Pränatale Traumata. Konsequenzen für das methodische Handeln in der Sozialen Arbeit.

Sind pränatale Traumata möglich? Welchen Standpunkt vertritt die Soziale Arbeit in diesem Diskurs?


Bachelorarbeit, 2012

74 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Hintergrund der Arbeit
1. 2 Fragestellung und Vorgehensweise
1. 3 Eigene Motivation

Teil I
2 Das Trauma
2.1 Allgemeine Definition von Trauma
2.2 Definition Traumata bei Kindern
2. 3 Die Traumaforschung
2.4 Die Entstehung eines Traumas
3 Die pränatale Entwicklung
3.1 Die Befruchtung
3.2 Die Entwicklung des Nervensystems
3.3 Die Entstehung der Sinnesorgane
3.4. Die ersten Lernerfahrungen
3. 5 Die Entstehung der Seele
4 Schädigende Einflüsse
4.1 Äußere Einflüsse
4.2 Innere Einflüsse
5 Zwischenfazit Teil I

Teil II
6 Kriterien einer gesunden Kindesentwicklung
7 Präventionsleistungen der Sozialen Arbeit
7. 1 Der Allgemeine Soziale Dienst
7.2 Die Schwangerschaftsberatungsstellen
7.3 Die Suchtberatungsstellen
7.4 Frühe Hilfen
8 Ausblick auf Interventionsmöglichkeiten
8. 1 Traumabehandlung für Säuglinge und Kleinkinder
8. 2 Die Traumapädagogik
9 Zwischenfazit Teil II
10 Resümee
11 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Hintergrund der Arbeit

Was beinhaltet die pränatale Zeit? Es ist die Zeit im Mutterleib, in der ein neuer Mensch entsteht und sich innerhalb von etwa neun Monaten entwickelt und ausreift. Der Einzelne kann sich nicht mehr an diese Zeit erinnern. Dem entsprechend unvorstellbar und unwirklich ist sie für den Menschen. Sie ist jedoch auch genauso faszinierend, sobald sich mit diesem Thema auseinandergesetzt und die Komplexität der pränatalen Vorgänge deutlich wird.

Die Pränatalpsychologie sucht Antworten auf Fragen in den physiologischen und psychologischen Bereichen der vorgeburtlichen Zeit, um diesen Zeitraum des Lebens zu erschließen. Zum Beispiel wird die Frage behandelt, ab wann ein Ungeborenes als menschliches Wesen anerkannt werden kann? Abtreibungen sind nach einem Aufklärungsgespräch bis zur 12. Schwangerschaftswoche möglich. Bei angenommenen Behinderungen des ungeborenen Kindes sogar noch länger. Ist dies bereits Tötung eines Menschen oder hat dieses Wesen aufgrund fehlender Seele noch keinen menschlichen Wert? Aber wer definiert die Seele und legt fest, ab wann sie vorhanden ist? Wann entsteht die Individuation, wann die Ich-Bildung des Ungeborenen? Muss sich die kindliche Entwicklung im Mutterleib als ein automatisch ablaufender, von Genen gesteuerter Prozess vorgestellt werden, der außer Acht lässt, wie die Umgebung gestaltet ist? Oder wird die Entwicklung des Kindes vielleicht doch von Einflüssen wie z.B. dem Gesundheitszustand der Mutter, deren Gefühlszuständen und deren Lebensweise geprägt?

Bis heute gibt es Skeptiker, die die prägende Zeit der pränatalen Entwicklung nicht anerkennen. Dabei gibt es die bildgebenden Verfahren wie Ultraschall oder neuro- biologische Untersuchungen, die dabei helfen die Ansichten der Pränatalpsychologie zu untermauern.

Wird die Wichtigkeit der pränatalen Entwicklung nicht ernst genommen, so kann auch die Entstehung eines Traumas nicht in diese Zeit verortet werden. Auch die Entstehung eines Traumas ist ein vieldiskutiertes Thema, sodass es hier verschiedene Meinungen gibt. Müssten sich Personen vorstellen, was ein Trauma auslösen könnte, so würde die Mehrheit wahrscheinlich Erlebnisse wie Trennungen von Bezugspersonen, das Miterleben von schweren Autounfällen oder den Tod eines geliebten Menschen benennen. Jedoch ist bekannt, dass jeder Mensch eine persönliche Wahrnehmung auf Dinge hat und somit auch individuell auf verschiedene Erlebnisse reagiert. Wäre es somit auch möglich, dass ein Sturz vom Fahrrad traumatische Auswirkungen haben könnte?

1. 2 Fragestellung und Vorgehensweise

Diese Arbeit soll Aufschluss darüber geben, inwieweit Erfahrungen in der pränatalen Entwicklung prägend sein können und ob die pränatale Entwicklung Einfluss auf das spätere Leben eines Menschen hat. Sind pränatale Traumata möglich oder fehlen dem Ungeborenen die körperlichen und kognitiven Voraussetzungen dafür? Außerdem soll in einem weiteren Kapitel bearbeitet werden, welchen Standpunkt die Soziale Arbeit bei der Diskussion der pränatalen Entwicklung einnimmt und ob sie ausreichend befähigt ist auf bereits sehr früh gemachte negative Erlebnisse ihrer Klienten einzugehen und ausgleichend zu wirken.

