Überlegungen zum Sprachbegriff Ludwig Wittgensteins

Von der Korrespondenztheorie zum Sprachspiel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Sprachbegriff des Tractatus logico-philosophicus
2.1 Die Struktur der Sprache und die Struktur der Wirklichkeit
2.2 Die Abbildtheorie der Bedeutung
2.3 Unsinniges und Mystisches
2.4 Rückschlüsse auf den Sprachbegriff des frühen Wittgenstein

3 Die Philosophischen Untersuchungen
3.1 Das Sprachspiel
3.2 Bedeutung und Gebrauch
3.3 Regeln und Regelbefolgung
3.4 Familienähnlichkeit

4 Zusammenfassung der Ergebnisse: Die Frage nach dem Wesen der Sprache

5 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, zunächst den aus philosophischer Perspektive entwickelten Sprachbegriff der frühen Philosophie Ludwig Wittgensteins zu erörtern und zu kritisieren, der sich maßgeblich im Tractatus logico-philosophicus (im Folgenden Tractatus) manifestiert. Seine Untersuchung soll schließlich als Fundament einer Erörterung des Sprachbegriffs der Spätphilosophie dienen, der sich in den postum veröffentlichten Philosophischen Untersuchungen (im Folgenden PU) darbietet und um den metaphorischen Begriff des Sprachspiels kreist. Anhand des Sprachspiels soll schließlich der modifizierte Sprachbegriff des späten Wittgenstein umrissen werden, der den theoretischen Standpunkten und Methoden der linguistischen Pragmatik nahezustehen scheint.

Ludwig Wittgenstein entwarf in seinem Tractatus, der 1921 in Deutschland und 1922 in englischer Übersetzung erschien, eine Theorie der Sprache bzw. ein „Verständnis der Funktionsweise der Sprache“[1], mit der er die maßgeblichen Probleme der Philosophie auflösen zu können glaubte. Primär ist der Tractatus also als philosophische Anstrengung anzusehen. Allerdings herrschte ein zeitweise lebendiger Austausch zwischen Wittgenstein und Angehörigen des Wiener Kreises, der für die Entwicklung des Logischen Positivismus steht und viele fundamentale Positionen der eigenen Überzeugungen im Frühwerk Wittgensteins gespiegelt fand. Dies bezeugt die Eingebundenheit des Tractatus in den zeitgenössischen, sprachwissenschaftlichen Diskurs. Die Sprache und die Welt werden im Tractatus „in Begriffen eines bestimmten Modells, des atomistischen Modells“[2] gedacht und beschrieben. Historisch betrachtet bildet der Tractatus ein kompromissloses Beispiel für den logischen Atomismus und bietet zum Teil im positiven, zum überwiegenden Teil aber im negativen Sinn, die Grundlage zum Verständnis der Spätphilosophie Wittgensteins.

Nach der Darstellung Raatzschs markierten vor allem Überlegungen zur Ethik[3] einen Bruch im Denken Wittgensteins und führten zu einer philosophischen Neuausrichtung, die die Entwicklung eines Sprachbegriffs mit sich brachte, der dem ursprünglichen diametral entgegenzustehen scheint. Im 1945 in Cambridge verfassten Vorwort zu den PU weist Wittgenstein ausdrücklich darauf hin, dass es in seinem Sinne sei, „jene alten Gedanken und die neuen zusammen [zu veröffentlichen]: daß diese nur durch den Gegensatz und auf dem Hintergrund [s]einer ältern Denkweise ihre rechte Beleuchtung erhalten könnten.“[4] So beginnen die Philosophischen Untersuchungen mit der Problematisierung eines als primitiv klassifizierten Sprachbegriffs, anhand dessen die argumentative Basis des Tractatus sukzessive zurückgewiesen wird.

2. Der Sprachbegriff des Tractatus logico-philosophicus

Das erklärte Ziel des Tractatus besteht in der Herausstellung der eigentlichen Aufgabe der Philosophie, die in der Klärung der Natur unseres Denkens und Sprechens bestehe. Durch eine Beschreibung der Logik der menschlichen Sprache werde der Scheincharakter der traditionellen philosophischen Probleme deutlich und diese Probleme verschwänden. Insofern sei „Philosophie ein Klären dessen, was sich sagen lässt.“[5] Für Wittgenstein ist „alle Philosophie […] »Sprachkritik«“[6].

