Ehedarstellungen in Arthur Schnitzlers „Frau Berta Garlan“ vor dem sozialhistorischen Hintergrund in Wien um 1900


Hausarbeit, 2013
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Ehe in Wien um 1900

3 Arthur Schnitzlers „Frau Berta Garlan“
3. 1 Entstehung des Werkes
3. 2 Ehedarstellungen
3. 2. 1 Bertas Ehe
3. 2. 2 Bertas Träume
3. 2. 3 Die Ehen des Schwagers und seiner Freunde
3. 2. 4 Bertas Cousine
3. 2. 5 Das Ehepaar Rupius

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Institution Ehe befindet sich somit im Fin de Siècle in einer Umbruchsituation zwischen den Modellen bürgerlicher Konventionsehe und der über allgemeine soziale und moralische Ansprüche erhabenen Liebesehe und trägt charakteristische Eigenschaften beider in sich.[1]

So beschreibt Andreas Wicke die Ehesituation in Wien um 1900 in Jenseits der Lust – Zum Problem der Ehe in der Literatur der Wiener Moderne, dem bisher einzigen wissenschaftlichen Werk, das die Ehe nicht nur als Marginalgebiet der Jahrhundertwende behandelt. Dabei ist die Ehe meines Erachtens durchaus kein unwichtiges Thema, gibt sie doch Aufschluss über den Alltag und Umgang zwischen Mann und Frau und hat somit historischen und kulturellen Wert. Doch auch wenn die Forschungsliteratur zur Ehe um 1900 bisher nicht allzu ausgeprägt ist, ist doch zu erahnen, wie es um sie bestellt war. Gesellschaftliche Gegebenheiten spiegeln sich häufig in der zeitgenössischen Literatur wider, wodurch diese Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Realität zulässt[2]. Daneben geben juristische Dokumente, in der die Rollen von Mann und Frau festgelegt sind, weiteren Aufschluss[3].

Einer der berühmtesten Autoren der Wiener Moderne, Arthur Schnitzler, gestaltete in seinen Werken verschiedenste Frauentypen, die sich wiederum in unterschiedlichen Lebens- und Ehesituationen befinden. Seine Erzählung Frau Berta Garlan ist hierfür ein typisches Beispiel und soll deswegen in dieser Arbeit näher untersucht werden. Die Leitfrage lautet: Wie werden Ehe und damit verbundene Geschlechterbilder in Frau Berta Garlan dargestellt und inwiefern sind die Ehedarstellungen ein Abbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit?

Zunächst scheint mir wichtig, die sozialhistorische Realität von Ehe und Geschlechterrollen um 1900 zu erläutern, was im ersten Teil der Arbeit auf Grundlage aktuellerer wissenschaftlicher, aber auch zeitgenössisch-kritischer Literatur geschehen wird. Der zweite Teil der Arbeit soll sich Schnitzlers Frau Berta Garlan und den darin entworfenen Ehedarstellungen widmen. Verschiedene Ehen innerhalb der Erzählung werden hierfür mit Hilfe von Textbelegen und Forschungsliteratur beschrieben und auf ihren Wirklichkeitsbezug hin überprüft, so dass am Ende die Leitfrage der Arbeit in einem kurzen Fazit möglichst beantwortet werden soll.

2 Die Ehe in Wien um 1900

Zuerst sei kurz erläutert, was man in Wien um 1900 unter der Ehe verstand. In den Paragraphen 44 bis 136 des damals gültigen „Österreichischen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuchs“ wurde alles die Ehe Betreffende festgelegt. Die Ehe wurde in Paragraph 44 als „rechtlich anerkannte vollständige und dauernde Lebensgemeinschaft zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts“ definiert[4]. Wichtig waren die Dauerhaftigkeit und dass die Ehepartner unterschiedlichen Geschlechts waren, was sich sowohl aus der noch sehr kirchlich geprägten Moral der Zeit als auch der sogar im Gesetz beschriebenen Absicht, Kinder zu zeugen, erklären lässt. Diese Definition von Ehe legte besonderen Wert auf die Gründung einer Familie und weniger auf die reine Partnerschaft der Ehegatten. Paragraph 92 regelte die Rollen von Frau und Mann in der Ehe. So hieß es dort:

Der Mann ist das Haupt der Familie. In dieser Eigenschaft steht ihm vorzüglich das Recht zu, das Hauswesen zu leiten; es liegt ihm aber auch die Verbindlichkeit ob, der Ehegattin nach seinem Vermögen den anständigen Unterhalt zu verschaffen und sie in allen Vorfällen zu vertreten.[5]

Dieser Paragraph legte gesetzlich fest, dass die Frau dem Mann in allen Dingen unterstellt war. Der Ehemann leitete die Familie, versorgte sie und vertrat sie in allen Angelegenheiten. Der Ehefrau wurde hier jedes Mitsprache- oder Entscheidungsrecht abgesprochen.

Das Ehegesetz spiegelt wider, wie man Frauen und Männer generell sah. Beide Geschlechter verband man mit bestimmten Begriffen. So gehörten nach Auffassung der Gesellschaft kulturelle Verankerung, Differenziertheit, Vernunft, Aktivität, Geist, Öffentlichkeit, Individualität[6], Beruf, Politik und Produktion[7] zum natürlichen Wesen des Mannes. Die Frau hingegen definierte man ganz gegenteilig über Natürlichkeit, Undifferenziertheit, Emotionalität, Passivität, Körperlichkeit, den Privatraum[8], Familie und Reproduktion[9]. Es fällt auf, dass bei der Frau vor allem ihre Körperlichkeit betont und sie vornehmlich als sexuelles Objekt gesehen wurde, dessen Aufgabenbereich in der Fortpflanzung und Kinderaufzucht im Privaten lag. Der Mann hingegen war der vernünftige Teil und gesellschaftlich fest verankert. Betrachtet man diese Eigenschaftszuweisungen, scheint die im Gesetz festgeschriebene Herrschaft des Mannes über die Frau ganz logisch, wurde sie doch als zu emotional und unvernünftig betrachtet, um wirklich wichtige Entscheidungen zu treffen. Diese Vorstellung wurde auch auf die eheliche Sexualität übertragen. Im späten 19. Jahrhundert wurde Sexualität im Allgemeinen eher abgelehnt, da man den Körper als eine Art Maschine sah, der durch den Sexualakt Energie verliere. Da man sich natürlich trotzdem fortpflanzen musste, wurde Sexualität in der Ehe zu diesem Zweck gebilligt. Diese Moralvorstellung galt eigentlich für alle Menschen gleichermaßen, doch Männern wurde der Sexualtrieb und dessen Auslebung – auch außerhalb der Ehe – nachgesehen, da man ihm aufgrund seiner natürlichen Veranlagung zutraute, sich schnell zu regenerieren und den Körper somit nicht zu schädigen, während man dem weiblichen Körper diese Fähigkeit absprach und die Frau für jeden Sexualakt, der nicht das Zeugen eines Kindes innerhalb der Ehe bezweckte, verurteilte.[10] Unterstützt wurde der Doppelstandard, dass Männer ihre Sexualität ausleben durften, Frauen aber nicht[11], durch eine mögliche außereheliche Schwangerschaft, die die sexuelle Beziehung einer Frau zur Folge haben könnte[12]. Sowohl die Mutter als auch das unehelich geborene Kind wurden ihr Leben lang geächtet, die Frau verlor jegliches Ansehen in der Gesellschaft[13]. Ein Sexualtrieb war bei Frauen um 1900 nicht akzeptiert und somit galt auch die Ehe für sie nicht als Ort der Erfüllung dieses, sondern vielmehr als Versorgungsinstitution. Für den Mann diente die Ehe aber durchaus der sexuellen Befriedigung.[14] Das erklärt auch, dass es die Norm war, dass etwa vierzigjährige, lebenserfahrene Männer viel jüngere circa zwanzigjährige Frauen heirateten. Wiederholt liest man in der Forschungsliteratur von einem „Tauschgeschäft“ – junge Frauen tauschten ihre Jungfräulichkeit gegen materielle Sicherheit, die ihnen ihr Mann bot. Dabei hatten sie aber kaum Wahlfreiheit, da es durch den angenommenen fehlenden Sexualtrieb der Frau auch nicht nötig war, dass ihnen ihr zukünftiger Mann gefiel.[15] Dies führte häufig dazu, dass eine Frau, um nicht unverheiratet und somit unversorgt und zudem verspottet zu sein, den ersten Mann heiratete, der sich um sie bemühte, eigenes Werben um einen Mann ihrer Wahl war ausgeschlossen[16]. Einzig die Schönheit einer jungen Frau rechtfertigte, dass sie eine Werbung überhaupt ablehnen und auf einen Mann warten konnte, der ihr wirklich gefiel, da Schönheit als ein Geschenk für den Mann gesehen wurde. War eine Frau aber nicht außergewöhnlich schön, erwartete man von ihr, nicht wählerisch zu sein.[17] Aus diesem „Tauschgeschäft“ lässt sich schließen, dass Liebe ein sehr seltener Beweggrund zu einer Hochzeit war; es ging vornehmlich um eine schöne Frau als Vorzeige- und Triebbefriedigungsobjekt und deren Versorgung durch den Mann.