Beginnend greift diese Arbeit allgemeine Definitionen eines Traumas auf, um diese neben der Erläuterung von Traumaentstehung bei Kindern zu betrachten. Darauf folgt ein kurzer Blick auf den geschichtlichen Hintergrund der Traumaforschung, um anschließend die körperlichen Vorgänge bei der Entstehung eines Traumas zu behandeln. Weitergehend bearbeitet Kapitel 3 die pränatale Entwicklung eines Kindes von der Befruchtung über die Entwicklung der Sinnesorgane bis zu den ersten Lernvorgängen im Mutterleib und der Diskussion, wann die Seele entsteht. Kapitel 2 und 3 stellen die Grundlagen für die weitere Betrachtung dar, um der kontrovers diskutierten Frage nach pränatalen Traumata gerecht zu werden. Darauffolgend behandelt Kapitel 4 innere und äußere Einflüsse während der Schwangerschaft, die möglicherweise negative Auswirkungen auf das ungeborene Kind haben können. Die Schädlichkeit der meisten vorgestellten Einflüsse wie Alkohol oder Drogen sind bereits wissenschaftlich bewiesen. Hingegen sind die Auswirkungen der Erfahrungen, die bei der Geburt gemacht werden oder die Gefühlslage der Mutter während der Schwangerschaft Erfahrungswissen von Therapeuten. Diese konnten zwar noch nicht wissenschaftlich belegt werden, sollten allerdings trotzdem ernst genommen werden, da viele Therapeuten diese Erfahrungen unabhängig voneinander beschreiben. Der weitere Teil dieser Arbeit betrachtet den Status quo in der Bundesrepublik Deutschland und welche Kriterien von Nöten sind, um eine gesunde Kindesentwicklung prä- sowie perinatal gewährleisten zu können. Um pränatale Traumata zu verhindern, werden verschiedene Präventionsleistungen der Sozialen Arbeit in Kapitel 7 geprüft. Für Kinder, die bereits traumatisiert sind, wird ein kurzer Blick zum ersten auf eine Möglichkeit der Behandlung für Säuglinge, zum zweiten auf die Umgehensweise mit Kindern und Jugendlichen in der Sozialen Arbeit geworfen. Diese Arbeit schließt mit einem Resümee ab.

1. 3 Eigene Motivation

Nach meinem Abitur absolvierte ich ein Jahrespraktikum in einer Kinderkrippe. Während dieser Arbeit mit Kleinkindern und Säuglingen entstand mein Interesse für deren Entwicklungsschritte im Allgemeinen. In meinen Beobachtungen bemerkte ich die bereits stark ausgebildeten Kompetenzen der Kleinkinder und auch die hohe Aufmerksamkeit der Säuglinge faszinierte mich. Hierdurch vertiefte sich mein Interesse hin zur pränatalen Entwicklung. Dieses Wissen hilft mir in der Arbeit mit Kindern, um deren mögliches auffälliges Verhalten zu verstehen und detailliert deren Ursache zu ergründen. Weiterhin bestärkt mich dieses Thema bei meinem Berufswunsch Kinder- und Jugendpsychotherapeutin.

Die Vielschichtigkeit und Sensibilität der menschlichen Entwicklung beeindruckt mich. Ich denke, es eröffnet sich durch die Berücksichtigung von Forschungsergebnissen im prä-, peri- und postnatalen Bereich eine große Chance, neue Möglichkeiten in der Therapie und Begleitung von Kindern und deren Eltern zu erschließen und diese in die schon bekannten Therapieformen einfließen zu lassen.

Teil I

2 Das Trauma

2.1 Allgemeine Definition von Trauma

Das Wort Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet Wunde. Es gibt je nach Fachbereich unterschiedliche Definitionen des Begriffs, wie z.B. im Bereich der Medizin, der Biologie oder dem Rechtswesen. Hier soll das psychische Trauma näher beleuchtet werden, das nach der ICD10-Klassifikation[1] der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz oder lang anhaltend) ist, die bei fast jedem eine tiefe Verstörung auslösen würde“ (Weiß, 2008, S. 19). Begleiterscheinungen wie große Angst, Hilflosigkeit und Kontrollverlust sind laut dieser Definition obligatorisch. Traumata treten auf, wenn die Anpassungsstrategien des Menschen erschöpft sind und eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit besteht. Sobald die betroffene Person keine Handlungsmöglichkeiten mehr für sich sieht, wird das Selbstschutzvermögen überfordert und es entsteht ein traumatisches Ereignis. (Vgl. Weiß, 2008, S. 19)

Weitere Kriterien für traumatische Situationen sind zum einen die Unvorherge- sehenheit und zum anderen die starke Wahrnehmung über die Sinnesorgane. (Vgl. Hilweg, 1998, S. 37) Ein Trauma kann auch als tiefe seelische Verletzung beschrieben werden, die den Betroffenen ihren Glauben an ihre eigenen Fähigkeiten nimmt und das Vertrauen in die Gesellschaft vernichtet. (Vgl. Bausum, 2009, S. 7) Shengold bezeichnet es sogar als „Seelenmord“, wodurch die seelische Beeinträchtigung und die Auswirkungen deutlich werden. (Vgl. Krüger, 2008, S. 33)

2.2 Definition Traumata bei Kindern

Laut der vorangegangenen Definitionen und Kriterien muss eine sehr extreme Situation bestehen, um eine traumatische Reaktion auszulösen. Die Autoren LEVINE und KLINE setzen in ihrem Buch „Verwundete Kinderseelen heilen“ jedoch andere Maßstäbe. Sie sind der Meinung, dass Situationen, die für Erwachsene völlig harmlos erscheinen, auf Kinder traumatisierende Wirkungen haben können. Hier nennen LEVINE und KLINE beispielsweise einen Sturz vom Fahrrad, eine Behandlung bei einem Arzt oder das Op

1 International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems fer von Mobbing zu sein. Dies ist allerdings abhängig von Alter, Körpergröße und anderen Faktoren, die auf Verletzlichkeit hinweisen könnten. (Vgl. Levine, Kline, 2004, S. 33ff)

Zu erkennen sind erhebliche Unterschiede in der Entstehung von Traumata, sodass keine einheitliche Definition besteht und somit Schwierigkeiten in der Handhabung dieses Themas in der Praxis zu vermuten sind.

