Die Walpurgisnacht als (ein) Höhepunkt von Thomas Manns „Zauberberg“


Hausarbeit, 2013
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorgeschehnisse
2. 1 Hans Castorp zwischen Clawdia Chauchat und Ludovico Settembrini
2. 2 Přibislav Hippe
2. 3 Die Krankheit

3 Die Walpurgisnacht
3. 1 Chauchats Sieg über Settembrini
3. 2 Die Bleistiftübergabe
3. 3 Eine Liebesnacht?
3. 4 Folgen für den weiteren Verlauf

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Zauberberg ist bis heute ein weltweit bekannter Roman und zudem ein beliebter Forschungsgegenstand für verschiedenste Fachgebiete. Thomas Mann verbrachte elf Jahre seines Lebens mit dem Schreiben dieses fast eintausend Seiten umfassenden Werkes, das im November 1924 in zwei Bänden im Fischer-Verlag Berlin erschien und sofort durchschlagenden Erfolg hatte[1]. Das den ersten Band abschließende fünfte Kapitel beendete der Autor 1921 mit dem Abschnitt Walpurgisnacht [2]. Die Abschlussposition in der Originalausgabe in zwei Bänden bzw. die Mittelposition in späteren einbändigen Ausgaben lässt erahnen, dass dieser Abschnitt von besonderer Bedeutung für den Protagonisten Hans Castorp und den Fortlauf des Romans ist.

Hermann Kurzke meint, dass die strukturell besondere Position der Walpurgisnacht durch Madame Chauchats Sieg über Settembrini gerechtfertigt ist[3]. Meines Erachtens ist dies aber nur eines der Ereignisse, die diesen Abschnitt zu einem sehr wichtigen machen.

Hier sei die These aufgestellt, dass die Walpurgisnacht durch vielfältigere inhaltliche und strukturelle Aspekte als nur die Entscheidung des „Kampfes“ zwischen Chauchat und Settembrini den Höhepunkt des ersten Romanteils und einen der wichtigsten Abschnitte des Gesamtromans darstellt. Diese Arbeit soll folglich der Frage nachgehen, welche Ereignisse und Gestaltungsmerkmale als Höhepunktaspekte betrachtet werden können und diese These stützen oder gegebenenfalls entkräften.

Dazu sollen sowohl wissenschaftliche Literatur als auch der Abschnitt Walpurgisnacht sowie die ihm vorangegangenen Kapitel und Abschnitte betrachtet werden.

Der erste Teil der Arbeit wird sich mit den Ereignissen auseinandersetzen, die mir notwendig erscheinen, um die Geschehnisse der Walpurgisnacht verstehen und sie auch als Höhepunktgeschehnisse identifizieren zu können. Im folgenden Abschnitt soll die Walpurgisnacht selbst betrachtet werden. Hier wird genauer auf die Gesichtspunkte eingegangen, die einen Höhepunkt des ersten Romanteils markieren. Abschließend soll in einem Fazit der Rückbezug auf die Anfangsthese stattfinden und diese entweder bestätigt oder widerlegt werden.

2 Vorgeschehnisse

2. 1 Hans Castorp zwischen Clawdia Chauchat und Ludovico Settembrini

Die Walpurgisnacht kann nur als ein Höhepunktabschnitt bezeichnet werden, wenn vor ihr eine Steigerung des Geschehens stattfand. Dieser Abschnitt soll also Konflikte und Handlungsstränge aufzeigen, die in der Walpurgisnacht wieder aufgegriffen und aufgelöst werden.

Zunächst sei hier ein Konflikt zwischen zwei Figuren erwähnt, der fast den gesamten ersten Romanteil bestimmt – der Konflikt zwischen Ludovico Settembrini und Clawdia Chauchat. Hierbei ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass dieser nicht direkt zwischen den beiden Figuren abläuft (sie kennen einander gar nicht persönlich), sondern dass der Protagonist Hans Castorp zwischen beiden steht und der Konflikt sich in seinem Inneren abspielt.

