Die Seele der Pflanzen in der Literatur
Schon immer haben sich Wissenschaftler mit der Frage beschäftigt, ob Pflanzen ähnliche Empfindungen haben können wie Menschen oder ob sie sogar eine „Seele“ besitzen. Die Wissenschaft stuft die Pflanzen als lebendig ein, da sie alle Eigenschaften eines Lebewesens (Fortpflanzung, Vererbung, Wachstum, Ernährung, Atmung, Bewegung und Reizbarkeit) besitzt. Diese Merkmale und deren Prozesse laufen bei Pflanzen aber so langsam und fast unsichtbar ab, dass die Vorstellung, eine Pflanze könne Gefühle haben oder Schmerz empfinden, sehr schwer fällt. Solche Vorstellungen werden vor allem in der Kinderliteratur verarbeitet und enden nicht selten in Gruselgeschichten. Dabei lassen sich zwei unterschiedliche Konzepte feststellen, die viele Autoren in ihren Geschichten einhalten. Einerseits wird die Lebendigkeit von Pflanzen betont, indem eine Eigenschaft von Lebewesen, die bei Pflanzen nicht vorhanden oder nicht sichtbar ist, explizit gemacht wird. Andererseits wird das rhetorische Mittel der Personifikation/des Antropomorphismus benutzt, indem die Erzählinstanz eine oder mehrere Pflanzen sprechen lässt und diese dadurch beseelt werden.
In dieser Arbeit sollen beide Konzepte anhand von je zwei Literaturbeispielen analysiert werden, um herauszufinden, ob sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennen lassen, die beiden innewohnen. Gibt es eine geschlechtsspezifische Aufteilung für entsprechende Pflanzengattungen? Welche Eigenschaften werden ihnen zugeordnet? Welche Merkmale lassen sich in der Kinderbuchliteratur erkennen?
Die Lebendigkeitsbetonung von Pflanzen soll anhand eines Ausschnitts von Lev N. Tolstois „Die drei Tode“ und Roald Dahls „Der Lautforscher“ untersucht werden. Der Ausschnitt aus „Die drei Tode“ zeigt die Darstellung des Todes eines Baumes, der in der Geschichte als der dritte Tod neben zwei menschlichen Todesdarstellungen gezählt wird. „Der Lautforscher“ wird als Beispiel verwendet, um die Frage der Schmerzempfindung von Pflanzen zu diskutieren.
Die Personifizierung von Pflanzen wird durch die Beispiele Antoine de Saint- Exupérys „Der Kleine Prinz“ und Hans Christian Andersens „Der Tannenbaum“ erforscht. Aus dem „Kleinen Prinzen“ soll die Figur der Rose aufgegriffen und auf ihre vermenschlichten, weiblichen Eigenschaften untersucht werden.
Die Begriffe Personifikation und Anthropomorphismus bzw. Personifizierung und Anthropomorphisierung sollen in der Untersuchung gleichwertig verwendet werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Die Seele der Pflanzen in der Literatur
1. Zum Antropomorphismus und der explizierten Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur allgemein
2. Die Explikation der Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur anhand von zwei Beispielen
2.1. Lev N. Tolstois „Die drei Tode“ – Der Tod eines Baumes
2.2. Roald Dahls „Der Lautforscher“ – Die Schmerzempfindung von Pflanzen
3. Die Personifizierung von Pflanzen in der Literatur an zwei Beispielen
3.1. Antoine de Saint-Exupérys „Der Kleine Prinz“ – Die Rose als weibliche Figur
3.2. Hans Christian Andersens „Der Tannenbaum“ – Ein Baum als Protagonist
Fazit: Die Beseelung als literarisches Mittel
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Darstellung von Pflanzen, wobei der Fokus auf den Konzepten der expliziten Lebendigkeitsbetonung und der Personifizierung liegt. Ziel ist es, durch die Analyse von vier ausgewählten Werken Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Zuschreibung menschlicher Eigenschaften, Verhaltensweisen und Gefühle an Pflanzen zu identifizieren und dabei geschlechtsspezifische sowie gattungsspezifische Muster innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur herauszuarbeiten.
- Vergleichende Analyse der Konzepte „Lebendigkeitsbetonung“ versus „Personifizierung“.
- Untersuchung der Schmerzempfindung von Pflanzen in literarischen Kontexten.
- Analyse geschlechtsspezifischer Konnotationen bei der Vermenschlichung von Pflanzen (Rose vs. Baum).
- Reflexion über die Rolle von Pflanzen in der Kinder- und Jugendliteratur.
- Einfluss des Alters der Zielgruppe auf den Grad der Personifizierung.
