Die vorliegende Studie untersucht den Effekt des „Schizophrenie“-Labels auf die Stigmatisierung anhand einer randomisierten Querschnittstichprobe (N = 2044, Alter M = 24 Jahre), innerhalb eines online Fragebogen-Experimentes. Das Konzept der Studie und der Versuchsaufbau sind unter anderem an die Arbeiten von Day et al. (2007) und Demoulin et al. (2004) angelehnt. Die möglichen kognitiven und affektiven Stigmatisierungseinstellungen der Probanden bezüglich eines Schizophrenie-Labels wurden durch eine Label-Freie Kontrollgruppe und eine Schizophrenie-Label Experimentalgruppe, innerhalb zweier randomisierter Patientengeschichten, erhoben. Die Stigmataeinstellung der Teilnehmer wurde durch einen Stigma-Dimensions-Fragebogen, einen affektiven gerichteten Fragebogen der Fremd- und Eigengruppen unterscheidet (Infrahumanisierungskonzept) und Eigenschaftszuschreibungen berücksichtigt, untersucht.
Das Ergebnis unterstützt die bestehende Forschungsmeinung, dass ein Schizophrenie-Label Stigmaeinflüsse bedingt. Die vorliegende Studie konnte vor allem innerhalb der Angst vor den Betroffenen, den negativen Eigenschaftszuschreibungen, der Hygiene, bei der sozialen Distanz und dem Glauben an eine Behandelbarkeit bzw. an eine Vollremision, innerhalb der Schizophrenie-Labelbedingung negativere Gewichtungen entdecken. Als weiteres Ergebnis kristallisierte sich heraus, dass eine geringe soziale Distanz und das Wissen über psychischen Störungen bzw. die Erfahrung mit psychischen Störungen als protektive Faktoren für Stigmatabildung gegenüber Patienten mit psychischen Störungen angesehen werden kann. Es konnte beobachtet werden, dass innerhalb der Probandengruppe die Stigmatisierungseffekte bei der Berufsgruppe der Psychologen/Psychologiestudenten deutlich weniger auftraten als in der Restgruppe.
Effekte des „Schizophrenie“- Labels auf Stigmatisierung
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie
2.1 Psychische Störungen
2.1.2. Klassifikation von psychischen Störungen
2.1.3 Kritik der Klassifikation von psychischen Störungen
2.2 Schizophrenien
2.2.1 Definition
2.2.2 Symptomatik und Verlauf der Schizophrenie
2.3 Stereotype
2.3.1 Definition des Stereotyps
2.3.2 Aufgaben und Konzepte der Stereotypen
2.3.3 Stereotype über psychisch kranke Menschen
2.4 Labeling / Etikettierung
2.4.1 Definition des Etikettierungsansatzes
2.4.2 Etikettierungskonzept im sozialpsychologischen klinischen Bereich
2.4.3 Kritik am Label- Ansatz
2.4.4 Etikettierung und Stigmata
2.5 Stigmatisierung
2.5.1. Definition des Stigmas
2.5.2 Konzept der Stigmatisierung
2.5.3 Stigmata bei psychischen Störungen
2.5.4 Stigmata im Kontext der Schizophrenie
2.6 Infrahumansierung
2.6.1 Definition der Infrahumanisierung
2.6.2 Infrahumanisierungskonzept
3. Hypothesen
4. Methodik und Design
4.1 Stichprobe
4.2 Erhebungen
4.3 Testmaterialien
4.4 Experiment Durchführung
4.5 Untersuchungsdesign
4.6 Methoden der Datenauswertung
4.7 Messmethoden der Hypothesentestungen:
4.8 Reduzierung der Eigenschaftsvariablen mittels Hauptkomponentenanalyse
5. Ergebnisse
5.1 Testung des Gütekriterium Reliabilität
5.2 Testung der Korrelationen
5.3 Deskriptive Darstellungen der Kontrollfrage:
5.4 Inferenz Messung der Hypothesen
5.4.1 Testung: Erste Hypothese
5.4.2 Testung: Zweite Hypothese
5.4.3 Testung: Dritte Hypothese
5.4.4 Testung: vierte Hypothese
6. Diskussion:
6.1 Interpretation der Kontrollfragen
6.2 Hypothesen spezifische Diskussion
6.2.1 Erste Hypothese
6.2.2 Zweite Hypothese
6.2.3 Dritte Hypothese
6.2.4 Vierte Hypothese
6.3 Limitierung bzw. Vorteile der vorliegenden Label Studie
6.4 Ausblick und Hypothesen übergreifende Diskussion
6.5 Vorschläge zum Abbau von Stigmata gegenüber dem schizophrenen Störungsbild
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht mittels eines Online-Experiments den Effekt des „Schizophrenie“-Labels auf die Stigmatisierung von Patienten. Ziel der Forschungsarbeit ist es, die durch dieses Label ausgelösten kognitiven und affektiven Stigmatisierungseinstellungen in der Allgemeinbevölkerung zu messen und dabei insbesondere den Einfluss auf Eigenschaftszuschreibungen sowie das Phänomen der Infrahumanisierung zu analysieren.
