Olivier Messiaen: Quatuor pour la Fin du Temps. Eine Werkeinführung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Generelles zum Werk
1.1 Einordnung in das Gesamtwerk Messiaens
1.2 Entstehung des Werkes
1.3 Messiaen über das Quatuor
1.4 Der Engel und das Ende der Zeit

2. Aufbau des Werkes und besondere Bezüge
2.1 Die äußere Ordnung
2.2 Die Beziehungsstrukturen der Sätze
2.3 Der"Abgrund" (L'abîme)
2.4 Die Vögel - ihre Bedeutung

3. Analytische Bemerkungen zu den Sätzen
3.1 Liturgie de christal
3.2 Vocalise, pour l'Ange qui annonce la fin du temps
3.3 Abime des oiseaux
3.4 Intermède
3.5 Louange à l'Eternité de Jésus
3.6 Danse de la fureur, pour les sept trompettes
3.7 Fouillis d'arcs-en-ciel, pour l'Ange qui annonce la fin du temps
3.8 Louange á l'Immortalité de Jésus

4. Literaturverzeichnis.

1. Generelles zum Werk

1.1 Einordnung in das Gesamtwerk Messiaens

Das Schaffen Messiaens kann in vier größere Abschnitte unterteilt werden

- ab 1930 die "Orgelperiode"
Beendigung seiner Conservatoriumszeit als Studierender, Beginn seiner Organistenzeit in La Trinité, Paris; Komposition von Orgel- und Orchesterwerken, u. a. Le corps glorieux (7 Visionen f. Orgel) [1935]
- ab ca. 1940 die "kostruktivistische / abstrakte Phase"[1]
"Technique de mon language musical" (grundlegendes theoretisches Werk), Beschäftigung mit Elektronischer Musik, Auseinandersetzung mit "Zeit" und "Dynamik"; Schüler Boulez, Y. Loriod
Kriegsteilnahme, Gefangenschaft im Stalag Görlitz
Werke: Quatuor pour la fin du Temps [1941] (Q)
Turangalîla-Symphonie [1948] (TUR)
Mode de valeurs et d'intensités [1949] (Anstoß für die Serielle Musik)
Livre d'orgue [1951]
Die Phase ab etwa 1950 hat Messiaen laut Rößler nicht sonderlich befriedigt. Sie geht einher mit äußerer und innerer Vereinsamung und stillem Leid.[2]
- ab Mitte der 1950er Jahre die "Phase der Vogelgesänge"
Das Thema wird intensivierend von ihm aufgegriffen und "befreit" Messiaen (Rößler); Forschung, Vogelaufnahmen.
Schüler: Stockhausen, Xenaki;
Werke: Oiseaux exotiques [1956] f. Kl. u. kl. Orch.; Sept Haikai f. Kl. u. Kammer-Orch. [1962]; Catalogue d'oiseaux f. Kl. [1958]
- ab Mitte der 1960er Jahre die "Phase der opera summa"
La Transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ [1969] (TR)
Méditations sur le mystère de la Sainte Trinité [1969] f. Orgel (MMT)
Saint François d'Assise [1983] (SF)
Livre du Saint Sacrement [1984] f. Orgel
Éclairs sur l'Au-delà...[1991] für gr. Orch.

Das Quartett auf das Ende der Zeit, geschrieben im Winter 1940/41, gehört somit in die abstrakte Phase seines Schaffens. Ihm voraus geht die theoretische Schrift "Technik meiner musikalischen Sprache", die er um 1940 beginnt und 1942 veröffentlicht. In dieser Schrift sind etliche Musikbeispiele aus dem Quartett zu finden, auf die später noch einzugehen sein wird.

