Das Trivialmythen-Konzept von Roland Barthes im Roman von Elfriede Jelinek "Die Klavierspielerin"


Hausarbeit, 2004
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Trivialmythen-Konzept von Roland Barthes

Elfriede Jelinek und ihre sprachliche Verfahrensweisen

Die Klavierspielerin
Zum Mythos Liebe
Zum Mythos Musik

Zusammenfassung

Literaturhinweise

Einleitung

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, wie sich das Trivialmythen-Konzept von Roland Barthes im Roman von Elfriede Jelinek Die Klavierspielerin zur Geltung kommt.

Als theoretische Grundlage meiner Untersuchung wird die Schrift Roland Barthes’ Mythen des Alltags verwendet, die auf Elfriede Jelineks literarisches Schaffen Einfluss nimmt.

Elfriede Jelinek ist ein umstrittener Name in der deutschsprachigen Literatur. „Sie irritiert und fordert Widerspruch heraus. Kälte, Hass und Zynismus werden ihr attestiert. Die Schärfe ihres Blicks, mit dem sie angeblich aufs Abgründe in Herr Jedermann starrt, wird ihr nicht immer verziehen.“[1]

Das Schreiben und die künstlerische Entwicklung Jelineks stehen ganz im Zeichen eines Misstrauens gegen jene vorgefertigte Sprache, die sie in der Werbung bis hin zur klassischen Literatur unermüdlich aufzuspüren sucht. Ihre Sprache ist die Suche nach dem Nichterfassten und die Freude am Sprachspiel, das besonders in Österreich eine reiche Tradition hat – von Nestroy über Karl Kraus bis hin zu H.C.Artmann.

„Die meisten Texte Jelineks wurden bisher überhaupt noch nicht interpretiert, und selbst zu häufig aufgegriffenen Texten wie Die Liebhaberinnenund Die Klavierspielerin liegen nur wenige überzeugenden Deutungen vor. Seinen Grund hat das vermutlich nicht nur in der Schwierigkeit des Werks, sondern auch in der anhaltenden Verkennung Jelineks als politischer Autorin. […] Die satirischen Mythendekonstruktionen, die ihr Werk mit wechselnden Gegenständen und sich ausdifferenzierenden ästhetischen Verfahrensweisen leistet, sind stets bezogen auf ihre materialistischen Gesellschaftsanalysen und verstehen sich als aufklärerische Ideologiekritik“.[2]

Trivialmythen-Konzept von Roland Barthes

Roland Barthes war in den fünfziger Jahren einer der ersten, der sich mit bestimmten Gewohnheiten des alltäglichen Lebens auseinandergesetzt hat. Die kurze Essays erschienen 1957 gesammelt unter dem Titel Mythologies.

Jelineks zentrale poetische Intention als „Mythologin“ ist von Roland Barthes’ Mythen des Alltags geprägt, womit sie im wesentlichen darauf abzielt, „die alte müstifikation: natur statt geschichte“[3] aufzudecken. Barthes’ ideologiekritische Arbeit Mythologies (1954) ist signifikant für Jelineks Entmythologisierungsarbeit, die sie mit allen ihren Texten betreibt. Ihr Versuch, die Mythen von Kunst, Liebe, Sexualität und Natur ihren Leser und Leserinnen als Mythen des bürgerlichen Bewusstseins zu entdecken, kann als inhaltliches und gattungsübergreifendes Bindeglied zwischen allen Texten aufgefasst werden.

Elfriede Jelineks Essay Die endlose Unschuldigkeit (1980) bezieht sich insbesondere auf Roland Barthes’ Schrift Mythen des Alltags. In diesem Essay hat sie sich mit dem Trivialmythen-Konzept von Barthes (Barthes, 1964) auseinandergesetzt und in dieser Auseinandersetzung ihre eigene Schreibweise definiert. In der Arbeit wird der Mythos als „unschuldiges“ Bild expliziert. „Die Beschreibung trivialer Muster und ihre Interpretation werden also ineinander verwoben und oft in eins gesetzt: Die Sache selbst und ihre Deutungen werden im selben Atemzug vermittelt – ein Verfahren, das sich in allen Texten Jelineks in unterschiedlicher Ausprägung erhalten wird.“[4]

Im folgenden werde ich versuchen, den Begriff des ‚Mythos’ in Bezug auf die Rezeption Barthes’ durch Jelinek in einer Weise einzuengen, die ihn als greifbares Konzept in der Poetik Jelineks erscheinen lässt.

Zu Beginn seiner theoretischen Abhandlung über Mythen des Alltags stellt Roland Barthes eine Frage: „Was ist ein Mythos heute?“ und gibt darauf eine einfache Antwort: „der Mythos ist eine Aussage“.