- Wirkung von psychiatrischen Diagnose-Labels auf die öffentliche Wahrnehmung
- Kognitive und affektive Stigmatisierung von Schizophrenie-Patienten
- Anwendung des Infrahumanisierungskonzepts im klinisch-sozialpsychologischen Kontext
- Einfluss von Vorwissen, persönlicher Nähe und Berufsgruppe auf stigmatisierende Einstellungen
- Vergleich der Stigmatisierung von Schizophrenie im Kontrast zu unspezifischen psychischen Störungen
Auszug aus dem Buch
2.4.4 Etikettierung und Stigmata
Im Kontext einer Etikettierung ist als Synonym oft von einem Stigmatisierungsprozess die Rede, weil z. B. die Etikettierung aus der Vielfalt der Personeneigenschaften eine Teilmenge hervorhebt und sie dann häufig einer verallgemeinerten Wertung unterzieht (z. B. „Verrückter, Fachidiot“) (Upmeyer, 1985). Auch fußt der Labeling-Ansatz weitgehend auf Stereotypen und dies kann wiederum schnell zu stereotypen Denkweisen führen oder sogar zu einer regelrechten Stigmatisierung der betroffenen Person (Trojan, 1978). Das Etikett entwickelt hierbei oft eine Art „Eigenleben“, d. h. der Bewertete wurde zum „Opfer“ und ist nun Mitglied einer Kaste/Gruppe mit bestimmten Merkmalen. Diese Einteilung muss ihn jedoch nicht zwangsläufig negativ von der Allgemeinheit trennen, denn diese Attribute können den Betroffenen auch positiv von der Masse abheben (Link et al., 1989).
Beim Labeling-Ansatz werden die negativen Stereotype über psychische Störungen erst aktiviert, wenn das untypische Verhalten einer Person als psychische Erkrankung erkannt/benannt wird und in diesem Sinne nimmt er starken Bezug auf Stigmata (Rössler & Lauber, 2004) (z. B. unterliegt das Symptom der Halluzination erst im Kontext einer Schizophrenie negativen Stereotypen). Erst nach der Aktivierung des Labels und der negativen Stereotypen kann ein Stigmatisierungsprozess einsetzen (Link & Phelan, 2001).
Penn und Nowlin-Drummond (2001) zeigen innerhalb des klinischen Kontextes wie negative Einflüsse sich in Abhängigkeit des Labels, trotz einer gleichbleibenden schizophrenen Symptomkonstellation, verändern konnten. Bei vier verschieden Labels (Verbraucher des psychischen Gesundheitssystems, Personen mit einer psychischen Störung, Personen mit Schizophrenie und Schizophrene) löst das Label „Verbraucher des psychischen Gesundheitssystem“, im Vergleich zu den anderen Begriffen, die geringsten negativen emotionalen Reaktionen aus und der Gesundheitszustand wird als am leichtesten änderbar angesehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Stigmatisierung im Zusammenhang mit dem Schizophrenie-Label ein und erläutert die Relevanz des Etikettierungsansatzes für die sozialpsychologische Forschung.