2. 3 Die Traumaforschung

Schon in der Vergangenheit hat dieses Forschungsgebiet die Meinungen gespalten. Es musste ein langer und schwieriger Weg zurückgelegt werden, um auf den heutigen Wissensstand zu kommen. Schon vor 100 Jahren wurden Forschungsansätze entwickelt, die mit den Heutigen vergleichbar wären, jedoch immer wieder abgebrochen wurden und in Vergessenheit geraten sind. Das Motiv hierfür kann in der Konfrontation mit dem Unmenschlichen gesehen werden - beschäftigt man sich mit Traumata, so beschäftigt man sich gleichzeitig auch mit Menschen, die zu grausamen Taten fähig sind. Einfacher ist es, diese Grausamkeiten zu übersehen und zur Tagesordnung über zu gehen. Benötigen Täter lediglich das Schweigen der Zeugen, so brauchen Opfer Mitgefühl und Hilfe, was als einzelne Person schwierig zu bewerkstelligen ist. Es bedarf vielmehr einer sozial unterstützenden Gruppe, wie es in der Politik geschaffen werden muss. Ist diese Unterstützung und Teilhabe gesichert, kann das Thema Trauma mit seinen ganzen Konsequenzen erschlossen werden. (Vgl. Herman, 1994, S.17f)

In der heutigen Gesellschaft steigt das Interesse an diesem so wichtigen Thema stetig, sodass weitere Forschungsergebnisse vermutlich bald folgen werden. Die körperlichen Reaktionen, die durch eine traumatische Situation ausgelöst werden, konnte die Wissenschaft bereits durch verschiedene Studien erschließen.

2.4 Die Entstehung eines Traumas

LEVINE und KLINE bezeichnen das Trauma als ein biologisches Ereignis. Es kommt nicht auf den Schweregrad der Situation an, sondern darauf, wie stark der betroffene Körper auf eine besondere Situation reagiert. (Vgl. Levine, Kline, 2004, S. 22) Diese Reaktion spielt sich im zentralen Nervensystem ab. Aufgrund des großen Fortschrittes in der Hirnforschung durch die bildgebenden Verfahren wie PET[2] und MRT[3] konnten neue Erkenntnisse gewonnen werden, indem die Vorgänge und Auswirkungen einer traumatischen Situation im Körper sichtbar gemacht wurden. Beachtet werden muss aber, dass sich die Forschungen meist auf erwachsene Patienten sowie auf Experimente mit Tieren beziehen. (Vgl. Weinberg, 2008, S. 83)

Der menschliche Organismus ist auf Überleben ausgerichtet und so laufen die primären Reaktionen in bedrohlichen Situationen instinktiv ab. (Vgl. Levine, Kline 2004, S. 22f) Das bedeutet, dass eine traumatische Situation eine sogenannte Notfallreaktion im Gehirn auslöst.(Vgl. Weinberg, 2008, S. 83) Sie soll den Körper in Alarmbereitschaft versetzen und ihm so ermöglichen auf eine potentielle Bedrohung adäquat zu reagieren. (Vgl. Levine, Kline 2004, S. 29)

Nach GERALD HÜTHER, einem der renommiertesten Hirnforscher Deutschlands, besitzt der menschliche Organismus zwei unterschiedliche miteinander verbundene neuronale Kreisläufe. Diese Kreisläufe werden durch Bedrohungsereignisse in den kortikalen Erregungsmustern und Stoffwechselprozessen ausgelöst und stehen auch nach dieser beängstigenden Situation zur Verfügung. (Vgl. Weinberg, 2008, S. 83)

Zunächst wird der erste Kreislauf betrachtet. Hier werden besonders der präfrontale Kortex[4] sowie das limbische System[5] angesprochen. Der Körper stellt eine hohe Wachsamkeit und Aufmerksamkeit zur Verfügung, um dieses mögliche traumatische Ereignis meistern zu können. Die Amygdala versieht dieses Ereignis, also die reine Sinneswahrnehmung, mit der Gefühlsqualität und sorgt somit für die emotionale Bewertung. Das limbische System löst eine Aktivierung des Hirnstamms aus, sodass dieser die Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin freisetzt. Noradrenalin und Dopamin wirken systemisch und versetzen den Körper in Alarmbereitschaft - so wird unter anderem das Gehirn verstärkt angeregt, die Aufmerksamkeit gesteigert und es werden Energiereserven mobilisiert. Dieser erste Kreislauf wird von GERALD HÜTHER eher als eine Herausforderung beschrieben. Hierdurch können bereits gelernte Lösungsstrategien für die „bedrohliche“ Situation erkannt und genutzt werden. Das wiederum bedeutet, dass eine hohe Chance der Lösungsmöglichkeit besteht, sodass HÜTHER in diesem Zusammenhang von einer „kontrollierbaren Stressaktion“ spricht. Zwar kann ein Mensch grundsätzlich geeignete Verschaltungen angelegt haben, um eine Störung zu beseitigen, allerdings können diese auch noch nicht vollständig ausgebildet sein, sodass es zu einer solch beschriebenen Stressreaktion kommen kann. Dieser Kreislauf verstärkt die bereits angelegten neuronalen Verschaltungen, wenn sie zur Lösung der Situation beitragen, sodass die Erregung aus dem Körper gelöscht wird und der Mensch eine Stärkung seiner Kompetenzen und seines Selbstbewusstseins erhält. (Vgl. Weinberg 2008, S. 84f)

Der zweite Kreislauf, der im Organismus vorhanden ist, wird ausgelöst, wenn keine bereits gelernte Lösungsstrategie der bedrohlichen Situation ein Ende bereiten kann. Die Person ist in einer für sie ausweglosen Situation. Hier wird nun die Erregung im ersten Kreislauf so weit verstärkt, dass dies den zweiten Kreislauf auslöst, die Hypophyse[6] stimuliert und das HPA-System[7] ausgelöst wird. Dieses System sendet den Nebennieren Signale große Mengen an Cortisol[8] freizusetzen. Das Ergebnis ist eine starke Erhöhung der Cortisolkonzentration im Blut und damit auch im Gehirn. Starke Panikgefühle, Hilflosigkeit und Verzweiflung begleiten diesen Vorgang. Kann die Situation gemeistert werden, autoreguliert sich der Körper und die Übererregung erlischt. Ist die betroffene Person jedoch nicht in der Lage die möglicherweise gefahrvolle Situation in den Griff zu bekommen, zieht der permanente Cortisolüberschuss eine langfristige Veränderung des Stoffwechsels nach sich. Das bedeutet, dass trotz Beendigung der Gefahr der Cortisolspiegel dauerhaft erhöht bleibt und somit negative Auswirkungen auf neuronaler Ebene sowie auf das vegetative Nervensystem[9] bestehen(Vgl. Moll, 2006, S. 133). Negative Auswirkungen durch den Cortisolüberschuss können z.B. die Hemmung des Immunsystems sein. Auch kann das System der Sexualhormonproduktion gehemmt oder gar degeneriert sein. Und auch das noradrenerge System, welches wesentlich für die körperlichen Begleitsymptome bei Angstzuständen verantwortlich ist, kann beschädigt werden. (Vgl. Weinberg, 2008, S. 89)

