Das Thema der vorliegenden Hausarbeit, „Studentischer Nationalismus und Antisemitismus im Kaiserreich: Wandel und Politikverständnis der Universitäten als historische Determinanten“, ergab sich aus der Auseinandersetzung mit dem Rechtsrutsch von studentischen Organisationen und Verbänden im Kaiserreich. In der modernen Forschung zu diesem Themenkomplex werden verschiedene Erklärungsansätze für dieses Phänomen dargelegt; insbesondere sei hier der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck, verursacht durch die Reichsgründung und verstärkt durch die innenpolitische Wende von 1878/79, genannt, die spezifischen Gegebenheiten des Studentenlebens durch Rechtsstellung und Politikverständnis an der Universität, sowie die aus Modernisierung und Industrialisierung entstehenden erdrückenden Problemstellungen. Die beiden letzteren Faktoren zogen bereits bei der Vorbereitung des geplanten Referats meine besondere Aufmerksamkeit auf sich. „Auf Überfüllungskrise und sozialen Strukturwandel an den deutschen Universitäten reagierten studentische Organisationen mit zunehmendem Nationalismus und Antisemitismus, also mit Ideologien, welche durch negative Ausgrenzung integrativ auf die Mitglieder wirkten“ - so lautete meine 1. These zum Referat. Um sie soll sich auch die vorliegende Arbeit gruppieren. Daß bei einer Analyse von studentischem Nationalismus die strukturellen Determinanten durch die Universität zum Hauptthema gewählt wurden, ergab sich aus der Forderung an den Historiker, „den Spielraum von Möglichkeiten, den die verschiedenartigen Strukturen in ihrem Zusammenwirken (strukturelle Konstellation) begrenzen, so eng wie irgend möglich zu ziehen“(1) ebenso, wie aus einem persönlichen Interesse an bildungspolitischen Problemen. [...]
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
I. Der Wandel der Universitäten:
Ursachen für die studentische Identitätskrise und gesteigerte Konkurrenz
a) Frequenzexplosion und soziale Umschichtungen...
b) ... und ihre Folgen
II. Das Politikverständnis der Universitäten:
Wegweiser zur politischen Identitätsfindung
III. Die Entstehung von Vereinen Deutscher Studenten:
Das Beispiel aus der Praxis
IV. Zusammenfassung und Zusammenhang
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Ursachen und strukturellen Bedingungen für die Zunahme von Nationalismus und Antisemitismus in der Studentenschaft des Deutschen Kaiserreichs im Zeitraum von 1865 bis 1885. Ziel ist es aufzuzeigen, wie studentische Organisationen diese Ideologien als Integrationsmittel zur Bewältigung von Identitätskrisen und Konkurrenzdruck im akademischen Umfeld instrumentalisierten.
- Struktureller Wandel der Universitäten im Kaiserreich
- Entwicklung des studentischen Politikverständnisses
- Soziale Umschichtungen und Überfüllungskrise akademischer Karrieren
- Rolle von Studentenverbindungen bei der Radikalisierung
- Einfluss von Antisemitismus als Integrationsideologie
Auszug aus dem Buch
I. Der Wandel an den Universitäten: Ursachen für die studentische Identitätskrise und gesteigerte Konkurrenz
Mit der Gründung des Kaiserreichs 1870/71 sahen sich die Universitäten des neuen deutschen Nationalstaats vor neuartige, bisher unbekannte Anforderungen gestellt; diese lassen sich hauptsächlich in den Begriffen der Frequenzexplosion und der sozialen Umschichtung zusammenfassen.
Mit der Reichsgründung setzte ein run auf die Universitäten ein, auf den diese zunächst keineswegs vorbereitet waren. Pendelte die Zahl der insgesamt an deutschen Universitäten immatrikulierten Studenten von der Mitte der 1830er Jahre bis Anfang der 1860er zwischen 11000 und 12000, so stieg sie bereits von 1860 bis 1870 von 11933 (SS 1860) auf 14157 (SS 1870), um dann bis zum Wintersemester 1880/81 (der Gründungszeit der VVDSt) auf 21432 emporzuschnellen. Damit setzte eine Entwicklung ein, welche erst zum Ersten Weltkrieg vorläufig unterbrochen werden sollte; in der Zeit des Kaiserreichs vervierfachte sich die absolute Zahl der an deutschen Universitäten immatrikulierten Studenten.