Ähnlich wie die eheliche Sexualmoral funktionierte die voreheliche. Ein Mann, der sexuell erfahren war, wurde auch unverheiratet gesellschaftlich akzeptiert und auf dem Heiratsmarkt sogar höher geschätzt als ein unerfahrener Mann. Frauen jedoch hatten jungfräulich in die Ehe zu gehen, andernfalls betrachtete man sie als „Gefallene“ und heiratete sie nicht.[18] Wicke spricht von zwei Frauentypen, die in der Wiener Moderne unterschieden wurden und als unvereinbar galten: Zum einen „anständige“ Frauen, das heißt Mütter und Ehefrauen, und zum anderen „verdorbene“ Frauen, das heißt Geliebte und Prostituierte – Frauen, die ihre Sexualität auslebten. Geheiratet werden konnte nur der erste Typ, da man sich eine Ehefrau und Mutter als eine Art Heilige vorstellte, die frei von sexuellen Trieben ist. Der zweite Typ gehörte zu den „Gefallenen“ und widersprach somit der bürgerlichen Sexualmoral. Obwohl ein Geschäft wie Prostitution natürlich nur von zahlenden Männern leben kann, war es am Ende niemals der Mann, der von der Gesellschaft verachtet wurde, sondern immer die Frau, die man als „Gefallene“ nicht mehr ehelichen wollte.[19] Hier spiegelt sich das Bild wider, das man in Wien um 1900 von Frauen entwickelte. Man sah sie als femme fatale, alsdämonische Verführerin und hatte Angst, sie nicht mehr kontrollieren zu können[20]. Diese Auffassung findet sich in den Schriften führender Philosophen des 19. Jahrhunderts. So sah beispielsweise Otto Weininger Frauen als Gefahr für den genialen männlichen Geist, der durch ihre Reize eingeschränkt würde[21]. Arthur Schopenhauer betrachtete die Frau nicht einmal als wirklichen Menschen, sondern als eine Mittelstufe zwischen Kind und Mann, wobei nur der Mann als voll ausgebildeter Mensch galt.[22] Es gab jedoch auch einflussreiche Stimmen, die solche frauenverachtenden Theorien kritisierten. Freud zum Beispiel war der Meinung, dass Frauen genauso wie Männer einen Sexualtrieb besitzen und dieser nicht unterdrückt werden sollte, und dass die Sexualmoral der Gesellschaft sich grundlegend ändern müsste, damit sowohl Ehemann als auch Ehefrau glücklich werden könnten. Für ihn bedeutete dies, dass sich die beiden Frauentypen vereinen müssten bzw. dass die Gesellschaft akzeptieren müsste, dass jede Frau einen Sexualtrieb besitzt und sowohl eine gute Mutter für ihre Kinder als auch passende Geliebte für ihren Mann sein kann.[23] Auch Arthur Schnitzler erkannte eine weibliche Sexualität durchaus an und übte Kritik an den Sittengesetzen seiner Zeit[24]. Jedoch schien er diesem Anspruch selbst nicht gerecht werden zu können. Er legte ebenso wie andere Männer Wert auf die Jungfräulichkeit seiner Sexualpartnerinnen[25] und gestaltete auch seine literarischen Frauenfiguren „machtlos […], wenn sie nicht durch die Hintertüre ihrer erotischen Attraktivität Einfluss auf die eigentlichen Machthaber ausüben“[26].

[...]


[1] Wicke, Andreas: Jenseits der Lust. Zum Problem der Ehe in der Literatur der Wiener Moderne. Siegen: Carl Böschen 2000, S. 48.

[2] vgl. ebd., S. 11.

[3] vgl. dazu Tuma von Waldkampf, Marianne: Zur Reform des österreichischen Eherechts. In: Kultur und Fortschritt. Hefte für Volkswirtschaft, Sozialpolitik, Frauenfrage, Rechtspflege und Kulturinteressen103 (1907).

[4] Tuma von Waldkampf, Marianne 1907, S. 5.

[5] ebd., S. 8.

[6] vgl. Lorenz, Dagmar: Wiener Moderne. 2. Auflage. Stuttgart [u.a.]: J. B. Metzler 2007, S. 150.

[7] vgl. Arni, Caroline: Entzweiungen. Die Krise der Ehe um 1900. Köln: Böhlau 2004, S. 13

[8] vgl. Lorenz 2007, S. 150

[9] vgl. Arni 2004, S. 13.

[10] vgl. Schmiedt, Helmut: Liebe, Ehe, Ehebruch. Ein Spannungsfeld in deutscher Prosa von Christian Fürchtegott Gellert bis Elfriede Jelinek. Opladen: Westdeutscher Verlag 1993, S. 19.

[11] vgl. Mürbeth, Susanne: Die 'asexuelle Witwe' im Identitätskonflikt am Beispiel von Arthur Schnitzlers 'Frau Berta Garlan' und 'Frau Beate und ihr Sohn'. Waterloo [u. a.]: University of Waterloo 2006, S. 70.

[12] vgl. Paetzke, Iris: Erzählen in der Wiener Moderne. Tübingen: Francke 1992, S. 109.

[13] vgl. Lankes-Uhlemann, Fernanda: Die Stellung und Erziehung der Frau zur Ehe. Wien: Österreichische Nationalbibliothek 1899, S. 24.

[14] vgl. Wicke 2000, S. 26.

[15] vgl. Möhrmann, Renate: Schnitzlers Frauen und Mädchen. Zwischen Sachlichkeit und Sentiment. In: Giuseppe Farese (Hg.): Akten des Internationalen Symposiums 'Arthur Schnitzler und seine Zeit'. Bern [u. a.]: Peter Lang 1985, S. 103.

[16] vgl. Lankes-Uhlemann 1899, S. 15.

[17] vgl. Mürbeth 2006, S. 31.

[18] vgl. Möhrmann 1985, S. 98.

[19] vgl. Wicke 2000, S. 64.

[20] vgl. ebd., S. 23.

[21] vgl. ebd., S. 21-22.

[22] vgl. ebd., S. 24.

[23] vgl. Wicke 2000, S. 40.

[24] vgl. Klüger, Ruth: Schnitzlers Damen, Weiber, Mädeln, Frauen. Wien: Picus 2001, S. 26.

[25] vgl. Weinzierl, Ulrich: Arthur Schnitzler. Lieben, Träumen, Sterben. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1994, S. 161.

[26] Klüger 2001, S. 33.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ehedarstellungen in Arthur Schnitzlers „Frau Berta Garlan“ vor dem sozialhistorischen Hintergrund in Wien um 1900
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Zur österreichischen Gegenwartsliteratur: Arthur Schnitzler und die Wiener Moderne
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V269989
ISBN (eBook)
9783656612797
ISBN (Buch)
9783656612834
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arthur Schnitzler, Frau Berta Garlan, Gender, Ehe, Frauen, Wiener Moderne, Gesellschaft, Jahrhundertwende
Arbeit zitieren
Franziska Riedel (Autor), 2013, Ehedarstellungen in Arthur Schnitzlers „Frau Berta Garlan“ vor dem sozialhistorischen Hintergrund in Wien um 1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269989

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