Das Utopische an der Matrix


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

34 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe


INHALTSVERZEICHNIS

I. Vorbemerkung

II. von Märchen und Utopien
1. Zum Begriff des Märchens
a) Etymologisches
b) Inhaltliches
c) Verschiedene Typen
d) Abgrenzungen gegenüber ähnlichen Gattungen
2. Zum Begriff der Utopie
a) Etymologische Herkunft und literarischer Ursprung
b) Themen
c) Entwicklung utopischen Denkens
d) Utopische Formen
e) Abgrenzung gegenüber religiösen und politischen Motiven
3. Berührungspunkte zwischen Märchen und Utopien

III. Die Handlung der Matrix–Trilogie
1. The Matrix (1999)
2. Matrix – Reloaded (2003)
3. Matrix Revolutions (2003)

IV. Utopisches in der MaTrix
1. Die Matrix = Eine bunte Mischung von Utopien
2. Utopisches Thema
3. Platonvergleich
a) Die Einheit der drei Gleichnisse
b) Inhaltsanalyse
c) Übertragung der Höhlengleichnisses auf die Erziehung des Menschen
d) Matrix als eine moderne Variante von Platons Höhle
4. Matrix – Betriebssystem des Lebens
5. Gefährliche Tendenzen unseres Lebens
a) Maschinen bald die Herrscher über die Menschheit?
b) Identitätsverlust
c) Lieber Schein als Sein?

V. Zusammenfassung

VI. QUELLENVERZEICHNIS
1. Bibliographie
2. Internetrecherche
3. Filmographie

I. Vorbemerkung

Die Matrix-Kinofilme bilden einen intertextuellen Komplex mit Animatrix [1] und dem Videospiel Enter the Matrix. Der Gesamtzusammenhang läßt sich nur unter Einbezug aller dieser Komponenten verstehen.

Deswegen ist es schwierig, die Funktion zahlreicher Szenen und Figuren einzeln zu erschließen. Da alle Komponenten zu betrachten, den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, möchte ich mich dennoch hauptsächlich auf die Kinofilme beschränken.

Einen detaillierten Überblick über alle Matrix-Projekte gibt es im Internet.[2]

Die Matrix-Trilogie ist ein modernes Märchen, welches durchaus auch utopische Momente enthält. Also werde ich zunächst einmal diese beiden Gattungen erläutern und gegeneinander abgrenzen.

Im Anschluss sollen die utopischen Momente herausgestellt und analysiert werden. Dazu wird es nötig sein, den Inhalt abzuzeichnen und die darin enthaltene Symbolik zu entschlüsseln. Herausheben möchte ich dabei die Ähnlichkeit zu Platons Höhlengleichnis.

Außerdem ist die Matrix mehr als nur ein genialer Filmclou, der nur zur Unterhaltung dient. Die regieführenden Brüder Wachowski verbinden Spezialeffekte, Cyberkultur und messianisches Heilsversprechen zu einer neuen Form des religiös-spekulativen Films, der einige gefährliche Tendenzen unserer Lebensweise thematisiert und somit einen sehr konkreten Punkt in unserer Geschichte von Technologie und Politik wiederspiegelt. Diese zu beschreiben, soll am Ende der Arbeit erfolgen.

II. von Märchen und Utopien

1. Zum Begriff des Märchens

a) Etymologisches

Der Begriff Märchen stammt von dem mittelhochdeutschen Wort ‚maere‘, was soviel wie Kunde bedeutet.

b) Inhaltliches

Märchen sind Erzählungen in kurzer abgeschlossener Form und beinhalten oftmals phantastisch-wunderbaren Elementen, die sich eindeutig von der Realität unterscheiden.

Charakteristisch ist, dass diese Handlungen ohne Angabe eines bestimmten Ortes oder einer bestimmten Zeit ablaufen, also keine konkreten Hinweise auf Religion, geschichtliche Orte oder Personen beinhalten.

„Der Inhalt [... aber] lässt vermuten, dass sie kein Produkt freier Phantasie sind, sondern episch gestaltete, das heißt in Handlungen und Ereignisse umgesetzte religiöse und geistige Tradition.“[3] Viele der geschilderten Zustände des Lebens sind so einfach, dass sie wohl im eigenen gefunden worden sind. Deshalb sind wahrscheinlich immer wieder neu und ergreifend.

Außerdem spricht man ihnen einen Symbolcharakter zu, denn häufig tragen sie eine Lehre oder Lebensweisheit in sich.

Figuren eines Märchens sind oft Zauberer, Hexen, Feen, Geister, Zwerge, Riesen, Drachen und andere Fabelwesen.

c) Verschiedene Typen

Das Märchen entsteht aus den Sammlungen unbekannter Erzähler und deren mündlicher Weitergabe. Als Volksmärchen haben sie und ihre Erzählweise eine bedeutende Tradition erlangt, besonders in orientalischen Ländern.