Wie heutzutage bekannt, entstehen beim Lernvorgang im Gehirn neuronale Verschaltungen, die immer wieder angeregt und bestätigt werden müssen, um eine dauerhafte Stabilität zu erhalten. Der beschriebene Cortisolüberschuss kann des Weiteren diese besonders festen neuronalen Verschaltungen zerstören und somit bereits eingeprägte Verhaltensweisen zunichtemachen. Psychisch wird die Person mit einer andauernden Anspannung belastet. Sie ist übererregt und empfindet Hilflosigkeit und Angst, die sie nicht immer benennen kann. Charakteristisch in solch einem Fall ist auch eine geringe Belastungsfähigkeit. Um die Anspannung zu verringern, beginnt der Mensch alle Dinge zu vermeiden, die ihn an seine traumatische Erfahrung erinnern könnten. Er meidet bestimmte Orte, versucht gewissen Personen nicht zu begegnen und hält sich von gewissen Gerüchen oder Klängen fern. Schwieriger wird es hingegen bei Erinnerungen, den sogenannten Flashbacks oder Albträumen, die den traumatischen Vorgang aufgreifen. Die Bilder und Gefühle, die hierdurch wieder hervorgerufen werden, können ein unkontrollierbares Widererleben auslösen, welches die gleichen Gefühle zur Zeit des traumatischen Ereignisses beinhaltet. Werden traumatische Erfahrungen gemacht, so werden diese durch traumaspezifische Mechanismen in der Amygdala abgespeichert, dem impliziten Gedächtnis. Traumatische Reize lösen spezielle Gedächtnis- und Lernprozesse aus. Anders als alltägliche Erfahrungen, deren Reize im Hippocampus abgespeichert werden, dem expliziten Gedächtnis. Die Amygdala wird auch als das emotionale Gedächtnis des limbischen Systems betitelt. Sie ist für die Entstehung von Affekten, Erregungen und besonders von Angstäquivalenten und Emotionen zuständig. Sie ist kein Teil unseres Bewusstseins oder unserer Sprache und steuert die instinktiven motorischen Anpassungsreaktionen in der traumatischen Situation. Diese können sich z.B. in Aggressionen, Flucht oder Anpassung widerspiegeln. Durch die implizite Gedächtnisfunktion der Amygdala wird die Versprachlichung von Emotionen erschwert. „[Was hier] entsteht und gespeichert wird, muss erst mühsam durch neuronale Verbindungen mit den Sprachzentren der linken Gehirnhälfte und den anderen Assoziationsarealen des Großhirns zusammengebracht werden“ (Weinberg, 2008, S. 89). Emotionen können von Personen schwer versprachlicht werden, deren Corpus Callosum[10] gering ausgebildet ist. Dies ist meist bei Männern und heranwachsenden Jungen der Fall. Doch besonders durch die bereits genannten Speicher- und Gedächtnisprozesse, welche die traumatischen Reize aufnehmen, wird die Versprachlichung von Emotionen erschwert. Die traumatischen Ereignisse werden in der Amygdala gespeichert und blockieren jegliche Assoziationen. Das heißt, dass das emotionale Gedächtnis von den anderen Gedächtniszentren wie z.B. dem visuellen Gedächtnis separiert wird. Hierdurch entstehen gravierende Folgen. Die emotionalen Erlebnisse wie auch die sensorischen Erfahrungen in den Assoziationsarrealen können nicht bearbeitet und somit auch nicht verarbeitet werden. Sie bleiben beständig in den neuronalen Zentren gespeichert und beeinflussen somit auch weiterhin den Organismus. Dies ist jedoch, wie bereits beschrieben, nicht im Bewusstsein verankert. Es gibt Trigger[11], die Erinnerungen ungehemmt in das Bewusstsein hervorholen und dieses für kurze Zeit „überschwemmen“, was für die betroffene Person kaum auszuhalten ist. Durch die andauernde Übererregung, ausgehend von der Amygdala, können strukturelle Beeinträchtigungen entstehen. Es können durch das Trauma Gedächtnisausfälle entstehen, welche sich allerdings auf die expliziten Erinnerungen beziehen. Das bedeutet, dass die Aggressions-, Flucht- oder Erstarrungsreaktionen erhalten bleiben. Die Angst und die Erregung wird in der Psyche, im Verhalten sowie in zwischenmenschlichen Beziehungen deutlich. Die Auslöser sowie die Rahmenbedingungen bleiben dem Bewusstsein allerdings entzogen. Durch die Verknüpfung von Blockierung und Übererregung entstehen Phänomene im Bereich des Gedächtnisses, die zu Verwirrungen führen. Unter anderem werden die Erinnerungen vollkommen sensorisch und losgelöst von einer zeitlichen Einordnung wahrgenommen. Das heißt, sie werden ohne therapeutische Behandlung als gegenwärtig bedrohliche Situation unendlich erlebt. (Vgl. Weinberg 2008, S. 85-91) Je jünger das Kind ist und je weniger Zeit- und Raumgefühl es besitzt, desto größer ist das Leid durch eine solch mögliche Verwechslung. Die Kinder empfinden die Erinnerungen, als wären sie in der gleichen bedrohenden Situation wie damals.(Vgl. Krüger, 2008, S. 36) Nicht nur Erwachsene, sondern auch kleine Kinder können solche traumatischen Erinnerungseindrücke speichern und sich sehr lebhaft und intensiv sensorisch an Erfahrungen ihrer ersten drei Lebensjahre erinnern. Menschen die einer traumatischen Situation ausgesetzt waren, versuchen ihren Erregungszustand zu regulieren, indem sie Abwehrmechanismen entwickeln. Besonders die Übererregung im Gehirn soll entschärft werden. Ist die kortikale[12] Stimulation zu hoch, wird ein Neurotransmittersystem[13] in Gang gesetzt, das einen Selbstzerstörungsprozess bewirkt. Das Glutamatsystem[14] wird aktiviert, die Rezeptoren nehmen eine extrem hohe Menge an Kalzium auf und es kommt zu einer Selbstvergiftung der Nervenzellen. Besonders bei unerwarteten traumatischen Erfahrungen sieht HÜTHER eine Gefahr für Kinder. Um eine solch traumatische Stressreaktion zu überleben, müssen die Kinder diese aus ihrem Gedächtnis abspalten. Es wird bestätigt, dass frühe und anhaltende Traumatisierungen nachhaltig in den physiologischen Prozess der Hirnentwicklung eingreifen. Es können hierbei neurobiologische und hirnphysiologische Schäden entstehen. Hier kann z.B. der präfrontale Cortex genannt werden, der durch solche Einflüsse ein geringeres Maß an komplexen Verschaltungen ausbildet, sodass die Fähigkeit zur Impulskontrolle, die Planung von Handlungen sowie die Hersausbildung des Selbstbildes beschädigt werden. (Vgl. Weinberg, 2008, S. 92ff) Auch ein geringeres Hirnvolumen kann verzeichnet werden, sodass von einer ausgelösten Hirnverletzung gesprochen werden kann, durch traumatische Sinneseindrücke. (Vgl. Krüger, 2008, S. 35f).