Auszug aus dem Buch
2.1. Lev N. Tolstois „Die drei Tode“ – Der Tod eines Baumes
Plötzlich ertönte ein seltsamer, der Natur fremder Laut und erstarrte in den Wipfeln des Waldes. Doch er wiederholte sich, und wiederholte sich immer von neuem, unten am Stamm eines der reglosen Bäume. Eine der Kronen schwankte unnatürlich hin und her, die saftigen Blätter flüsterten […]. Das Beil in der Tiefe klang dumpfer und dumpfer, die saftigen weißen Splitter flogen auf das taufeuchte Gras, und es knatterte bei den Schlägen. Der ganze Baum zuckte, bog sich und richtete sich rasch wieder auf, erschrocken in der Wurzel schwankend. Für einen Augenblick wurde es ganz still, doch wieder bog sich der Baum, es knackte in seinem Stamm und mit brechenden, sinkenden Ästen stürzte er mit der Krone auf den feuchten Erdboden. Die Klänge des Beiles und der Schritte verstummten. Das Rotkelchen zwitscherte und flatterte noch höher. Der Zweig, den es mit seinen Flügeln gestreift hatte, schwankte noch eine Weile, dann wurde er still wie die andern, mit all seinen Blättern. Die Bäume breiteten ihre reglosen Zweige noch freudiger aus in dem neuen freien Raume. […] Im Dickicht zwitscherten die Vögel etwas weltfremd Seliges; froh und ruhig flüsterten die saftvollen Blätter in den Kronen, und die Äste der lebenden Bäume rauschten langsam und majestätisch über dem Gestürzten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Seele der Pflanzen in der Literatur: Dieses Kapitel führt in die wissenschaftliche und literarische Fragestellung ein, ob Pflanzen als beseelte Lebewesen mit Empfindungen dargestellt werden können, und stellt die methodische Vorgehensweise anhand der vier gewählten Literaturbeispiele vor.
1. Zum Antropomorphismus und der explizierten Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur allgemein: Es wird die theoretische Grundlage zur Darstellung von Pflanzen in Märchen und Erzählungen erläutert, wobei insbesondere die Rollen als Symbole oder helfende Wesen sowie die Abgrenzung zwischen Personifizierung und der Anerkennung des Status als Lebewesen beleuchtet werden.
2. Die Explikation der Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur anhand von zwei Beispielen: Anhand der Werke von Tolstoi und Dahl wird untersucht, wie Autoren durch die Darstellung von Sterbeprozessen und Schmerzempfindungen Pflanzen den Status eines gleichwertigen Lebewesens verleihen.
3. Die Personifizierung von Pflanzen in der Literatur an zwei Beispielen: Dieses Kapitel analysiert durch Saint-Exupéry und Andersen, wie Pflanzen durch Vermenschlichung, Sprechfähigkeit und die Zuschreibung von Charakterzügen als Protagonisten oder emotionale Akteure fungieren.
Fazit: Die Beseelung als literarisches Mittel: Die abschließenden Erkenntnisse fassen zusammen, dass die Art der Pflanzendarstellung stark mit der Zielgruppe korreliert und die Rose sowie der Baum typische geschlechtsspezifische Konnotationen in der Literatur verkörpern.
Schlüsselwörter
Anthropomorphismus, Personifizierung, Pflanzendarstellung, Kinderliteratur, Lebendigkeit, Schmerzempfindung, Lev N. Tolstoi, Roald Dahl, Antoine de Saint-Exupéry, Hans Christian Andersen, Beseelung, Naturlyrik, Symbole, Literaturanalyse, Erzählinstanz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die literarische Darstellung von Pflanzen, speziell wie Autoren durch verschiedene Konzepte wie Personifizierung oder die Betonung von Lebendigkeit Pflanzen als beseelte, fühlende Akteure in ihre Geschichten integrieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Abgrenzung zwischen Anthropomorphismus und dem biologischen Status von Pflanzen, die Darstellung von Leid und Schmerz in der Literatur sowie die symbolische Bedeutung von Pflanzen im Kontext menschlicher Emotionen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der literarischen Beseelung von Pflanzen aufzuzeigen und herauszufinden, ob dabei geschlechtsspezifische oder altersbezogene Muster für die Rezeption in der Kinder- und Jugendliteratur existieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturanalyse, bei der exemplarisch vier verschiedene Erzählungen herangezogen werden, um die literarischen Konzepte der Personifizierung und Lebendigkeitsbetonung textnah zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Schmerzempfindung (Tolstoi, Dahl) und der aktiven Personifizierung (Saint-Exupéry, Andersen), um die Entwicklung von der Pflanze als Objekt hin zum beseelten Protagonisten nachzuzeichnen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Besonders prägend sind die Begriffe Anthropomorphismus, Personifizierung, Explikation der Lebendigkeit, literarische Beseelung und die spezifische Analyse der jeweiligen erzählerischen Mittel.
Wie unterscheiden sich die Darstellungen von Rosen und Bäumen?
Die Arbeit zeigt, dass Rosen in der Literatur häufiger als weiblich konnotierte Figuren (oft mit Eitelkeit oder emotionaler Komplexität) dargestellt werden, während Bäume meist männlich konnotiert sind und häufiger als Protagonisten oder tragische Figuren fungieren.
Welche Rolle spielt das Alter der Zielgruppe für die Darstellung der Pflanzen?
Die Analyse ergibt, dass mit sinkendem Alter der vermuteten Leserschaft die Tendenz zur stärkeren Personifizierung der Pflanzenfiguren zunimmt, um Identifikationsmöglichkeiten für Kinder zu schaffen.
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- Anonym (Autor), 2012, Anthropomorphismus und Explikation der Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270074