Anthropomorphismus und Explikation der Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur


Hausarbeit, 2012
16 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Die Seele der Pflanzen in der Literatur

1. Zum Antropomorphismus und der explizierten Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur allgemein

2. Die Explikation der Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur anhand von zwei Beispielen
2.1. Lev N. Tolstois „Die drei Tode“ – Der Tod eines Baumes
2.2. Roald Dahls „Der Lautforscher“ – Die Schmerzempfindung von Pflanzen

3. Die Personifizierung von Pflanzen in der Literatur an zwei Beispielen
3.1. Antoine de Saint-Exupérys „Der Kleine Prinz“ – Die Rose als weibliche Figur
3.2. Hans Christian Andersens „Der Tannenbaum“ – Ein Baum als Protagonist

Fazit: Die Beseelung als literarisches Mittel

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung: Die Seele der Pflanzen in der Literatur

Schon immer haben sich Wissenschaftler mit der Frage beschäftigt, ob Pflanzen ähnliche Empfindungen haben können wie Menschen oder ob sie sogar eine „Seele“ besitzen. Die Wissenschaft stuft die Pflanzen als lebendig ein, da sie alle Eigenschaften eines Lebewesens (Fortpflanzung, Vererbung, Wachstum, Ernährung, Atmung, Bewegung und Reizbarkeit) besitzt. Diese Merkmale und deren Prozesse laufen bei Pflanzen aber so langsam und fast unsichtbar ab, dass die Vorstellung, eine Pflanze könne Gefühle haben oder Schmerz empfinden, sehr schwer fällt. Solche Vorstellungen werden vor allem in der Kinderliteratur verarbeitet und enden nicht selten in Gruselgeschichten. Dabei lassen sich zwei unterschiedliche Konzepte feststellen, die viele Autoren in ihren Geschichten einhalten. Einerseits wird die Lebendigkeit von Pflanzen betont, indem eine Eigenschaft von Lebewesen, die bei Pflanzen nicht vorhanden oder nicht sichtbar ist, explizit gemacht wird. Andererseits wird das rhetorische Mittel der Personifikation/des Antropomorphismus benutzt, indem die Erzählinstanz eine oder mehrere Pflanzen sprechen lässt und diese dadurch beseelt werden.

In dieser Arbeit sollen beide Konzepte anhand von je zwei Literaturbeispielen analysiert werden, um herauszufinden, ob sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennen lassen, die beiden innewohnen. Gibt es eine geschlechtsspezifische Aufteilung für entsprechende Pflanzengattungen? Welche Eigenschaften werden ihnen zugeordnet? Welche Merkmale lassen sich in der Kinderbuchliteratur erkennen?

Die Lebendigkeitsbetonung von Pflanzen soll anhand eines Ausschnitts von Lev N. Tolstois „Die drei Tode“ und Roald Dahls „Der Lautforscher“ untersucht werden. Der Ausschnitt aus „Die drei Tode“ zeigt die Darstellung des Todes eines Baumes, der in der Geschichte als der dritte Tod neben zwei menschlichen Todesdarstellungen gezählt wird. „Der Lautforscher“ wird als Beispiel verwendet, um die Frage der Schmerzempfindung von Pflanzen zu diskutieren.

Die Personifizierung von Pflanzen wird durch die Beispiele Antoine de Saint- Exupérys „Der Kleine Prinz“ und Hans Christian Andersens „Der Tannenbaum“ erforscht. Aus dem „Kleinen Prinzen“ soll die Figur der Rose aufgegriffen und auf ihre vermenschlichten, weiblichen Eigenschaften untersucht werden.

Die Begriffe Personifikation und Anthropomorphismus bzw. Personifizierung und Anthropomorphisierung sollen in der Untersuchung gleichwertig verwendet werden.

1. Zum Antropomorphismus und der explizierten Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur allgemein

Pflanzen spielen in vielen Märchen und Erzählungen eine besondere Rolle. In einigen Märchen werden sie antropomorphisiert bzw. personifiziert, indem ihnen menschliche Züge und Eigenschaften wie sprechen und denken zugeteilt werden. In anderen werden sie wiederum beseelt, indem ihre Lebendigkeit betont und ihr Status als Lebewesen anerkannt wird. „Nach populärer Vorstellung sind P[flanzen] mit allen Lebewesen wesensverwandt.“[1] Ihre Funktion als Lebensvorrausetzung (Grundnahrungsmittel) für Tier und Mensch in ihrem standortverhafteten Dasein als organische Lebensform[2] wird dabei oft diskutiert oder als Problemstellung aufgeworfen. Es ergeben sich oftmals Fragen, inwieweit der Mensch über die Pflanzen verfügen darf oder ob die Pflanze als Lebewesen Schmerz empfinden kann.