Der Mythos ist – so Barthes – ein sekundäres semiologisches System. Es konstituiert sich indem es zunächst das ‚Zeichen’ als assoziative Gesamtheit des Bedeutenden und des Bedeuteten voraussetzt, aber dieses ‚Zeichen’ der „Objektsprache“ in den Status des Bedeutenden versetzt, das seinerseits zum Ausgangsterminus für das sekundäre, metasprachliche System des Mythos wird. Auf dem System der „Objektsprache“ also konstituiert sich das System der „Metasprache“ oder des Mythos; es stellt sich eine Interferenz zweier Systeme her, indem das sinnerfüllte „Zeichen“ der „Objektsprache“ in eine leere und geschichtslose Form überführt wird: „Das Bedeutende des Mythos erweist sich als doppeldeutig. Es ist zugleich Sinn und Form, einerseits erfüllt, andererseits leer.“[5]

Von Barthes stammt die wohl immer noch schlüssigste Bestimmung des Mythos als semiologisches System. In seinen Mythologies geht er von der Voraussetzung aus, dass auch dem Bedeutungsmodus des Mythos, wie jedem Akt der Bedeutung, das bekannte Modell von Saussure zugrunde liegt. Sein Begriff des Signifikanten, der häufig metaphorisch verwendet wird, kann jedoch nicht als Saussures ‚signifiant’ gelesen werden. Denn Barthes’ Signifikant ist weit mehr als die phonetische Einheit des Zeichens. Er ist zugleich dessen graphischer Aspekt, er ist Klang im musikalischen Sinn, Bild in allen Bedeutungen dieses Wortes und im allgemeinen jedes vieldeutige Zeichen, das im Begriff nicht aufgeht. Denn Barthes versucht den Buchstaben vom kommunikativen Zwang zu befreien, denn das Zeichen soll nicht nur „einfaches Instrument der Kommunikation“ sein, sondern Begehren und Lust wecken. Die Zweiteilung der Bedeutungseinheit Zeichen verschiebt sich bei Barthes zugunsten des Signifikanten und realisiert sich beim Mythos in ganz spezifischer Weise.

„Aber ein Mythos ist in sofern ein besonderes System, als er auf einer semiologischen Kette aufbaut, die bereits vor ihm existiert; er ist ein sekundäres semiologisches System. Was im ersten System Zeichen ist, (das heißt assoziatives Ganzes eines Begriffs und eines Bildes), ist einfaches Bedeutetes im zweiten“.[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Mythos erweist sich in der Definition von Barthes als eine in Bezug auf Sinn wesentlich durch die Unbestimmtheit ihres Bedeutungsmodels gekennzeichnete Strategie des Über-die-Welt-Redens“.[7] Der Mythos ist kein Symbol. Dafür ist er dem Gegenstand seiner Bedeutung auch formal zu verwandt, Mythos ist auch nicht auf die Summe seiner „Realitätswerte“ der in ihm enthaltenen Sprachzeichen reduzierbar.“ Mythos ist auch keine Sage, die durch den wissenschaftlichen Nachweis eines im Mythos maskiert und deformiert erscheinenden historischen oder tatsächlichen Kerns auf ein wirkliches Geschehen reduzierbar wäre“.[8] Barthes definiert den Mythos als sekundäres semiotisches System vom Typus der Konnotationssprache, in dem sich Sinn und Form wechselseitig hintereinander verstecken. Dieser, von Barthes geprägte semiotische Begriff der Konnotation, der von Hjelmslev eingeführt und von Barthes in seinen Éléments de sémiologie literaturwissenschaftlich erweitert wurde, findet in der Untersuchung der Entmythologisierungsarbeit Jelineks seine Anwendung. Konnotation wird dabei als ein Vorgang verstanden, in dem eine sekundäre Bedeutung entsteht, weil das Zeichen eines bestimmten Zeichensystems in seiner Gesamtheit, also als Signifikat, in einem zweiten Zeichensystem, z. B. in einem literarischen Text, neue, d. h. konnotative Bedeutung annimmt. Barthes hat zum Konnotationsbegriff bemerkt: „Die erste Mitteilung, die selbst aus einer Vereinigung von Signifikanten und Signifikaten besteht, wird aufgrund einer Art versetzten Bewegung zum bloßen Signifikanten der zweiten Mitteilung, da sich nur ein Element der zweiten Mitteilung (sein Signifikant) auf die Gesamtheit der ersten Mitteilung erstreckt.“[9]

Die Sprache schlägt dem Mythos daher einen „durchbrochenen“ Sinn vor. „Der Mythos kann sich leicht in sie einschleichen, kann sich in ihr aufblasen, es ist ein Diebstahl durch Kolonisierung.“[10] Der Mythos hat eine zweifache Funktion, „er bezeichnet und zeigt an, er gibt zu verstehen und schreibt vor.“[11]

[...]


[1] Löffler, Spezialistin für den Hass, S.83.

[2] Janz, M. Elfriede Jelinek. Metzler. Stuttgart. 1995, S. VII.

[3] Jelinek, E. Die endlose Unschuldigkeit. 1980. S.74.

[4] Janz, M., a.a.O., S. 8.

[5] Barthes, Roland. Mythen des Alltags. Frankfurt a. M. 1964, S. 96.

[6] Barthes, R., a.a.O., S.92.

[7] Doll, Anette. Mythos, Natur und Geschichte bei Elfriede Jelinek. M und P. Stuttgart. 1994, S.39.

[8] Doll, a. a. O., S. 39.

[9] Barthes. Das semiologische Abenteuer , S. 183.

[10] Barthes. Mythen des Alltags , S. 117.

[11] Barthes, a. a. O., S. 96.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Trivialmythen-Konzept von Roland Barthes im Roman von Elfriede Jelinek "Die Klavierspielerin"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V269719
ISBN (eBook)
9783656609261
ISBN (Buch)
9783656609070
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trivialmythen-konzept, roland, barthes, roman, elfriede, jelinek, klavierspielerin
Arbeit zitieren
Elena Dubodelova (Autor), 2004, Das Trivialmythen-Konzept von Roland Barthes im Roman von Elfriede Jelinek "Die Klavierspielerin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269719

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