1.2 Entstehung des Werkes

Zur Entstehung des Werkes kann folgendes festgehalten werden. 1939 wird Messiaen zum Kriegsdienst herangezogen und gerät bald nach Beginn des Frankreichfeldzuges 1940 in Deutsche Kriegsgefangenschaft. Er wird in das Strafgefangenenlager Stalag VIII A in Görlitz, Schlesien, interniert und verbleibt dort für neun Monate. Eine glückliche Fügung besteht darin, dass der Lagerkommandant Franzpeter Goebels selbst Pianist ist. Er hat später an der Musikhochschule Detmold eine Professur für Klavier inne. Er ermöglicht Messiaen zu komponieren und aufzuführen und stellt ihm dafür das notwendige Material, vor allem Notenpapier, zu Verfügung.

In "Olivier Messiaen, La Cité céleste - Das himmlische Jerusalem" beschreiben Schlee und Kämper die damalige Situation so:

»Trotz Kriegsgefangenschaft, Entbehrungen, Kälte und Hunger waren es die Momente stiller Anbetung und die Friedensvisionen der Offenbarung des Johannes, denen sich Messiaen in diesem einzigartigen Werk zuwandte. Von einem deutschen Offizier hatte Messiaen Notenpapier erhalten (der 1. Satz ist auf 16linigem <Beethoven-Papier> notiert), in einer Priesterbaracke richtete er sich einen kleinen Platz zum Komponieren ein. [...] ('Während meiner Gefangenschaft löste der Nahrungsmangel bei mir farbige Träume aus: Ich sah den Regenbogen des Engels und ein seltsames Kreisen von Farben.'[zitiert nachClaude Samuel (Hrg.): Recherche artistique, 'Hommage á Olivier Messiaen, Paris 1978: 31ff])

Zunächst hatte Messiaen für den Geiger Jean le Boulaire, den Klarinettisten Henri Akoka und den Violoncellisten Etienne Pasquier ein kurzes Trio geschrieben, das in einem Waschraum aufgeführt wurde (es sollte als »Intermède» zum 4. Satz des Quartetts werden). In der Folge ergänzte er sieben Sätze in wechselnder instrumentaler Kombination, unter Miteinbeziehung des für sich selbst komponierten Klavierparts – die ungewöhnliche Besetzung erklärt sich also aus der Präsenz der musizierenden Stalag-Mitgefangenen.

»Mein Quartett ist achtsätzig. Warum? Sieben ist die Zahl der Vollendung – die sechs Schöpfungstage, geheiligt durch den göttlichen Sabbat. Die Sieben dieses Ruhetages setzt sich in der Ewigkeit fort und wird so die Acht des unauslöschlichen Lichtes und immerwährenden Friedens.»

[...] Als Olivier Messiaen sich bei seinem Eintreffen im Stalag in Görlitz einer Leibesvisitation unterziehen mußte, hielt er, nackt, mit dem Mut der Verzweiflung ein kleines Paket mit seinen kostbarsten Schätzen in den Händen: sein Missale und einige Taschenpartituren (von J. S. Bachs Brandenburgischen Konzerten bis zu A. Bergs Lyrischer Suite) – seine geistige Nahrung in dunkler Zeit. Er durfte sie behalten. Die Noten eines seiner Lieblingswerke, Debussys Pelléas et Mélisande, fehlten. An die Oper denkend, stellte er fest, daß er sie auswendig kannte..."[3]

Am 15. Januar 1941 wurde das Quarttett im STALAG uraufgeführt. Zu den näheren Umständen zitiere ich aus Schlee, Kämper:

»Das kalligraphierte kleinformatige Programmblatt stellt ein zutiefst berührendes Zeugnis der unter schwierigsten Bedingungen stattgefundenen historischen Uraufführung dieses Meisterwerks dar. Messiaen berichtet:

»Die Uraufführung fand in Görlitz, Schlesien, bei bitterer Kälte statt. Das Stalag war unter einer tiefen Schneedecke versunken. Wir waren 30.000 Gefangene (zumeist Franzosen, aber auch einige Polen und Belgier). Die vier Interpreten spielten auf kaputten Instrumenten: Das Violoncello von Etienne Pasquier hatte nur drei Saiten und die Tasten meines Pianinos blieben stecken. Unglaublich auch unser Gewand: Man hatte mich mit einer grünen, völlig zerrissenen Jacke ausstaffiert, und ich trug Holzpantoffeln. Die Zuhörerschaft setzte sich aus allen sozialen Schichten zusammen: Priester, Ärzte, Kleinbürger, Berufssoldaten, Arbeiter und Bauern.'»[4]

