Die weiße Revolution im Iran (1958-1978) vor dem Hintergrund der Autokratie des Muhammad Reza Pahlavi


Seminararbeit, 2013
21 Seiten, Note: Sehr Gut

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundbegriffe der weißen Revolution
2.1 Die Ideologie der weißen Revolution

3. Soziologische Situation in der Zeit des Muhammad Reza Pahlavi

4. Die Rezeption der Landreform:

5. Die innenpolitische Konsequenz der Weißen Revolution:

6. Das Programm

7. Die Landverteilung
7.1 Die Ergebnisse der Studie zu den Besitzverhältnissen von 1787 Dörfern
7.2 Ländliche Stiftungen (Awqaf)
7.3 Die langfristen Folgen der Landverteilung

8. Resümee und Ausblick

9. Bibliografie

10. Anhänge

1. Einleitung

Ab dem Jahr 1958 wurde die Ideologie der Weißen Revolution vom Shah formuliert. Der Beginn der Weißen Revolution im Iran wird deshalb auf das Jahr 1958 datiert. Freilich gibt es in der Forschung auch weniger präzise Datierungen. Zum Beispiel entsteht nach Nowkam Mitte des 20. Jahrhunderts die Idee zur Einführung einer politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Reform, wenngleich die öffentliche Verkündigung der Weißen Revolution durch den Shah erst Anfang der 1960er Jahre auf Druck des U.S. Präsidenten John F. Kennedy stattfand.

Bis 1978 wurde das Konzept von Mohammad Reza Shah in der Bevölkerung angenommen. Dann kam es zur Islamischen Revolution. Das Ende der Weißen Revolution wird auch früher datiert. 1975 stellt das Familienschutzgesetz jedenfalls noch mit Nowkam einen Punkt des Reformprogramms dar.

In der vorliegenden Arbeit wird die „Weißen Revolution“ als Kapitel der Moderne im Iran analysiert. Einen Schwerpunkt stellen hier die Bodenreform und die reale Landverteilung dar. Auch die Rezeption der Bodenreform kann untersucht werden. Hier wird der Frage nachgegangen, welche der unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen Irans diese Reform befürworteten oder diese zumindest akzeptierten und welche diese ablehnten und auch aktiven politischen Widerstand leisteten. Es kann hier ein differenzierter Blick auf die Zeit bis zur islamischen Revolution gewonnen werden ohne dass ungenaue Begriffe wie Antipahlavismus oder die Kräfte der Antimodernisierung unreflektiert übernommen werden. Gewiss sind die Geistlichen nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern auch aus ideologisch-religiösen Gründen gegen das Reformpaket des Shahs. Ein Frauenwahlrecht ist sicherlich nicht etwas, dem die Ulema vorbehaltlos zustimmen. Diese Gründe der Pro- und Kontrahenten des Reformpakets werden weiter unten genauer betrachtet. Nicht zuletzt soll auch die Rolle des Shahs selbst in dieser Revolution von oben untersucht und kritisch hinterfragt werden. Es wird versucht hier hinter die Ideologie zu schauen und die Handlungen des Shahs aus heutiger Sicht nachvollziehbar zu machen.

2. Grundbegriffe der weißen Revolution

2.1 Die Ideologie der weißen Revolution

Im iranischen politischen Diskurs war das Konzept der Weißen Revolution (enqelab-e sefid) nicht eindeutig. Nach Ansari geht es in diesem Konzept primär um die Ideologie und nur sekundär um das Programm selbst.[1] Die Ideologie wurde zwischen 1958 und 1963 formuliert. Jedenfalls existieren in der Forschung auch weniger präzise Datierungen zum Beginn der „Weißen Revolution“. Zum Beispiel entsteht nach Nowkam Mitte des 20. Jahrhunderts die Idee zur Einführung einer politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Reform, wenngleich die öffentliche Verkündigung der Weißen Revolution durch den Shah erst Anfang der 1960er Jahre auf Druck des U.S. Präsidenten John F. Kennedy stattfand.[2] Ansari geht davon aus, dass von unmittelbar nach der Formulierung der „Weißen Revolution“ bis 1978 dieses Konzept von Mohammad Reza Schah im Iran akzeptiert wurde.

Der Autor führt folgende Definition für Ideologie an:

For the purposes here, ideology is defined as a systematic collection of ideas which serve to support and sustain a particular conception of relations of domination.[3]

Außerdem bieten Ideologien Interpretationsspielraum aufgrund ihrer Ambiguität und betreffen sowohl soziale Realität als auch andere konkurrierende Ideologien.