Nun eröffnet sich die Frage, ab wann eine Negativerfahrung Auswirkungen auf einen Menschen haben kann? Wenn Kinder in ihren ersten drei Lebensjahren ein Trauma entwickeln können, ist dies dann folglich auch bereits im Mutterleib möglich? Um diese Fragen zu klären, wird sich die Arbeit nun mit der pränatalen Entwicklung beschäftigen.

3 Die pränatale Entwicklung

Die Vorgänge der Entwicklung eines Kindes im Mutterleib sind uns noch nicht sehr lang bekannt. Erst seit den letzten 40 Jahren konnte durch intrauterine Filmaufnahmen sowie durch Ultraschallbilder die Heranreifung eines Menschen beobachtet werden. (Vgl. Janus, Haibach, S. 1997, S. 9) Hierdurch konnten zahlreiche Fehlannahmen aufgelöst werden. Als die Technik des Mikroskops entwickelt wurde, entstand die Anschauung von Wissenschaftlern, dass sich ein vollständig entwickelter kleiner Mensch im Kopf der Samenzelle befinde, der in der Gebärmutter lediglich heranreifen müsse. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 17f) Und noch vor wenigen Jahrzehnten waren Ärzte der Ansicht, ein heranwachsendes Kind im Mutterleib sei ein taubes blindes Wesen, was keine Empfindungen verspüre, kein Gedächtnis besitze und keinerlei Schmerzempfinden aufweise. (Vgl. Kramer, 2008, S. 25)

Heute gelangen Forscher durch formale Experimente zu aufschlussreichen Erkenntnissen, wenn es um die natürlichen Fähigkeiten wie Hören, Schmecken, Bewegen und Sehen geht. Aber auch durch Frühgeborene erhalten wir Informationen über den Entwicklungsstatus der Kinder in den letzten Schwangerschaftsmonaten. (Vgl. Janus, Haibach, 1997, S. 35) Und auch die Vorgänge der Befruchtung sind bereits nahezu vollständig erschlossen, die Voraussetzung für das Entstehen eines neuen Lebens darstellt. Diese werden nun näher betrachtet.

3.1 Die Befruchtung

Die Samenzelle des Mannes besteht erstens aus einem Kopf, der die Erbsubstanz trägt, zweitens aus einem Schwanz, durch den sich die Samenzelle fortbewegen kann. (Vgl. Moll, 2006, S. 11f) Die Eizelle der Frau besitzt den weiblichen Teil der genetischen Anlagen und ist ein lebendiger Organismus. Das bedeutet, dass die Eizelle von Umweltfaktoren wie z.B. der Nährstoffversorgung und der Temperatur abhängig ist. Die Befruchtung der Eizelle durch die männliche Samenzelle findet durch Kommunikation und Interaktion zwischen diesen beiden Zellen statt. Die Eizelle sendet Signale aus, um die Samenzelle anzuziehen. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 43) Ist die Samenzelle in die Eizelle eingedrungen, löst dies eine biochemische Kettenreaktion aus, die zu einer Schwangerschaft führen kann. (Vgl. Verny, Weintraub, 2003, S. 13) Der Stoffwechsel der Eizelle wird angeregt, der Sauerstoffverbrauch nimmt zu und auch die Zellmembran verändert sich derart, dass keine weiteren Samenzellen in die Eizelle eindringen können.

Nun treffen sich der männliche und weibliche Vorkern, in denen das jeweilige Erbgut enthalten ist, in der Eizelle. Die Kernmembran zwischen diesen löst sich auf und die Chromosomen der Vorkerne vereinigen sich - der Chromosomensatz liegt nun doppelt vor. Hiermit ist die Befruchtung vollzogen und ein neuer Organismus entstanden, der Zygote genannt wird. (Vgl. Moll, 2006, S. 19f)

In den ersten Tagen nach der Befruchtung wandert die Zygote durch den Eileiter in die Gebärmutter. Um den mütterlichen Organismus über seine Gegenwart zu informieren, produziert die Zygote Hormone. Im Uterus angekommen, entwickeln sich die inneren Zellen zum Embryoblasten, die äußeren Zellen zum Trophoblasten. Der Embryoblast reift weiter zum Embryo, der Trophoblast zum kindlichen Teil der Plazenta, sodass die folgende Versorgung nicht ausschließlich dem mütterlichen Organismus entstammt. Etwa nach sechs Tagen heftet sich die Zygote an die Gebärmutterwand an. Nun entsteht eine Interaktion zwischen Mutter und Kind. Der mütterliche Organismus entwickelt ein Blutzufuhrsystem, welches das Kind durch die Plazenta später versorgen wird. (Vgl. Moll, 2006, S. 22f)