Vor der Uraufführung hielt Messiaen eine mündliche Einführung. Er berichtete, die etwa 5.000 Zuhörer hätten der Darbietung mit einer Aufmerksamkeit und Verständnisinnigkeit gelauscht, wie er sie nie wieder erlebt habe. […]

Ausführlich wird die Entstehung des Quatuor von Rebecca Rischin u.a. anhand von Aussagen von Zeitzeugen dargestellt.[5] Ein durchaus lesenswertes Buch, das allerdings keine musikwissenschaftliche Werkbehandlung ist.

1.3 Messiaen über das Quatuor

Für die 1942 besorgte Drucklegung schreibt Messiaen ein umfangreiches Vorwort, in dem er auf jeden Satz einzeln eingeht, dann eine kleine Einführung in die Theorie seiner Musikalischen Sprache gibt und schließlich Hinweise an die Spieler, in denen er u.a. die Einhaltung der genauen Zeitwerte gemäß Partitur verlangt.

Aus Olivier Messiaens Rede anlässlich der Verleihung des Praemium Erasmianum am 25. Juni 1971 in Amsterdam: »Man hat mich aufgefordert, ein Glaubens-Bekenntnis abzulegen, das heißt, darüber zu sprechen, was ich glaube, was ich liebe, was ich hoffe.

Was ich glaube? Das ist schnell gesagt, und alles ist damit gesagt, mit einem Schlag: Ich glaube an Gott. Und weil ich an Gott glaube, glaube ich ebenso auch an die Heilige Dreieinigkeit sowie an den Heiligen Geist (dem ich meine „Messe de la Pentecôte" gewidmet habe) und an den Sohn, das fleischgewordene Wort, Jesus Christus (dem ich einen großen Teil meiner Werke gewidmet habe, von der „Nativite" für Orgel von 1935 über die „Vingt Regards sur l'Enfant Jesus" für Klavier von 1944, über die „Trois petites liturgies" und das „Quatuor pour la fin du Temps" bis hin zur „Transfiguration", vollendet 1968, für großen gemischten Chor, Instrumental-Solisten und sehr großes Orchester).«[6]

Bewegend sind die Erinnerungstexte von Messiaens Interpretenkollegen: Der berühmte Violoncellist Etienne Pasquier schreibt: «Das Lager von Görlitz... Baracke 27B, unser Theater.. draußen die Nacht, der Schnee und das Elend... hier, ein Wunder, das <Quartett für das Ende der Zeit> trägt uns in ein herrliches Paradies, hebt uns aus dieser entsetzlichen Welt – unendlichen Dank unserem lieben Olivier Messiaen, dem Poeten der ewigen Reinheit...» Henri Akoka, eigentlich Schauspieler, übernahm bei der Uraufführung den Klarinettenpart; er notiert: «Für Olivier Messiaen, der mich zur Musik geführt hat. Vergeblich versuche ich, ihm mit diesen wenigen Worten meine Dankbarkeit zu beweisen, aber ich bezweifle, dazu je fähig zu sein.» Der Geiger Jean le Boulaire schließlich nennt das Quartett «eine große und herrliche nReise in eine wunderbare Welt».«[7]

1.4 Der Engel und das Ende der Zeit

Wenn schon der Begriff "Quartett" irritiert mit der Besetzung Violine, Violoncello, Klarinette und Klavier, so die Wortwahl "Ende der Zeit" im besonderen. Es geht wie sooft bei Messiaen um einen biblischen Vorwurf, hier den Engel der Apokalypse, der das Ende der Zeit beschwört, wie der Untertitel des Werkes aussagt. Es heißt dazu in der Offenbarung des Johannes:

