerngedanken wie den methodischen Zweifel oder dem cogito-Prinzip in meiner Hausarbeit wieder.

[6] Diese Arbeit widmet sich in erster Linie dem ersten Teil der Matrix-Trilogie. Es ist dabei nie auszuschließen, dass die Sequels eine ähnlichen Bezug zur Philosophie Descartes einnehmen.

[7] Matrix (aus: The Ultimative Matrix Collection). DF, 388 Minuten, USA 2003, beigelegte Broschüre.

[8] Vgl. Descartes 2001, S. 65.

[9] Descartes 1986, S. 77.

[10] Descartes, René: Meditationes de Prima Philosophia. Stuttgart 1986, S.65.

[11] Vgl. Descartes 1986, S. 67.

[12] Descartes 1986, S. 79.

[13] Vgl. Descartes 1986, S. 73.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Täuschergott, das Problem der Wahrheit und die Matrix. Philosophische Erwägungen dargestellt am Film MATRIX
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V269633
ISBN (eBook)
9783656608295
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Descartes, Matrix, Erkenntnistheorie, Betrügergott
Arbeit zitieren
Marc Herold (Autor), 2011, Der Täuschergott, das Problem der Wahrheit und die Matrix. Philosophische Erwägungen dargestellt am Film MATRIX, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269633

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