Im Laufe der Zeit reift das Versorgungssystem weiter heran, sodass die Nabelschnur ab der dritten Schwangerschaftswoche ihre Funktion aufnimmt. Diese stellt die Verbindung zwischen Plazenta und Embryo dar. Die Plazenta entwickelt sich zu einem verzweigten Netzwerk, das sich in der Gebärmutterwand verankert. Sie ist somit das Bindeglied zwischen Mutter und Kind und besteht dabei selbst aus einem kindlichen und einem mütterlichen Anteil. Die Aufgabe der Plazenta ist unter anderem die Produktion von Hormonen und Faktoren des Immunsystems, die die Schwangerschaft schützen und erhalten. Des Weiteren verhindert sie auch, dass viele Krankheitskeime oder Schadstoffe in den embryonalen Organismus übergehen. Alkohol, Nikotin, bestimmte Medikamente oder Umweltgifte kann die Plazenta allerdings nicht am Übertritt in den kindlichen Organismus hemmen. Ferner übernimmt sie für das ungeborene Kind lebenswichtige Aufgaben wie z.B. den Gasaustausch, die Nährstoffaufnahme und die Hormonausschüttung. Geht die Schwangerschaft dem Ende zu, bildet sich die Plazenta zurück, da der Fetus nun die Fähigkeit entwickelt hat, einige dieser Funktionen selbst zu übernehmen. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 49f)

Nach acht Wochen Schwangerschaft haben sich bereits die meisten Organe herausgebildet und das Kind, im medizinischen Sprachgebrauch nun Fetus genannt, ist grundsätzlich fertig entwickelt. (Vgl. ebd. 2010, S. 50) „Es braucht danach >>nur noch<< auszureifen, zu wachsen und sich sozusagen >>übend<< auf sein nachgeburtliches Leben vorbereiten.“ (Hüther, Krens, 2010, S. 52)

Besonders zu betrachten ist die Ausformung der embryonalen Strukturen. Diese sind zu jeder Zeit an die Übernahme spezifischer Funktionen gebunden. Die Reifungsprozesse, ob strukturell oder funktional, sind nicht voneinander zu trennen. Das meint, dass der Embryo von Beginn an ein lebendiger Organismus ist, der sich an seine Umgebung anpasst und die gegebenen Umstände meistert. Er ist keine Maschine, die seine Funktion erst aufnehmen kann, wenn sie komplett zusammengebaut ist. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 53) Ein Beispiel ist das Herz des Embryos, das bereits während seiner Entwicklung zu arbeiten beginnt. Ein weiteres Beispiel sind übende Greifbewegungen von nicht näher ausgeformten Händen des Fetus, die beobachtet werden konnten.(Vgl. Gross, 2003, S. 55) Dies zeigt uns, dass die Körperfunktionen schon während der Ausformung des Körpers eingeübt werden. Das Lernen und die Entwicklung eines Kindes sind somit nicht voneinander trennbar - weder vor, noch nach der Geburt. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 54)

In der vorgeburtlichen Entwicklung werden also die Grundlagen der späteren Fähigkeiten eines Menschen gelegt. So liegt es nahe, dass in diesem Entwicklungsabschnitt des Kindes positive wie auch negative Gegebenheiten Einfluss auf die spätere Ausbildung von kindlichen sowie auf erwachsene Funktionen und Fähigkeiten haben. (Vgl. Gross, 2003, S. 51) HÜTHER und KRENS gehen von intrauterinen Einflüssen aus, die die Entwicklung des Kindes fördern bzw. behindern können. Die Auswirkungen dessen lassen sich am besten anhand der Hirnentwicklung aufzeigen. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 54)

3.2 Die Entwicklung des Nervensystems

Die Entwicklung des menschlichen Gehirns läuft im Gegensatz zur Tierwelt besonders langsam ab. So kommt es, dass ein Neugeborenes das Licht der Welt mit einem noch nicht ausgereiften Gehirn erblickt. Durch diese Verlangsamung können Einflüsse aus der Umwelt aufgenommen werden, sodass diese auch die Entwicklung des Gehirns beeinflussen und komplexere Lernvorgänge möglich sind. Das bedeutet, dass das Gehirn des Ungeborenen weniger von angeborenen Verhaltensweisen geformt wird, sondern von deren Lernvorgängen. Das menschliche Gehirn kann sich somit bestens an seine Umwelt und deren Anforderungen anpassen. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 55ff) Bereits nach der 9. bis 20. Schwangerschaftswoche können primitive Muster von Hirnströmen bei Feten erkannt werden- zwei Wochen darauf konstante Muster, die denen eines Erwachsenen gleichen. Dies zeigt uns die rasante Entwicklung eines ungeborenen Kindes auf. (Vgl. Verny, Weintraub, 2003, S. 29)