Offb 10.1-7: »Und ich sah einen anderen starken Engel vom Himmel herabkommen; der war mit einer Wolke bekleidet und hatte den Regenbogen auf seinem Haupt und ein Antlitz wie die Sonne und Füße wie Feuersäulen [...] Und er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer und den linken auf die Erde, [...] und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand auf gen Himmel und schwur bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, [...] daß hinfort keine Zeit mehr sein soll, sondern [...] vollendet das Geheimnis Gottes [...].«[8]

Schlee und Kämper führen zum Engel aus:

»Der apokalyptische Engel ist in jenem Sinne <schrecklich>, [...] . Das Attribut <terribilis>, die <fulgurance du Sacré (das Wetterleuchten des Heiligen), also die erhabene Schönheit des Überwältigenden, spielt in Messiaens Wortschatz eine bedeutende Rolle. Er spricht in seinem Einführungstext zu seinem Quartett für das Ende der Zeit vom Engel als »geliebte Gestalt»: «Sein Mysterium verlangt gerade nach Musik, während er es der Ikonographie hingegen nicht leichtmacht. Immerhin findet man ihn auf den schönen Apokalypse-Wandteppichen der Kathedrale von Angers wieder, und Albrecht Dürer verdanken wir seine überzeugendste Darstellung: Allen Einzelheiten der Vision folgend, finden wir in seinem Holzschnitt eine beinahe <surrealistische> Figur ohne Körper vor, die sich – erschreckend – ins Gedächtnis gräbt und ganz und gar <übernatürlich> ist.»)«[9]

Welchen Stellenwert dieser Engel in Messiaens Leben hat, wird klar in dessen Selbstzeugnis:

»…ein Überwältigtsein [beim Anblick von farbigen Kirchenfenstern, Anm. K.B.], das sich vertiefte bei der Lektüre der Apokalypse, mit ihren blendenden, märchenhaften Farben, die darin so sehr das Symbol des Göttlichen Lichtes sind. Und ich kann nicht diese Hauptgestalt in meinem Leben vergessen, diesen mächtigen und lichtvollen Engel, der das „Ende der Zeit" ankündigt und dessen Haar genau wie der Regenbogen ist!« (Olivier Messiaen: Rede anläßlich der Verleihung des Praemium Erasmianum am 25. Juni 1971 in Amsterdam)[10]

[...]


[1] Vgl. auch Hirsbrunner 1988, S. 177ff. Die Technik, Ton- und Rhythmusreihen zu konstruieren und sie deterministisch gegeneinander laufen zu lassen, begegnet schon im Quatuor, wohingegen die Zeit zwischen 1949 (Mode de valeurs) und 1955 (Beginn der Phase der Vogelgesänge mit Oiseux exotique) als die im Kern abstrakte Phase bezeichnet werden kann, die den Serialismus u.a. von Boulez und Stockhausen vorbereitet, wenngleich Mode de valeurs von Messiaen später von ihm selbst als nur Übung abgetan wurde.

[2] Almut Rößler in der Einführung zu ihrem Orgelkonzert am 02.05.2008 in der Düsseldorfer Johanniskirche.

[3] Schlee et al. 1998, S. 219–220.

[4] Ebda.

[5] Rischin 2006.

[6] Rößler 1993, S. 40-41.

[7] Schlee et al. 1998, S. 224–225.

[8] Luther 1970, S. 315.

[9] Schlee et al. 1998, S. 223–224.

[10] Rößler 1993, S. 45.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Olivier Messiaen: Quatuor pour la Fin du Temps. Eine Werkeinführung
Hochschule
Universität zu Köln  (Musikwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Die Tonsprache Olivier Messiaens
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V269872
ISBN (eBook)
9783656611370
ISBN (Buch)
9783656610557
Dateigröße
6466 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Messiaen, Quartett, zeitgenössische Musik, Konzentrationslager, KZ, Tonsprache, L'abîme, Vögel, Ende der Zeit
Arbeit zitieren
Dipl. Ing. Karl Bellenberg (Autor), 2008, Olivier Messiaen: Quatuor pour la Fin du Temps. Eine Werkeinführung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269872

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