Zunächst verbreiteten sie sich dadurch, indem sie von einem Märchenerzähler vorgetragen wurden, wobei dessen Gestik und Mimik ebenso wie der Charakter des Vortragenden von entscheidender Bedeutung für die Wirkung auf das Publikum ist. Durch die mündliche Vortragsweise wird improvisiert, und die Märchen sind kleinen inhaltlichen Veränderungen ausgesetzt.

Märchen, die nicht mündlich überliefert wurden und vollständig aus der Feder eines Einzelnen stammen, werden Kunstmärchen genannt. Im Unterschied zu der Anonymität eines Volksmärchen unterliegen diese Märchen der individuellen Erfahrung eines bestimmten und namentlich bekannten Autors, der von anderer Literatur und dem historische Geschehen seiner Zeit beeinflusst wird.

d) Abgrenzungen gegenüber ähnlichen Gattungen

Das Märchen ist ...

- keine Legende, die Beispielhaftes von Heiligenfiguren erzählt. Wenn in manchen Märchen Gott, Vater oder Petrus auftauchen, werden diese Geschichten bezeichnenderweise ,,Legendenmärchen" genannt.
- keine Sage, die zwar auch aus der mündlichen Überlieferung stammt, jedoch einen historischen Kern besitzt, zu einer bestimmten Zeit und an einem bekanntem Ort spielt.
- keine Fabel, deren Protagonisten Tiere sind. Diese stehen für die Menschen und zeigen ihnen moralisches Verhalten wie in einem Spiegel.

2. Zum Begriff der Utopie

a) Etymologische Herkunft und literarischer Ursprung

Utopie kommt aus dem Griechischen, zusammengesetzt aus ‚ou‘ (nicht) und ‚toupos‘ (Ort, Stelle) bedeutet es soviel wie nirgendwo oder etwas, das es nicht gibt.

Erfunden hat das Wort Thomas Morus. 1516 erschien sein Dialog Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia. Er entwirft einen idealen Gesellschaftszustand, der nirgendwo realisiert ist. Er vergleicht die damaligen Zustände in Europa mit einer idealen Gesellschaft, genannt „Utopia“, und prangert so die Missstände seiner Zeit an.

Thomas Morus wird zum Ahnherr einer neuen literarischen Gattung: der des utopischen Romans.

b) Themen

Mit den Utopien begegnen uns Möglichkeitswelten der gegensätzlichsten Art. Es verknüpfen sich Sein und Sollen, Wirklichkeit und Möglichkeit. Dargestellt wird ein Ideal, welches auf unterschiedliche Weise gedeutet werden kann:

1. als Vision einer Gesellschaft, die im Prinzip verwirklicht werden kann, auch wenn wir nicht die Mittel zu ihrer Verwirklichung kennen oder über sie verfügen
2. als konkrete Utopie, die auf der Grundlage einer Analyse der bestehenden Gesellschaft und ihrer Tendenzen entwickelt wird und die so nicht nur ein neues Ziel anweist, sondern es anvisiert, indem sie die Mittel zur Verwirklichung aufzeigt
3. als Prinzip, das Handlungen regelt, deren Verwirklichung aber nicht ganz erwartet wird
4. als bewusste Abstraktion und idealtypische Konstruktion einer Gesellschaft, wo bestimmte reale Faktoren bis zu ihrer äußersten Konsequenz geführt werden[4]

c) Entwicklung utopischen Denkens

Geistesgeschichtlich lässt sich der Utopiegedanke schon früh in theologischen Motiven, den Staatsromanen der Renaissance und des Barock (z.B. Thomas Morus Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia, Francis Bacon Nova Atlantis) oder den universal-pädagogischen Entwürfen der Aufklärung wiederfinden.

Mit Beginn der Industrialisierung formt sich der utopische Roman zu einer eigenständigen Gattung. Gleichzeitig entwickelt sich die „Raumutopie, deren symbolischer Ausdruck die isolierte Inselgesellschaft ist [...] zur Zeitutopie, d.h. Verlagerung des Ideals in die Zukunft. [...] Im Maße der Verzeitlichung tritt an die Stelle einer Beschreibung der idealen Gesellschaft durch den Reisenden von außerhalb die Entfaltung einer Handlung in den Vordergrund, welche die Bemühung um die Vervollkommnung darstellt“[5]. Es findet eine Verschiebung von der vollkommenen Gesellschaft zu der sich vervollkommnenden Gesellschaft statt.

d) Utopische Formen

Die Utopieforschung unterscheidet Eutopien, gesellschaftliche Wunschbilder, und Dystopien, staatliche Schreckensbilder. Diese Formen werden auch als positive beziehungsweise negative Utopien bezeichnet. Ihnen gegenüber steht die Gegen- oder Antiutopie, wo das utopische Denken selbst in Frage gestellt wird.

Positive und negative Utopien setzen auf der gleichen Ebene eines direkten Gesellschaftsbezuges an. Die positive Utopie in der Gestalt des Beispiels, die negative in der Gestalt der Warnung. „In der Eutopie [werden] Strukturmerkmale der gegebenen Welt, die als negativ abgelehnt werden, durch Merkmale einer positiven Entwicklung kontrastiert“[6].

Positive Utopien entwerfen Welten, in denen Frieden und Eintracht herrschen.