Ludovico Settembrini wird an Hans Castorps ersten Tag auf dem Zauberberg als „[…] zierlicher brünetter Herr mit schön gedrehtem schwarzen Schnurrbart und in hellkariertem Beinkleid“[4] eingeführt. Ein Kennenlernen mit Hans Castorp erfolgt im Abschnitt Satana. Settembrini gibt sich als Schüler Carduccis und Anhänger aufklärerischen Gedankenguts zu erkennen. Wie sein Lehrer ist auch er Literat; er steht für die Ideale der Aufklärung – Klugheit, Tugend, schönen Ausdruck, Freiheit, Vernunft, Gerechtigkeit und Menschenwürde – und versucht beständig Hans Castorp von selbigen zu überzeugen[5]: „Er selbst hatte sich ja einen Pädagogen genannt; offenbar wünschte er Einfluß zu nehmen; und den jungen Hans Castorp verlangte es herzlich, beeinflußt zu werden […]“[6]. Settembrini strebt die „[…] sittliche Vervollkommnung durch Literatur, Humanität und Politik“ an und gilt deswegen in der Forschungsliteratur als „Zivilisationsliterat“[7]. Durch die Abschnittsbetitelung Satana sowie die Anspielung auf Carduccis Hymne an Satan[8] erfolgt zudem die Identifizierung Settembrinis mit Satan. Er selbst unterscheidet jedoch klar zwischen dem aufklärerischen und mittelalterlichen Teufel[9], wobei der erste „mit der Arbeit auf ausgezeichnetem Fuß“ stehe, während der zweite „die Arbeit“ verachte[10]. Settembrini sieht sich als Teufel der Aufklärung, dessen Bosheit nicht im eigentlichen Sinne böse sei, denn „Bosheit […] [sei] der Geist der Kritik, und Kritik [bedeute] den Ursprung des Fortschrittes und der Aufklärung“[11].

Dem Italiener Settembrini steht die Russin Clawdia Chauchat gegenüber. Sie wird als „eine Frau, ein junges Mädchen wohl eher, in weißem Sweater und farbigem Rock, mit rötlichblondem Haar, das sie einfach in Zöpfen um den Kopf gelegt trug“[12] beschrieben. Sie fällt Hans Castorp zunächst durch ihre schlechte Angewohnheit, Türen zu werfen, auf. Doch nach und nach empfindet er gerade solche Nachlässigkeiten als anziehend, da er sie auf die Krankheit der Frau zurückführt, welche ihn fasziniert. Die Krankheit ist für Hans Castorp etwas Besonderes, das eine exklusive Gesellschaft und Lebensform schafft[13] und mehr Freiheiten verleiht als die Gesundheit[14]. Sie und Madame Chauchats verblüffende Ähnlichkeit mit seiner Jugendbekanntschaft Přibislav Hippe, über die noch zu sprechen sein wird, reichen aus, um Hans in ihren Bann zu ziehen, was keineswegs absichtlich passiert – Madame Chauchat tut nichts, um ihn für sich zu gewinnen, tut es aber trotzdem.

