Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Inszenierung des Dramas „Iwanow“ (A.P. Tschechow) von Dimiter Gotscheff unter Berücksichtigung der Melancholie - und Depressionsproblematik. Bei der Themenwahl war für mich der Bezug zum aktuellen Melancholie/ bzw. Depressionsdiskurs besonders interessant, insbesondere wenn man Gotscheffs von der Fachpresse viel beachtete Inszenierung als eine Aktualisierung von Tschechows Drama begreift.
Ziel dieser Untersuchung ist es, „neuere“ Theorien der Melancholie und Depression des 20./21. Jahrhunderts (Freud, Lacan, Kristeva) auf Gotscheffs Inszenierung zu beziehen und den Zusammenhang zwischen Depression und Tod zu herauszuarbeiten.
Der Einstieg in die Thematik erfolgt durch einen historischen Exkurs und soll dem Leser einen ersten Überblick über die historische Entwicklung des Melancholiebegriffs verschaffen. Alsdann erläutere ich kurz Inhalt und Thematik von Tschechows Drama „Iwanow“, was die nachfolgende Lektüre der Inszenierungsanalyse erleichtern soll. Im weiteren Verlauf wende ich mich solchen Aspekten wie der Beziehung von phantasmatischen Objekt und Subjekt sowie dem Objektverlust (Freud) zu, wobei Žižeks Kommentar zu Lacans Psychoanalyse und Kristevas Ausführungen zur Depression relevant sind.
Abschließend verweise ich auf die aktuelle Depressionsproblematik in unserer Gesellschaft und setzte mich mit Gotscheffs Inszenierung aus soziologischer Perspektive auseinander.
Die antike Melancholievorstellung steht im engen Zusammenhang mit der Humoralpathologie, der Lehre von den vier Säften (Blut, gelbe und schwarze Galle und Phlegma). Nach Aristoteles, basiert die Melancholie auf einem Übermaß an schwarzer Galle („melaina kole“), was eine rein physiologische Erklärung für einen Gemütszustand darstellt.
Seit der Spätantike wurde die Acedia (Trägheit) als eines der sieben Hauptlaster aufgefasst.
Vor allem Mönche sind aufgrund ihres einsamen und einsiedlerischen Lebens im Kloster anfällig für dieses Laster, welches oftmals auf Trauer (tristitia) oder auf den mit dem Klosterleben verbundenen Entbehrungen oder Verlusterfahrungen basiert.
In der Renaissance wurden dem Melancholiker „große intellektuelle Kräfte“ zugeschrieben, wobei die Nachdenklichkeit zum wichtigsten Charakteristikum des Melancholikers avancierte. Für den neuzeitlichen Melancholiediskurs (20./21 Jahrhundert) war Freuds psychoanalytischer Ansatz prägend.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Bemerkungen
1.2. Der Melancholiebegriff im Wandel der Zeit
2. „Iwanow“ - Das Drama
2.1. Inhalt und Thematik
3. Analyse von Dimiter Gotscheffs Inszenierung
3.2. Das Konzept der zwei Tode
3.3. Gotscheffs „Iwanow“: Eine Gesellschaftskritik?
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Inszenierung von Anton P. Tschechows Drama „Iwanow“ durch Dimiter Gotscheff unter besonderer Berücksichtigung psychoanalytischer Theorien zu Melancholie und Depression. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen dem depressiven Zustand der Titelfigur, ihrer Identitätskonstitution durch den Tod sowie der soziologischen Dimension von Depression als gesellschaftliches Phänomen der Gegenwart zu ergründen.
- Psychoanalytische Betrachtung der Melancholie nach Freud, Lacan und Kristeva
- Die Inszenierung der Figur Iwanow als „überflüssiger Mensch“ im postdramatischen Theater
- Analyse des Konzepts der zwei Tode (symbolischer vs. realer Tod)
- Soziologische Perspektive auf Depression als Krankheit des modernen, verantwortungsorientierten Individuums
- Die Rolle der Selbststilisierung und Kreativität im Umgang mit existenzieller Sinnlosigkeit
Auszug aus dem Buch
3.2. Das Konzept der zwei Tode
Iwanow zweifelt fortlaufend an der eigenen Existenz, da er sich selbst als „überflüssig“ empfindet und kein Ziel vor Augen hat, wofür es sich zu leben lohnt.
Seinen erbärmlichen Zustand erklärt er sich dadurch, dass er sich (wie sein Knecht, der vor den Mädchen mit seiner Muskelkraft protzen wollte und zu viele Säcke auf seinen Rücken lud) „überhoben“ hat. Während die anderen ständig von ihm etwas einfordern, ist Iwanow ihnen emotional so fern, dass er nicht einmal mehr Verachtung oder Hass für sie empfindet: Anna Petrowna stirbt an seiner Gleichgültigkeit, Lebedew versucht vergeblich ihn zur Rückzahlung seiner Schulden zu bewegen, sein Landgut verkommt und Saschas Liebe bleibt ohne Konsequenzen.