„Dystopien [stellen sich] die gleichen Strukturmerkmale [wie die positiven Utopien] in ihrer negativen Entwicklung zu Ende gedacht vor, um durch die entsprechende literarische Darstellung des negativen Endzustandes abzuschrecken“[7].

Trotz aller negativen Züge halten diese Utopien an der Hoffnung auf eine bessere und vernünftigere Gesellschaft fest. Viele Elemente des positiven Modells finden sich darin wieder, nur sind die Ideale von Rationalität, Ordnung und Statik zum Alptraum geworden, und spiegeln sich in verschiedenen technischen Varianten der Manipulation und des Terrors wieder.

„Das Konzept der Anti- oder Gegenutopie setzt im Vergleich dazu [...] eine Ebene höher an, nämlich als Kritik an utopischen Konzeptionen bzw. gesellschaftlich-historischen Verhältnissen [...]“[8].

Sie schildern reale Ängste und entwerfen pessimistische Gesellschaftsprognosen. So zeichnen nicht nur das Schreckensbild einer diktatorischen oder technokratischen Gesellschaft ab, sondern stellen es in Frage. Indem sie das tun und das Schlimmste befürchten, säen sie Zweifel am Nutzen einer schrankenlosen Technisierung und eines totalitären Kollektivismus.

e) Abgrenzung gegenüber religiösen und politischen Motiven

Utopien unterscheiden sich zum einen von religiösen, eschatologischen Vorstellungen, da kein göttliches Eingreifen vorausgesetzt wird, sondern der Mensch allein die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern soll. Außerdem spricht man im Gegensatz zu einem Parteiprogramm oder politischen Manifest nicht nur von einer besseren, sondern einer vollkommenen Gesellschaft.

3. Berührungspunkte zwischen Märchen und Utopien

Märchen sind Wunsch- und Glücksdichtung. Im Zuge dessen kommen Wunschbilder zum Vorschein, die sich durch ihren aktiven Charakter auszeichnen. Sie haben meist Lebensweisen und Sehnsüchte zum Inhalt und schildern diese mit zukunftsweisender Phantasie. Die erzählten Lebensentwürfe zeigen wie die Welt sein soll oder sein könnte. ‚Es war einmal‘ ist kein Hinweis auf Vergangenes, sondern auf eine mögliche bessere Welt.

Dasselbe kann man auch über Utopien sagen. Sie gehen von der Vorstellung einer vollkommenen Gesellschaft aus.

Sowohl Märchen als auch Utopien beziehen ihre Bedeutsamkeit aus dem Spannungsverhältnis zur Wirklichkeit.

Inhaltlicher Ausgangspunkt der Märchen ist immer eine Mangelsituation. Bezüge zur konkreten Lebenswirklichkeit ihrer Produzenten und Rezipienten treten deutlich hervor und die Bewältigung dieser Mangelsituation erfolgt nach kulturspezifischen Mustern beziehungsweise Überlieferungstraditionen. Die Protagonisten der Märchen stehen exemplarisch für diejenigen, die sich aktiv aus misslichen Lagen befreien können. Sie ziehen aus, etwas Besseres zu suchen. Ungebundenheit und Weltoffenheit werden zur Voraussetzung für die Suche nach Glück, wobei immer offen bleibt, wie dieses Glück aussehen kann.

Utopien entwerfen nicht direkt vor dem Hintergrund der Mangelsituation eine andere Welt. Sie kritisieren die Welt im Vergleich, indem sie ein Idealbild einer neuen Welt erschaffen oder ein Schreckensbild entwerfen, um auf gefährliche Tendenzen unseres Lebens hinzuweisen.

Somit stehen die utopische Literatur und die Möglichkeitsformen des Märchens in enger Verbindung. Bereits Ernst Bloch hat vom Märchen als der „ältesten utopischen Erzählung [...] in der Entlegenheit Zukunft, in der Entfernung [ein] utopisches Fahrziel“[9] gesprochen.

[...]


[1] 9 Animationsfilme auf DVD und im Internet

[2] The Matrix - Chronik

[3] Märchen S. 12

[4] Vgl. Philosophielexikon – Stichwort: Utopie S. 645f.

[5] Vorwort von Hans Esselborn in: Utopie, Antiutopie und Science Fiction im deutschsprachigen Roman des

20.Jahrhunderts – S. 7

[6] Groeben, Norbert: Frauen – Science Fiction – Utopie – S. 178f.

[7] Ebd.

[8] Groeben, Norbert: Frauen – Science Fiction – Utopie – S. 178f.

[9] Vgl. Bloch, Ernst: Geist der Utopie

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Das Utopische an der Matrix
Hochschule
Universität Leipzig  (FB Philosophie)
Veranstaltung
Utopien
Note
2,1
Autor
Jahr
2004
Seiten
34
Katalognummer
V27031
ISBN (eBook)
9783638291798
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Utopische, Matrix, Utopien
Arbeit zitieren
M.A. Annett Rischbieter (Autor:in), 2004, Das Utopische an der Matrix, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27031

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