Für die Bildung des zentralen Nervensystems ist das Neuralrohr, welches zwischen dem 21. und 22. Entwicklungstag entsteht, zuständig. Im Kopfbereich des Neuralrohrs entstehen Hirnbläschen, die die Anlage des Gehirns bilden; im hinteren Teil entsteht das spätere Rückenmark. Durch weitere Teilungen dieser Zellen, Tochterzellen genannt, entstehen weitere Nervenzellen, die in verschiedene Bereiche des Embryos gelangen und z.B. die Funktionen von Gehirn-, Rückenmarks- oder Sinneszellen ausführen. (Vgl. Moll, 2006, S. 41) Die bereits bestehenden Zellen besitzen Erkennungsmoleküle und sondern chemische Stoffe ab, um eine Differenzierung und somit eine Spezialisierung auf bestimmte Funktionen bei den neu entstandenen Tochterzellen auszulösen. (Vgl. Moll, 2006, S. 14) Die Gene legen dabei nur fest, welche Leistungen die Zellen erbringen können. Inwieweit sich diese entwickeln, hängt von den Rahmenbedingungen während ihrer Entwicklung ab. Alles neu Entstandene wird in das bereits bestehende System integriert, wodurch seine späteren Funktionen festgelegt werden. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 61f) Das langsam entstehende Gehirn beginnt nun Fortsätze zu bilden, die wiederum in ihrem Wachstum durch Signalstoffe geleitet werden und sich miteinander verzweigen und synaptische Kontakte bilden. So entsteht ein dichtes Netzwerk zwischen den Nervenzellen, wodurch erste elektrische Erregungsmuster entstehen und Lernvorgänge möglich werden können. Schon bereits zu diesem frühen Zeitpunkt kann durch ein solches Erregungsmuster eine Reaktion ausgelöst werden, die ihre eigenen Auslöser abzustellen versucht. Ist diese Abstellung erfolgreich, so entsteht eine Reaktionskette, die durch häufige Aktivierung und Einübung erlernt werden kann. Die Bewältigung unterschiedlicher Aufgaben wird erlernt. Zum Beispiel nehmen Zellen am Anfang einer solchen Reaktionskette Signale aus der Außenwelt sowie aus dem Gehirn auf, formen sie um und leiten sie weiteres entstehen Sinneszellen. Die Zellen am Ende der Reaktionskette spezialisieren sich auf das Weiterleiten einer Erregung auf die Körperzellen, sodass eine bestimmte Reaktion in Gang gesetzt wird. Dies kann z.B. in Form von Muskelkontraktion oder Hormonausschüttung geschehen. Das neuronale Regelsystem, was für die Koordination zwischen Organfunktionen und Stoffwechselleistungen zuständig ist, entwickelt sich im Mittel- sowie im Zwischenhirn. Die hier entstehenden Netzwerke gestalten sich weitaus komplexer und bleiben zeitlebens für die nicht bewussten Wahrnehmungen bestimmend. Diese Wahrnehmungen entstehen, sobald grundlegende Veränderungen im Körper oder dessen Umgebung auftreten. Ein Beispiel hierfür kann ein mulmiges Gefühl vor unbekannten Situationen sein. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 61-65)

Neuronale Verschaltungen in den phylogenetisch[15] älteren Hirnbereichen wie Stammhirn, Mittel- und Zwischenhirn werden intrauterin angelegt. In diesen Arealen werden die unmittelbar überlebenswichtigen Funktionen gesteuert. Im Gegensatz dazu reift das Vorderhirn erst langsam nach der Geburt aus. Funktionen wie das Laufen, das Erlernen der Sprache, die Entwicklung eines Selbstbildes, das Abschätzen des eigenen Handelns sowie das Erlernen von Kontrolle über Impulse aus älteren Hirnbereichen werden hier angesiedelt. Die im Mutterleib angelegten neuronalen Netzwerke und synaptischen Verschaltungen legen die Grundlage für die Qualität dieser und der folgenden Lernprozesse. Hierauf bauen alle folgenden Lernvorgänge auf und sind somit zum großen Teil für die nachgeburtliche Entwicklung des Kindes verantwortlich. (Vgl. ebd. 2010, S. 65f) Die Ausgestaltung der Sinnesorgane, die dem Kind ermöglicht sich in seiner Umwelt zurecht zu finden, gehört hierzu.

3.3 Die Entstehung der Sinnesorgane

Wir Menschen haben ein äußert lernfähiges Gehirn, das Reize von außen benötigt, um sich entwickeln und sein volles Potential ausschöpfen zu können. Diese Reize werden durch Sinnesorgane aufgenommen. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 67) Die Basis stellt das taktile System - der Tastsinn - dar und entwickelt sich als erstes. Dieses reagiert auf Druck, Bewegung, Schmerz, aber auch auf Temperaturschwankungen. Die sich später entwickelnden Gleichgewichtsorgane haben die Aufgabe, die Lage des Körpers zu verorten. Darauffolgend entwickeln sich das auditive System und der Geschmackssinn. Im pränatalen Bereich wird zum Geschmackssinn auch der Geruchssinn gezählt, da es im Mutterleib keine Möglichkeit gibt, diesen Sinn einzusetzen. Als letztes nimmt das visuelle System seine Funktion auf. (Vgl. Gross, 2003, S. 51)

Doch nicht nur äußere Reize werden aufgenommen. Der Körper besitzt auch schon eine Innenwahrnehmung, die körperliche Prozesse wie die Organtätigkeiten, den Bewegungsapparat sowie das Schmerzempfinden wahrnimmt und lokalisiert. (Buser, et. al. 2007, S. 7) All diese sensorischen Informationen werden miteinander verknüpft und erstellen je nach Entwicklungsstand ein immer ausdifferenziertes Bild von Körper und Umwelt. Wie auch andere Organe nehmen die Sinnesorgane ebenfalls ihre Tätigkeit

schon während ihrer Entwicklung und Ausgestaltung auf. Wann die jeweiligen Sinneswahrnehmungen beginnen, hängt vom Entwicklungsstand des Gehirns ab. Die Schlüsselrolle der Sinnesorgane zeigt das Wechselspiel zwischen ihnen und dem Gehirn. Wie die Wissenschaft zeigt, wird das Gehirn wiederum durch die Sinneseindrücke stimuliert, sodass der Austausch zwischen Fetus und gebärmütterlicher Umgebung äußert wichtig für die Entwicklung des Kindes ist. Außerdem wird deutlich, dass beide voneinander abhängig sind. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 67f) Da die Sinneswahrnehmung von bedeutender Relevanz für die Entwicklung eines Menschen ist, sollen nun folgend die einzelnen Wahrnehmungssysteme und ihre Aufgaben beschrieben werden.