Nach einem seiner monotonen Dialoge, indem er sich die Gefühle, die er sich selbst gegenüber empfindet, eingesteht (Scham, Ekel, Langeweile, Hoffnungslosigkeit, Trägheit), stellt sich er die Frage, ob er nicht schon tot sei und es nur nicht wisse. An einer anderen Stelle liegt er wie tot auf dem Boden, die Arme auf der Brust gefaltet oder verletzt sich selbst mit einer imaginierten Axt.
All dies suggeriert, dass Iwanow mehr tot als lebendig ist, obwohl er noch leiblich anwesend ist und es noch nicht zu einem ersten Suizidversuch gekommen ist.
Mit Slavoj Žižek könnte man sagen: „(..,) er lebt weiter, weil er vergessen hat, zu sterben.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Bemerkungen: Einführung in das Thema der Inszenierungsanalyse unter Berücksichtigung des Diskurses um Melancholie und Depression sowie Skizzierung der methodischen Herangehensweise.
1.2. Der Melancholiebegriff im Wandel der Zeit: Historischer Abriss über die Entwicklung der Melancholievorstellung von der antiken Humoralpathologie bis hin zum psychoanalytischen Ansatz Sigmund Freuds.
2. „Iwanow“ - Das Drama: Darstellung der Entstehungsgeschichte und der wesentlichen inhaltlichen Änderungen des Theaterstücks von Anton P. Tschechow.
2.1. Inhalt und Thematik: Zusammenfassung der Handlung des Dramas und Einführung der zentralen Protagonisten in ihrem gesellschaftlichen Kontext.
3. Analyse von Dimiter Gotscheffs Inszenierung: Untersuchung der spezifischen künstlerischen Umsetzung der Inszenierung im Kontext des postdramatischen Theaters.
3.2. Das Konzept der zwei Tode: Anwendung von Lacans und Žižeks Theorie der zwei Tode auf die Figur Iwanow, um den symbolischen Prozess seines Sterbens zu erläutern.
3.3. Gotscheffs „Iwanow“: Eine Gesellschaftskritik?: Verknüpfung der depressiven Thematik mit soziologischen Theorien, insbesondere Alain Ehrenbergs Analyse zur Depression als Krankheit moderner Verantwortlichkeit.
4. Schluss: Zusammenführung der Ergebnisse, wobei die Entfremdung Iwanows und seine quasireligiöse Selbstinszenierung im Angesicht der gesellschaftlichen Anforderungen reflektiert werden.
Schlüsselwörter
Melancholie, Depression, Iwanow, Anton P. Tschechow, Dimiter Gotscheff, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Jacques Lacan, Slavoj Žižek, Suizid, Tod, Postdramatisches Theater, Gesellschaftskritik, Alain Ehrenberg, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Inszenierung des Tschechow-Dramas „Iwanow“ durch Dimiter Gotscheff und beleuchtet diese unter dem Aspekt des Melancholie- und Depressionsdiskurses.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die psychoanalytische Theoriebildung zu Depression und Verlust, das Theaterkonzept des postdramatischen Theaters sowie soziologische Aspekte moderner Depression.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, Theorien der Melancholie des 20./21. Jahrhunderts auf die Figur Iwanow anzuwenden und den Zusammenhang zwischen Depression, Identität und Tod innerhalb der Inszenierung herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theaterwissenschaftliche Inszenierungsanalyse durchgeführt, die durch psychoanalytische und soziologische Theorien fundiert und ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der psychischen Verfassung Iwanows, dem Konzept der zwei Tode und der Interpretation der Inszenierung als Gesellschaftskritik.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Identitätskonstitution, Symbolischer Tod, Subjektivität, Verantwortungsethik und Depressionsdiskurs charakterisiert.
Welche Bedeutung kommt der „Comiczeichnung“ in der Inszenierung zu?
Die Comiczeichnung fungiert als Symbol für den ersten, symbolischen Tod Iwanows und verdeutlicht seinen Versuch, sich durch einen schöpferischen Akt als Künstler seiner eigenen Existenz zu inszenieren.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen dem symbolischen und dem realen Tod Iwanows?
Der symbolische Tod beschreibt das emotionale und mentale Absterben Iwanows während des Stücks, während der reale Tod das physische Ende durch den Suizid markiert.
Warum wird Iwanow als ein moderner „souveränes Individuum“ bezeichnet?
In Anlehnung an Alain Ehrenberg wird Iwanow als ein Individuum gesehen, das an dem gesellschaftlichen Druck der ständigen Selbstverwirklichung und Eigenverantwortung scheitert.
- Arbeit zitieren
- Natalia Livshitz (Autor:in), 2012, Analyse von Dimiter Gotscheffs "Iwanow" im Hinblick auf den Melancholie-/Depressionskomplex, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269921