Clawdia Chauchats unbedachtes Verhalten fasziniert nicht nur Hans, sondern auch die Lehrerin Fräulein Engelhart, die russische Frauen für „[…] etwas Freies und Großzügiges in ihrem Wesen“[15] bewundert und zu Hans Castorps wichtigster Informationsquelle wird, was Frau Chauchat angeht. Während die beiden sich von Madame Chauchat angezogen fühlen, sieht Settembrini in ihr alles, was er verachtet. Für ihn ist sie typisch asiatisch und vertritt somit Nachlässigkeit und Faulheit, die mit seinen Idealen unvereinbar sind und ihn abstoßen. Hinzu kommt, dass er die Krankheit verabscheut und nur die Gesundheit schätzt, da sie für ihn die Zuwendung zum Leben ist.[16] Krankheit ist Tod und „[…] der Tod […] ist eine höchst liederliche Macht, deren lasterhafte Anziehungskraft zweifellos die greulichste Verirrung des Menschengeistes bedeutet“[17]. Settembrini entgeht nicht, dass sein Schützling der kranken Russin verfallen ist und versucht, ihn zurück zur Vernunft zu bringen, indem er Russen und Russinen herabwürdigt und das lasterhafte Asien dem hochgebildeten Europa entgegenstellt: „Asien verschlingt uns“[18], „Reden Sie […], wie es Ihrer europäischen Lebensform angemessen ist! […] Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft […], lassen Sie sich von ihren Begriffen nicht infizieren, setzen Sie vielmehr […] Ihr höheres Wesen gegen das ihre, und halten sie heilig, was Ihnen, dem Sohn […] des göttlichen Westens […] nach Natur und Herkunft heilig ist […]“[19]. Settembrini sieht den Berg in einer Einheit mit dem Asiatischen und das Flachland mit dem Europäischen, weswegen es jedermanns oberstes Ziel sein sollte, den Zauberberg zu verlassen: „Nur im Tiefland können Sie Europäer sein […]“[20]. Der Literat bemüht sich, Hans zur Abreise zu bewegen, doch dieser weigert sich, da er nicht von Madame Chauchat getrennt sein will: „Da war ein Pädagog, und dort draußen war eine schmaläugige Frau“[21]. Seine zuvor diagnostizierte Krankheit kommt ihm gelegen und dient Settembrini gegenüber als Legitimation für seinen Verbleib auf dem Berg[22], obwohl der tatsächliche Grund dafür eine Frau ist, mit der er noch nie ein Wort, außer einem Morgengruß[23], gewechselt hat. Bereits zuvor ist Settembrini für Hans Castorp „ein Störender“[24] geworden, doch erst mit seiner offen ausgesprochenen Weigerung, abzureisen, deutet sich an, dass Hans sich nur so weit von Settembrini beeinflussen lässt, wie es ihm gefällt und Madame Chauchat, obgleich sie nichts dafür tut, größere Macht über Hans hat als der Pädagoge. Hans fühlt sich durch seine „Sympathie mit dem Tode“ einer Kranken verbundener als einem dem Leben Zugewandten[25].

[...]


[1] vgl. Hofmann, Fritz [u a.]: Das erzählerische Werk Thomas Manns. Berlin [u. a.]: Aufbau-Verlag 1976, S. 123.

[2] vgl. ebd., S. 118.

[3] vgl. Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Epoche - Werk - Wirkung. 2., überarb. Aufl. München: Beck 1991, S. 200.

[4] Mann, Thomas: Der Zauberberg. 19. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch 2008, S. 81.

[5] Joseph, Erkme: Nietzsche im "Zauberberg". Frankfurt am Main: Klostermann 1996, S. 35.

[6] Mann 2008, S. 208.

[7] Joseph 1996, S. 81.

[8] vgl. Hofmann 1976, S. 143; Mann 2008, S. 85.

[9] vgl. Kurzke 1991, S. 199.

[10] Mann 2008, S. 86.

[11] ebd., S. 89.

[12] Mann 2008, S. 109.

[13] vgl. Hofmann 1976, S. 132.

[14] vgl. Gloystein, Christian: "Mit mir aber ist es was anderes.". Die Ausnahmestellung Hans Castorps in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg". Würzburg: Königshausen und Neumann 2001, S. 23.

[15] Mann 2008, S. 191.

[16] vgl. Gloystein 2001, S. 23.

[17] Mann 2008, S. 278.

[18] ebd., S. 334.

[19] ebd., S. 336.

[20] ebd., S. 342.

[21] Mann 2008, S. 343.

[22] vgl. ebd.

[23] vgl. ebd., S. 326.

[24] ebd., S. 333.

[25] vgl. Gloystein 2001, S. 25.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Walpurgisnacht als (ein) Höhepunkt von Thomas Manns „Zauberberg“
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Der unheldische Held? Thomas Manns Zauberberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V269988
ISBN (eBook)
9783656612803
ISBN (Buch)
9783656612766
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Zauberberg, Hans Castorp, Madame Chauchat, Walpurgisnacht, Settembrini, Höhepunkt
Arbeit zitieren
Franziska Riedel (Autor), 2013, Die Walpurgisnacht als (ein) Höhepunkt von Thomas Manns „Zauberberg“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269988

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