Die vorliegende Arbeit soll untersuchen, inwieweit das Gesetz eine steuernde Funktion im gesellschaftlichen System einnehmen kann und welche Rahmenbedingungen für eine solche Funktionsmöglichkeit des Gesetzes bestehen. Dabei wird zunächst eine Vorüberlegung zur Problematik des Steuerungsbedarfes angestellt, aus der die Verknüpfung der Thematik dieser Arbeit mit dem Konstrukt der Systemtheorie deutlich werden soll. Abschließend wird die tatsächliche Funktion des Gesetzes und die dafür bestehenden systemischen Rahmenbedingungen anhand der Systemtheorie nach Niklas Luhmann erörtert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorüberlegung: Problematik des Steuerungsbedarfs
2.1 Steuerungstheorie als Teil der Systemtheorie
2.2 Das Steuerungsdilemma
2.3 Fazit
3. Recht in der Systemtheorie nach Niklas Luhmann
3.1 Der Komplexitätsbegriff
3.2 Komplexitätsreduktion
3.3 Erwartungs-Erwartungen
3.4 Anwendung auf das Recht
3.5 Die Komplexität der Gesellschaft und des Rechtssystems im offenen Staat
4. Der Gesetzesbegriff als Spiegel der Gesellschaft
5. Schlussfolgerungen: Gesetz als Instrument der Steuerung?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch, inwieweit das Gesetz als Instrument zur Steuerung gesellschaftlicher Systeme fungieren kann und analysiert unter Rückgriff auf die systemtheoretischen Ansätze von Niklas Luhmann die hierfür notwendigen Rahmenbedingungen.
- Analyse des Steuerungsbedarfs moderner Rechtssysteme
- Anwendung der Luhmannschen Systemtheorie auf das Recht
- Untersuchung der Komplexitätsreduktion durch Rechtsnormen
- Reflexion des Gesetzesbegriffs vor dem Hintergrund des "offenen Staates"
- Kritische Würdigung des Gesetzes als Instrument der Sozialgestaltung
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Komplexitätsbegriff
Wie oben bereits angedeutet kommt Komplexität dadurch zustande, dass es stets mehr Möglichkeiten des Erlebens und Handelns gibt, als aktualisiert werden können. Auf abstrakter Ebene lässt sich die Entstehung von Komplexität auf die Verknüpfung von Elementen zurückführen; eine formale Definition von Komplexität beinhaltet demnach, dass ab einer bestimmten Größenordnung nicht mehr jedes Element mit jedem anderen verknüpft werden kann und Relationen somit nur noch selektiv hergestellt werden. Die Elemente des sozialen Handelns und Erlebens sind dementsprechend die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Gestaltung dieses Handelns und Erlebens; durch die unüberschaubare Vielzahl, also die Größenordnung, dieser Möglichkeiten ist eine Verknüpfung aller Möglichkeiten nicht mehr möglich. Somit müssen Möglichkeiten ausgewählt werden, damit es zum Handeln und Erleben kommen kann, d.h. die Verknüpfungen von Möglichkeiten findet nur selektionsbedingt statt. Die praktische Bedeutung von Komplexität lässt sich somit mit Selektionszwang gleichsetzen. Weiterhin ist Komplexität bedingt durch die Kontingenz der Möglichkeiten, was bedeutet, dass die angezeigten Möglichkeiten weiteren Erlebens auch anders ausfallen können, als erwartet wurde. Dies birgt somit die Gefahr der Enttäuschung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Steuerungsanspruchs von Gesetzen im demokratischen Rechtsstaat ein und umreißt das methodische Vorgehen unter Einbeziehung der Systemtheorie.
2. Vorüberlegung: Problematik des Steuerungsbedarfs: Es wird erörtert, warum der Bedarf an Steuerung durch das Gesetz besteht und welche Dilemmata sich aus der Eigenlogik und operativen Geschlossenheit komplexer Systeme ergeben.
2.1 Steuerungstheorie als Teil der Systemtheorie: Das Kapitel erläutert die Grundlagen der systemtheoretischen Sichtweise, in der Systeme durch Eigenlogik und operative Geschlossenheit definiert werden.
2.2 Das Steuerungsdilemma: Hier wird der Konflikt zwischen selbstzerstörerischer Eigendynamik und übermäßiger externer Regulation thematisiert.
2.3 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine effiziente Steuerung nur durch eine resonante Verschränkung von System und Umwelt erreicht werden kann.
3. Recht in der Systemtheorie nach Niklas Luhmann: Eine Einführung in Luhmanns Theorie, in der das Recht als System zur Komplexitätsreduktion durch Erwartungsstabilisierung begriffen wird.
3.1 Der Komplexitätsbegriff: Dieser Abschnitt definiert Komplexität als das Resultat einer Vielzahl an Möglichkeiten, die einen permanenten Selektionszwang erzwingt.
3.2 Komplexitätsreduktion: Es wird dargelegt, wie soziale Systeme durch Generalisierung und stabile Erwartungsmuster Komplexität handhabbar machen.
3.3 Erwartungs-Erwartungen: Dieses Kapitel vertieft das Konzept der doppelten Kontingenz und der notwendigen Stabilisierung sozialer Interaktion durch wechselseitige Erwartungshaltungen.
3.4 Anwendung auf das Recht: Recht wird hier als Struktur definiert, die durch kongruente Generalisierung normativer Erwartungen für Sicherheit sorgt.
3.5 Die Komplexität der Gesellschaft und des Rechtssystems im offenen Staat: Analyse der Herausforderungen für das Recht durch die Entgrenzung im Zuge der Entwicklung zum offenen Staat.
4. Der Gesetzesbegriff als Spiegel der Gesellschaft: Kritische Untersuchung der These, ob Gesetze tatsächlich die gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegeln, unter Rückgriff auf das "lebende Recht" von Eugen Ehrlich.
5. Schlussfolgerungen: Gesetz als Instrument der Steuerung?: Das abschließende Kapitel hinterfragt, ob das Gesetz angesichts der systemischen Beschaffenheit des Rechts überhaupt als effektives Steuerungsinstrument dienen kann.
Schlüsselwörter
Steuerungstheorie, Systemtheorie, Niklas Luhmann, Gesetz, Rechtsstaat, Komplexitätsreduktion, Erwartungsstabilisierung, offener Staat, Sozialgestaltung, Selektionszwang, lebendes Recht, soziale Systeme, operative Geschlossenheit, Kontingenz, Rechtssystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Gesetz und Steuerung aus systemtheoretischer Sicht. Es wird hinterfragt, inwiefern das moderne Gesetz in der Lage ist, die gesellschaftliche Entwicklung aktiv zu lenken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten zählen die Systemtheorie nach Niklas Luhmann, das Konzept des Steuerungsbedarfs, die Rolle von Erwartungsstrukturen im Rechtssystem sowie die Transformation des Rechtsbegriffs im Kontext des offenen Staates.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu klären, ob das Gesetz eine steuernde Funktion im gesellschaftlichen System ausüben kann und welche systemischen Rahmenbedingungen eine solche Funktionsmöglichkeit beeinflussen oder begrenzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse unter Anwendung des systemtheoretischen Ansatzes nach Niklas Luhmann, ergänzt durch rechtssoziologische Erkenntnisse zum Begriff des "lebenden Rechts".
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Steuerungsproblematik, die Anwendung der Systemtheorie auf das Recht und eine kritische Auseinandersetzung mit der Spiegelbildfunktion von Gesetzen in der Gesellschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die wesentlichen Begriffe umfassen Steuerungstheorie, Komplexitätsreduktion, Erwartungsstabilisierung, autopoietisches System und die Wirksamkeit des Rechts im offenen Staat.
Inwiefern beeinflusst der Begriff des "offenen Staates" die Steuerungsfunktion des Gesetzes?
Der Autor argumentiert, dass die zunehmende Komplexität und die Entgrenzung im "offenen Staat" zu einer Unübersichtlichkeit des Rechts führen, die eine konsistente Steuerung durch das Gesetz erschwert oder gar unmöglich macht.
Kann das Gesetz laut der Arbeit als "Spiegel der Gesellschaft" fungieren?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Gesetz kein direkter Spiegel der Gesellschaft ist, da das Rechtssystem aufgrund seiner Selbstreferentialität und eigenen Logik nicht deckungsgleich mit gesellschaftlichen Vorstellungen von "Recht" oder "Unrecht" agiert.
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- Hendrik Kahlbach (Author), 2007, Steuerung durch Gesetz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270089