Der Begriff der Geschichte wird im Anschluss an Ansari politisch verwendet. Hier spielt der Mythos eine wichtige Rolle, mit dem sich die Regenten identifizieren. In dieser Zeit war die Ideologie des Nationalismus dominant, aber in dieser Zeit noch mehr im Vordergrund steht die Anforderungen der Moderne und – damit im Konflikt stehend – der Tradition der Monarchie. Die Weiße Revolution kann als Versuch einer Legitimation des Mythos Pahlavi interpretiert werden. Die ideologischen Widersprüche sollen in der Person des Monarchen aufgehoben und ausgeglichen werden. Tatsächlich aber, war sie nicht unproblematisch in dieser Hinsicht nach Sicht Ansaris, denn sie trug zur ideologischen Destabilisierung der Pahlavi Monarchie bei.

Die Reformation wurde allerdings – das ist auch zu bemerken – auf Druck vom U. S. Präsidenten John F. Kennedy umgesetzt.[4] Die Reformation war unblutig, deshalb heißt sie „weiße“. Zur gleichen Zeit wie die Weiße Revolution fand auch in Korea die grüne, in Brasilien die braune und in Guatemala die Revolution von 1944–54 statt. Es ist stets ein Versuch, dass Reformationen von oben durchgesetzt werden. Im Iran vom Shah. Gleichzeitig aber ist die Reform wie schon angedeutet außenpolitisch relevant. Auch Mohammad Gholi Maǧd weist auf die Existenz von Landverteilungsprogramme in mehreren Staaten in der Zeit des Kalten Krieges, die unter US- Einfluss standen hin: zum Beispiel in Japan, Taiwan, Süd Korea, Süd Vietnam, Iran, den Philippinen, und El Salvador.[5] Es wurde geglaubt, dass durch die Landübergabe an die Farmpächter und an jene, die die Felder bewirtschafteten eine kommunistische Bewegung unterbleibe.

Aus innenpolitischer Perspektive sollte mit der Weißen Revolution einerseits auf die zunehmend politisierte Öffentlichkeit reagiert werden und andererseits auf die sozioökonomischen Probleme. Es bestand die Gefahr einer blutigen Revolution von unten, die es auch zu verhindern galt. Gleichzeitig sollte das bestehende Herrschaftsverhältnis konsolidiert werden.

Freilich gab es eine Fülle unterschiedlicher Haltungen gegenüber der „Weißen Revolution“. Hier sei beispielsweise Asadollah Alam, der nominierte Führer der Volkspartei zu nennen: Er fasste nämlich zuerst die Weiße Revolution als Mittel auf, um die Autorität und Macht des Schah zu festigen. Ali Amini, der Premierminister von 1961-62, dessen Regierung die Landreform und andere Reformen initiierte, verstand sie wiederum als eine soziale und ökonomische Reform. Ähnlich Hasan Arsanǧani, der in Amini’s Kabinett Minister der Landwirtschaft war. Letzterer meinte sinngemäß, dass die Weiße Revolution die Einführung von der sozialen und ökonomischen Revolution war. In dieser sei die Monarchie ein willkommenes und längst überfälliges Opfer.

Ohne Zweifel realisiert der Schah Alams Konzept 1963 durch seine Wahrnehmung des industrialisierten Westens beeinflusst, nämlich um seine dynastische Legitimität zu sichern und die Institutionalisierung seiner Monarchie. Auch war der Schah in dieser Zeit nach Mossadegh bestrebt als revolutionär wahrgenommen zu werden. Dabei hat er die Mythen der Linken und der nationalen Front vom Verfechter des revolutionären Nationalismus und so sich selbst und seine Dynastie eben zu legitimieren versucht.

„Modernismus“ und „Pahlavismus“ wurden Synonyme und wechselseitig abhängige Begriffe, in denen der Schah keinen Widerspruch sah. Es ging um neue Gesetze.

Sozioökonomische Vorteile, so Ansari, wurden betont, um die realen politischen Ziele zu vertuschen.[6] Es ging in der unblutigen Revolution auch um eine Vereinigung des Landes. Indem der Shah der bäuerlichen Bevölkerung Anteile an der staatlichen Wohlfahrt gab, wollte er das Land einen. Damit wurden sie aber aus dem Dienst für die „Feudalherren“ erlöst, wobei letztere aus der Aristokratie kamen oder es sich um Mitglieder des Bazars und der Ulema handelte. Diese standen dem Revolutionär reaktionär entgegen.

3. Soziologische Situation in der Zeit des Muhammad Reza Pahlavi

In den 1960ern gingen iranische Studierende vermehrt ins Ausland. Nach Harrison (1961) 40.000 IranerInnen vornehmlich aus der oberen und Mittelschicht reisen jährlich aus (allerdings ist hier die Gesamtzahl erfasst, nicht nur Studierende). Umgekehrt gibt es viele AusländerInnen im Land. Betrug die Zahl der EuropäerInnen und AmerikanerInnen 1914 noch 700, so liegt sie jetzt über 10.000. Universitäre Bildung hat in dieser Zeit auch an Bedeutung gewonnen. Die Mittelklasse mit den professionell, technisch Ausgebildeten, den Klerikern und ManagerInnen sei nach Harrison in den letzten 35 Jahren der Sozialgeschichte entstanden, also erst nach 1926. Diese hätten häufig eine Ausbildung im Ausland genossen und würden nun die Verhältnisse im eigenen Land als überholte wahrnehmen. Asadullah Alam trug vor, dass der Shah die Maǧlis , die Regierung und die regierenden Klassen auflösen sollte, weil sie die notwendigen Reformen verhinderten und die Nationalisierung blockierten. Die Volkspartei diente der neuen Gesetzgebung. Dort wollte Asadullah junge Nationalisten davon überzeugen, dass der Shah nicht der Feind der Leute sei. Der Reformdruck stieg als die Gefahr einer Revolution von unten sich verstärkte: In den 1960ern wurden die Menderes in den Türkei gestürzt, das droht nun auch den Pahlavi. Der Schah verlor wieder die politische Initiative, wie im Jahr 1951, weil sein Versuch einer Neuerfindung in den 1950er Jahren als demokratischer und fortschrittlicher Monarch in den Augen der Menschen unglaubwürdig blieb.

[...]


[1] M. ANSARI: The Myth of the White Revolution: Mohammad Reza Shah, 'Modernization' and the Consolidation of Power. In: Middle Eastern Studies, Vol.37, No.3, (July, 2001), S.1-24. Hier: S. 1: “In focusing on

ideology, this article does not pretend to be a comprehensive analysis of the programme of the White Revolution, although aspects of its implementation are alluded to where relevant to the discussion of ideological development.”

[2] NOWKAM, Nina-Firouzeh: Iran: Chronik des 20. Jahrhunderts. Norderstedt 2008. S. 165.

[3] Zit. n. Ansari, 2001, S. 1.

[4] Vgl. Nowkam, Nina-Firouzeh: Iran: Chronik des 20. Jahrhunderts. Norderstedt 2008. S. 165.

[5] Vgl. MAJD, Mohammad Gholi: Small Landowners and land distribution in Iran, 1962-71. In: International Journal of Middle East Studies, Vol. 32, No. 1 (Feb., 2000), pp. 123-153. Hier: S. 123.

[6] Vgl. Ansari, 2001, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die weiße Revolution im Iran (1958-1978) vor dem Hintergrund der Autokratie des Muhammad Reza Pahlavi
Hochschule
Universität Wien  (Orientalistik/Iranistik)
Veranstaltung
SE Orientalistik: Geschichte Irans in islamischer Zeit, II: Moderne (ca. 1785-1982) mit Forschungsworkshop SS 2013
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V270186
ISBN (eBook)
9783656615316
ISBN (Buch)
9783656615323
Dateigröße
5066 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Autorin war selbst wiederholt in der Islamischen Republik Iran innerhalb der letzten 6 Jahre. Sie kennt somit die iranische Gesellschaft der heutigen Zeit nicht nur aus einer Außenperspektive der europäischen Beobachterin, sondern anhand direkter Kontakte im Iran.
Schlagworte
iranische Geschichte des 20. Jahrhunderts, iranische Politik, weiße Revolution, Muhammad Reza Pahlavi, Landreform, iranische Innenpolitik vom 20. Jahrhundert mit ihren Folgen
Arbeit zitieren
Natalie Raffetzeder (Autor), 2013, Die weiße Revolution im Iran (1958-1978) vor dem Hintergrund der Autokratie des Muhammad Reza Pahlavi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270186

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