Wenn es also gelänge - und Wittgenstein war der Ansicht, dies in seinem Tractatus geleistet zu haben - klar herauszustellen, was sich mit den Mitteln der Sprache sagen lässt und was nicht bzw. über sprachtheoretische Überlegungen die Grenzen des menschlichen Denkens zu umreißen, dann wären die fundamentalen Probleme der Philosophie bzw. der Metaphysik zwar nicht gelöst, doch verschwänden sie im Schatten des berühmten Schlusssatzes der Schrift: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“[7] Unter dieser Zielperspektive setzt sich der Tractatus die methodische Aufgabe, die Natur der Sprache und ihrer Beziehung zur Welt zu enthüllen und damit Antwort auf die Frage zu finden, wie unsere Sätze Bedeutung gewinnen. Hierbei sind die Annahmen, dass in Sätzen Gedanken ausgedrückt werden, und dass „die Grenzen des Denkens und der Sprache dieselben“[8] seien, von zentraler Bedeutung. Eine Untersuchung der ersteren kommt demnach einer Untersuchung der letzteren gleich.

Ausgangspunkt des ebenso komplexen, wie systematisch dargelegten Gedankengangs bietet nach der Darstellung Graylings Bertrand Russells „Theorie der Beschreibung oder Theorie der Kennzeichnung“[9], deren Verdienst Wittgenstein darin sieht, „gezeigt zu haben, daß die scheinbare logische Form des Satzes nicht seine wirkliche sein muß.“[10] Ausgehend von der arithmetisierten, streng logischen Symbolsprache Gottlob Freges, entwickelten Russell und Whitehead in den Principia Mathematica eine klare, formale Sprache, mit deren Hilfe sich darstellen lassen sollte, was tatsächlich mit den Sätzen der Alltagssprache ausgesagt wird. Die in diesem Kontext entwickelte logische Symbolsprache bildet bis heute die Grundlage der Standardnotation der formalen Logik. Jeder Satz der Alltagssprache offenbart demnach in der Analyse unter seiner Oberflächen- eine Tiefenstruktur und lässt sich so in einen Elementarsatz umwandeln, der in seiner logischen Struktur absolut eindeutig ist. Solche Elementarsätze sind anzusehen als „logisch voneinander unabhängig; sie beschreiben ontologisch unabhängig voneinander bestehende Sachverhalte.“[11] Die von dieser Erkenntnis ausgehende Theorie wird als Logischer Atomismus bezeichnet.

Der frühe Wittgenstein war der Ansicht, auf diese Weise ließe sich ausgehend von einer Analyse der Sprache nach logischen Prinzipien tatsächlich die „Struktur dessen vergegenwärtigen, was man berechtigterweise über die Welt denkt.“[12] Den Gesetzmäßigkeiten der Logik folgend, sollte die Struktur der Wirklichkeit und diejenige der Sprache dargelegt und die Beziehung beider zueinander beschrieben werden. Bertram fasst den Reiz dieses Vorhaben unter dem Optimismus, „die Oberflächenstruktur sprachlicher Aussagen auf eine verbindliche Tiefenstruktur durchdringen zu können“[13] und über eine Analyse dieser Tiefenstruktur klären zu können, „was sich mit Sprache sagen lässt und was nicht.“[14]

2.1 Die Struktur der Sprache und die Struktur der Wirklichkeit

Der Aufbau des Tractatus entwickelt sich systematisch aus dem Hauptgedanken Wittgensteins, gemäß dem sowohl die Sprache, wie die Welt eine Struktur, eine Komplexität besitzen. Aufgrund dieser Prämisse gelingt es, die Grundstruktur der Sprache parallel zur Struktur der Welt bzw. der Wirklichkeit modellhaft zu beschreiben. „Jeder Ebene in der Struktur der Sprache entspricht eine Ebene der Struktur der Welt.“[15]

Laut Wittgenstein ist die Welt beschreibbar als die „Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge“[16] Diese Tatsachen sind analysierbar und spezifiziert als das „Bestehen von Sachverhalten“[17]. Sachverhalte wiederum sind konstituiert durch die Gegenstände in ihrer Anordnung. „Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen.“[18]

Parallel zu dieser vierstufigen Struktur (bestehend aus den Elementen Welt, Tatsachen, Sachverhalte, Gegenstände) konstruiert Wittgenstein nun einen ebenfalls vierstufig darstellbaren Sprachbegriff, demzufolge sich (auf der obersten Ebene) die Sprache darstellt, als in einer Abbildbeziehung zur Welt bzw. Wirklichkeit begriffen. Die Sprache ist als die „Gesamtheit der Sätze“[19] anzusehen. In Form des Satzes drücken sich (auf der zweiten Ebene) Gedanken sinnlich wahrnehmbar aus, jeweilig als das logische Bild einer Tatsache. Als solches ist der Satz reduzibel auf seine elementare, logisch transparente Form und daher anzusehen als „eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze“[20] Somit muss er auch im Sinne der formalen Logik als wahr oder falsch zu klassifizieren sein. Als Bild der Wirklichkeit, teilt der Satz laut Wittgenstein „eine Sachlage mit, also muß er wesentlich mit der Sachlage zusammenhängen. Und der Zusammenhang ist eben, daß er ihr logisches Bild ist.“[21] Elementarsätze behaupten also (auf der dritten Ebene) das Bestehen eines Sachverhaltes. Sie sind hierbei (auf der untersten Ebene) Verkettungen von Namen. Namen sind laut Wittgensteins Theorie in ihrer Anordnung eine logische Spiegelung oder Abbildung der Anordnung der Gegenstände[22] und können nur im Zusammenhang mit Elementarsätzen vorkommen, so wie Gegenstände nur innerhalb eines Sachverhaltes vorkommen können. Die Möglichkeit des Satzes beruht hierbei „auf dem Prinzip der Vertretung von Gegenständen durch Zeichen.“[23]

Da die einfachsten, die atomaren Elemente der Sprache und der Welt, die Namen und die Gegenstände also unmittelbar miteinander verknüpft sind, offenbart sich, ausgehend von dieser Beziehung, die Sprache als ein logisches Abbild der Wirklichkeit. Hier spricht man allgemein von der Abbildtheorie der Bedeutung oder der Korrespondenztheorie.

[...]


[1] Grayling, A.C.: Wittgenstein, S. 25.

[2] Grayling, A.C.: Wittgenstein, S. 70.

[3] vgl.: Raatzsch, Richard: Ludwig Wittgenstein zur Einführung, S. 118 ff.

[4] Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, S. 8.

[5] Raatzsch, Richard: Ludwig Wittgenstein zur Einführung, S. 102.

[6] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus § 4.0031, S. 26.

[7] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus §7, S. 85.

[8] Grayling, A.C.: Wittgenstein, S. 29.

[9] Grayling, A.C.: Wittgenstein, S. 35.

[10] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus § 4.0031, S. 26.

[11] Ulfig, Alexander: Lexikon der philosophischen Begriffe, S. 251.

[12] Grayling, A.C.: Wittgenstein, S. 36.

[13] Bertram, Georg W.: Sprachphilosophie zur Einführung, S. 95.

[14] ebd.

[15] Grayling, A.C.: Wittgenstein, S.45.

[16] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus § 1.1, S. 11.

[17] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus § 2, S. 11.

[18] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus § 2.01, S. 11.

[19] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus § 4.001, S. 25.

[20] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus § 5, S. 45.

[21] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus § 4.03, S. 29.

[22] vgl.: Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-pilosophicus § 3.22, S. 19.: „Der Name vertritt im Satz den Gegenstand.“

[23] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus § 4.0312, S.29.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Überlegungen zum Sprachbegriff Ludwig Wittgensteins
Untertitel
Von der Korrespondenztheorie zum Sprachspiel
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Hauptseminar: Sprachtheorien
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V270567
ISBN (eBook)
9783656619093
ISBN (Buch)
9783656619086
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
überlegungen, sprachbegriff, ludwig, wittgensteins, korrespondenztheorie, sprachspiel
Arbeit zitieren
Alexander Zock (Autor), 2013, Überlegungen zum Sprachbegriff Ludwig Wittgensteins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270567

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