2. Theorie: Hier werden die theoretischen Grundlagen zu psychischen Störungen, Schizophrenie, Stereotypen, Labeling, Stigmatisierung und dem Konzept der Infrahumanisierung detailliert dargelegt.
3. Hypothesen: In diesem Abschnitt werden die spezifischen Forschungsannahmen formuliert, die im experimentellen Teil der Arbeit geprüft werden sollen.
4. Methodik und Design: Dieses Kapitel beschreibt das Online-Experiment, die Stichprobenzusammensetzung, die verwendeten Messinstrumente sowie das Versuchsdesign und die statistische Auswertungsmethode.
5. Ergebnisse: Die statistische Analyse der erhobenen Daten wird hier präzise präsentiert, inklusive der Überprüfung der Reliabilität, der Korrelationen sowie der Hypothesentests.
6. Diskussion: Das letzte Kapitel interpretiert die Ergebnisse, beleuchtet methodische Limitationen und diskutiert die Bedeutung von Interventionsmöglichkeiten zum Abbau von Stigmatisierung.
Schlüsselwörter
Stigmatisierung, Schizophrenie, Etikettierung, Labeling-Ansatz, Vorurteile, Stereotype, Psychische Störungen, Infrahumanisierung, Soziale Distanz, Online-Experiment, Eigenschaftszuschreibung, Interpersoneller Kontakt, Stigma-Dimensionen, klinische Psychologie, Sozialpsychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, welchen Einfluss die explizite Kennzeichnung (Labeling) einer psychischen Störung als „Schizophrenie“ auf die stigmatisierende Wahrnehmung und Bewertung durch Außenstehende hat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Das Spektrum reicht von theoretischen Grundlagen der Stigmatisierung und Stereotypenbildung bis hin zur Anwendung moderner sozialpsychologischer Konzepte wie der Infrahumanisierung im Kontext psychiatrischer Diagnosen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel besteht darin, empirisch zu belegen, dass die Zuschreibung der Diagnose „Schizophrenie“ stärkere negative stereotype Einstellungen und eine stärkere Abwertung (Stigmatisierung) hervorruft als eine nicht-spezifische Beschreibung von Symptomen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor führt ein Online-Experiment mit einem einfaktoriellen Design durch, in dem Probanden randomisiert eine von zwei Patientengeschichten bewerten, um Effekte mittels Varianzanalysen und Regressionsmodellen statistisch zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Theorieaufarbeitung, die Beschreibung des methodischen Vorgehens bei der Erhebung an 2244 Teilnehmern sowie eine ausführliche Darstellung und Diskussion der Ergebnisse hinsichtlich der aufgestellten Hypothesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Stigmatisierung, Labeling-Ansatz, Schizophrenie, Stereotype, soziale Distanz und Infrahumanisierung.
Wie unterscheidet sich die Einschätzung der Psychologen von der der restlichen Stichprobe?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Berufsgruppe der Psychologen/Psychologiestudenten eine geringere soziale Distanz zeigt und Stigmatisierungseffekte bei ihnen weniger stark ausgeprägt sind als in der Restgruppe.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse zum Thema „Infrahumanisierung“?
Die Studie konnte keinen klaren Infrahumanisierungseffekt nachweisen, was der Autor auf eine möglicherweise unzureichende Eignung des eingesetzten Instruments für diesen spezifischen klinischen Kontext oder eine zu leichte Erkennbarkeit der Befragungsintention zurückführt.
Wie wirkt sich laut der Arbeit der Kontakt zu psychisch Kranken aus?
Es zeigt sich, dass Nähe bzw. häufigerer Kontakt zu psychischen Störungen als protektiver Faktor wirken kann, was die Kontakthypothese stützt, nach der interpersoneller Austausch Vorurteile reduzieren kann.
- Citar trabajo
- Gregory Heuser (Autor), 2012, Effekte des Schizophrenie-Labels auf Stigmatisierung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270061