In dem für diese Arbeit maßgeblichen Zeitraum, von 1865 bis 1885, verdoppelte sie sich ziemlich genau, von 13556 im SS 1865 auf 27064 im SS 1885. Betrachtet man die Zahlen in Preußen, dem Land, welches die Hälfte der deutschen Universitäten kontrollierte, so zeigt sich das gleiche Bild: Eine Verdopplung von 6078 Studierenden im SS 1865 (wobei die Expansion bereits 10 Jahre vorher einsetzte) auf 13244 im SS 1885.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Darstellung der Forschungsfrage, die sich mit der Zunahme von Nationalismus und Antisemitismus unter Studenten als Reaktion auf strukturelle Krisen beschäftigt.
I. Der Wandel der Universitäten: Analyse der massiven Studentenzahlen-Expansion und der daraus resultierenden sozialen Umschichtung sowie der negativen Auswirkungen auf den akademischen Arbeitsmarkt.
II. Das Politikverständnis der Universitäten: Untersuchung der autoritären universitären Rahmenbedingungen und der Rolle studentischer Korporationen bei der Indoktrination konservativ-nationaler Werte.
III. Die Entstehung von Vereinen Deutscher Studenten: Exemplarische Fallstudie über die Gründung der VVDSt vor dem Hintergrund des Berliner Antisemitismusstreits als Integrationsinstrument für Studenten.
IV. Zusammenfassung und Zusammenhang: Synthese der Ergebnisse zur Rolle von Nationalismus und Antisemitismus als Integrationsideologien zur Bewältigung des studentischen Identitätsverlusts.
Schlüsselwörter
Nationalismus, Antisemitismus, Deutsches Kaiserreich, Studentenschaft, Universitäten, Frequenzexplosion, Identitätskrise, Korporationen, Vereinsgründungen, Vereine Deutscher Studenten, Preußen, Bildungsbürgertum, Akademisches Proletariat, Treitschke, Soziale Umschichtung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Ursachen für das Erstarken von Nationalismus und Antisemitismus unter Studenten im Deutschen Kaiserreich zwischen 1865 und 1885.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf den strukturellen Veränderungen an den Universitäten, der daraus resultierenden Identitätskrise der Studierenden und der Rolle studentischer Verbände als Orte der politischen Sozialisation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel besteht darin aufzuzeigen, wie gesellschaftliche und universitäre Krisenerscheinungen durch nationalistische und antisemitische Ideologien kompensiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Hausarbeit verwendet?
Es handelt sich um eine strukturgeschichtliche Analyse, die statistische Daten zur Bildungsgeschichte sowie historische Literatur zur politischen Sozialisation von Studenten auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Frequenzexplosion, das restriktive Politikverständnis der Universitätsleitungen und die praxisnahe Entstehungsgeschichte der Vereine Deutscher Studenten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Inhalt der Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Nationalismus, Antisemitismus, studentische Identitätskrise, soziale Umschichtung und die Rolle von Korporationen im Kaiserreich.
Warum spielte die „Überfüllung“ der Universitäten eine so wichtige Rolle für die Studenten?
Die Überfüllung führte zu einem intensiven Konkurrenzdruck und beruflichen Zukunftssorgen, was den Nährboden für die Abwertung „anderer“ Gruppen wie Juden als vermeintliche „Konkurrenten“ bereitete.
Welche Rolle spielte Professor Treitschke bei den beschriebenen Entwicklungen?
Treitschke fungierte als hochangesehene Autoritätsfigur, deren propagandistische Unterstützung des Antisemitismus maßgeblich dazu beitrug, diesen innerhalb der studentischen Kreise gesellschaftsfähig und „salonfähig“ zu machen.
- Quote paper
- Jan Jansen (Author), 1997, Studentischer Nationalismus und Antisemitismus im Kaiserreich: Wandel und Politikverständnis der Universität als historische Determinanten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27038