Die Vielfältigkeit der menschlichen Einstellung zu den Pflanzen wird daher in Geschichten reflektiert: einerseits die pragmatische Einstufung auf der untersten Stufe der Hierarchie der Lebewesen, andererseits ihre Notwendigkeit als unentbehrlicher Lebensgefährte des Menschen im Kreislauf der Natur.[3] „P[flanzen] werden vor allem wegen ihrer vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten sowie wegen ihrer Regenerierbarkeit geschätzt. P[flanzen] bieten Schutz, sie erzeugen Wärme, und sie stehen als Nahrung und Heilmittel (…) zur Verfügung.“[4]

„Heute sind P[flanzen] allg[emein] zu beliebten Symbolen geworden: Sie stehen für Werden und Vergehen, für Jugend und Schönheit, für Anmut und Bescheidenheit, für Trost und Unsterblichkeit, für Leben und Tod, für Hoffnung und Wiedergeburt etc.“[5] Diese Symbole werden in Märchen und Erzählungen oft genutzt. Das Wissen um die Symbolik, die in einer Pflanze versteckt ist, wird oft als Voraussetzung gesehen, um die Geschichte und deren Moral zu verstehen.

Pflanzen werden in Märchen oft erwähnt, allerdings geschieht es selten in der Form eines richtigen Pflanzenmärchens, indem die Pflanze als Protagonist auftritt. Sie erhalten eher die Rolle von helfenden oder dankbaren Pflanzen. Wenn sie doch einmal als Protagonist auftreten, erhalten sie menschliche Eigenschaften, um entsprechend handeln zu können.[6] „In Märchen können P[flanzen] lachen und weinen, sprechen, singen, sich aktiv verhalten und sogar fortbewegen“[7] und dienen oft als Requisit, das der regionaltypisch geprägten Vegetation entnommen ist, wodurch sie für den Protagnisten zu einem vertrauten Element werden.[8]

2. Die Explikation der Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur anhand von zwei Beispielen

2.1. Lev N. Tolstois „Die drei Tode“ – Der Tod eines Baumes

Plötzlich ertönte ein seltsamer, der Natur fremder Laut und erstarrte in den Wipfeln des Waldes. Doch er wiederholte sich, und wiederholte sich immer von neuem, unten am Stamm eines der reglosen Bäume. Eine der Kronen schwankte unnatürlich hin und her, die saftigen Blätter flüsterten […]. Das Beil in der Tiefe klang dumpfer und dumpfer, die saftigen weißen Splitter flogen auf das taufeuchte Gras, und es knatterte bei den Schlägen. Der ganze Baum zuckte, bog sich und richtete sich rasch wieder auf, erschrocken in der Wurzel schwankend. Für einen Augenblick wurde es ganz still, doch wieder bog sich der Baum, es knackte in seinem Stamm und mit brechenden, sinkenden Ästen stürzte er mit der Krone auf den feuchten Erdboden. Die Klänge des Beiles und der Schritte verstummten. Das Rotkelchen zwitscherte und flatterte noch höher. Der Zweig, den es mit seinen Flügeln gestreift hatte, schwankte noch eine Weile, dann wurde er still wie die andern, mit all seinen Blättern. Die Bäume breiteten ihre reglosen Zweige noch freudiger aus in dem neuen freien Raume. […] Im Dickicht zwitscherten die Vögel etwas weltfremd Seliges; froh und ruhig flüsterten die saftvollen Blätter in den Kronen, und die Äste der lebenden Bäume rauschten langsam und majestätisch über dem Gestürzten.[9]

Lev N. Tolstoi beendet seine Geschichte „Die drei Tode“ mit der eben zitierten Passage über den dritten Tod, den des Baumes. Vorher werden die Todesabläufe von zwei Menschen dargestellt: der erste ist der einer reichen Dame, die ihr Leben in einer Lüge gelebt hat und vor dem Tod passiv bleibt und keine Wahrheit sehen will. Der zweite Tod ist der eines Bauern, der sich aktiv seinem Schicksal fügt. Der Baum stirbt still und passiv, da er kein Bewusstsein hat und sich nicht entscheiden kann. Sein Tod wird als Teil des natürlichen Kreislaufs betrachtet, denn das Holz, aus dem er besteht, wird für das Kreuz am Grab des Bauern verwendet. Der Tod und vor allem der Sterbeprozess des Baumes stehen daher mit den menschlichen Todesfällen auf einer Linie. Er wird durch negative Verben und Adjektive dargestellt, die einen qualvollen Tod einleiten: zucken, biegen, (aufrichten), erschrecken,

[...]


[1] Kurt Ranke und Rolf Wilhelm Brednich (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens: Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, De Gruyter Berlin 1977, S. 941.

[2] Vgl. ebd., S. 941.

[3] Vgl. ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Kurt Ranke und Rolf Wilhelm Brednich (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens, S. 942.

[7] Ebd., S. 942.

[8] Vgl. ebd., S. 943.

[9] Lev N. Tolstoi, Die drei Tode.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Anthropomorphismus und Explikation der Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V270074
ISBN (eBook)
9783656613015
ISBN (Buch)
9783656613008
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anthropomorphismus, explikation, lebendigkeit von, pflanzen, literatur
Arbeit zitieren
Winifred Radke (Autor), 2012, Anthropomorphismus und Explikation der Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270074

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Anthropomorphismus und Explikation der Lebendigkeit von Pflanzen in der Literatur


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden