Gender Movement - Geschlechter in Bewegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.2 Begriffserläuterung
1.2.1 Die Gesellschaft
1.2.2 Transsexualität und Transvestismus

2 Konstruktion der Transsexualität
2.1 Gründe für den Geschlechstwechsel
2.2 Stationen, Aufgaben, Ziele

3 Der Körper
3.1 Das Geschlecht als Zwangsordnung
3.2 Der erlebte Körper
3.3 Geschlecht und Begehren
3.4 Schmerzen
3.5 Transvestismus als Alternative

4 Kleider machen Leute
4.1 Das Protom
4.2 Performanz

5 Que(e)r Denken und handeln

6 Ausblick

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Transsexuelle ist im Dschungel der Zweigeschlechtlichkeit auf der Suche nach seinem Körper und der dazugehörigen Existenzweise. Die Gesellschaft akzeptiert sein Auftreten nicht und in der Schöpfungsgeschichte kommt er auch nicht vor. Biologisch dürfte er nicht existieren, da er als Geschlechtswechsler nicht zur arterhaltenden Fortpflanzung beitragen kann.

Die Schöpfungsgeschichte der Menschheit beginnt mit dem alles entscheidenden Satz: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild {...}. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: >> Seid fruchtbar, und vermehrt euch, {...}.<<“[1] Die religiöse überlieferte Weltordnung basiert auf einem klaren „Zweigeschlechter System“. Zweigeschlechtlichkeit meint dabei die gesellschaftliche Verfasstheit, in der es nur zwei Geschlechter gibt, die naturgebunden und unveränderbar vorausgesetzt wird. Gleichwohl grenzen sich die beiden Geschlechter streng voneinander ab, ergänzen sich jedoch heterosexuell[2]. Diese Ordnung bietet Sicherheit und weist jedem Geschlecht einen klaren Platz zu. Im Mittelpunkt steht die arterhaltende Fortpflanzung, die auf natürlichem Wege auch nur von Mann und Frau geleistet werden kann. Diese zweigeschlechtliche Gemeinschaft präsentiert das Prinzip der Normalität und kennt neben sich nur Abnormalität. An den Inhaber des jeweiligen Geschlechts werden klare Anforderungen und Erwartungen seitens der Gesellschaft gestellt.

In unserer Alltagspraxis fällt Transsexualität als Anomalie immer noch auf. Anomalie bezeichnet eine Abweichung vom Konventionellen und kann biologisch auch eine körperliche Fehlbildung beinhalten[3]. Auffälligkeiten werden bis zu einem gewissen Maße von der Gesellschaft akzeptiert und mit Normalisierungsstrategien eingegliedert. Das höfliche Übersehen oder Totschweigen sind signifikante Verhaltensweisen[4]. Nun stellt das Phänomen des Geschlechtswechslers eine markante Konfrontation mit der alltäglichen Lebenspraxis dar und kann von den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft nicht mehr mit einfachen Mitteln normalisiert werden. Daraus entsteht ein lebensweltliches Problem, da sich die Gesellschaft durch das „Outing“ des Geschlechtswechslers in ihrem Alltag angegriffen fühlt. Eine Person, die deutlich als Mann zu erkennen ist, sich jedoch wie eine Frau kleidet stellt eine massive Skurrilität dar. Das ist für die anderen Teilnehmer der Zweigeschlechter-Gesellschaft inakzeptabel. Umgekehrt nimmt sich der Geschlechtswechsler als Angehöriger der Kultur und Soziabilität nimmt sich der Geschlechtswechsler als Außenseiter wahr und konstruiert sich selber zum Problem: Er wird sich fremd, weil er nicht zu und in die Ordnung paßt und noch von „uns“ unterschieden wird[5].

Transsexualität ist in vielerlei Hinsicht noch ein wenig erforschtes Phänomen. Voreilig und irrtümlich wird es als Synonym für Transvestismus verwendet.

Ich möchte im folgenden eine Abgrenzung dieser beiden Begriffe in Kapitel 1.2.2 geben. Zuvor wird der in dieser Arbeit verwendete Sinngehalt von Gesellschaft kurz dargelegt (1.2.1). Der Absatz 2 zeigt im Anschluß daran, in wie weit Transsexualität ein künstliches Konstrukt darstellt. Darauf aufbauend steht die Suche des Transsexuellen nach der eigenen Identität, nach dem eigenen bzw. richtigen Körper im Vordergrund meiner Überlegungen. In Bezug dazu werde ich den Terminus des Schmerzes in Abschnitt 3.4 stellen, um zu zeigen, welche psychischen und physischen Qualen der Transsexuelle durchlebt und auf sich nimmt. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Reaktion der Gesellschaft in der Passage 3.1, die maßgeblich für die gelebte und erlebte Körperidentität der Transsexuellen (mit-) verantwortlich ist. Die Passagen 4 und 5 beschreiben, welche Vielfalt es auf verschiedenen Ebenen (Kleidung 4, Performanz 4.2, untypischem Denken und Handeln 5) geben kann. Diese Aussagen werden durch differenzierte Theorien herausgestellt und untermauert. Der Ausblick im letzten Teil 6 bietet Impulse dieses sensible Thema zu erfassen.

1.2 Begriffserläuterung

Um im Verlauf der Hausarbeit deutliche Aussagen und Thesen formulieren zu können, werden zunächst die grundlegenden Begriffe erläutert und voneinander abgegrenzt.

1.2.1 Die Gesellschaft

In diesem Kapitel möchte ich den Begriff "Gesellschaft", der für das Leben der Transsexuellen eine zentrale Rolle spielt, näher erklären.

Gesellschaft bedeute dem Wortursprung nach den „Inbegriff räumlich vereint lebender oder vorübergehend auf einen Raum vereinte Personen“ (Theodor Geiger).[6] Von dieser Definition ausgehend ist Gesellschaft einer der komplexesten Begriffe der Soziologie. Die menschliche Gesellschaft ist primär aus der Vereinigung zur Befriedigung und Sicherstellung gemeinsamer Bedürfnisse entstanden. Sie umgibt den Menschen mit einem Netz bestehend aus Kultur, Religion, Gesetzen, Sitten und Bräuchen. Dieser Handlungsrahmen übersteigt die individuelle Erfahrungswelt. Gesellschaft ist in gewisser Weise immer ein Konstrukt.[7] Man wird nicht in „die“ Gesellschaft hinein geboren, sondern in ihren Zusammenschluß aus spezifischen Vereinen, Organisationen und Institutionen. Diese stellen die geltenden Paradigmen. In Form eines Habitus werden sie automatisch angeeignet und ausgelebt. Bestimmte Verhaltensweisen, wie das Einhalten von Vorschriften, werden zusätzlich durch Sanktionen gefestigt. In einem unbewußten Prozeß ist man so ein Mitglied einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden. Eine Gemeinschaft ist nach Ferdinand Tönnies überall da vorhanden, „wo immer Menschen in organischer Weise durch ihren Willen miteinander verbunden sind und einander bejahen“.[8] Intuitiv ist das eigene Verhalten konform mit den Konventionen der Gesellschaft. In Form einer Erwartens-Erwartung, ist das Benehmen der Mitmenschen vorhersehbar und vice versa. Gemeinschaft hat etwas “Eingelebtes“, „Selbstverständliches“. Sie vermittelt den Rahmen des Normalen und Anerkannten. Wer zu ihr gehört, besitzt Geborgenheit und Schutz, aber auch die Verpflichtung etwas für die Gesellschaft zu leisten. Konflikte und vorübergehende Trennungen können der gefühls- und willensmäßig tief verankerten Solidarität der Gemeinschaft nichts anhaben.[9] Wann wird man nicht mehr akzeptiert? Der Transsexuelle hat sich selber durch sein geschlechtliches Begehren außerhalb der vertrauten Gesellschaft positioniert. Ihm widerfährt das Ausgeschlossensein und wie stark die Gesellschaft zusammenhält. In einem Moment war er noch in der schutzspendenden Gemeinschaft integriert und im nächsten Moment, z.B. nach seinem Outing, steht sie dem Transsexuellen als geschlossene Front gegenüber. Man kann nur in einer angepaßten Form ein Mitglied der Gesellschaft bleiben. Der Mensch ist als Gattungswesen auf das Zusammenleben mit anderen angewiesen. Er ist ein Herden- bzw. „Gemeinschaftstier“. Auf Grund dessen konnte auch erst die Geschlechtsoperation ihre volle integrative, prägende und dominierende Rolle erhalten. Sie bietet die einzige Möglichkeit wieder in die Gesellschaft, die überlebenswichtig für jedes Individuum ist, aufgenommen zu werden. Völlig gelingen könnte dieser Prozess, wenn wir alle Normalität entstehen ließen, in dem wir uns durch häufiges Hinsehen an die Abweichungen von der Norm gewöhnen und diese akzeptierten.

1.2.2 Transsexualität und Transvestismus

Die Entwicklung vom anfänglichen Phänomen des „Geschlechtswechslers“ zum Transsexuellen findet nur statt, wenn dieser bereit ist, sich operieren zu lassen. Robert Stoller forderte 1968 zum ersten Mal eine gedankliche Trennung von Geschlechtswechsel und Operationswunsch.[10]

Transsexualismus wird im Fremdwörter Duden als das Gefühl der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht, welches häufig mit dem Bestreben nach Geschlechtsumwandlung verbunden ist[11], definiert. Des weiteren werden die früh auftretenden und andauernden Verhaltensformen des Kleidertauschs mit diesem Terminus erfaßt und eine Abscheu vor homosexuellem Verhalten. Eine abgeschwächte Form des Geschlechtwechselns charakterisiert den Transvestismus. Medizinisch-psychologisch ist dieser durch das Bedürfnis gekennzeichnet, mittels Kleidung, Schminke und Gestik die Rolle des anderen Geschlechts anzunehmen[12]. Transsexualität und Transvestismus werden heute als befreiendes Paradigmen von der Zumutung der Geschlechtszuweisungen gefeiert.[13]

Im Kapitel 3.5 wird deutlich, dass Transvestismus durchaus eine Alternative zur Operation des Transsexuellen darstellt. Gleichermaßen existiert für den Begriff der Geschlechtsumwandlung eine allgemeingültige Definition. Diese ist laut dem Knaurs Lexikon bei Wirbeltieren und Menschen durch Störungen des Hormongleichgewichts der Keimdrüsen partiell möglich. Die Geschlechtsumwandlung ist als chirurgische oder hormonelle Behandlung bei Hermophroditen (sog. „Zwittern“) jedoch umstritten[14].

Bevor diese Begriffsschemata und die damit verbundenen Attribute greifen, geschieht ein ganz eigener merkwürdiger Prozess im Inneren eines Menschen. Ich wähle bewußt den unbestimmten Artikel, um die Abitrarität der Situation zu verdeutlichen. Einer Person, vorwiegend männlichen aber auch weiblichen Geschlechts fällt auf, dass mit ihr „etwas nicht stimmt“. Der eigene Körper gibt Zeichen und es beginnt eine Abgrenzung zu den anderen Teilnehmern der Gesellschaft, die das Normale repräsentieren. Das anfängliche Gefühl des Geschlechtswechslers ist Erstaunen, gefolgt von einer namenlosen Verwirrung. Erstaunen herrscht in Bezug auf die Gefühle, die er in sich trägt, da sie unmöglich scheinen, aber gleichzeitig widerfahren sie ihm. Zusätzlich herrscht große Verwirrung, da ein moralisches Problem entsteht. Als Geschlechtswechsler ist die Existenzberechtigung in der eigenen Welt vertan[15]. Jene ist durch eine zweigeschlechtliche Ordnung gekennzeichnet und degradiert ihn zum Außenseiter. Die potentielle Lösung scheint ein Selbstnormalisierungsprozess zu bieten. Der Geschlechtswechsler versucht sich in Ordnung zu bringen, in dem er sich in das geltende System der Heterosexuellen eingliedert. Hirschauer hat die Situation treffend expliziert: „Transsexuelle haben ein großes Puzzle gelöst, wenn sie sich endlich als das andere Geschlecht erkannt haben[16].“ Zu diesem Zeitpunkt hat der Geschlechtswechsler eine neue Perspektive, da für ihn nun die Räder von Justiz und Medizin ineinander greifen.

2 Konstruktion der Transsexualität

Der Transsexuelle begibt sich nun in einen institutionellen Kreislauf an dessen Ende der operierte Wunschkörper steht. Im folgenden werden stereotype Erklärungsversuche für die Motivation zu einem Geschlechtswechsel diskutiert. Danach erfolgt eine kurze Vorstellung der gängigen Praktiken und Stationen, um sodann der Frage nachzugehen in wie weit das Phänomen der Transsexualität künstlich konstruiert wird.

2.1 Gründe für den Geschlechtswechsel

Für Medizin und Psychologie stellt Transsexualität immer noch ein Rätsel dar. Folgende Theorien über die Gründe für den Geschlechtswechsel werden dargelegt:

- Die naheliegendste und plausibelste Erklärung bietet die biologische Sektion durch einen Gendefekt. Ein beliebiges Gen, das die Übereinstimmung von körperlichem und psychischem Geschlecht regelt, ist entweder defekt oder es bewirkt aufgrund eines Fehlers bei der Zellteilung in den ersten Schwangerschaftswochen das Gen für das andere Geschlecht.
- Eine weitere Ursache kann im vorgeburtlichen Stress liegen. Zu einem Zeitpunkt, da sich das Geschlecht des Embryos entwickelt, ist die Mutter starkem Streß ausgesetzt – psychische Mißhandlung, Angst, Mißerfolgen oder biologischen Einwirkungen (Drogen, Alkohol, Nikotin) – dadurch wird ein wichtiger Entwicklungsschritt bei der eindeutigen Geschlechtsfestlegung übersprungen.

[...]


[1] Herder Bibel, 1980: Gen 1,27f

[2] Genschel, 2001: S.822

[3] Fremdwörterduden, 2001: S.68

[4] vgl. Hirschauer, 2001: S.336

[5] vgl. Hirschauer, 2001: S:336

[6] Schäfers, 2001: S.109

[7] vgl. Schäfers, 2001: S.110

[8] Schäfers, 2001: S.99

[9] vgl. Schäfers, 2001: S.99

[10] vgl. Stoller, 1968: S.247

[11] Fremdwörterduden, 2001: S.1007

[12] Fremdwörterduden, 2001: S.1007

[13] Hirschauer, 2002: S.6

[14] Knaurs Lexikon, 1968: S.293

[15] vgl. Hirschauer, 2001: S.337

[16] Hirschauer, 2001: S.337

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Gender Movement - Geschlechter in Bewegung
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut der Soziologie)
Veranstaltung
Neue fragestellungen der Geschlechtersoziologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
26
Katalognummer
V27026
ISBN (eBook)
9783638291743
ISBN (Buch)
9783638648943
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Movement, Geschlechter, Bewegung, Neue, Geschlechtersoziologie
Arbeit zitieren
Svenja Schäfer (Autor), 2003, Gender Movement - Geschlechter in Bewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27026

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