3.3.1 Das Tasten

Die Haut ist die Umhüllung des menschlichen Körpers und befähigt uns zu tasten und zu fühlen. Nach der Geburt hilft sie uns, unsere Identität zu entwickeln, indem sie uns von der Außenwelt trennt und wir uns als etwas Eigenständiges erfahren können. Ohne das Tasten und Fühlen, welches wir mit der Haut realisieren, wäre ein Mensch nicht überlebensfähig. Wir wüssten nicht, wo unser eigener Körper zu Ende ist. Gleichzeitig ist die Haut auch Kontaktorgan, sodass wir mit der Umwelt Verbindung aufnehmen können. (Vgl. Gross, 2003, S. 53)

Die erste Reaktion in diesem Bezug haben Forscher in der siebten Schwangerschaftswoche beobachtet, als ein Haar das Ungeborene an der Wange gestreift hatte. Durch Bewegungen und das Wegdrehen seines Kopfes versuchte der Fetus dem Haar aus dem Weg zu gehen. In diesem Entwicklung sstadium ist ein Fetus durchschnittlich 2,5 cm groß. Seine Berührungsempfindlichkeit nimmt im Laufe seiner Entwicklung immer weiter zu, sodass die Genitalien in der 10. Woche empfindsam werden. In der 11. Woche folgen die Handflächen sowie Arme und Beine; ab der 12. Woche die Fußsohlen. Ab der 17. Woche reagiert bereits die gesamte Hautoberfläche auf Berührungen. (Vgl. Janus, Haibach, 1997, S. 28) Das ungeborene Kind kommt im letzten Schwangerschaftsdrittel oder bei der Geburt jedoch nicht nur passiv durch Raummangel in Berührungskontakt. Es sucht vielmehr aktiv nach Kontakt, wie durch das Spielen mit der Nabelschnur oder durch Berührungen des eigenen Körpers. Aber auch Berührungen von Außen durch die Eltern nimmt das Kind wahr. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 70)

Durch den Tastsinn des Ungeborenen können Informationen über seine Umwelt aufgenommen werden, sodass die Haut den Körper für Empfindungen sensibilisiert. Auf diese wird, je nach dem, ob sie als positiv oder negativ gewertet werden, mit einem entsprechenden Verhalten reagiert. Es wird davon ausgegangen, dass eine solche Bewertung ausschließlich als angenehm bzw. unangenehm ausfallen kann; es kann trotzdem von einer rudimentären psychischen Aktivität gesprochen werden. So erkennen wir, dass das körperliche Empfinden und das seelische Fühlen aufeinander aufbauen und sich miteinander verbinden. Für die emotionale Entwicklung eines Kindes ist liebevoller Körperkontakt ungemein wichtig. Und auch zur Identitätsfindung benötigen wir den Tastsinn. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 71)

HÜTHER und KRENS erahnen, dass Erfahrungen der Selbstwahrnehmung, was die wichtigste psychische Fähigkeit des Menschen darstellt, bereits intrauterin beginnen. Ab wann ein Ungeborenes Schmerz empfinden kann, ist noch recht unklar. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde noch davon ausgegangen, dass Neugeborene keinerlei Schmerzen empfinden könnten, da ihr Gehirn noch nicht ausreichend entwickelt sei. Deshalb wurde bei Operationen gänzlich auf eine Narkose verzichtet. (Vgl. Hüther, Krens, 2010, S. 71f) Heute weiß die Wissenschaft, dass sich Kinder bei einer Fruchtwasseruntersuchung[16] von der dazu verwendeten Nadel abwenden. Diese Untersuchung wird normalerweise zwischen der 14. und 16. Schwangerschaftswoche durchgeführt. Allerdings öffnen sich die Lider der Kinder erst etwa ab der 26. Woche. Des Weiteren sind bei solchen Eingriffen lebhafte Körper- und Atembewegungen der Kinder zu beobachten sowie eine hormonelle Stressreaktion festzustellen. Durch Frühgeborene konnte ab der 23. Woche eine Schmerzreaktion in der Motorik sowie in der Mimik des Kindes festgestellt werden (Vgl. Verny, Weintraub, 2003, S. 35). Berichten nach zu urteilen wurden Schreie von Ungeborenen zwischen der 21. und 40. Schwangerschaftswoche bei einer Abtreibung hörbar. Dies galt bislang als unmöglich, da dies Luft in der Nähe des Kehlkopfes erfordert. Unter seltenen Umständen kann Luft jedoch diesen Bereich erreichen, sodass das Schreien zu vernehmen sein könnte. Diese Beispiele zeigen, dass bereits ungeborene Kinder über einen funktionierenden Tastsinn verfügen und zudem bereits im Mutterleib Schmerz empfinden können. (Vgl. Janus, Haibach, 1997, S. 28ff)

[...]


[1] International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems

[2] Positronenemissionstomographie

[3] Magnetresonanztomographie

[4] Teil des Stirnhirns. Verbunden mit dem limbischen System und verantwortlich für die erlernte Kontrolle des angeborenen Verhaltens

[5] ringförmig um den Hirnstamm gruppiert. Es beinhaltet die Amygdala, den Hippocampus sowie den Hypothalamus, die die vegetativen Funktionen und emotionalen Prozesse steuern sowie die Erinnerungstätigkeit koordinieren.

[6] Hirnanhangdrüse

[7] Hypothalamo-hypophyseo-adrenocorticales System

[8] Stresshormon

[9] arbeitet ohne willentliche Steuerung und ist unter anderem für Herztätigkeit, Atmungsfrequenz und Blutdruck zuständig

[10] quer verlaufende Faserverbindung zwischen den beiden Großhirnhemisphären

[11] erinnerungsauslösende Reize

[12] von der Gehirnrinde ausgehend

[13] Weitergabe von Informationen von einer Nervenzelle zur anderen über die Synapse durch endogene biochemische Botenstoffe

[14] zuständig für Aktivität im Gehirn

[15] stammesgeschichtlich

[16] Fruchtwasserentnahme durch Hohlnadel, beispielsweise um Chromosomenanalyse durchzuführen

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Pränatale Traumata. Konsequenzen für das methodische Handeln in der Sozialen Arbeit.
Untertitel
Sind pränatale Traumata möglich? Welchen Standpunkt vertritt die Soziale Arbeit in diesem Diskurs?
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
74
Katalognummer
V269927
ISBN (eBook)
9783656606550
ISBN (Buch)
9783656606482
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pränatal, Trauma, soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Annika Christiansen (Autor), 2012, Pränatale Traumata. Konsequenzen für das methodische Handeln in der Sozialen Arbeit., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269927

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